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Märchenbasar

Kolja und das Wolkenschiff

Irgendwo in einem Winkel des großen und weiten russischen Reiches lebte ein Bauer mit seiner Frau und seinen drei Söhnen. Sie bewohnten einen kleinen armseligen Bauernhof und besaßen kaum mehr Federvieh, als die jämmerliche Kate an Platz zu bieten vermochte. Das wertvollste im ganzen Hause waren zwei Dinge: ein schwerer kupferner Samovar, in dem ständig Teewasser summte und brodelte. Dann war da der niedrige Ofen aus roten Ziegelsteinen, auf dem es sich in den langen Wintermonaten, während sibirische Kälte das Land beherrschte, gut faulenzen ließ. Gerade mit dem Nichtstun hielt es unser Bauer. Den ganzen Winter über dehnte und streckte er sich auf der warmen Ofenbank. Und von dort kam er nur weg, wenn er sich einen ordentlichen Schluck aus der dickbauchigen Branntweinflasche genehmigte, oder mit dem selbstgeschnitzten hölzernen Löffel laut und vernehmlich die tägliche Kohlsuppe schlürfte. So hielt er es in der kalten Jahreszeit.*** Wenn dann endlich die linden Frühlingslüfte über die endlos Steppe wehten, war er des Faulenzens so müde, daß er sich den kurzen Sommer über im weichen, duftenden Grase erholen mußte. Nun, das Bäuerlein konnte sich so ein Lotterleben leisten. Er hatte ja eine kreuzbrave Frau, die alle häuslichen Arbeiten verrichtete, den Hühnern Futter streute und selbst das kleine Feld bestellte. Die beiden ältesten Söhne waren nicht besser als der Vater. Im Gegenteil, sie taten es dem Bauern gleich; schlechte Beispiele verderben eben gute Sitten. Im übrigen hielten sich die beiden Söhne für schrecklich klug und bildeten sich bald ein, das Gras wachsen zu hören. Den jüngeren Bruder hingegen nannten sie einen Tölpel. Der junge Kolja hatte es zu Hause nicht allzu gut. Die überschlauen Brüder wurden von der Mutter stets verwöhnt. Sie bekamen die besten Bissen von ihr vorgesetzt und durften sich neben dem Vater auf der Ofenbank rekeln. Nur für den armen Kolja gab es keinen ruhigen Winkel und keinerlei Leckerbissen. Eines Tages kamen aus der fernen Kreisstadt berittene Boten des Großfürsten Igor auf den Bauernhof. Der Großfürst war ein gar mächtiger Mann, der als Steuereintreiber dem Herrscher aller Russen, dem Zaren, unterstand. Doch Väterchen Zar war weit, Igor und seine Trabanten schalteten und walteten so unerbittlich, wie sie es wollten. „He!“ schrien die Männer des Großfürsten bei ihrem Eintritt in die Stube. „Setzt ein großes Glas Branntwein vor. Wir wollen euch dafür gute Nachrichten bringen.“ „Eure Nachrichten kenne ich!“ rief der Bauer vom Ofen her. „Natürlich will der Großfürst wieder einmal Geld von mir haben. Doch bei mir gibt es diesmal nichts zu holen. Die Ernte war schlecht, die Hühner legen nicht…“ „Du redest zu viel!“ entgegnete unmutig einer der Boten. „Sagten wir nicht, daß wir gute Nachrichten bringen? Erweise uns also Gastfreundschaft, und du wirst es nicht bereuen.