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Märchenbasar

Die Schöne mit den sieben Schleiern

Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten keine Kinder, und hätten doch so gerne welche gehabt. Da wandte sich die Königin an die Mutter Gottes vom Carmel, und bat: »Ach, heilige Mutter Gottes, wenn ihr mir ein Kind bescheert, so gelobe ich euch, daß ich in seinem vierzehnten Jahr im Schloßhof einen Brunnen errichten lassen will, aus dem soll ein ganzes Jahr lang Oel fließen.« Nicht lange, so wurde die Königin guter Hoffnung, und als ihre Stunde kam, gebar sie einen wunderschönen Knaben, der wuchs einen Tag für zwei, und wurde immer schöner und stärker. Da er nun vierzehn Jahr alt geworden war, gedachten seine Eltern an ihr Gelübde, und ließen im Schloßhof einen Brunnen errichten, aus dem floß Oel. Der Königssohn aber stand gern am Fenster und betrachtete die Leute, die von nah und fern herbeikamen, um sich Oel zu schöpfen.
Nun war das Jahr herum und der Brunnen floß nur noch spärlich, da hörte auch ein altes Mütterchen davon, und dachte: »Konnte ich es nun nicht früher erfahren.« Wer weiß, ob der Brunnen jetzt noch fließt. Da nahm es ein Krüglein und einen Schwamm, und machte sich auf den Weg zum Brunnen. Der hatte nun schon aufgehört zu fließen, im Becken aber lag noch etwas Oel. Da nahm die Alte den Schwamm, tauchte ihn in’s Oel und drückte ihn dann in’s Krüglein aus, und das that sie so lange, bis endlich der Krug voll war. Der Königssohn aber stand am Balkon und hatte Alles mit angesehen, und in seinem Uebermuth nahm er einen Stein und warf damit nach dem Krüglein, daß es zerbrach und das Oel verschüttet wurde. Da gerieth die Alte in einen großen Zorn und verwünschte ihn: »So mögest du denn nicht eher heirathen, als bis du die Schöne mit den sieben Schleiern gefunden hast.« Von dem Tag an wurde der Königssohn schwermüthig und dachte immer nur an die Schöne mit den sieben Schleiern.
Eines Tages aber trat er vor seine Eltern und sprach: »Lieber Vater und liebe Mutter, gebet mir euren heiligen Segen, denn ich will in die weite Welt hinausziehen und mein Glück suchen.« »O mein Sohn,« rief die Mutter, »welches Glück willst du denn noch suchen? Du hast ja Alles, was du dir wünschen kannst. Bleibe bei uns, mein Kind, du bist uns erst nach vielen Gelübden geschenkt worden, und bist unser einziges Kind.« Der Königssohn aber ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, sondern sprach: »Liebe Mutter, wenn ihr mir euren Segen nicht geben wollt, so werde ich eben ohne Segen fortziehen, denn ich will nicht länger hier bleiben.