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Märchenbasar

Gut und Böse…

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Zur Zeit der Uralten gab es zwei „Welten“ – die obere gehörte den Uralten, die untere wurde von dem großen Ungeheuer beherrscht. In der unteren Welt gab es nur völlige Dunkelheit, auch nicht ein Funken Licht war dort vorhanden. In der oberen Welt des Lichtes lebten die Uralten, die wie Menschen waren.

Einst geschah es, daß eine Frau, deren Leib schwer war, ihre Zeit gekommen fühlte. Erschöpft ließ sie sich auf einer Matte nieder, die ihr die Verwandten ausgebreitet hatten. Mit einem Male jedoch versank sie, immer tiefer verschwand sie in der dunklen Erde und fiel schließlich in die untere Welt.

Das große Ungeheuer, das aussah wie eine gehörnte Schlange, sah das Wesen aus der oberen Welt fallen und rief sogleich alle Bewohner der unteren Welt zusammen. Sie sollten an der Stelle stehen, an der die Frau niederfallen mußte. Immer noch fiel die Frau durch das Nichts, das die beiden Welten trennte. Als alle Wesen der Dunkelheit versammelt waren, beschlossen sie, einen von ihnen in die große Tiefe zu senden, um eine Handvoll jenes Erdbodens zu holen, aus dem die Welt gemacht war. Immer noch fiel die Frau durch das Nichts, das zwischen der oberen und der unteren Welt war.

Als die Erde gebracht war, bot sich Große Schildkröte an, die Welt auf ihrem gewaltigen Rücken zu tragen, damit alles bereitet sei für die fallende Frau der Uralten. So kam es, daß die Frau auf die weiche Erde fiel, die auf dem Rücken der Großen Schildkröte ausgebreitet lag. Sogleich begann die Schildkröte zu wachsen, und unermeßlich groß wurde ihr Rücken. Kurz darauf gab die Frau zwei Jungen das Leben, während sie selbst starb, kaum daß die Kinder geboren waren. Bei der Geburt aber hatte sich eine böse Absicht in den Körper des einen Jungen begeben, während der zweite Junge einen guten Geist erhielt.

Kaum hatten sich die Brüder zurechtgefunden, da begannen sie bereits zu streiten, denn Guter Geist versuchte immer wieder seinen Bruder Böser Geist von seinen Untaten zurückzuhalten. Guter Geist beschieß, die dunkle Welt müsse Licht haben, damit die Ungeheuer, vor allem die Gehörnte Schlange, vertrieben würden. Böser Geist aber wollte davon nichts wissen, sondern behauptete, daß die Welt ohne Licht viel besser sei.

Guter Geist jedoch ließ sich nicht beirren, sondern formte aus dem Körper der toten Mutter die Sonne, den Mond und die Sterne. Der Kopf der Frau wurde die Sonne, noch heute hat sie die Herrschaft über alles Licht, so wie der Kopf über den Körper gesetzt ist. Wo aber das Licht erschien, da verkrochen sich die Ungeheuer der unteren Welt und verschwanden in den tiefsten Tiefen, dorthin, wo selbst das Licht sie nicht erreichen kann.

Nachdem Guter Geist der Welt so das Licht gegeben hatte, das aus dem Körper der Mutter stammte, die zu den Uralten gehörte, beschloß er, die Erde wohnlicher zu machen. Jene Insel, die der Rücken der welttragenden Schildkröte war, sollte bereitet werden für die Menschen, die nach ihm kommen sollten. So schuf er Flüsse und Bäche, Felsen und Berge, Wiesen und Wälder und gab jedem Tier und jeder Pflanze einen Platz in seiner Schöpfung. Auch zwei Menschen schuf er, einen Mann und eine Frau, und blies ihnen in die Nasenlöcher, damit sie zu atmen begännen wie die übrigen Geschöpfe auch.

Diese beiden Wesen nannte er Ea-gwe-howe, das heißt „echte Menschen“, zum Unterschied von den Uralten, die in der oberen Welt wohnen. Den beiden Menschen aber gab er die Weltinsel auf dem Rücken der Großen Schildkröte und setzte sie ein als Wächter über alle Kreatur, denn den Menschen ist das Gut dieser Welt nur anvertraut, bis Guter Geist es ihnen eines Tages wieder abverlangt und sie Rechenschaft geben müssen über seine Berge, Wälder und Flüsse, seine Pflanzen und Tiere. Donner wurde bestellt, die Erde mit seinem Regen zu bewässern, damit Menschen, Tiere und Pflanzen gedeihen sollten. Den Sternen jedoch trug Guter Geist auf, Tage und Nächte, Jahreszeiten und Monate zu regeln und Sonne und Mond zu unterweisen, wann sie zu erscheinen hätten.

Böser Geist hatte unterdessen seine eigene Schöpfung begonnen. Hohe Berge hatte er den Flüssen in den Weg gelegt und Bäche über Felshänge geleitet, von denen sie brausend in die Tiefe sausten, um klatschend auf den Felsen zu zerschellen. Schlangen und Kröten und allerlei Ungeziefer hatte er erschaffen nach dem Vorbild jener Ungeheuer, die das Licht vertrieben hatte. Nur viel kleiner waren diese Geschöpfe geworden, denn Guter Geist sollte nichts merken von dieser Tätigkeit. Daher trug Böser Geist seinen Kreaturen auf, sich zu verstecken unter Steinen und Klippen, damit Guter Geist sie nicht gewahr würde.

Auch zwei Menschen versuchte Böser Geist zu erschaffen, aber so sehr er sich auch mühte, er konnte ihnen kein Leben einblasen, denn Böser Geist hatte nicht die Kraft, Menschenseelen zu erschaffen. Als Guter Geist sah, was sein Bruder tat, half er ihm und hauchte den beiden Gestalten Leben ein. „Da ihr vom Bösen kommt, sollt ihr ihm gehören“, sprach er, und seit dieser Zeit ist das Böse auf der Welt. Aber selbst das Böse ist ein Teil des Guten, denn Guter Geist hatte der Schöpfung seines Bruders von seinem Atem gegeben.

Böser Geist aber ruhte nicht, sondern sann auf Rache, denn er konnte es nicht verwinden, daß sein Bruder mächtiger war. Daher fing er alle Tiere, sperrte sie in eine Schlucht und ließ auch nicht ein Wesen zurück, das den echten Menschen hätte nützlich sein können. Mühsam ernährten sich diese von Pflanzen. Aber Guter Geist merkte, was geschehen war und warum die Menschen Hunger litten. Da befreite er die Tiere und forderte seinen Bruder auf, fortan nicht mehr allein über die Erde zu schweifen.

Schließlich jedoch begannen die beiden ungleichen Brüder Streit. Lange Zeit kämpften sie miteinander, aber am Ende siegte Guter Geist über seinen bösen Bruder. Böser Geist versank in die Tiefe, dorthin, wo sich die Ungeheuer versteckt halten, während Guter Geist die Erde wieder herrichtete. Böser Geist aber kehrt von Zeit zu Zeit zurück auf die Erde, um die Menschen zu erschrecken, denn Gut und Böse sind Zwillinge, Kinder einer Mutter, und jedes von ihnen hat seinen Platz in der Welt.

(Märchen der Irokesen)

 

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