“ Die Bäuerin, die von Natur aus neugierig war, holte rasch eine Flasche Branntwein, ein rundes schwarzes Brot und eingemachte Essiggürkchen herbei. „Laßt es euch wohl sein“, sagte sie freundlich, während sie alles auf den Tisch stellte, „doch vergeßt dabei eure Neuigkeiten nicht!“ „Ihr habt doch drei Söhne“, meinte einer der Gesellen. „Zwei!“ rief der Bauer wieder vom Ofen her und wies auf die beiden faulenzenden Burschen. „Drei!“ grollte es unter der Ofenbank. Dabei sprang der junge Kolja hervor und setzte sich flugs an den Tisch. „Streitet euch nicht, hört lieber gut zu!“ brummte der Sprecher. „Der Großfürst will seine Tochter Fenja verheiraten. Es muß natürlich ein schmucker Bursche sein.“ „Meine beiden Ältesten sind gar nicht übel“, kicherte die Bäuerin verschmitzt. „Und da es ihrer zwei sind, hat der Großfürst sogar die Auswahl.“ „Auswahl hat er genug!“ entgegnete einer der Boten lachend. „Auch in den Kreisen des Adels fehlt es nicht an Jünglingen. Auf den Richtigen kommt es an.“ Und ein Zweiter setzte hinzu: „Nur der bekommt die schöne Fenja zur Frau, die mit einem Schiff, das fliegen kann, zur Hochzeit kommt. Wenn das einer eurer Söhne kann, dann…“ „Ein Schiff, das nicht im Wasser fährt, sondern durch die Wolken segelt…“, rief die Bäuerin entsetzt, bekreuzigte sich hastig, und die Söhnen rissen Maul und Augen weit auf. Der Bauer aber schimpfte: „Ihr Nichtsnutz! Ihr Schwätzer! Macht, daß ihr aus dem Hause kommt! Ein Schiff, das fliegt…So etwas gibt es nicht und wird es niemals geben!“ Wütend wälzte er sich auf seinem warmen Plätzchen auf die andere Seite und zeigte seinen Gästen zum Abschied recht unhöflich seine Rückseite. Von diesem Tage an ließen die beiden älteren Söhne der Mutter keine Ruhe mehr. Sie jammerten von früh bis spät, daß auch sie, gleich den vielen anderen jungen Burschen des Umkreises, auf Brautschau zum Großfürsten wollten. Schließlich wurde der Bauer des ewigen Lamentierens satt. Er gab den beiden den Segen. Die Mutter packte ihnen das Ränzlein voll mit Brot und Speck, vergaß auch ein Fläschchen Branntwein nicht, und eines Morgens marschierten die beiden Brüder ins Abenteuer hinein. Viele Monate mochten sie schon fort sein. Nie wieder hat man von ihnen gehört. Die Eltern hatten sich damit abgefunden, daß ihre Söhne nie mehr zurückkehren würden. Da begann Kolja den Vater zu quälen: „Es ist wohl an der Zeit, daß ich mich auf den Weg mache, um die schöne Fenja zu freien.“ „Du, Narr!“ polterte der Bauer. „Was deinen klugen Brüdern nicht gelungen ist, wie willst du das schaffen!“ „Kannst du vielleicht ein Wolkenschiff bauen?“ höhnte die Mutter. „Das nicht“, gab Kolja seelenruhig zu. „Doch kommt Zeit, kommt Rat. Schon mancher ist mitr leeren Taschen ausgezogen und mit vollem Beutel heimgekehrt.“ So stritten sie noch eine Weile, doch Kolja war weder zu bekehren noch zu belehren. Da packte die Mutter auch ihm sein Ränzel. Viel tat sie zwar nicht hinein, nur einen Kanten alten Brotes, eine abgewetzte Speckschwarte und eine Flasche mit abgesandtem Ziegeltee. Und Kolja zog quitschvergnügt in die Welt hinaus.