« Da das die Eltern hörten, ließen sie ihn gewähren und segneten ihn, er aber steckte ein wenig Geld zu sich, bestieg ein schönes Pferd und ritt davon. Da wanderte er eine lange Zeit, immer gerade aus, denn er wußte nicht, wo er die Schöne mit den sieben Schleiern zu suchen habe. Endlich, nach vielen Tagen, kam er eines Abends an den Saum eines großen Waldes. Vor dem Wald aber lag ein hübsches Häuschen, darin wohnte ein Bauer mit seiner Frau und seinen Kindern. »Ich will hier übernachten,« dachte der Königssohn, »und morgen will ich dann in den Wald hineinreiten.« Also klopfte er an und begehrte ein Nachtlager, und der Bauer und seine Frau nahmen ihn auch freundlich auf. Am nächsten Morgen nahm er dankend Abschied von ihnen und ritt dem Walde zu. Da rief ihm die Bäuerin nach: »Schöner Jüngling, wohin reitet ihr? Wagt euch doch nicht in den finsteren Wald hinein, denn ihr wißt nicht, welchen Gefahren ihr entgegengeht. In diesem Walde sind furchtbare Riesen und wilde Thiere, die bewachen den Eingang zu der Schönen mit den sieben Schleiern. Da könnet ihr nicht durch.« Der Königssohn aber antwortete: »Wenn hier der Weg zu der Schönen mit den sieben Schleiern führt, so bin ich auf dem richtigen Weg und muß ihn ziehen.« »Ach, laßt euch warnen,« sprach die Bäuerin, »ihr wißt nicht, wie viele Prinzen und Königssöhne in den Wald hinein gezogen sind, und Keiner ist je wieder herausgekommen.« Der Königssohn ließ sich aber nicht von seinem Vorhaben abbringen, deßhalb sagte endlich die Frau: »Wenn ihr denn durchaus euer Glück versuchen wollt, so höret einen guten Rath. Eine Tagereise tief im Wald wohnt ein frommer Einsiedler; geht heute Abend zu ihm und fraget ihn um Rath.« Da dankte der Königssohn der guten Frau und ritt in den Wald hinein, immer tiefer, bis er bei Dunkelwerden am Häuschen des Einsiedlers ankam.
Als er nun anklopfte, frug eine tiefe Stimme: »Wer bist du?« »Ich bin ein armer Wanderer, der um ein Obdach bittet,« antwortete der Königssohn. »Ich beschwöre dich bei dem Namen Gottes,« rief der Einsiedler. »Nein, beschwört mich nicht,« sagte der Jüngling, »denn ich bin eine getaufte Seele.« Da öffnete der Einsiedler die Thür und nahm den Königssohn auf, und frug ihn, woher er komme und wohin er gehe. Als er aber hörte, daß er ausgezogen sei die Schöne mit den sieben Schleiern zu suchen, sprach er: »O mein Sohn,« laß dich warnen und kehre wieder um. »Du bist verloren, wenn du weiter gehst.« Der Königssohn wollte sich aber nicht warnen lassen. Da sagte endlich der Einsiedler: »Ich kann dir nicht helfen, aber ich will dir einen guten Rath geben: Wenn du eine Thür siehst, die auf und zuschlägt, so hake sie fest. Ruhe dich jetzt aus und morgen will ich dir den Weg weisen, denn eine Tagereise tiefer im Wald wohnt mein älterer Bruder, der kann dir wohl helfen. Zu essen kann ich dir aber nur die Hälfte meines Brodes und meines Wassers geben, denn jeden Morgen bringt mir ein Engel vom Himmel einen Krug Wasser und einige Schnitte Brod, davon ernähre ich mich.« Da theilten sie das Brod und das Wasser und bei Tagesanbruch machte sich der Jüngling auf den Weg.
