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Märchenbasar

Hase “Manni” am Nordpol

Fern im Hoppelland stand in der Hoppelstadt das Hoppeldorf, in dem Hase Manni alleine in seinem kleinen Häuschen wohnte. Von seinem Fenster aus hatte er den Blick auf das schöne Löffelgebirge, vor seinem Häuschen die gepflegte Wiese, und rundherum den großen Wald. Seine vielen Nachbarn mit ihren Hasenkindern mochten Manni nicht, weil er stets brummig und unzufrieden war. Manchmal hatten die kleinen Hasen Angst vor ihm, wenn er mit ihnen schimpfte, und einen Grund dafür fand Manni immer. Entweder spielten sie zu laut oder lachten zu viel, kurz gesagt: Manni war ein Brummelhase, der mit niemanden etwas zu tun haben wollte.
Die Hasenmänner gaben sich große Mühe, Manni in ihre Mitte zu holen. Sie luden ihn zum Kartenspiel oder zum Fußballgucken ein, doch Manni lehnte ab und vergrub sich in seinem Häuschen.
Doch seine Osterarbeit übte er gewissenhaft aus. In seinem Schuppen stand sein altes Fahrrad mit einer kleinen Karre hintendran, damit holte er die Eier, die er dann zuhause bunt anmalte. Die Nacht vor Ostersonntag war Manni stets unterwegs, um die Eier für die Kinder zu verstecken. Ob bei Wind, Regen oder Schnee, machte Manni seine Arbeit gut.

Kurz vor Weihnachten erhielt er einen Brief vom Nikolaus, der ihn um Hilfe bat. Da er schon sehr alt war, könne er Mannis Unterstützung gebrauchen.
Der Nikolaus würde ihn von einem Schlitten mit vier Rentieren abholen lassen.
Manni überlegte, warum der Nikolaus ausgerechnet ihn um Hilfe bat, da er doch nicht gerade freundlich zu seinen Nachbarn war. Aber Manni verwarf diesen Gedanken und sagte dem Nikolaus seine Hilfe zu, außerdem käme ein wenig Abwechselung in sein einsames Hasenleben.

Der Tag kam schnell, an dem Manni sich auf die Reise zum Nordpol machen musste. Seine Winterbekleidung sollte ihn vor der Kälte schützen, außerdem ein dicker Schal und seine Pfotenschuhe.
Oh, der Manni war aufgeregt, denn noch nie ist er auf einem Schlitten durch die Luft gesaust, noch nie hatte er das Hoppelland von oben gesehen. Er ruhte ein wenig, schlafen war unmöglich.
Mitten in der Nacht landete der Rentierschlitten, den der Knecht vom Nikolaus steuerte. Obwohl Manni weiche Knie hatte, setzte er sich mutig in den Schlitten, der sofort abhob.
Weil es stockfinster war, konnte er vom Hasenland nur die Lichter sehen. Aber das war ihm so egal, denn Manni ging es gar nicht gut.
Der Schlitten fuhr rasend schnell, der Wind war eisig kalt und so stark, dass er ihm die Ohren an seinen Kopf drückte. Manni sehnte sich nach seinem warmen Bett, zumal der Schneefall so stark einsetzte, dass er nichts mehr erkennen konnte.
Irgendwann musste Manni eingeschlafen sein. Von der tiefen Stimme des Nikolaus wurde er geweckt: ”Herzlich Willkommen am Nordpol, Manni!”, begrüßte er den Hasen und lachte so sehr, dass sein dicker Bauch dabei wackelte.
Zuerst wurden die Rentiere mit Futter und Wasser versorgt, danach gingen alle gemeinsam in die warme Stube und setzten sich um einen großen Tisch, der reichlich gedeckt war.
Der Nikolaus forderte Manni auf, sich satt zu essen und wenn er wolle, könne er sich von seiner anstrengenden Reise erholen, und morgen werde er ihm alles zeigen und erklären.
Manni nahm das Angebot dankbar an, denn er hatte ein großes Schlafbedürfnis.
Aus dem Fenster seiner Schlafkammer sah er, wie hoch der Schnee lag, der Mond schien ganz hell und die Sterne blinkten.
Ein paar Schneehasen versuchten, durch den schweren Schnee zu hoppeln und Manni konnte nicht glauben, dass er wirklich am Nordpol war.

