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Märchenbasar

Die klugen Brüder

Da es mehr arme Menschen auf der Welt gibt, als reiche, so gibt es auch viel mehr Geschichten von armen Leuten zu erzählen. Hier wäre wieder eine solche.
Es waren einmal drei arme Brüder, die nichts besaßen, als sehr viel Verstand und eine alte Stute. Nun brauchten sie aber zum leben die Stute viel notwendiger, als ihren Verstand, denn dieser trug ihnen gar nichts ein, während sie durch die Stute alles verdienten, was sie brauchten, und das war ja eigentlich recht wenig. Die Brüder waren also sehr betrübt, als ihnen eines nachts die Stute von der Weide gestohlen wurde. Nachdem sie sich müde gesucht hatten, setzten sie sich am Wegrand hin und sagten zu einander: »Laßt uns raten, wer das Pferd gestohlen haben könnte.« Da meinte der Älteste: »Mir kommt vor, als hätte es ein mittelgroßer Mann getan.« – »Ist er mittelgroß, dann hat er auch einen blonden Bart«, versetzte der Zweitälteste, und der Jüngste fügte hinzu: »Hat er einen blonden Bart, so ist es der Mussa.«
Nun hieß es Mussa suchen. Sie gingen fort und fort, von Dorf zu Dorf, viele Tage lang, aber nirgends war jemand zu finden, der Mussa hieß. So kamen sie in eine große Stadt, und als sie durch das Marktviertel schlenderten und neugierig die vielen Waren besahen, hörten sie, wie ein Kaufmann jemandem über die Straße zurief: »Komm’ herüber, Nachbar Mussa, und trinke mit mir einen Kaffee!«
Neugierig blieben sie stehen und schauten. Da sahen sie einen mittelgroßen, blondbärtigen Mann über die Straße gehen. »Ha, das muß er sein!« sagten sie heimlich zu einander. Sie gingen ihm nach, und als er in dem Laden bei seinem Freunde saß, fragten sie ihn vorerst höflich nach der Gesundheit und dann sagten sie ihm, er möge ihnen doch die gestohlene Stute wiedergeben, da sie sie notwendig brauchten. Der Mann, der Mussa hieß und der ein wohlhabender Kaufmann war, erwiderte, er wüßte nichts von ihrer Stute, und alle seine Nachbarn traten hinzu und bezeugten, daß Mussa ein ehrlicher Mann sei. Jedoch die Burschen beharrten bei dem, was sie gesagt, und da Mussa beim Leugnen blieb, gingen sie zum Kadi und trugen ihm ihr Anliegen vor. Lange strich sich der Kadi den Bart und fragte dann: »Wie kommt ihr denn darauf, daß Mussa der Dieb sei?« – Sie erwiderten: »Es kommt uns so vor!« – Der Kadi dachte wieder nach und schaute die Brüder an, die Brüder schauten ernsthaft den Kadi an, und so sagte dieser endlich: »Kommt heute zu mir in mein Haus zum Abendessen.«
Die Burschen gingen also hin, der Diener setzte ihnen die Mahlzeit vor, und während sie die Speisen bedächtig verzehrten, sagte der Älteste: »Nie aß ich so gutes Brot; der Weizen dazu ist sicherlich am Friedhofshain gewachsen.«
Der Mittlere schnalzte mit der Zunge und meinte: »Und erst dieses gebratene Lamm! Es ist so gut, als ob ein Schwein es gesäugt hätte.«

»Meinst du?« fragte der Jüngste nachdenklich; »nun, wenn dieses Lamm von einem Schweine genährt wurde, dann ist der Kadi ein Bastard.«
Der Hausherr hörte aus dem Nebenzimmer jedes Wort, das die Bauernburschen sprachen, und ihre Reden berührten ihn gar seltsam. Er steckte nun in eine Tasche seines Kaftans eine Zitrone, in die andere ein Ei und trat unter seine Gäste, um sie zu fragen, ob sie gut bedient worden wären. Dann meinte er: »Da ihr gerne ratet, so sagt mir, was ich in meiner rechten Tasche habe?« – Der Älteste sagte schnell: »Nun, was es auch sei, rund ist es sicherlich.« – »Ist es rund«, versetzte der mittlere der Brüder, »so ist es auch gelb.« – »Gelb?« fragte der Jüngste, »nun, dann kann es eine Zitrone sein.« Auf ähnliche Art errieten sie auch, daß der Kadi in seiner linken Tasche ein Ei hatte. Das gab dem Kadi Grund zum Denken, und er schickte am frühen Morgen einen Boten auf sein Landgut und ließ seine Bauern holen, um sie zu befragen, wo der Weizen zu seinem Brote gewachsen wäre. Sie erwiderten, es sei der Weizen von einer Friedhofswiese, wo er am besten in der ganzen Gegend gedeihe. Als dann der Kadi frug, wie das Lamm, das sie ihm zuletzt gesandt, gefüttert worden sei, gerieten sie in Verlegenheit und sagten, es wäre gefüttert worden, wie alle anderen. Als aber der Kadi in die Bauern drang, offen zu sein, gestanden sie, ein Christ in der Nachbarschaft hätte eine Schweineherde, und dieser sei das Lamm zugelaufen und hätte sich dort unter die Ferkel gemischt.
Nun wußte der Kadi genug und eilte ganz atemlos zu seiner Mutter. »Höre!« redete er sie ernst an, »sage, wer war mein Vater? …« Weinerlich sagte die Frau: »Was schreiest du so? Dein Vater war ein Effendi, ein gelehrter Herr, wie du es bist.« – »Gut«, sagte er, »aber wie hieß er? Sag’s schnell! …« Die erschrockene Frau nannte nun einen Namen, den er vorher nie gehört.
Bestürzt ging der Kadi fort und zu Mussa, dem Kaufmann, vor dessen Laden die drei Bauernburschen saßen und ruhig der Dinge warteten, die da kommen sollten. »Es hilft dir gar nichts«, sagte der Kadi zu Mussa, »gib nur die Stute heraus!« Da führte sie Mussa in seinen Stall, in dem eine lange Pferdereihe stand und sagte niedergeschlagen: »Gut denn! Lieber will ich einmal erröten als hundertmal erbleichen … Als ich eines tags mit meinen Warenpferden auf der Straße zog, schloß sich uns ein freiweidendes Pferd an und wir legten ihm den Frachtensattel auf. Ich will es euch mit Waren beladen wiedergeben.«
Und so zogen die drei Brüder ab. Der Kadi und Mussa, der Kaufmann, saßen aber noch lange in dem Laden des letzteren beisammen, tranken ein Schälchen Kaffee nach dem andern und strichen sich schweigend den Bart.

Quelle:
[Bosnien: Milena Preindlsberger-Mrazovic: Bosnische Volksmärchen]

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