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Märchenbasar

Die Jungfrau Zar

Es war einmal ein Zar, der hatte drei Söhne, der erste hieß Fjodor-Zarewitsch, der zweite Dmitrij-Zarewitsch und der dritte Iwan-Zarewitsch. Einmal gab der Zar ein Ehrenmahl und sprach zu seinen versammelten Generalen und Grafen: »Was meint ihr, ihr Herren? Drei Söhne hab ich: welcher von ihnen vermag wohl meine Blumen zu brechen und meine Spuren zu suchen?« Da trat der älteste Sohn Fjodor-Zarewitsch vor ihn und bat: »Väterchen, gib mir deinen Segen und die Erlaubnis, deine Blumen zu brechen und deine Spuren zu suchen!« Der Zar ward froh und ließ ihn ziehen; er befahl, ihm das beste Roß aus dem Stall zu geben. Und sie sattelten und zäumten es, und der kühne Bursch ritt auf das freie Feld hinaus. Er kam zu einer Säule, und auf der Säule stand geschrieben: »Wer den rechten Weg reitet, wird satt, aber sein Roß bleibt hungrig; wer den linken Weg reitet, dessen Roß wird satt, aber selbst bleibt er hungrig; wer den mittleren Weg reitet, wird den Tod erleiden.« Da bedachte sich Fjodor-Zarewitsch und ritt den rechten Weg. Und er kam zu einem Kupferberg, stieg ab von seinem Roß und kletterte auf den Berg. Oben ging er herum, konnte aber nichts anderes finden als eine kupferne Schlange, die sehr schön war. Er steckte sie in die Tasche und kehrte um in sein Reich. Und er kam zu seinem Vater, trat ein in die geheimen Gemächer und zeigte ihm die kupferne Schlange. Da ward der Zar böse und schrie: »Was für ein Scheusal bringst du mir da? Es wird noch unser Reich zerstören!«
Und nach dieser Begebenheit wurde er für lange Zeit sehr grob. Späterhin jedoch ward er eines Tages wieder heiter, als er im Garten spazierenging, und befahl, abermals ein Fest zu rüsten. Und alle betranken sich bei dem Gelage. Mitten in der Fröhlichkeit erhob sich der Zar und sprach: »Ihr Herren Generale und Grafen! Obwohl meine Kinder ganz erwachsen sind, hat noch keines vermocht, meine Blumen zu brechen und meine Spuren zu suchen!« Da trat Dmitrij-Zarewitsch vor, neigte sich vor seinem Vater und bat ihn um seinen Segen: »Gib mir, Väterchen, deinen Segen, deine Blumen zu brechen und deine Spuren zu suchen!« Der Zar ward froh und befahl, ihm das beste Roß zu geben. Er saß auf und ritt auf das freie Feld hinaus. Und wie er so dahinritt, kam er zu einer Säule, und auf der Säule stand geschrieben:
»Wer den rechten Weg reitet, wird satt, aber sein Roß bleibt hungrig; wer den linken Weg reitet, dessen Roß wird satt, aber selbst bleibt er hungrig; wer den mittleren Weg reitet, wird den Tod erleiden.« Da bedachte sich der kühne Bursch und fing an zu weinen. »Wohin soll ich wohl reiten? Ich will den linken Weg nehmen: das Roß wird satt werden und mir aus der Bedrängnis helfen!« Und er ritt dahin, war es nah, war es weit? – da stand ein mächtiges Gebäude vor ihm. Er ritt um das Haus herum und durchs Tor auf den Hof: dort waren gedrechselte Säulen und vergoldete Ringe. Er stellte sein Roß ein und schüttete ihm Hirse vor; dann ging er die Treppe hinauf in die oberen Gemächer. Ein Weibchen kam ihm entgegen, lief hinzu und nahm ihn höflich auf. Die Tische waren reich bedeckt mit allerlei guten Speisen. Die Wirtin nötigte ihn, speiste und tränkte den kühnen Burschen, und als sie fertig waren, brachte sie ihn zur Ruh ins Bett. Doch kaum hatte er sich niedergelegt, als sie das Bett umkehrte, und er flog hinunter in den Keller!
