Suche

Märchenbasar

Die Stube, deren Dach aus bloßen Käsen bestand

Fern auf einem Berge im Walde wohnte eine böse Hexe, die, wie man behauptete, Kinderfleisch esse. Sie pflegte daher ihre Stube mit Käse zu bedecken, um damit kleine Knaben und Mädchen zu locken, die in der Nachbarschaft umherwanderten. Wenn sie aber irgend ein Kind gefangen, beatete sie es im Ofen und aß dasselbe auf. Nahe daran wohnte ein armer Hintersasse, der hatte einen Sohn, und eine Tochter. Als einst das Essen im Hause kaum hinreichte, sagte der Hintersasse eines Tags zu seinen Kindern, daß sie in den Wald hinausgehen und Beeren pflücken sollten. Die Geschwister gingen, und kamen zuletzt zu einem hohen Berg. Hier sahen sie eine Stube, deren Dach aus bloßen Käsen bestand. Da hielten die Kinder Rath mit einander, und überlegten, wie sie wol einen von den schönen Käsen bekommen könnten.
Der Knabe sollte nun sein Glück versuchen, und kroch leise auf das Dach. Als aber die Hexe das Geräusch vernahm, rief sie: »Wer ist’s, der so knarpelt auf meinem Dache?« Der Knabe antwortete mit leiser Stimme: »Es ist blos Gottes kleiner Engel, Gottes kleiner Engel.« »Knarple dann im Frieden,« erwiederte die Hexe; der Knabe nahm so ein Stück Käse, und kam hierauf wohlbehalten wieder zu seiner Schwester.
Den andern Tag gingen die Kinder des Hintersassen wieder zum Berge, aber nun wollte das Mädchen durchaus ihrem Bruder zum Hause der Hexe folgen. Der Knabe stemmte sich dagegen; aber es half nichts. Als sie nun hinauf zum Stubendache gekommen waren und von den schönen Käsen zu nehmen begannen, rief die Hexe: »Wer ist’s, der so knarpelt auf meinem Dache?« Der Knabe antwortete mit schwacher Stimme: »Es ist blos Gottes kleiner Engel, Gottes kleiner Engel.« »Und ich, ich« fügte das Mädchen hinzu. Da übte die Hexe ihre Macht über die beiden Kinder, so daß das Dach entzwei brach, und sie über Hals und Kopf in die Stube herabfielen.
»Ja, das ist gewiß, und wahr, daß ihr Gottes schöne kleine Engel seid,« sagte das Weib, als die Kinder durch das Dach herabrollten. Sie fügte hinzu: »Das ist gut, nun mache ich mir einen guten Braten.« Eine Stunde darauf fragte sie: »Wie schlachtet eure Mutter ihr Schwein?« »Sie sticht es mit einem Messer,« sagte das Mädchen. »Nein,« verbesserte der Bruder, »sie schlingt ein blaues Band um seinen Hals, bis es erstickt.« – »So will ich es auch machen,« entgegnete die Hexe. Sie wickelte nun ein blaues Band zusammen, und schlang es um den Hals des Knaben, wobei dieser zu Boden fiel, als wenn er todt wäre. »Bist du nun todt?« fragte die Hexe. »Ja,« antwortete der Knabe. »Nein,« erwiederte das Weib, »du bist noch nicht wirklich todt; denn da könntest du nicht reden.« Der Knabe entgegnete: »Ich will nur sagen, daß meine Mutter nie ihr Schwein zu schlachten pflegt, bevor dasselbe gemästet worden.« – »So will ich es auch machen,« sagte die Hexe.
Das Weib nahm nun beide Kinder, und sperrte sie in eine Steige ein. Einige Stunden darauf fragte sie: »Wie mästet eure Mutter ihr Schwein?« »Mit Trebern und Trank,« sagte das Mädchen. »Nein,« verbesserte der Knabe, »sie mästet es mit Nußkernen und süßer Milch.« – »So will ich es auch machen,« entgegnete die Hexe.
Eines Tages ging das Weib zur Steige, um zu sehen, ob die Kinder gutes Fleisch hätten. »Streckt den Finger heraus,« rief sie, »damit ich fühlen kann, ob ihr genug gemästet seid.« Das Mädchen that, wie das Weib befohlen. Der Knabe aber stieß sie schnell zurück, und streckte statt dessen eine Baumzwecke hervor. Die Hexe fühlte daran, und sagte: »Ihr seid sehr mager, ich will euch noch einige Zeit mästen.« Sie gab ihnen hierauf doppelt so viel Nußkerne und süße Milch als vorher, so, daß sie weit mehr hatten, als sie davon verzehren mochten.
Nach einigen Tagen ging das Weib wieder zur Steige, um zu prüfen, ob die Geschwister schon hinlänglich fett seien. »Streckt einen Finger hervor«, rief sie, »daß ich euer Fleisch befühlen kann.« Der Knabe streckte nun einen Kohlstengel hervor, den er in der Steige gefunden. Die Hexe schnitt mit ihrem Messer hinein, und dachte, daß die Kinder fett genug wären. Sie nahm dieselben hierauf mit sich in die Stube, wo der Ofen geheizt und alles bereit war, um sie hineinzustecken.
Nun, sagte die Hexe, daß eines von den Geschwistern sich auf den Brotschieber setzen solle. Da ging das Mädchen hervor, und wollte thun, wie das Weib befohlen. Der Knabe aber stieß sie zurück, und setzte sich selbst statt ihr hin. Als ihn nun die Hexe in den Ofen schießen wollte, benahm er sich sehr ungeschickt, und fiel jedesmal herab, wenn das Weib den Schaft der Schaufel ergriff. Die Hexe ward sehr ungehalten darüber; der Knabe aber war verschmitzt, und bat sehr dringend, daß sie sich selbst auf den Brotschieber setzen, und es ihm zeigen wolle, damit es ihm das nächste Mal besser gelänge. Das Weib that nach seinem Willen, und setzte sich auf die Schaufel; aber der Knabe war schnell bereit, faßte den Schaft, schoß die Hexe in den Ofen, und versperrte das Ofenloch.
Die Kinder des Hintersassen nahmen nun alle Habe, die sie in der Stube fanden, und kehrten freudig zu ihrem Vater zurück. Ich weiß es aber nicht gewiß, ob die Hexe auch wirklich gebraten wurde, denn schwerlich hat Jemand das Ofenloch geöffnet, um darnach zu sehen.

[Gunnar Hyltén-Cavallius/George Stephens: Schwedische Volkssagen und Märchen ]