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Märchenbasar

Die Zauberkugeln

Es war einmal ein König, der glaubte der Schönste auf der Welt zu sein, und wenn er sich im Spiegel beschaute, fragte er diesen:

Lieber Spiegel, wer gefällt
Dir noch mehr auf dieser Welt?

Seine Frau hörte das zwei-, drei-, viermal mit an, zuletzt ward sie ärgerlich und sagte:

Lieber König, gib doch Ruh’,
Einen Schönern gibt’s als du.

Da sagte der König: »Jetzt sollst du mir binnen drei Tagen sagen, wer dieser Schönere ist, oder du mußt sterben.« Die arme Königin gerieth in Verzweiflung, sie schloß sich in ihre Kammer ein und ließ sich vor niemand mehr sehen. Am dritten Tage schaute sie zum Fenster hinaus und sah eine Alte vorbeigehen, die bettelte und sagte: »Frau Königin, schenkt mir doch ein Almosen.« Die Königin antwortete: »Ach laß mich in Ruhe, ich habe jetzt genug mit mir zu thun.« Sagt die Alte: »Ich weiß wohl, was Euch bedrückt, vermöchte auch Euch zu helfen.« – »So komm herauf«, rief die Königin; die Alte kam, und die Königin fragte: »Was weißt du also?« – »Ich weiß, was der König von Euch gefordert hat.« – »Und gibt es wirklich einen Ausweg?« – »Ja, Frau Königin.« – »Nun so gebe ich dir alles, was du begehrst.« Aber die Alte sprach: »Ich begehre nichts. Geht nur heute Mittag mit dem König zu Tische und erfleht von ihm die Gewährung einer Bitte. Er wird Euch fragen: ‘Ist es das Leben, um das Ihr mich bittet?’ und Ihr antwortet: ‘Nein.’ Dann wird er Euch gewähren, und Ihr sprecht: ‘Schöner als Ihr ist der Sohn des Kaisers von Frankreich, der in sieben Schleiern verhüllt ist.’« Die Alte ging weiter, und die Königin begab sich zum Könige. Dort geschah alles, wie es die Alte gesagt hatte, und der König sprach zuletzt: »Ist er denn schöner als ich, so thue mit mir wie dir beliebt, zuvor aber will ich gehen und selbst zusehen.« Darauf reiste er mit großem Gefolge ab und ging zum Kaiser von Frankreich. »Herr Kaiser, ich begehre nichts, als Euern Sohn zu sehen.« Der Kaiser antwortete: »Meinen Sohn? Den sollt Ihr sehen, aber jetzt schläft er.« Kurz darauf führt er ihn in die Kammer, wo der Sohn schlief. Man hebt den ersten Schleier weg: und ein großer Glanz leuchtet hervor, den zweiten: und der Glanz wird stärker, immer mächtiger ward er beim dritten, beim vierten und so fort, bis endlich der Königssohn in voller Pracht vor ihnen stand, das Scepter in der Hand, das Schwert im Gürtel. Wie der König so große Schönheit sah, erschrak er und fiel ohnmächtig zu Boden. Mit Mühe brachte man ihn wieder zu sich, und noch drei Tage blieb er am Hofe des Kaisers. Ehe er abreiste, kam der Königssohn zu ihm und fragte ihn: »Möchtest du mich wol in deinem Hause sehen?« – »Ja, aber wie kann das geschehen?« – »Nimm diese drei Goldkugeln, willst du mich dann sehen, so wirf sie in ein goldenes Becken voll reiner Milch, und ich werde dir erscheinen, wie du mich hier siehst.« Der König nahm die drei Kugeln und zog davon. Zu Hause angekommen, rief er seine Gemahlin und sagte: »Jetzt bin ich wieder hier, nun thue mit mir wie dir beliebt.« Die Königin antwortete: »Sei mir gesegnet, mein Herr!« Darauf erzählte ihr der König die Geschichte und gab ihr die drei Kugeln. Nach drei Tagen aber war er todt. Der Gram, daß ein anderer schöner als er sein sollte, hatte ihm das Herz gebrochen. So wurde die Königin zur Witwe.
Nachdem einige Zeit vergangen war, rief sie eine vertraute Dienerin und sagte: »Geh, hole mir drei Stübchen reiner Milch.« Mit dieser schloß sie sich ein, goß sie in das goldene Becken, warf die drei Kugeln hinein, und sofort erschien erst das Schwert, dann das Scepter und zuletzt der Jüngling selbst. Sie sprachen gar holdselig miteinander, worauf er wieder verschwand. Jeden Tag schickte sie jetzt die Dienerin nach reiner Milch, und jeden Tag erschien ihr der Königssohn, bis endlich die Dienerin neugierig ward und der Sache auf den Grund kommen wollte.
Was that sie? Sie zerbrach ein geschliffenes Glas, stampfte es zu Pulver und verbarg dieses Pulver in ihrem Busen. Wie nun die Königin sie wie gewöhnlich nach Milch schickt, schüttet sie, da sie die Treppe heraufsteigt, den Glasstaub in die Milch und bringt sie so der Königin.
Die Königin wirft die drei Kugeln hinein, der Königssohn erscheint, aber, wehe! mit zerschnittenen Adern, ganz in Blut gebadet, das hatte ihm das Glas angethan. Kaum erblickte er die Königin, so rief er: »Unselige, du hast mich betrogen, wir können uns nimmer wiedersehen!« Sie mochte bitten, wie sie wollte, er verschwand und blieb von da an in seinem Lande. Der Kaiser von Frankreich aber ließ verkünden: »Wer meinen Sohn heilt, er sei auch wer er sei, dem wird jegliche Bitte gewährt werden.« Alle Häuser der Stadt bekleidete man mit Schwarz, alle Glocken läuteten wegen des Königssohnes, der zum Tode daniederlag.