Der Zar wartete lange Zeit auf seinen Sohn und war lange Zeit traurig. Dann ließ er ein Fest veranstalten, ward wieder fröhlich und sprach zu seinen Grafen und Generalen: »Was meint ihr, ihr Herren Grafen und Generale? Drei Söhne hab ich erzogen, und wenn sie auch noch so eifrig und emsig sind im Dienst für das Zarenreich, so gelang es doch keinem bisher, meine Blumen zu brechen, meine Spuren zu suchen!« Da tritt Iwan-Zarewitsch hervor und bittet den Vater um seinen Segen. »Ach, Iwan-Zarewitsch, zarischer Sohn! Tüchtiger als du waren deine Brüder, aber was haben sie ausgerichtet? Lieg du besser hinterm Ofen und kümmere dich nicht um fremde Dinge!« Da fuhr Iwan-Zarewitsch auf: »Väterchen, großmächtiger Herr! Gibst du mir Segen und Erlaubnis, so reit ich, gibst du mir Segen und Erlaubnis nicht, so reit ich auch!« Und der Zar befahl, ihm das beste Roß zu geben: er möge reiten, wohin er wolle.
Die Knechte gingen hin, suchten das beste Roß aus und gaben es ihm. Er aber suchte sich das Pferdchen aus, das nur zum Wasserschleppen da war, das schlechteste von allen. Und der kühne Bursch saß auf mit dem Gesicht zum Schwanz gekehrt. Die Herren aber lachten alle darüber, daß der Zarensohn so unziemlich davonritt. Iwan-Zarewitsch kam auf das freie Feld: er zerrte den Gaul am Zagel, hängte die Haut an einen Nagel. »Hier habt ihr, Krähen und Elstern! Gott hat euch ein Mittagessen beschert!« Er brüllte wie ein Tier im Wald und pfiff wie ein Drache: ein Roß kommt gerannt, die feuchte Mutter Erde zittert; aus dem Maule loht die Flamme, aus den Nüstern sprühen Funken, aus den Ohren wallen Qualm und Dampf in Säulen, aus dem Hintern fallen Feueräpfel! Iwan-Zarewitsch nahm sein treues Roß beim Zügel, streichelte es, und nun hätte ein Knabe von drei Jahren auf ihm sitzen können, selbst der hätt es zu reiten vermocht! Dann ging Iwan-Zarewitsch in den großen, tiefen Keller, den sein Großväterchen ihm geschenkt hatte, und aß und trank sich satt. Er wählte den schönsten betreßten Zaum und einen tscherkessischen Sattel; er legte ihn auf sein wackeres Roß und zog die Gurte an, nahm sein scharfes Schwert, saß auf und ritt ins freie Feld.
