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Märchenbasar

Die Teufelsflöte

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten drei Söhne, zwei kluge und Wanjka, den Dummkopf. Auf dem Mistbeet bei der Hütte hatten sie Rüben gesät, aber irgend jemand kam des Nachts und stahl die Rüben. Die Brüder machten unter sich aus, Wache zu halten, und in der ersten Nacht ging der älteste Bruder hin. Er setzte sich nieder, aber konnte nicht wachbleiben, sondern nickte ein und schlief. Als er aufwachte, waren viele Rüben gestohlen. In der nächsten Nacht ging der zweite Bruder wachen und verschlief ebenso. Wanjka aber saß auf dem Ofen und schneuzte sich in die Faust. »Laßt ihr mich eine Nacht wachen?« fragte er. »Das ist nichts für dich Dummkopf!« – »Nein, ich will hin.« – »Na, dann gut.« Und sie ließen ihn hinaus. Wanjka ging hin, fing an zu tanzen und tanzte bis Mitternacht; dann legte er sich nieder, und kaum lief der Teufel herbei und begann die Rüben auszureißen, da packte ihn Wanjka und hielt ihn fest. Sie balgten sich miteinander herum, und schließlich fragte Wanjka: »Wer bist du?« – »Ich bin der Teufel, und du?« – »Ich bin auch ein Teufel.« – »Dann komm zu mir«, sagte der andere. Sie sammelten die Rüben auf und wanderten über Buchten und offenes Wasser. »Was gibst du mir für die Rüben?« fragte Wanjka. Da gab ihm der Teufel eine Flöte, die spielte allerlei Stücke. Wanjka steckte sie ein, kehrte nach Hause zurück, kroch auf den Ofen und saß dort wie vordem. »Wo hast du die Rüben hingetan, Dummkopf?« schrie ihn der Vater an, »alle hast du sie stehlen lassen!« – »Ich hab sie dem Teufel gegen eine Flöte eingetauscht«, antwortete er. »Na, dann gut.«
Sie hatten aber auf dem Hof eine Sau mit drei Ferkeln; da bat Wanjka, er wolle sie hüten gehn. »Wie wirst du sie denn hüten, Dummkopf? Die Schweine gehn dir alle noch verloren!« – »Nein, ich verliere sie gewiß nicht.« Er trieb sie ins Feld und hütete sie, zog seine Flöte heraus und begann zu spielen. Da fingen die Sau und die drei Ferkel an zu tanzen und zu springen. Das sah aber der Zar von seinem Fenster aus und wunderte sich: »Was ist das? Eine Sau und ihre Ferkel tanzen!« Die Zarentochter sah es auch und rief: »Man muß sie hierherschaffen!« Sie schickten Diener aus, sie herzuführen oder wenigstens ein Ferkel zu kaufen. Die Diener gingen hin; Wanjka spielte auf, und die Diener und die Schweine mußten tanzen. »Was wollt ihr?« sagte Wanjka. »Wir sind geschickt, ein Ferkel zu kaufen.« – »Na, wer’s braucht, der kann selber herkommen und kaufen.« Die Diener kehrten zurück und meldeten es dem Zaren. Da befahl die Zarentochter, eine Kutsche anzuspannen, und fuhr selber hin. Sie kam an, und Wanjka fing wieder an zu spielen. Da tanzten die Pferde, der Kutscher, der Wagen und sogar die Zarentochter, und sie tanzten so lange, bis sie kaum noch Atem schöpfen konnten. Dann hörte Wanjka auf, und die Zarentochter bat ihn, ihr ein Ferkel zu verkaufen. »Nein, es ist nicht zu verkaufen, ich geb es nur unter einer Bedingung her.« – »Und was ist denn diese Bedingung?« – »Bis zum Knie sich entblößen und dreimal um die Schweine herumtanzen.« Die Zarentochter hob ihr Kleid und tanzte. »Na, so nehmt das Ferkel mit!« Sie brachten es nach Hause und setzten es nieder, aber tanzen tat es nicht; den ganzen Fußboden besudelte es, tanzte aber keinen Schritt. »Man muß gewiß noch ein anderes Ferkel kaufen, zu zweien werden sie’s lustiger haben.« Wanjka trieb jedoch unterdessen die Sau mit zwei Ferkeln nach Hause. Der Vater fragte ihn: »Wo hast du das eine Ferkel gelassen?« – »Hab’s verloren.« – »Du bist und bleibst ein Dummkopf«, schrie der Vater.