Bei Dunkelwerden sah er wieder ein Licht von weitem, und als er sich näherte, sah er das Hüttchen des zweiten Einsiedlers, der nahm ihn freundlich auf wie sein Bruder und frug ihn, was er in dieser wilden Gegend suche. Als der Königssohn ihm Alles erzählt hatte, wollte er ihn auch bereden wieder umzukehren, aber der Jüngling blieb standhaft und so sagte endlich der Einsiedler: »Mein Bruder hat dir einen guten Rath gegeben, jetzt will ich dir auch etwas sagen. Wenn du einen Esel und einen Löwen siehst, von denen der Löwe das Heu des Esels im Maule hält und der Esel den Knochen des Löwen, so gehe nur muthig auf sie zu, und hilf ihnen, indem du Jedem das Seine giebst. Ruhe dich jetzt aus, morgen will ich dir den Weg zu meinem ältesten Bruder weisen, der wohnt noch eine Tagereise tiefer im Wald.«
Am nächsten Morgen machte sich der Königssohn wieder auf den Weg, und bei Dunkelwerden kam er zum dritten Einsiedler, der war so alt, daß ihm sein Bart bis an den Boden reichte. Der Einsiedler nahm ihn freundlich auf und frug ihn nach seinem Begehr. »Gut,« sagte er, als der Königssohn Alles erzählt hatte, »ruhe dich jetzt nur aus, morgen will ich dir Bescheid geben.« Am andern Morgen aber sprach er zu ihm: »Merke wohl auf jedes Wort, das ich dir sagen werde, denn wenn du eins davon vergißt, so bist du verloren. Drei Sachen mußt du mitnehmen: Einige Brode, einen Pack Besen und ein Bündel Wedel, um das Feuer anzufachen. Wenn du nun auf diesem Weg weitergehst, so wirst du zuerst einen Esel und einen Löwen treffen. Der Esel hält den Knochen des Löwen im Maul und der Löwe das Heu des Esels und streiten sich. Befolge aber nur den Rath meines zweiten Bruders, so werden sie dich durchlassen. Dann wirst du einige Riesen treffen, die schlagen mit furchtbaren, eisernen Keulen auf einen Ambos. Warte bis Alle zugleich ihre Keulen erheben und dich also nicht sehen können. Dann laufe unter den Keulen durch, so schnell du kannst. Dann wirst du einen Feigenbaum am Wege stehen sehen, mit kleinen, kümmerlichen Früchten. Pflücke einige, wirf sie aber ja nicht weg, sondern iß sie und lobe den Baum. Wenn du am Feigenbaum vorbei bist, wirst du endlich an einen großen Palast kommen, darin wohnt die furchtbare Riesin, welche die drei Schönen mit den sieben Schleiern bewacht. Du mußt in den Palast hineindringen; gleich zu Anfang aber wird dich die Thüre aufhalten, die schlägt immer auf und zu. Vergiß nur nicht den Rath meines ersten Bruders, so wird sie dich durchlassen. Nun werden dir einige grimmige Löwen entgegenstürzen, um dich zu fressen; wirf du ihnen aber das Brod vor, so werden sie dir Nichts thun. Wenn du nun die Treppe hinaufgehst, so werden dir die Diener der Riesin entgegenstürzen, mit großen Knüppeln, denn sie haben keine Besen und kehren den Boden nur mit Knüppeln. Zeige du ihnen aber deine Besen und weise ihnen, wie sie sie gebrauchen sollen, so werden sie dich nicht mehr aufhalten. Weiter oben werden dir die Köche der Riesin entgegen kommen, schenke ihnen aber nur die Wedel, so werden sie dich durchlassen, denn sie haben keine. Endlich wirst du zur Riesin gelangen, die sitzt auf einem großen Thron, und wo ihr Ellenbogen ruht, liegen drei Kästchen, in jedem von diesen ist eine Schöne mit sieben Schleiern. Gieb ihr diesen Brief, den wird sie lesen und wird dir dann sagen, du sollest ein wenig warten, bis sie im anderen Zimmer die Antwort schriebe. Sie geht aber um ihre Zähne zu wetzen, damit sie dich fresse. Deßhalb warte nicht auf sie, sondern ergreife schnell eines von den Kästchen und entflieh. Es ist einerlei, welches Kästchen du nimmst, hüte dich aber mehr als Eins zu berühren. Alle die Wächter werden dich ruhig vorbeilassen, reite nur so schnell du kannst, daß dich die Riesin nicht einhole. Das Kästchen darfst du nicht eher aufmachen, als bis du aus dem Walde und in der Nähe eines Brunnens bist. Denn wenn du es öffnest, so wird die Schöne rufen: ‘Wasser!’ und wenn du nicht gleich mit Wasser bei der Hand bist, so wird sie sterben. Wenn du alle meine Worte genau befolgst, so kommst du vielleicht glücklich wieder.« Damit segnete der Einsiedler den Königssohn und ließ ihn ziehen.