Und als er so dahinritt, kam er zu einer Säule, und auf der Säule stand geschrieben:
»Wer den rechten Weg reitet, wird satt, aber sein Roß bleibt hungrig; wer den linken Weg reitet, dessen Roß wird satt, aber selbst bleibt er hungrig; wer den mittleren Weg reitet, wird den Tod erleiden!« Da fing der junge Held Iwan-Zarewitsch an zu weinen und dachte bei sich: »Nicht Ehre noch Ruhm trägt es dem wackeren Burschen ein, reitet er dorthin, wo er den Tod erleiden muß!« Und er sprengte in mächtigen Sätzen über das freie Feld und trieb sein gutes Roß an: die Flüsse und Seen blieben unter den Hufen, die Mähne flatterte in weitem Bogen, der Schwanz fegte über die Erde hin! Und er kam auf grüne Wiesen und erblickte ein Häuschen auf Spindelfüßen: mit dem Rücken abgekehrt, mit der Stirne zugekehrt. Der kühne Bursch sprang vom treuen Roß hinunter und rief: »Will ja nicht ewig bleiben, eine Nacht nur verweilen; ich geh hinein und komm schon noch heraus!« Und der junge Held ging hinein in das Haus, schlug das Kreuz, wie’s geschrieben steht, verbeugte sich, wie es Brauch ist. Dort saß aber ein altes Mütterchen, mit der Nase rührt es im Ofen, mit den Augen hütet es die Gänse auf dem Felde, mit den Händen spinnt es Seidenfäden. »Pfui, pfui, pfui! Bisher hat der schwarze Rabe noch keinen Russenknochen hierhergetragen, jetzt aber kommt mir ein Russe selbst vor die Augen! Wie ist’s, Kindchen? Reitest du mit Willen oder wider Willen?« Da sprang der kühne Jüngling auf die Alte los und rief: »Ich hau dich um die Ohren noch, dann wird dein Arsch zum Ofenloch! Den Grind zerschlag ich mit der Hand, dann fliegt aus deinem Arsch der Sand! Du solltest, Alte, einen Helden nicht erst lange ausfragen, sondern ihm Essen und Trank geben!«
Die Alte deckte den Tisch, speiste und tränkte den Zarensohn und bereitete ihm das Lager; dann fragte sie ihn: »Reitest du mit Willen oder wider Willen?« Und er antwortete: »Mit Willen, aber dreimal mehr wider Willen. Wir waren drei Brüder: der erste ritt aus und brachte nur eine kupferne Schlange vom Kupferberg heim, und der Zar warf diesen Bruder ins Gefängnis; der zweite ist fortgeritten, und man weiß nichts von ihm; dann mußte ich den Dienst auf mich nehmen, die Blumen zu brechen und die Spuren zu suchen. Sag an, Großmütterchen, ist unser Väterchen weit geritten zu seiner Zeit?« – »Leg dich nieder zum Schlaf, Kindchen: der Morgen ist weise, der Tag bringt Gewinn!« Am Morgen weckte die Alte den kühnen Jüngling, gab ihm Speise und Trank und ihr eigenes gutes Roß, führte ihn hinaus auf den Weg und sprach zu ihm: »Meine ältere Schwester wohnt dort weiterhin, und sie weiß von deiner Sache.«
Wieder ritt der kühne Bursch über das freie Feld; von Berg zu Berg, von Hügel zu Hügel sprang er in Sätzen und trieb sein Roß: die Flüsse und Seen blieben unter den Hufen, die Mähne flatterte in weitem Bogen, der Schwanz fegte über die Erde hin! Und er kam auf grüne Wiesen, und der Tag neigte sich zum Abend. Da sah er ein Häuschen im Felde stehn, auf eines Auerochsen Bein und auf Spindelfüßen. »Hüttchen! Steh still! Will ja nicht ewig bleiben, eine Nacht nur verweilen; ich geh zu dir hinein und komm schon noch heraus!« Das Häuschen stand still: mit dem Rücken abgekehrt, mit der Stirne zugekehrt. Der junge Held sprang ab von seinem treuen Roß und ging hinein in das Haus: dort saß das Weib und war noch älter als ihre Schwester! Es spann Seidenfäden, rührte mit der Nase im Ofen und hütete mit den Augen die Gänse auf dem Felde. Es sagte: »Bisher hat der schwarze Rabe noch keinen Russenknochen hierhergetragen, nur der russische Zar ist einmal durchgeritten, jetzt aber kommt mir ein Russe selbst vor die Augen! Wie ist’s, Kindchen, reitest du mit Willen oder wider Willen?« Iwan-Zarewitsch aber, der Zarensohn, war sehr müde und hungrig; er ward zornig, sprang auf die Alte los und rief: »Ich hau dich um die Ohren noch, dann wird dein Arsch zum Ofenloch! Den Grind zerschlag ich mit der Hand, dann fliegt aus deinem Arsch der Sand! Du solltest einen Helden nicht erst lange ausfragen, sondern ihm Essen und Trank geben, ihn zum Schlaf in die Federn legen!«
Die Alte speiste und tränkte ihn, legte ihn zur Ruh und fing an zu fragen: »Kindchen, reitest du mit Willen oder wider Willen?« – »Ach, Großmütterchen«, antwortete er, »zweimal mehr wider Willen! Unser Väterchen befahl mir, alle seine Blumen zu brechen, seine Spuren zu suchen. Sag an, Großmütterchen, ist unser Väterchen noch weit von hier geritten oder nicht?« – »Der Morgen ist weise, der Tag bringt Gewinn; der Morgen ist klüger als der Abend, Kindchen; am Morgen will ich’s dir sagen!« Die Alte weckte ihn am Morgen früh, gab ihm Speise und Trank und ihr eigenes wackeres Roß; das andere aber behielt sie bei sich, und sie geleitete ihn auf das freie Feld.