Nicht weit vom Heimatdorfe begegnete ihm ein uralter Mann mit einem schneeweißen Bart. „Sei gegrüßt, Väterchen!“ rief ihm Kolja freundlich zu. „Traurig ist’s, wenn man in deinem Alter noch auf der Landstraße umherirren muß.“ „Der eine muß dies, der andere jenes“, brummte der Alte versonnen. „Und wo treibt es dich hin, junger Freund?“ „Des Großfürsten Töchterlein will ich mir anschauen“, meinte Kolja grinsend. „Und wenn diese Fenja wirklich so hübsch ist, wie man es sich erzählt, werde ich sie vom Fleck weg heiraten. Ist sie aber häßlich oder zänkisch, mag sie ein anderer nehmen; mich schert es dann nicht.“ „Kennst du die Bedingung nicht?“ fragte der Greis. „Wenn du diese diese fliegende Brautkutsche meinst“, lächelte Kolja abfällig, „so sag ich dir, Väterchen, ein Schiff, das durch die Wolken segelt, gibt es überhaupt nicht.“ „Auch heute noch geschehen Wunder“, widersprach der Alte. „Und der Großfürst wird schon wissen, was er will, dafür ist er schließlich Großfürst.“ „Dabei schielte der Alte gierig nach dem Ränzel und barmte: „Wie wär es, du würdest mich zu einem kleinen Imbiß einladen?“ „Lieber nicht“, entgegnete Kolja zögernd. Mein Brotkanten ist steinhart, und du könntest dir deinen letzten Zahn ausbeißen. Die Speckschwarte ist ranzig und dürfte dir schwer im Magen liegenbleiben. Nicht einmal ein Tröpfchen Schnaps könnte ich dir anbieten.“ „Gönnst du einem alten Mann nichts von deiner Wegzehrung?“ brummte der Alte verdrießlich. So hatte es der gutherzige Kolja natürlich nicht gemeint. Schnell öffnete er seine Wandertasche und potztausend“ Er traute seinen Augen nicht, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Da liegt ja ein schneeweißes Weizenbrot…Ein halbes Mastferkelchen…und aus der Flasche duftete gar köstlicher Kornschnaps!“ Glückstrahlend redete er auf den Alten ein: „Setzt dich ins Gras, Väterchen“ Laß uns schmausen und alle Kümmernisse vergessen.“ Während sie nun mit vollen Backen kauten, erzählte der Greis: „Vor Jahresfrist kamen hier zwei Burschen vorbei. Die boten mir auf meine Bitte statt eines Bisses aus ihrem Ränzel harte Prügel mit Stecken an. Ihre Hartherzigkeit wird ihnen keinen Segen gebracht haben. Du jedoch, Kolja, sollst nicht mit leeren Händen ausgehen.“ Nach diesen geheimnisvollen Worten wies ihm der Greis den Weg in einen nahen Wald und sprach: „Du wirst dort ein diamantenes Beil finden. Hebe es auf, und es wird dich zu einer hohen Eiche geleiten. Mit sieben harten Schlägen mußt du sie fällen, dann aber darfst du dich niederlegen und schlafen.“ „Und dann?“ fragte Kolja neugierig. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, erwiderte der Alte lächelnd. „So wird es auch an dir liegen, ob du eines Tages die schöne Fenja dein eigen nennen wirst oder nicht.“ Damit nahm er grußlos seinen Marsch auf der Landstraße wieder auf. Kolja aber wanderte dem Walde zu. Dicht war das Gehölz, die schwarzgrünen Wipfel der Bäume schienen einander zu umschlingen und verbargen das Himmelszelt vor seinen Augen. Keine Lichtung war zu sehen, nur das geheimnisvolle Rauschen der Blätter erfüllte die Luft. Plötzlich leuchtete eine prächtige diamantene Axt vor ihm auf. „Ei!