Der Jüngling ritt immer weiter, bis er den Löwen und den Esel vor sich sah, die stritten sich, wie der Einsiedler ihm gesagt hatte. Da ging er auf sie zu und gab Jedem das Seine, und die ergrimmten Thiere beruhigten sich und ließen ihn durch. Als er nun weiter ritt, hörte er schon von Weitem ein furchtbares Getöse, das waren die Riesen, die mit ihren schweren, eisernen Keulen auf den Ambos schlugen. Da wartete er, bis sie Alle zugleich ihre Keulen erhoben und trieb dann sein Pferd unten durch, so schnell, daß die Riesen ihn nicht einmal bemerkten. Als er glücklich den Riesen entschlüpft war, sah er einen Feigenbaum am Wege stehen, der hing voll Früchte. Da pflückte er einige Feigen, und ob sie gleich klein und kümmerlich waren, so aß er sie doch und sprach: »Wie süß sind diese Feigen.« Als er noch ein Weilchen geritten war, kam er zum Palast, in dem die Riesin hauste; die Thüre aber schlug immer auf und zu. Da stieg er vom Pferd und faßte die Thüre mit fester Hand und hakte sie ein. Kaum aber war er durchgegangen, so sprangen ihm die grimmigen Löwen entgegen und wollten ihn fressen. Da warf er ihnen das Brod hin und sie ließen ihn durch. Wie er die Treppe hinaufgehen wollte, kamen ihm die Diener der Riesin entgegen, die trugen große Knüppel und kehrten die Treppe. Als sie ihn aber erblickten, wollten sie ihn todtschlagen. Da nahm er einen von seinen Besen, und rief: »Seht, solch einen Besen solltet ihr haben, dann könntet ihr im Augenblick die Treppe kehren.« Da fing er an zu kehren und sie waren so erfreut darüber, daß sie die Besen unter sich vertheilten, und nicht mehr auf ihn achteten und er seinen Weg weiter fortsetzen konnte. Er kam aber nicht weit, denn bald kamen ihm die Köche der Riesin entgegen, die hatten keine Wedel, sondern mußten das Feuer mit dem Athem anfachen. Als er ihnen aber seine Wedel gab und ihnen zeigte, wie sie sie gebrauchen müßten, waren sie hoch erfreut und ließen ihn ruhig durch. Endlich kam er in einen großen Saal, darin saß die Riesin auf einem großen Thron, und war furchtbar anzusehen, und ihr Ellenbogen ruhte auf drei kleinen Kästchen an ihrer Seite. Als sich nun der Jüngling verneigt hatte, übergab er ihr den Brief, den las sie, und sprach: »Warte hier ein wenig, schöner Jüngling, bis ich die Antwort geschrieben habe.« Der Königssohn aber wußte wohl, daß sie nur ging ihre Zähne zu wetzen, daher ergriff er augenblicklich das eine Kästchen und entfloh. Er kam glücklich an den Köchen, den Dienern, den Löwen und der Thüre vorbei, bestieg sein Pferd und ritt davon wie der Wind, und auch der Feigenbaum, die Riesen und der Löwe und der Esel ließen ihn durch.