Als die Königin sah, daß der Jüngling nicht wiederkehrte, kleidete sie sich als Schäfer und machte sich auf den Weg nach seiner Stadt. Zur Nacht sieht sie sich mitten in einem dichten Walde. Hier ersteigt sie einen einzeln stehenden Baum, betet und schickt sich zum Schlafen an. Es war um die Mitternachtsstunde; da kommen auf einmal alle Teufel der Hölle heran und setzen sich um den Baum her in einem Kreise zusammen. Einer fragt den andern, was Böses er vollbracht, bis zuletzt die Reihe an den schwarzen Hinkteufel kam, den fragten sie: »Nun, Schwarzer, was Großes hast du gethan?« – »Diesmal wirklich etwas Großes; woran ich schon manches Jahr gearbeitet, das ist mir jetzt gelungen.« Und er erzählte ihnen die Geschichte vom König und der Königin, dem Königssohn und der bösen Magd. »Jetzt«, schloß er, »hat er nur noch drei Tage zu leben, und weil er an dem Herrn verzweifelte, dürfen wir ihn holen.«
Da fragte ihn der Großteufel: »Sage mir, haben sie nicht etwa ein Mittel, ihn zu heilen?« – »Oh«, antwortete der Hinkende, »ein Mittel gäbe es schon, aber das behalte ich für mich.« – »Ei, uns kannst du’s ja sagen.« – »Euch wohl, aber wenn mich jemand anderes hörte!« – »Schweig, du Thier«, riefen alle, »wer könnte uns hier hören? Wäre jemand hier gewesen, der würde schon vor Angst umgekommen sein.«
So ging es noch eine Weile hin und her, bis der Hinkteufel endlich sein Mittel sagte: »Eine Tagereise von hier ist ein Wald, mitten im Walde liegt ein Kloster, und in dem Garten dieses Klosters wächst das Glaskraut. Davon muß man ein paar Körbe voll in einem Mörser stampfen, den Saft in einem Gefäße sammeln, und den Jüngling damit von Kopf bis zu Füßen einreiben, so wird er schöner denn zuvor.«
Die Königin hatte dies alles gehört und bewegte es in ihren Gedanken. Wie es tagte, stieg sie vom Baume und begab sich auf die Wanderung nach dem Kloster, wo das Glaskraut wuchs. Endlich kommt sie dort hin und ruft den Pförtner an. Der meint, einen bösen Geist zu hören, und fängt seine Beschwörung an. Sie aber sagt: »Wozu beschwörst du mich? Ich bin eine getaufte Seele wie du.« Da ließ man sie hinein. Sie bat die Mönche um ein paar Körbe Glaskraut, das erhielt sie und zog andern Morgens nach der Stadt des Kranken, wo alle Häuser mit Schwarz bekleidet waren.
Als sie vor den Palast kam, wollten die Wächter sie, die noch immer als Hirt gekleidet war, nicht hereinlassen, aber der Kaiser gab Befehl, den Hirten zu ihm zu führen. Wie sie vor dem Kaiser stand, bat sie ihn, alle Aerzte fortzuschicken, denn in zwei Tagen wolle sie den Kranken heilen. Der Kaiser, welcher schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, ließ den Hirten nach seinem Willen schalten und walten und befahl den Dienern, ihm in allen Stücken zur Hand zu sein. Die verkleidete Königin ließ einen Mörser herbeischaffen, stampfte das Kraut darin und sammelte den Saft in ein Gefäß. Darauf ging sie zu dem Kranken, bestrich ihn damit, und wo sie ihn bestrich, blutete es nicht mehr und die Wunden schlossen sich. Das that sie den ganzen Tag, bis der Jüngling ganz heil war. Als der Kaiser kam, übergab sie ihm seinen Sohn, der schöner denn zuvor war. Aber die Schätze, die der Kaiser bot, wollte sie nicht, und nur den Ring, den ihr der Genesene gab als Andenken an seine wunderbare Heilung, den nahm sie, verabschiedete sich und ging auf und davon.
Sie hatte Eile, nach Hause zu kommen, und ging jetzt selbst, anstatt der untreuen Dienerin, die Milch zu holen, schüttete sie in das goldene Becken und warf wie gewöhnlich die drei Kugeln hinein. Der Königssohn erschien auch diesmal, wollte sie aber in seinem Zorn zerschmettern. Sie warf sich ihm zu Füßen und rief: »Was willst du? Ich habe keine Schuld. Deine Retterin bin ich. Siehe dies Zeichen!« Dabei hielt sie ihm den Ring entgegen. Da wurde seine Seele ruhig, und wie sie ihm die Geschichte erzählte, und was sie von den Teufeln gehört, und wie sie das Kraut geholt und ihn geheilt habe, beschloß er, sie zu seiner Gemahlin zu machen. Er eilte nach Hause, seinen Vater zu bitten, und der gewährte mit Freuden alles. So gingen sie vereint, die Königin abzuholen, worauf sie in ihr Land zurückkehrten, um die Hochzeit alsbald mit großer Pracht zu feiern. Die böse Magd aber mußte ihr Leben lassen.

[Italien: Waldemar Kaden: Unter den Olivenbäumen. Süditalienische Volksmärchen]

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