“ frohlockte da Kolja. „Der brave Alte wußte schon, was er sagte. Doch den bestimmten Baum unter den Tausenden seinesgleichen zu finden, wird wohl schwer halten.“ Kaum hatte er jedoch die Axt in seiner Hand, da zog es ihn auch schon zu einer riesigen Eiche hin. Die Schneide richte sich von selbst gegen den Stamm, und jetzt hieb er mit seinen Bärenkräften mächtig drauf los. Und beim siebenten Streich stürzte der gewaltige Baum mit einem Donnergetöse zu Boden. „Allzu schwer war es zwar nicht mit diesem Zauberbeil“, gestand sich Kolja ehrlich ein. „Ein Mittagsschläfchen könnte mir bestimmt aber nicht schaden.“ Er legte sich aufs weiche Moos und war auch schon fest eingeschlafen. Er wußte nicht, wie lange er geruht hatte, da weckte ihn eine Stimme: „He! Kamerad, willst du nicht endlich aufstehen, um die Fahrt ins Glück zu wagen!“

Verschlafen rieb sich Kolja die Augen. Je mehr er aber um sich schaute, desto mehr Erstaunen bewältigte ihn. Der gefällte Baumriese ware spurlos verschwunden, dafür stand ein wunderbares Schiff, ein großer Dreimaster mit blauseidenen Segeln – mitten Im Walde. Das Holz des Schiffes funkelte so rot wie der Schein der untergehenden Abendsonne, und ringsum war es mit goldenen und silbernen Beschlägen verziert. Und an den Mastspitzen flatterten lustige Wimpel im Winde. Kolja ging bewundernd um das Schiff herum. „Schade“, murmelte er vor sich hin, „daß es nicht im Wasser liegt. Ich möchte sonst schon gern eine kleine Spazierfahrt wagen.“ „Rede nicht so viel, Kamerad. Steig lieber ein!“ befahl erneut die geheimnisvolle Stimme, die Kolja als die des alten Mannes wiederzuerkennen vermeinte. Kühn kletterte der junge Bursche auf Deck. Viel Herrliches gab es da zu sehen, doch am schönsten schien ihm die kleine Kommandobrücke. Kaum hatte er jedoch das große Steuerrad nur ein wenig berührt, da erhob sich das Schiff in die Lüfte. Bald flog es unter den Wolken, bald segelte es in das Wolkenmeer hinein. Es glitt langsam dahin, es brauste wie der Sturmwind davon. Es flog geradeaus, seitwärts und im Zickzack. Es tat alles so gehorsam, wie es Kolja sich wünschte. Der Bursche brauchte nur das Steuerrad in der jeweils gewollten Richtung zu drehen. „Jetzt wird des Großfürsten Töchterlein mein!“ jubelte Kolja und wünschte sich, recht bald in ihrer Nähe zu sein. Sofort drehte das Wolkenschiff in eine ganz bestimmte Richtung. Unter sich sah der Segler die weite Steppe und da und dort ein Gehöft, und auf einmal winkte von der Landstraße her ein gar seltsamer Geselle zu Kolja hinauf. „Wer bist du denn?“ fragte er den andern neugierig. „Du hüpfst schneller auf einem Bein, als selbst mein Schifflein zu fliegen vermag. Doch sag, warum hast du dir dein zweites Bein so närrisch auf den Rücken gebunden?“ Der Eilige da drunten aber rief zu Kolja empor:

„Springer Hüpfer nennt man mich,
schaff’s auf einem Fuß.
Geht der zweite auch mit mir,
saus’ ich wie ein Schuß.
Mit dem Schifflein will ich fliegen,
bin ja einer von den sieben!“