Als die Riesin aus ihrem Zimmer kam und den Jüngling nicht mehr sah, zählte sie sogleich die Kästchen und fand, daß eins fehle. »Verrath, Verrath!« schrie sie da, und lief dem Königssohn nach. »Warum habt ihr ihn durchgelassen?« rief sie den Köchen zu. Die aber antworteten: »So viele Jahre haben wir euch gedient, und ihr habt uns nie einen Wedel geschenkt, um uns die Arbeit zu erleichtern. Dieser Jüngling aber ist freundlich mit uns gewesen, deßhalb haben wir ihn durchgelassen.« Da lief sie zu den Dienern und sprach: »Warum habt ihr ihn nicht mit euern Knüppeln todtgeschlagen?« »So viele Jahre haben wir euch gedient,« antworteten sie, »und ihr habt uns nie einen Besen geschenkt, um uns die Arbeit zu erleichtern. Der Jüngling aber hat uns geholfen, und wir sollten ihn todtschlagen?« »O ihr Löwen, warum habt ihr ihn nicht gefressen?« rief die Riesin den Löwen zu. »Wenn ihr nicht still seid, so fressen wir euch. Wann habt ihr uns jemals Brod gegeben, wie der schöne Jüngling gethan hat!« Da sprach die Riesin zur Thür: »Warum hast du ihn durchgelassen?« »So viele Jahre verschließe ich euer Haus,« antwortete die Thür, »aber euch ist es nie eingefallen, mich einzuhaken, wenn ich auf- und zuschlage.« »O Feigenbaum,« rief sie nun, »warum hast du ihn nicht aufgehalten?« »So viele Jahre seid ihr täglich an mir vorbeigegangen,« erwiederte der Feigenbaum, »aber niemals habt ihr eine Feige genommen und sie gegessen. Das hat aber der schöne Jüngling gethan und hat meine Früchte gelobt.« Da lief die Riesin zu den Riesen und machte ihnen Vorwürfe, daß sie ihn nicht mit ihren Keulen todtgeschlagen hätten. Sie aber antworteten: »Warum zwingt ihr uns auch den ganzen Tag auf den Ambos zu schlagen. Wenn wir die Keulen aufheben, können wir ja nicht sehen, wer vorbeikommt.« Die Riesin aber lief und machte auch dem Löwen und dem Esel Vorwürfe, daß sie ihn nicht gefressen hätten. »Seid stille,« antwortete der Löwe, »sonst fresse ich euch. So viele Jahre seid ihr an uns vorbeigegangen, und habt nicht daran gedacht Jedem das Futter zu geben, das ihm zukam. Das hat aber der schöne Jüngling gethan.« Da mußte die Riesin umkehren, denn Niemand wollte ihr helfen, den Flüchtling zu verfolgen.
Der Königssohn aber eilte mit dem Kästchen durch den Wald, kam auch bei den drei Einsiedlern und bei den Bauersleuten vorbei, und dankte Allen für ihre Hülfe. Als er nun aus dem Walde heraus war, gedachte er das Kästchen aufzumachen. Also ritt er weiter, bis er an einen Brunnen kam, dort stieg er ab und öffnete das Kästchen. »Wasser,« rief eine Stimme, und als er Wasser in das Kästchen gegossen hatte, erhob sich ein wunderschönes Mädchen, das war so schön, daß die Schönheit durch die sieben Schleier hindurchstrahlte, die es trug. Sonst aber war es unbekleidet. Da sprach der Königssohn zur Schönen mit den sieben Schleiern: »Steige auf diesen Baum und verbirg dich in dem dichten Laub, derweil ich nach Hause gehe und dir Kleider hole.« »Ja,« antwortete sie, »aber laß dich nur nicht von deiner Mutter küssen, sonst vergissest du mich, und wirst erst in einem Jahr, einem Monat und einem Tag an mich gedenken.« Da versprach er ihr das und ritt nach Haus.