Der kühne Bursch sprengte davon und trieb sein Roß: von Berg zu Berg, von Hügel zu Hügel; die Flüsse und Seen blieben unter den Hufen, die Mähne flatterte in weitem Bogen, der Schwanz fegte über die Erde hin. Und er kam auf grüne Wiesen, und der Tag nahm ab, die Sonne neigte sich gen Abend. Da sah er auf den grünen Wiesen ein Häuschen stehn. »Hüttchen, steh still auf des Auerochsen Bein, auf Spindelfüßen! Will ja nicht ewig bleiben, eine Nacht nur verweilen; ich geh zu dir hinein und komm schon noch heraus!« Und er ritt auf seinem treuen Roß an die Treppe heran, sprang ab und ging hinein in das Haus: dort saß ein altes, riesengroßes Weib, spann Seidensträhne, rührte mit der Nase im Ofen und hütete mit den Augen die Gänse auf dem Feld. Es fragte: »Wie ist’s, Kindchen, reitest du mit Willen oder wider Willen?« Da sprang Iwan-Zarewitsch auf die Alte los und rief: »Ich hau dich um die Ohren noch, dann wird dein Arsch zum Ofenloch! Den Grind zerschlag ich mit der Hand, dann fliegt aus deinem Arsch der Sand!«
Da hatte es die Alte eilig: sie speiste und tränkte ihn und legte ihn zur Ruh, und dann fing sie an zu fragen. »Ach, Großmütterchen, alle meine Heldentaten will ich dir sagen. Wir waren drei Brüder: der erste war Fjodor-Zarewitsch, und der Zar ließ ihn fort, seine Blumen zu brechen, seine Spuren zu suchen; aber er kam nur bis zum Kupferberg und brachte nur eine kupferne Schlange heim. Darob ward unser Väterchen zornig und warf ihn ins Gefängnis. Der zweite Bruder war Mitrij-Zarewitsch; der Zar sandte ihn aus, aber er ist verschwunden, ist nicht zurückgekehrt. Und abermals ließ Väterchen den Ruf ergehn, da mußte ich vortreten, mich vor Väterchen verneigen und fortreiten, seine Blumen zu brechen, seine Spuren zu suchen. Da sagte er zu mir: ‘Wie willst du, Iwan, hinausreiten? Deine Brüder waren tüchtiger als du! Auf dem Ofen magst du sitzen, aber nicht den Helden spielen! Die andern waren älter als du und sind doch nicht heimgekehrt!’ Da mußt ich, Großmütterchen, vortreten und mein Väterchen um seinen Segen bitten: ‘Gibst du mir Segen und Erlaubnis, so reit ich! Gibst du mir Segen und Erlaubnis nicht, so reit ich auch!’ Da ward jedoch der Zar froh darüber und ließ mich ziehen. Und ich ritt hinaus aufs freie Feld, die Blumen zu brechen, die Spuren zu suchen. Sag an, Großmütterchen, ist unser Väterchen noch weit von hier geritten oder nicht?« – »Der Morgen, Kindchen, ist weise, der Tag bringt Gewinn; der Morgen ist klüger als der Abend; am Morgen will ich’s dir sagen!«