Weiß zwar nicht, was ich mit so einem Schnellfüßler, wie du es bist, anfangen soll“, brummte Kolja. „Auch verstehe ich nicht, von welchen Sieben du da redest. Da du aber so gern mitkommen möchtest, wäre es sicher nicht recht, dir eine Bitte abzuschlagen.“ Er lenkt das Schiff zur Erde. Springer Hüpfer stieg ein, und hui! ging es wieder hinein ins Wolkenmeer. Als sie eine Weile geflogen waren, sahen sie auf der Landstraße einen Kerl liegen. Der horchte mit dem linken Ohr den Erdboden ab und winkte mit der rechten Hand zu Kolja hinauf. „Neugieriger Kerl!“ rief der Wolkenschiffer tadelnd. „Lauschst du etwa an fremder Leute Türen?“ „Du wiest dich beeilen müssen, wenn du zu den Festlichkeiten am Hofe des Großfürsten zurecht kommen willst“, kam es als Antwort zurück. „Ich höre von hier aus, welch ein Jubel dort herrscht.“ „Scheinst ein tüchtiger Kamerad zu sein“, lobte ihn Kolja, steuerte sein Schiff zur Erde und fragte: „Wer bist du überhaupt!“ Horcher Lauscher nennt man mich“, stellte sich der Bursche vor und erzählte, daß er jedes Sterbenswörtchen im weitesten Umkreis zu hören vermöge und daher Kolja eines Tages bestimmt von Nutzen sein würde. Und da er sehr nett bat, mitgenommen zu werden und sich ebenfalls brüstete, einer der rätselhaften Sieben zu sein, durfte er auch mitfliegen. Sie mochten noch keine zehn Werst über die Steppe geflogen sein, da sahen die drei einen Burschen mit einer Armbrust. Der zielte und zielte, dabei war weit und breit kein jagdbares Getier zu sehen. „Was willst du denn schießen, du komischer Kauz?“ fragte Kolja, sein Wolkenschiff zur Erde lenkend. „Du kannst es mit deinen Augen nicht sehen. Für mich gibt es jedoch kein Ziel, wäre es auch noch so weit, daß ich mit meinem Bogen verfehlen könnte.“ – Auch dieser Bursche nannte sich einer von den Sieben, und da er auch sehr eindringlich bat, durfte der Schütze Zieler auch mit fahren. Nun kam das Wolkenschiff über einen See. Drunten aber rannte ein Mann immerzu um das Gewässer herum und suchte, als hätte er den gestrigen Tag verloren. Kolja steuerte an ihn heran und fragte: „Was ist los mit dir, Kamerad?“ „Als ober der See nicht genug Wasser hätte, um deinen Bauch zum Platzen zu bringen“, meinte Kolja kopfschüttelnd. „Die wenigen Tröpfchen!“ jammerte der seltsame Kerl. „Bedenke bitte, alle Welt nennt mich Trinker Saufaus, denn selbst ein Meer würde in meinem Bauch wie im Sande versiegen.“ „Sage nur, daß du auch einer von den Sieben bist“, murmelte Kolja lächelnd. Und als der andere bestätigte, lud ihn der Wolkenschiffer belustigt zur Mitfahrt ein. Kaum waren sie wieder aufgestiegen, da wurde ein riesiger Kerl sichtbar, der sich mit einem gewaltigen Sack voller duftender Brote abbuckelte. „Wo treibt es dich hin?“ fragte Kolja hinunter. „Ich gehe mir mein erstes Frühstück zusammensuchen!“ grollte der Bursche, sich den Schweiß von der Stirne trocknend. „Du Vielfraß!“ lachte Kolja. „Deine Last erdrückt dich schier, doch du scheinst den Magen nicht vollbekommen zu können.“ „Von einem winzigen Bissen kann ein braver Mann wie ich natürlich nicht satt werden“, verwahrte sich der Brotschlepper. „Wißt ihr denn nicht, wer ich bin?

„Esser Schlinger nennt man mich!
Hungrig bin ich, matt.
Kornkammern im ganzen Land
machen mich nicht satt.