Am Abend legten sich alle zur Ruhe; auch die Rentiere waren froh, wieder auf wärmendem Decken in ihrem Stall zu liegen.
Früh am Morgen weckte der Nikolaus seine Köchin, seine Arbeiter und natürlich auch Manni. Am großen Tisch sprach er zu ihm: “Wenn wir uns gestärkt haben, werde ich dir alles zeigen, damit du weißt, was wir hier am Nordpol zu arbeiten haben!”
Anschließend machte der Nikolaus mit Manni den versprochenen Rundgang und zeigte ihm seine großen Werkshallen. Manni staunte über das helle Licht, welches von den Sternen kam, alles hier war leuchtend und glitzernd bunt. Er sah nur in kleine freundliche Gesichter, die Arbeit beim Nikolaus machte ihnen wohl viel Freude.
Der Nikolaus nahm Manni an seiner Pfote und führte ihn in die erste große Halle.
“Sieh Manni, hier wird das Holz angeliefert und geschnitten, bevor es in die zweite Halle gebracht wird.”
Manni hätte nicht gedacht, dass so viele Arbeiter für den Nikolaus wirken und schaffen. Mit Eifer, Schweiß und guter Laune machten sie ihre Arbeit.
In der zweiten Halle wurde das Holz nach Maß gesägt, um anschließend zu Spielzeugen für die Kinder zusammengebaut zu werden.
In der dritten Halle saßen Engel, die mit zierlichen Händen und feinen Pinseln das fertige Spielzeug anmalten. Dann zeigte der Nikolaus dem Manni seine Puppenhalle.
“Viele kleine Mädchen wünschten sich zu Weihnachten ein Püppchen, in schönen Kleidern mit Haaren und Schühchen.” Der Nikolaus erklärte weiter: ”Die Engelhaare, die vom Himmel fallen, geben wir unseren Puppen, deshalb sehen sie so wunderschön aus.”
Manni hatte die ganze Zeit über kein Wort gesprochen, nicht eine Frage gestellt, weil das, was er hier sah, ihm die Sprache verschlug.
“So Manni, jetzt gehen wir in meine letzte Halle, da werden die Wunschzettel der Kinder gelesen und die Geschenke verpackt.”
Zum ersten Mal dachte Manni an die Hasenkinder im Hoppeldorf; so viele Spielsachen in einer Halle hätten ihnen auch Freude bereitet. Bei diesem Gedanken wurde Manni warm ums Herz.
Nun wurde es Zeit, an die Arbeit zu gehen.
Manni durfte in der Halle, in der gesägt, geschraubt und gehämmert wurde, arbeiten und er stellte sich gar nicht dumm an, obwohl er noch nie eine Säge oder anderes Werkzeug in seinen Pfoten gehalten hatte. Eifrig war Manni bei der Arbeit. Er werkelte, dabei tropfte Schweiß von seinen langen Ohren.
Der Nikolaus beobachtete ihn mit einem Lächeln und nickte zufrieden.
Ein hell klingendes Glöckchen läutete den Feierabend ein. Alle Arbeiter legten ihr Werkzeug beiseite und machten sich auf den Weg ins Haus.
Manni war nach dem ersten Arbeitstag völlig erschöpft. Er wollte ein wenig essen und danach nur noch schlafen.

Beim Frühstück des nächsten Morgen sagte der Nikolaus zu Manni: ”Wenn wir unsere Arbeit erledigt haben, nehme ich dich mit, die Geschenke an die Kinder verteilen.”
“Oh oh, schon wieder Rentierschlitten fliegen?”, dachte Manni, aber er wollte dem Nikolaus nicht widersprechen.
Je länger Manni beim Nikolaus arbeitete, desto mehr Spaß hatte er daran. Aus dem brummigen Hasen wurde ein lustiges Kerlchen, das mit seinen Kollegen scherzte und immer einen Witz auf seinen Hasenlippen hatte.