Die Alte weckte ihn am Morgen früh, gab ihm ihr eigenes treues Roß, führte ihn auf den Weg und belehrte ihn: »Du wirst, mein Kindchen, gerade um die Mittagszeit in das Reich unter der Sonne kommen. Dort herrscht eine Jungfrau als Zar und heißt Marja die Schöne mit dem langen Zopf. Auf neun Säulen steht ihr Bett. Sie schläft auf dem Lager zur Mittagszeit. Aber beeil dich und spring geradeswegs über die Mauer der Stadt. Im Garten steht ein junger Apfelbaum, und dort ist auch das Wasser des Lebens und des Todes. Um seinetwillen ist dein Vater hingeritten. Fülle zwei Gläser mit dem Wasser des Lebens und des Todes, doch versuche zuvor seine Kraft: zerreiß einen jungen Raben. Zur rechten Hand ist das Wasser des Lebens, zur linken das des Todes.«
Iwan-Zarewitsch kam in das Reich unter der Sonne, trat in den Garten ein, fing einen jungen Raben und zerriß ihn. Er besprengte ihn mit Todeswasser, da wuchs der Körper zusammen; und mit Lebenswasser besprengte er ihn, da flog der Rabe davon! Nun wollte der junge Held in die Gemächer eintreten und sehen, wie zur Mittagszeit die Jungfrau-Zar schläft, Marja die Schöne mit dem langen Zopf. Er wanderte durch die Gemächer und die Zimmer, und alle Jungfrauen schliefen auf ihrem Lager. Und er gelangte in das Gemach der Jungfrau Marja der Schönen mit dem langen Zopf. Die Jungfrau aber war über die Maßen schön. Zog sie den Atem ein, schlossen sich die Türen, stieß sie den Atem aus, öffneten sie sich. »Was soll mir meine Ehre!« dachte der junge Held in seinem Herzen, »ich will bei der Jungfrau mein Roß tränken!« Bei der Schönen aber sah man durch das Hemd den Körper, durch den Körper aber das Mark. Und er entflammte sich und wollte tun nach seiner Lust. Die Jungfrau aber merkte nichts von dem, was er im Sinn hatte. Und er legte sich zu ihr und tat nach seinem Willen. Danach ging er still und leise aus den Gemächern hinaus. Er kam auf den weiten Hof, da stand sein Roß, und es war sehr ermattet. Er führte es zum Quell und begoß es von oben bis unten mit frischem Wasser; dann sammelte er verjüngende Äpfel auf, legte sie in sein Felleisen, schöpfte vom Wasser des Lebens und des Todes in die Gläser und ritt dann fort aus dem Reich, so schnell er nur konnte.
Und als er auf dem wackeren Rosse saß und davoneilte, schlug er es auf die starken Schenkel und setzte geradewegs über die Mauer der Stadt, aber das Roß stieß mit dem linken Fuß an eine kupferne Saite. Rings um die Stadt herum ertönten alle Saiten und Glocken, und die Jungfrau-Zar erwachte und weckte ihr ganzes Gesinde. Sie gab ihnen allen Flügel und flog dem Helden nach. »Ein Dieb ist in unserm Reich gewesen und hat in meinem Brunnen sein Pferd getränkt. Unsere verjüngenden Äpfel und Wasser des Lebens und des Todes hat er geraubt!« Iwan-Zarewitsch aber ritt zu der Alten, und die führte ihm sein treues Roß vor. Der Zarensohn sprang von seinem Roß hinunter, aufs andere hinauf und eilte davon.