Mit dem Schifflein laß mich fliegen,
bin ja einer von den Sieben!“

So hatte Kolja schon fünf Mann als Besatzung. Zwei aber fehlten immer noch, wenn das Verslein stimmen sollte. Es dauerte aber gar nicht lange, da sahen sie im prallen Sonnenschein einen Burschen, der in einem dicken Pelz mit einer Fellmütze und warmen Fausthandschuhen einherging. In einem Arm hatte er einen Bündel Stroh geklemmt und bibberte so vor Kälte, daß es einem schon kalt über den Rücken laufen konnte, wenn man ihn nur ansah. Auch ihn fragte Kolja recht verwundert: „Was bist du für ein seltsamer Bursche? Wir hier verschmachten bald in der prallen Sonne, doch du tust, als wärest du Väterchen Frost persönlich.“ Zähneklappernd kam es zurück: „Eiszapfen-Streuer nennt mich alle Welt. Doch glaube nur nicht, daß ich ein Nichtsnutz sei. In meinem Strohbündel schleppe ich bittere Kälte mit mir, wie es sich für einen von den Sieben gebührt.“ Du scheinst zwar ein großer Schwätzer zu sein, doch da die Sonne gar zu prall auf uns niederscheint, könntest du uns ein wenig erfrischen“, meinte Kolja gutmütig. Und so konnte auch der Eiszapfenstreuer mitfahren. Nun fehlte nur noch einer. Da sahen sie aber unten auf der Landstraße einen gar stattlichen Burschen. Nur etwas paßte nicht zu ihm, statt Heldentaten zu vollbringen, sammelte er dürre Zeiglein vom Erdboden auf. „So einer wie du sollte besser Bäume ausreißen!“ rief ihm Kolja zu. „Was weißt du von meiner Arbeit!“ schrie der Kerl ärgerlich zurück. „Wenn ich, der Reisigsammler, es befehle, wird jedes Zweiglein zu einem tapferen Soldaten. Und wenn es sein muß, habe ich im Handumdrehen ein ganzes Regiment beisammen.“ „Ich sehe schon, du bist der letzte der Sieben, doch deshalb sicher nicht der schlechteste der Gesellschaft!“ versuchte der Herr des Wolkenschiffes zu begütigen. Und um seine Entschuldigung wahr zu machen, lud er auch diesen zur Mitfahrt ein. Zufrieden nahm der Reisigsammler Platz. Jetzt ließ sich Kolja durch nichts mehr aufhalten. Auch pustete der Wind vergnügt in die seidenen Segel des prächtigen Schiffes, und so landeten sie schließlich vor dem Palast des Großherzogs Igor. Sofort erschien die Palastwache mit ihren mächtigen Tscherkessensäbeln auf den Plan. Ein jeder der Bewaffneten dachte, daß dem Zauberschiff ein gar vornehmer Herr entsteigen würde. Wie bitter enttäuschte waren sie, als die fürchterlich zerlumpten Gestalten das Schiff verließen. Schweigen breitete sich aus. „Führe mich zum Großfürsten!“ rief Kolja dem Hauptmann der Palastwache zu. „Ich habe wichtige Geschäfte mit ihm zu besprechen.“ „Unser allergnädigster Herr hält gerade sein Mittagsschläfchen“, brummte ausweichend der Anführer. „Man darf ihn da nicht stören.“ „Lüg’ nicht!“ schrie ihn Kolja drohend an. „Wer lügt, der stiehlt auch. Und wer stiehlt landet im Kerker. Warte nur, wenn ich erst die schöne Fenja geheiratet habe, werde ich dich sofort in den Turm sperren lassen!“ „Bis jetzt bestimme ich noch hier!“ rief eine zornige Stimme dazwischen. Es war der Großfürst, den das Geschrei und seine Neugier nicht im Palast gelitten hatten. „Ich höre es nicht nur aus deinen Worten, sondern sehe es auch an den feinen Gewändern, daß du der allgewaltige Igor bist“, besänftigte Kolja. „Aber warst du es nicht, der mich durch seine Boten eingeladen hat? Das fliegende Schiff habe ich auch gleich mitgebracht, und jetzt werde ich mit deinem hübschen Töchterlein ein Glas gutgesüßten Tee trinken.“ „Warte auf deinem Schiff, bis das Wasser im Samowar siedet“, antwortete der Großfürst ausweichend. „Auch muß sich meine Fenja erst für dich schön machen.“ Kolja runzelte die Stirne kraus, er wollte jedoch keinen Streit anfangen und so zog er sich mit seinen Gesellen auf das Schiff zurück. Der Großfürst aber klagte seinem Minister: „Das Wolkenschiff ist zwar noch schöner, als ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe. Doch so einem dummen Bauernlümmel kann ich unmöglich mein Töchterlein zur Frau geben.“ „Versprochen ist versprochen!“ widersprach der Minister, der sich stets an die Buchstaben eines Gesetzes hielt. „Denk dir doch eine neue Aufgabe für diesen Burschen aus“, jammerte Igor, „aber eine solche, die er nicht erfüllen kann.“ Der Minister dachte angestrengt nach, daß ihm bald der Kopf brummte. Dann aber rief er: „Ich hab’s!“ Und er setzte dem wortbrüchigen Großfürsten einen trefflichen Plan auseinander.