Am nächsten Tage machte sich Wanjka wieder bereit, die Schweine zu hüten, der Vater jedoch erlaubte es ihm nicht. Er trieb sie aber doch ins Feld, spielte auf der Flöte, und sie fingen an zu tanzen. Der Zar und seine Tochter aber schauten ihm zu. Sie schickten Diener aus, ein zweites Ferkel zu kaufen, er gab es jedoch nicht her. Da fuhr die Zarentochter selber hin. Wanjka fing an zu spielen, so daß alle um ihn herum zu tanzen begannen. »Was wollt ihr?« fragte er dann. »Verkauf uns ein zweites Ferkel!« – »Nur, wenn du dich bis zum Gürtel entblößt und dreimal um mich herumgehst, dann kannst du es haben!« Der Zarentochter blieb nichts übrig, sie entblößte sich und ging um ihn herum. »Na, so nehmt das Ferkel mit!« Sie brachten es heim und ließen beide Ferkel zueinander; da stießen sie sich mit den Rüsseln. »Gleich, gleich werden sie tanzen!« meinten alle. Aber sie stießen sich bloß und liefen umher und besudelten den Fußboden noch einmal so schlimm, so daß es wirklich eine Schande war. »Man muß gewiß auch noch die Sau mit dem letzten Ferkel kaufen, denn nur darum tanzen die beiden nicht, weil sie allein sind.« Wanjka ging unterdessen nach Hause und trieb das Schwein mit dem einen Ferkel vor sich hin. »Wo hast du, Dummkopf, das andere Ferkel gelassen?« – »Hab’s verloren«, sagte er. Sie schimpften ihn aus, aber was hilft das bei einem Dummkopf.
Am dritten Tage wollte Wanjka wieder die Schweine hüten. Da fuhr der Vater auf ihn los: »Zwei Ferkel schon hast du verloren, soll’s mit dem dritten auch so gehn?« Er konnte aber nichts ausrichten, und der Dumme trieb die Schweine wieder ins Feld, setzte sich hin und fing an zu spielen. Die Sau tanzte und das Ferkel hinter ihr her. Die Zarentochter sah es und schickte Diener aus, das letzte Ferkel mitsamt der Sau zu kaufen. Doch die Diener kehrten mit leeren Händen zurück. »Mag sie selber herfahren, wenn sie kaufen will«, hatte der Dumme gesagt. Da kam die Zarentochter angefahren. Wanjka spielte, und die Rosse und der Kutscher und die Zarentochter tanzten. »Verkauf mir die Sau mit dem Ferkel«, sagte sie. »Gut, zieh dich aus und heb dreimal die Hände so über den Kopf!« Da war nichts zu machen, die Zarentochter zog sich aus und hob die Arme; sie hatte aber unter der linken Achsel ein silbernes Haar und unter der rechten – ein goldnes. »Na, jetzt nehm die Schweine mit!« Sie brachten sie nach Haus, und da stießen sie sich wieder mit den Rüsseln, aber das war alles. Wanjka kam ohne alle Tiere heim, und der Vater fragte ihn: »Wo hast du die Schweine gelassen, du Lump?« – »Verloren sind sie.« Da schimpften sie ihn gewaltig aus, aber was machte das ihm aus? Er kroch auf den Ofen, schneuzte sich in die Faust und schwieg still.