Die Alte aber bat ihre Nichte, die Jungfrau-Zar, zu Tee und Kaffee zu Gast. »Ach, Mütterchen, ich hab nicht Zeit noch Ruhe! Hast du nicht einen Dummkopf hier vorbeireiten sehen?« – »Ach, mein Kindchen, er wird dir nicht entgehn: er reitet nur auf einem Stecken. Komm für ein Weilchen als lieber Gast zu mir herein.« Und während sie dort bewirtet wurde, trieb er sein Roß an und kam zu der zweiten Alten. Die Jungfrau-Zar machte sich aber zur Verfolgung auf mit ihrer ganzen Schar und kam auch zu ihr angeflogen. »Hör, Mütterchen, hast du nicht einen Dummkopf gesehn, der hier vorbeiging oder vorbeiritt?« – »Kindchen«, antwortete die Alte, »irgendein Dümmling ist vorbeigeritten, schlug seine Mähre, daß sie stolperte; weit kommt er nicht!« Und sie bat die Jungfrau-Zar sehr dringlich zu Tee und Kaffee zu Gast. Und die Jungfrau trat ein. Während sie aber dort bewirtet wurde, langte Iwan-Zarewitsch bei dem dritten Mütterchen an. Sie gab ihm sein treues Roß und hieß ihn augenblicklich weiterreiten. Die Jungfrau-Zar verließ die zweite Alte und wollte den kühnen Jüngling fangen. Sie kam zum dritten Mütterchen geflogen und fragte: »Hör, Großmütterchen! Hast du nicht einen Dummkopf hier vorbeigehn oder vorbeireiten sehn?« – »Tritt ein als Gast! Irgendein Dümmling schleppte sich davon, sein Roß ist nur Haut und Knochen!« Und sie bat sehr dringlich: »Die Hitze ist groß! Ruh dich aus!« Sie ruhte sich aus und ließ sich bewirten und machte sich dann auf, Iwan-Zarewitsch zu verfolgen. Ihm war es aber schon gelungen, das heilige russische Land zu erreichen; sie vermochte es doch nicht mehr, ihn zu fangen!
Iwan-Zarewitsch kam zu der Säule auf freiem Felde, auf der die Aufschrift war. Er dachte bei sich: »Ist es nicht ruhmvoll für einen wackeren Burschen? Auf unbekannten Weg hatte ich mich aufgemacht, Väterchens Verlangen hab ich erfüllt, nun will ich meinen Bruder suchen, Dmitrij-Zarewitsch!« Und er schickte sich an, seinen Bruder zu suchen, und beschloß, den Weg zu reiten, »wo das Roß satt wird, der Reiter aber hungrig bleibt«. Er kam auf grüne Wiesen, erblickte ein riesengroßes Haus und hielt darauf zu. Er ritt durch das Tor, stellte sein Roß ein und schüttete ihm weißkörnige frische Hirse vor. Das Zarenroß des Bruders erkannte jedoch den neuen Gast und wieherte hell auf mit aller Kraft. Der Held schritt zu den gedrechselten Säulen und ging die vergoldete Treppe hinauf. Da kam ihm eine wunderschöne Frau entgegen, begrüßte ihn, lud ihn in ihr Gemach und führte ihn zur Tafel. Sie gab ihm Speise und Trank und bewirtete ihn mit allerlei Leckerbissen. Und als sie ihn gespeist hatte, legte sie den kühnen Burschen zur Ruh. Sie wollte Iwan-Zarewitsch auf die Seite zur Wand betten, aber er verlangte, sie solle dort liegen. Lange Zeit stritten sie sich darüber. Dann packte Iwan-Zarewitsch sie um den Leib und warf sie an die Wand! Er kehrte das Drehbett um, und das Weib flog in den tiefen Keller! Da schrien sie, die dort von früher her saßen: »Einen Neuen hat Gott uns gegeben!« Iwan-Zarewitsch aber rief: »Reißt sie in Stücke, die euer Verderben war!« Die kühnen Burschen packten sie: der eine die Hand, der andere den Fuß, der dritte den Kopf! … Iwan-Zarewitsch aber ließ ein Seil zu ihnen hinab und gab den kühnen Jünglingen die Freiheit wieder. Als er seinen Bruder Mitrij erblickte, faßte er ihn bei den weißen Händen, drückte ihn an die goldene Brust, küßte ihn auf die süßen Lippen und nannte ihn seinen lieben Bruder Dmitrij-Zarewitsch. Er gab ihm Speise und Trank und ritt mit ihm heim in die Stadt.