Horcher Lauscher war war während der ganzen Zeit nicht müßig geblieben, sondern hatte vom Schiff aus die Unterhaltung im Palast mitangehört. „Es steht schlecht um die Heirat!“ berichtete er Kolja und seinen Kumpanen. „Der Großfürst will dir seine Tochter nur zur Frau geben, wenn du ihm ein Krüglein voll mit Wasser des Ewigen Lebens bringst.“ Und traurig setzte der Lauscher hinzu: „Doch welcher Sterbliche könnte das Lebenswasser finden!“ „Es entspringt eine Quelle fast am Ende der Welt“, meldete sich Hüpfer Springer. „Für mich ist das nur ein Katzensprung, und bis zum Abend bin ich bestimmt zurück.“ Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte er sich auf den Weg. Als nun der Minister an Bord des Schiffes erschien und die gestellte Aufgabe vortrug, lächelte Kolja freundlich und sprach: „Sage deinem Herrn, daß bis zum Abend sein Wunsch erfüllt sein wird.“ Die Stunden vergingen, die goldene Sonne begann sich bereits dem Horizonte zuzuneigen, doch von Springer Hüpfer war weit und breit nichts zu sehen. Ungeduldig spazierte da der junge Kolja an Bord des Schiffes auf und ab. Horcher Lauscher versuchte ihn zu trösten: „Ich habe noch gegen Mittag gehört, wie unser Schnellläufer das Krüglein an der Quelle bis zum Rande füllte.“ Erneut legte er das Ohr auf die Planken des Schiffes, doch entsetzt schrie er diesmal auf: „O weh! Unser Freund scheint des Laufens müde geworden zu sein. Auf jeden Fall hält er ein Schläfchen. Ganz deutlich höre ich sein Schnarchen.“ „Dem werde ich schon Beine machen!“ mischte sich Schütze Zieler ein. Er lugte scharf in die Ferne, legte seine Armbrust an, setzte den Pfeil vor die Sehne, nickte kurz und schoß ab. „Springer Hüpfer hat geniest“, jubelte der hellhörige Lauscher. „Mein Pfeil ist ihm auch dicht über die Nasenspitze geflitzt“, meinte der Scharfschütze recht gewichtig. Er deckte den Blick mit den Fingern seiner rechten Hand gegen die Sonne ab und berichtete selbstzufrieden: „Jetzt rast er sogar auf zwei Beinen…wird wohl gleich hier sein.“ Als Kolja dem Großfürsten durch Hüpfer Springer das Krüglein mit dem Lebenswasser überbringen ließ, war der allgewichtige Igor zwar recht zufrieden, doch sein Töchterlein mochte er damit noch keineswegs in der Gesellschaft einer solchen zerlumpten Kumpanei sehen. Wer beriet sich erneut mit seinem Minister und sagte dann zu dem Schnellläufer: „Melde deinem Kolja, daß er erst noch eine Probe bestehen muß. Ich werde euch hundert Fässer Kwaß, also mein bestes Dünnbier schicken, dazu noch hundert Pud kräftiger Kornbrote. Das alles muß in einer Stunde verzehrt sein. Gelingt es, ist es gut, sonst kann sich euer Kolja mein Töchterlein aus dem Kopf schlagen.“ Traurig berichtete der Schnelläufer die neue Forderung des Großfürsten an Bord des Schiffes. Esser Schlinger und Trinker Saufaus aber fielen sich glückstrahlend in die Arme und riefen wie aus einem Munde: „Wenn Saufaus und Fraß bloß schon da wären…Mich hungert!…Mich dürstet!