Und es kam die Zeit heran, da die Zarentochter heiraten sollte. Da ließ der Zar bekanntmachen: »Ich geb sie demjenigen, der die Male meiner Tochter errät.« Aus dem ganzen Reich rief man mächtig viel Leute zusammen, und sie fingen nun an zu raten. Aber weißt du nichts, so errätst du auch nichts! Da fragte der Zar den Wanjka. Der sagte: »So und so, Eure hohe Majestät: unter dem rechten Arm ein goldnes Haar, unter dem linken ein silbernes.« – »Na, dann dank ich dir, wackerer Bursch, du hast es erraten«, sagte der Zar. Doch die Senatoren und Minister hatten davon Wind bekommen, daß einer es erraten hatte; sie kamen zu ihm in der silbernen Kutsche vorgefahren, in der der Zar nur einmal im Jahr auszufahren pflegte. »Verlang, was du willst«, so sprachen sie zu Wanjka, »nur tritt zurück!« – »Gut, dann gebt mir aber diesen Wagen, die Pferde und die Kutscher, die Kleider und alles übrige.« Da gaben sie’s ihm.
Und wieder ließ der Zar bekanntmachen, wer die Male seiner Tochter errate, dem wolle er sie zur Frau geben. Niemand konnte sie erraten, nur Wanjka allein, und der Zar dankte ihm. Da kamen wieder dieselben Senatoren angefahren und baten den Dummkopf, von der Heirat abzustehn. »Gebt mir die Kutsche, die Pferde und alles, was ihr an euch tragt!« sagte er. Und sie gaben es ihm. Wanjka aber nahm sich eine große Wohnung in der Stadt und lebte dort.
Und zum drittenmal ließ der Zar die Botschaft verkünden; Wanjka allein erriet die Male. Da fing man an, die Hochzeit zu rüsten und feierte sie dann mit großem Prunk. Und Wanjka lebte nun mit der Zarentochter. Eines Tages aber befahl der Zar: »Man soll die goldne Kutsche anspannen, wo ist sie?« – »Ja, die ist dort und dort bei dem Schwiegersohn.« Der Zar schickte seine Minister und Senatoren zu ihm nach der Kutsche. Sie kamen zu Wanjka und sprachen: »Wir brauchen die Kutsche.« – »Gut, ich geb sie euch, aber geht vorher mit mir spazieren!« Er führte sie in den Wald, in ein Hagedorndickicht, zog die Flöte heraus und fing an zu spielen. Da mußten die Senatoren im Dickicht tanzen, zerrissen und zerkratzten sich, daß das Blut herunterlief und nur noch die Lumpen herabhingen. Sie kamen zum Zaren und beklagten sich, daß der zarische Schwiegersohn sie bis aufs Blut gepeinigt habe. »Aha, so einer ist der! Man muß ihn hinrichten!« sagte der Zar. Da führte man Wanjka aufs Schafott. Und als er hinging, strömte eine Menge Volks zusammen, und der Zar selbst war auch dort. Soldaten wurden aufgestellt; die Senatoren und viele Beamte versammelten sich. »Erlaubt ihr mir noch, vor dem Tode von meiner Frau Abschied zu nehmen?« fragte Wanjka. »Das darfst du«, sagte der Zar. Sie schickten nach seiner Frau, die wußte aber schon Bescheid. Sie nahm Abschied von ihm und gab ihm dabei die Flöte. »Erlaubt ihr mir noch zum letztenmal, auf der Flöte zu spielen?« Da erschraken die Senatoren. »Wir können ihr nicht widerstehn«, sagten sie. Er fing aber an zu spielen, und das ganze Volk tanzte, die Soldaten tanzten, die Senatoren und auch der Zar selber. Sie vergnügten sich dabei so sehr, daß der Zar Wanjka vergab, und er lebte fortan glücklich und zufrieden.

[Rußland: August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen]

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