Doch als sie auf das freie Feld kamen, befiel Iwan- Zarewitsch ein tiefer, unwiderstehlicher Schlaf. Neun Tage und neun Nächte war er geritten, ohne zu schlafen, ohne zu essen und ohne zu trinken. Sie schlugen ihre weißen Zelte auf und pflegten der Ruhe. Iwan- Zarewitsch schlief ohne Aufhören. Am dritten Tage nahm Mitrij-Zarewitsch die verjüngenden Äpfel und das Wasser des Lebens mitsamt dem Felleisen fort und ritt davon in sein Reich. Iwan-Zarewitsch erwachte: nichts war mehr zu sehen! Er saß auf und ritt nah an sein Reich heran. Und er nahm seinen tscherkessischen Sattel ab und die betreßten Zügel und sprach zu seinem Roß: »Graubrauner! Lauf ins Feld zur Erholung, einstweilen brauch ich dich nicht!« Iwan-Zarewitsch ging zu Fuß in die Stadt und trieb sich in den Kneipen umher gleich den Tagedieben. Mit großen Ehren aber nahm der Zar Dmitrij-Zarewitsch auf und veranstaltete Feste und Tänze.
Rasch erzählt man, langsam erlebt man: drei Jahre waren seitdem vergangen. Da kam die Jungfrau-Zar mitten in der Nacht zu der ersten Stunde angefahren, fing aus Kanonen und Flinten an zu schießen und forderte den Schuldigen zu sich. Der Zar wußte nicht, was tun: welchen Schuldigen sollte er herausgeben? Und er versammelte seine Ratgeber und sprach: »Ihr Herren Bojaren und Ratgeber! Laßt uns bedenken, ob wir nicht einen Schuldigen zu schicken haben.«
»Barmherziger Zar! Gefällt es dir, so können wir dir raten und sagen: hat nicht Fjodor-Zarewitsch auf fernen Wegen Unfug angerichtet? Hat er nicht vielleicht in einem fremden Reiche etwas Böses getan?« Und sie schickten Fjodor-Zarewitsch auf das Schiff. Marja die Schöne mit dem langen Zopf erblickte ihn, ließ den Landungssteg hinüberwerfen und mit rotem Tuch bedecken. Da liefen zwei wunderschöne kleine Knaben herbei und riefen: »Mütterchen, Mütterchen, unser Väterchen kommt!« – »Nein, Kinderchen«, sagte sie, »nicht euer Väterchen, sondern euer ältester Onkel kommt gegangen. Packt ihn und streckt ihn auf das Verdeck aus; schneidet ihm in den Schenkel drei Striemen, aus dem Rücken drei Riemen. Er soll sich nicht in fremde Dinge mischen!«
Und wieder begann sie Tag und Nacht aus Kanonen und Flinten zu schießen und forderte den Schuldigen zu sich. Der Zar versammelte seine Ratgeber und fragte sie: »Ist in unserem Reich der Schuldige zu finden?« Da dachten die ratgebenden Bojaren nach und sprachen: »Ist es Euch genehm, Euer Gnaden, so schickt Mitrij-Zarewitsch: ob nicht er das Vergehen begangen hat?« Und der Zar schickte seinen Sohn auf das Schiff. Der Landungssteg wurde hinübergeworfen und mit Tuch bedeckt. Die zwei kleinen Knaben liefen herbei und sagten zu ihrer Mutter: »Mütterchen, Mütterchen, unser Väterchen kommt!« – »Nein, nicht euer Väterchen, sondern euer zweiter Onkel kommt gegangen. Packt ihn bei den weißen Händen und legt ihn auf das Verdeck; schneidet ihm in den Schenkel drei Striemen, aus dem Rücken drei Riemen! Er soll sich nicht in fremde Dinge mischen! Dann schickt ihn fort vom Schiff!« Und sie sandten ihn zurück und fingen aus Kanonen und Flinten an zu schießen und den Schuldigen zu fordern.