Als ihm nun seine Eltern entgegen kamen, rief er: »Liebe Mutter, küsset mich nicht, sonst vergesse ich meine liebe Braut.« Weil es aber Abend war, so dachte er, er wolle diese eine Nacht bei seinen Eltern ruhen und am nächsten Morgen zu seiner Schönen zurückkehren. Da legte er sich hin, und als er schlief, kam seine Mutter herein, um ihn noch einmal zu sehen, und weil sie eine solche Sehnsucht hatte ihn zu küssen, so beugte sie sich über ihn und küßte ihn. Da vergaß er seine Braut und blieb bei seinen Eltern. Die Schöne aber wartete auf ihn, und als er nicht mehr kam, wurde sie ganz traurig und dachte: »Gewiß hat er sich von seiner Mutter küssen lassen und mich vergessen. So will ich denn hier auf dem Baum sitzen bleiben, und ein Jahr, einen Monat und einen Tag lang auf ihn warten.«
Als nun ein Jahr vergangen war, begab es sich eines Tages, daß eine schwarze häßliche Sklavin an den Brunnen kam, Wasser zu schöpfen. Da sie aber hineinschaute, erblickte sie das Bildniß der Schönen mit den sieben Schleiern, dachte, es wäre ihr eigenes Bildniß und rief: »Bin ich so schön, und sollte mit dem Kruge zum Brunnen gehn?« Da zerbrach sie ihren Krug und ging nach Haus. Als sie aber zu ihrer Herrin kam und kein Wasser mitbrachte, schalt die Herrin und frug, wo sie den Krug gelassen habe. »Ich sah mein Bildniß im Wasser,« antwortete die Sklavin, »und weil ich so schön bin, so will ich nicht mehr gehen Wasser zu schöpfen.« Die Herrin aber lachte sie aus und schickte sie sogleich wieder zum Brunnen mit einem kupfernen Krug. Da schaute die Sklavin wieder in’s Wasser und da sie das schöne Bildniß erblickte, so hob sie verwundert die Augen auf und sah die Schöne mit den sieben Schleiern. »Schönes Mädchen,« rief sie, »was machst du da oben?« »Ich warte auf meinen Liebsten,« antwortete die Schöne, »der ist ein schöner Königssohn, und wird in einem Monat und einem Tag kommen, um mich zu seiner Frau zu machen.« »Ich will dich ein wenig kämmen,« sprach die Sklavin, stieg zu ihr auf den Baum und kämmte sie. Sie hatte aber eine lange Nadel mit einem schwarzen Knopf, die nahm sie und steckte sie ihr unter dem Kämmen plötzlich in den Kopf. Die Schöne aber starb nicht, sondern wurde eine weiße Taube und flog davon. Nun blieb die schwarze, häßliche Sklavin auf dem Baume sitzen und wartete auf den Königssohn. Der war aber bei seinen Eltern und dachte nicht mehr an seine schöne verlassene Braut.
Nun wohnte in dem Schloß eine steinalte Kammerfrau, die war so alt, daß sie nicht mehr ordentlich sprechen konnte. Der Königssohn aber lachte sie aus, wenn sie so undeutlich sprach. Da er nun eines Tages wieder über sie lachte, und zugleich eine Orange schälte, schnitt er sich in den Finger und ein Blutstropfen fiel auf den weißen Marmorboden. Da rief die Alte: »So möget ihr nicht eher heirathen, als bis ihr eine Braut findet, so weiß wie der Marmorboden und so roth wie Blut.« In demselben Augenblick waren ein Jahr, ein Monat und ein Tag vergangen, und der Königssohn rief: »Was soll ich länger suchen; ich habe ja eine schöne Braut.« Da nahm er einen prächtigen Wagen und herrliche Kleider und fuhr zum Baum, wo er die Schöne gelassen hatte. Als er aber hinkam und die häßliche Gestalt erblickte, erschrak er und rief: »Was ist denn mit dir vorgegangen?« Sie antwortete:

»Die Sonne kam
Und mir die Farbe nahm,
Der Wind, der blies,
Die Stimme mich verließ.«

»Wenn ich denn Schuld daran bin,« antwortete der Königssohn, »so will ich dich heirathen, wie du auch sein mögest.« Da legte sie die herrlichen Kleider an und setzte sich in den schönen Wagen und fuhr auf das königliche Schloß. Als die Königin sie aber sah, sprach sie zu ihrem Sohn: »Konntest du keine Häßlichere finden? Dies ist also die Schöne, für die du so viel gelitten hast?« »Ich habe sie verlassen,« antwortete der Königssohn, »und der Wind, der Regen und der Sonnenschein haben sie so entstellt. Deßhalb will ich sie heirathen, sie mag sein, wie sie will.« Also wurde ein schönes Hochzeitsfest gefeiert und der Königssohn heirathete die falsche Sklavin.