Nun war der Tag gekommen, an dem die Nikolaussäcke auf den Schlitten gepackt werden mussten. Diese Arbeit wollte der Nikolaus mit seinem Knecht alleine machen, weil die Säcke prallgefüllt mit Spielzeug waren. Manni wollte zeigen, dass auch er stark war, nahm sich einen Sack auf die Schulter und versank tief im Schnee. An seinen langen Ohren zog der Nikolaus ihn wieder raus und nun stand Manni ganz weiß und nass da.
“Manni, jetzt bist du ein Schneehase, nun kannst du hier am Nordpol bleiben!”
Sie sahen sich an und lachten herzhaft. Es dunkelte bereits, als der letzte Sack auf den Schlitten gehievt wurde. Der Nikolaus gab Manni Schneestiefel, den dicken Schal und die Pfotenschuhe. Dann ging es los.
Schneeflocken tanzten auf seiner Nase. Er sah die Welt in einem weißen Kleid und fand plötzlich Gefallen am Schlittenfliegen. Der Nikolaus machte Manni auf das erste Ziel aufmerksam: “Da unten müssen wir hin! Das ist eine Kinderklinik, in der schwerkranke Kinder behandelt werden und denen machen wir heute eine Freude!”
Der Rentierschlitten setzte genau vor dem Eingang auf. Der Nikolaus nahm zwei Säcke vom Schlitten und stapfte mit Manni zum Eingang. Diejenigen, die laufen konnten, kamen ihnen entgegen, umfassten den Nikolaus und strahlten ihn aus glänzenden Augen an. Denen gab er zuerst ihre Geschenke, bevor er mit Manni in die Krankenzimmer ging.
Was mag der einst bummelige Manni wohl gefühlt haben, als er die armen Kleinen sah? Einige saßen im Rollstuhl und konnten nicht gehen, andere lagen in ihren Bettchen. Sie konnten sich nicht bewegen, aber alle strahlten aus ihren Augen. Zu jedem einzelnen Kind ging der Nikolaus, streichelte ihnen über den Kopf und gab ihnen die Geschenke.
“Siehst du Manni, wie viel Leid es auf der Erde gibt?”
Doch Manni gab keine Antwort. Als der Nikolaus sich nach ihm umdrehen wollte, stellte er fest, dass Manni bereits das Krankenzimmer verlassen hatte. Später sah er ihn auf der Treppe sitzen. Als der Nikolaus sich zu ihm herunterbeugte, stellte er fest, dass Manni weinte. Der Nikolaus fragte ihn nichts, sondern ließ ihn in Ruhe. Wortlos stapften sie wieder zum Rentierschlitten und flogen zu ihrem nächsten Ziel.
Manni fand seine Sprache wieder und fragte: ”Wo sind wir jetzt?”
“Wir gehen nun ins Kinderheim und wenn wir damit fertig sind, fliege ich dich wieder nach Hause!”
Manni überlegte und fragte nach: ”Was ist ein Kinderheim?”
Der Nikolaus versuchte es Manni zu erklären: ”Ein Kinderheim ist ein Haus, in dem Kinder leben, die keine Eltern mehr haben, oder deren Eltern keine Zeit für sie haben!”
Manni verstand nicht, warum der Nikolaus ihm so viel Leid zeigte, aber diesen letzten Gang musste er noch schaffen. Für die vielen Kinder nahm der Nikolaus die letzten drei Säcke vom Schlitten und trug sie nacheinander ins Haus. An dem Fenster standen die Kleinen winkend und warteten auf den Nikolaus. Manni sah sie auf nackten Füßchen und in dünnen Hemdchen auf den Fluren stehen, dieser Anblick trieb ihm die Tränen in die Augen.
Die Kinder waren so glücklich über die Geschenke, dass sie fragten: “Nikolaus kommst du morgen wieder?”
Er sah sie mitleidig an und antwortete: ”Das kann ich doch nicht, ich darf euch nur einmal im Jahr besuchen, aber das Christkind kommt ja bald.”
Damit konnte der Nikolaus die Kleinen ein wenig trösten, dann gingen die beiden wieder hinaus. Draußen musste Manni den Nikolaus doch fragen: “Sag mir, warum du mir solch arme Kinder zeigen musstest, sollte ich deshalb zu dir kommen?”
Der Nikolaus sah Manni tief in die Augen und sprach: “Ja, denn ich habe dich immer beobachtet und mich gefragt, warum du so unfreundlich und brummig mit deinen netten Nachbarn umgehst. Einmal solltest du sehen, welch großes Leid es auf unserer Erde gibt. Und trotzdem strahlen Augen, obwohl sie eher weinen müssten. Diese Erfahrung solltest du mit in dein Leben nehmen, denn du bist eigentlich ein ganz netter Kerl. Du musst es nur wollen!”
Manni wurde nachdenklich und bemerkte nicht, dass der Rentierschlitten bereits wieder mit ihnen davonflog. Nun war der Nikolaus gespannt darauf, was Manni bei ihm gelernt hatte, er würde ihn jedenfalls weiter beobachten.

Nach einer langen und kalten Reise ist Manni wieder in Hoppeldorf gelandet Die Hasenkinder tollten im Schnee und riefen: ”Mama, Papa, der Brummel-Manni ist wieder da!”
Aber dieser Manni war wie ausgewechselt. Er ging auf die Kleinen zu, streichelte ihnen die langen Ohren, gab deren Eltern freundlich die Pfote und fragte: “Habt ihr heute Abend vielleicht Lust auf ein Kartenspielchen?”
Die Hasenmänner wussten nicht, was geschehen war. Ganz verdutzt sagten sie: “Heute Abend läuft Fußball im Fernsehen, der 1. FC Hasenbein gegen Wacker- Hoppelstadt, das wollen wir auf jeden Fall nicht verpassen, aber du kannst ja mit uns gucken!”
Manni freute sich über die gute Nachbarschaft, die er schon längst hätte haben können.
Beim Fußball kam richtige Stimmung auf, als der alte Claas in die Runde fragte: “Männer was machen wir denn, wenn noch einmal ein Brummelhase ins Hoppeldorf zieht?”
Alles sahen Manni an, doch der hatte die richtige Antwort parat: “Den jagen wir zum Teufel!”
Alle Hasenmänner lachten und gaben sich die Fünf.
Von dem Tag an waren alle Freunde und ein Brummelhase hätte keinen Platz im Hoppeldorf gefunden.

© Cilia Bless