Und wiederum versammelte der Zar seine Ratgeber.
»Was meint ihr, ihr Herren? Wer hat sich bei uns vergangen? Gebt mir einen Rat!« Einer von ihnen wagte es, mutig gab er dem Zaren zur Antwort: »Eure Kaiserliche Hoheit! Euer Gnaden sind schuld!« Und weiter sprach er: »Wanjka, der Ofenhocker, ist ein Zarensohn; und ist es auch nicht schicklich, es Euch zu erzählen, er lügt allerhand Zeug zusammen und treibt sich in Schenken und Kneipen herum.« – »Sucht ihn sofort und bringt ihn her! Ob nicht er das Vergehen begangen hat?!« Sie suchten den Wanjka in allen Schenken, in der ganzen Stadt; sie fanden Wanjka, den zarischen Sohn, und riefen ihn vor das Antlitz des Zaren. Er kam zu seinem Vater in schlechter Uniform. Der Zar ward gar zornig auf ihn und rief ihm zu: »Du willst dich wohl um die Sache drücken, Iwan-Zarewitsch? Hast nicht du das Vergehen begangen? Für deine Schuld steh nun selbst ein; uns aber soll man ungeschoren lassen!« Wanjka gab dem Zaren kühn zur Antwort: »Wegen solch einer Kleinigkeit! Und keiner außer mir mag beim Zaren dafür einstehn!« Und abermals sagte er: »Nicht einer wollte dafür einstehn!«
Wanjka machte sich sogleich auf und ging zum Schiff, aber nicht auf dem saubersten Wege, sondern durch Unrat und Pfützen. Dort aber fragte man nicht danach; ließ den Landungssteg hinab und bedeckte ihn mit Tuch. Und zwei Knaben kamen gelaufen und riefen: »Mütterchen, Mütterchen, kommt da nicht unser Väterchen?« Da sprach die Jungfrau-Zar: »Kinderchen! Nehmt ihn bei den weißen Händen und drückt ihn an die goldene Brust, denn euer wahrer, leiblicher Vater kommt gegangen!« Und Marja die Schöne mit dem langen Zopf ergriff seine Hände, die weißen, und nannte ihn ihren erwählten Mann.
»Bei dem Samen, den du gesät hast, will ich die heilige Ehe mit dir schließen!« Und sie fingen an zu feiern. Mit großen Ehren lud der Zar ihn auf das Fest. Iwan-Zarewitsch aber erzählte alle seine Taten und was ihm begegnet war. Und er bat den Vater um seinen Segen, der in Ewigkeit unerschütterlich ist, zur Ehe nach dem Gesetz mit der Jungfrau-Zar. »Weil mein Verstand und meine Kräfte reichten, hab ich das Wasser des Lebens und des Todes und die verjüngenden Äpfel erlangt, damit du, unser Väterchen, noch jünger werden sollst; und Gott gebe dir viele Jahre Gesundheit! Und so bitte ich dich um die Gnade, mich in das Reich unter der Sonne mit der Jungfrau- Zar ziehen zu lassen, denn auf den Thron in unserem Reich will ich nicht!« Und er fuhr in das Zarenreich unter der Sonne und lebt dort glücklich und in Freuden und wünscht sich und seinen Kindern langdauernden Frieden.
Wieviel ich gehört hab, soviel ich erzählt hab.

[Rußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen]

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