Am anderen Morgen aber, als der Koch das Vorzimmer kehrte, kam eine weiße Taube hereingeflogen, die sang: »Koch, Koch im Vorzimmer, was macht der König mit der Sklavin?« Dann flog sie fort, gegen Mittag aber, als eben der Koch die Speisen für des Königs Tisch anrichtete, kam die weiße Taube wieder und sang: »Koch, Koch in der Küche, was macht der König mit der Königin?« Dann flog sie über die Speisen und schüttelte ihre weißen Flügel, daß Salz herausfiel und alle die Speisen versalzen wurden. Der Königssohn aber, da man ihm die versalzenen Speisen brachte, ließ er den Koch vor sich kommen und frug ihn, wie das zugegangen sei. »Ich bin wohl zerstreut gewesen,« antwortete der Koch. Als es aber jeden Tag so ging, wurde der Königssohn endlich böse und wollte den ungeschickten Koch fortjagen. Da gestand der Koch die Wahrheit und erzählte wie zweimal täglich eine weiße Taube komme, und nach ihm und der Königin frage. »Gut,« antwortete der Königssohn, »bestreiche morgen den Fenstersims mit Leim, und wenn die Taube kommt, so rufe mich.«
Als nun am nächsten Morgen die Taube kam, war der Königssohn schon in der Küche versteckt und sah, wie sie sich auf dem Fenstersims niederließ und sang: »Koch, Koch in der Küche, was macht der König mit der Königin?« Als sie aber fortfliegen wollte, saß sie in dem Leim fest und konnte sich nicht los machen. Da sprang der Königssohn hinzu und nahm sie in seinen Arm und streichelte sie. Dabei bemerkte er den schwarzen Knopf und dachte: »Du armes Thier, wer hat dich so gequält?« Da zog er die Nadel heraus, und alsobald stand die Schöne mit den sieben Schleiern vor ihm, die war noch viel schöner geworden, und sprach: »Ich bin die Braut, die du auf dem Baum verlassen hast. Die schwarze Sklavin, die du zu deiner Frau genommen hast, hat mir die Nadel in den Kopf gestoßen, daß ich eine weiße Taube geworden bin, und hat meine Stelle eingenommen.« Da ließ der Königssohn der Schönen herrliche Kleider anlegen und ließ sie in einem prächtigen Wagen auf das Schloß fahren, als ob sie von ferne her käme. Zur Sklavin aber sprach er: »Es ist eine fremde Hofdame gekommen, die mußt du mit allen Ehren empfangen und heute soll sie bei uns essen.« Die Sklavin war es zufrieden und als die Schöne kam, erkannte sie sie nicht. Da sie nun gegessen hatten, sprach der Königssohn: »Edles Fräulein, wollet uns eure Lebensgeschichte erzählen.« Da erzählte die Schöne, wie es ihr ergangen war, und die Sklavin ward verblendet, also daß sie Nichts merkte. »Was dünket euch,« frug nun der Königssohn seine Frau, »was verdienet wohl diese falsche Sklavin?« »Die verdienet nichts Besseres, denn daß man sie in einem Kessel mit siedendem Oel koche, und an einen Pferdeschwanz gebunden durch die ganze Stadt schleife,« antwortete die Sklavin. Der Königssohn aber rief: »Du hast dein eigenes Urtheil gesprochen, und so soll es mit dir geschehen.« Da wurde sie in einen Kessel mit siedendem Oel geworfen, und nachher an einen Pferdeschwanz gebunden und durch die ganze Stadt geschleift.
Der Königssohn aber feierte eine noch glänzendere Hochzeit, und heirathete die Schöne mit den sieben Schleiern. Da blieben sie reich und getröstet, und wir sind hier sitzen geblieben.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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