“ Und wie die beiden noch am Stöhnen waren, wurden von den Knechten des Fürsten schon die Fässer mit dem würzigen Kwaß an Bord gerollt und die Körbe mit den Broten herangeschleppt. Doch ehe Kolja und seine Gesellen auch nur ein Wort hätten sagen können, hatte der Trinker alle Fässer mit einem Zuge geleert und der Schlinger die vielen Brote mit einem Happs verzehrt. Der Großfürst hatte vom Fenster aus gesehen, wie sein herrlicher Kwaß und die Berge von Broten im Handumdrehen verzehrt wurden. Wütend herrschte er seine Minister an, daß dessen Ratschläge keinen Pappenstiel wert seien. Und die Mutter des Fürsten, ein gar böses Weib, zeterte: „Ihr Männer redet immer schrecklich viel, aber Schlaues kommt dabei niemals heraus. Überlaßt jetzt mir diesen Bauerntölpel. Ich will ihm so einheizen, daß ihm die Lust nach meinem Enkelkinde vergeht.“ Sie ging alsdann zu dem Mädchen und fragte ganz scheinheilig: „Ich habe gesehen, mein Täubchen, wie du dir den Hals nach dem Wolkenschiff ausrenkst. Dir gefällt wohl dieses Bürschlein Kolja recht gut, was?“ „Warum nicht“, entgegnete Fenja. Er ist ein hübscher Bursche und er hat die gestellten Aufgaben erfüllt. Wenn der erst einmal in schöne Kleider steckt, vermag er es mit jedem anderen Freier aufnehmen.“ „Mag sein“, murmelte die Alte zwischen den Zähnen. „Doch ein tüchtiges Schwitzbad tut ihm Not, damit ein sauberer Kittel ihm nicht auf der Haut kleben bleibt.“ Den Vorschlag fand auch die arglose Fenja gar nicht übel. Und sie freute sich, als ihr die Großmutter erlaubte, zu Kolja zu gehen, um ihm zu sagen, daß ein Bad für ihn gerichtet sei.

Als Fenja das Wolkenschiff betrat, rief der Bauernbursche bewundernd aus: „Bei allen Heiligen, bist du aber schön!“ „Du gefällst mir auch ganz gut“, gab Fenja unumwunden zu. „Und wenn du erst ein ordentliches Bad genommen hast, soll unserer Heirat nichts im Wege stehen.“ „Baden!“ murmelte Kolja verstimmt. „Gewohnt bin ich’s nicht, doch wenn du es verlangst, schöne Fenitschka, muß ich es wohl tun.“ – Und die beiden schieden in guter Freundschaft. Als Kolja am nächsten Tage das Badehaus betrat, verschlug es ihm bald den Atem, so stark hatte die Mutter des Großfürsten einheizen lassen. Immer kochendere Dämpfe erfüllten den Raum, die Wände und den Boden begannen vor Hitze zu glühen. Immer mehr Holz warf der Bademeister draußen in den Ofen, der bereits zu bersten drohte. „Ich vergehe!“ jammerte Kolja. „Das überlebe ich nicht!“ Da stand plötzlich der Strohverteiler neben ihm und beruhigte ihn: „Ahnte ich es doch, daß du mich gebrauchen würdest. Keine Bange! Das werden wir gleich haben.“ Und er breitete überall im Schwitzhaus seine eisigen Strohhalme aus, hauchte mit seinem frostklirrenden Atem die glühenden Wände an, bis es im Bade nicht wärmer und nicht kälter war, als es Kolja behagte. „Mit dem Bauernlümmel ist kein Fertigwerden!“ klagte da die Mutter beim Großfürsten. „Hole deine Minister herbei, auf daß wir erneut beraten, wie wir jenen Tölpel loswerden könnten.“ Doch auch Kolja war seines Lebens nicht froh. „Kameraden“, sprach er zu seinen Getreuen, „aus dieser Hochzeit wird nichts! Diese falsche Fenja wollte mich wie eine Heuschrecke rösten.“ !So ein scheinheiliges Ding!…So schön und so verlogen!…Trau einer den Weibsleuten!“ schimpften die Burschen. „Wenn ich ordentlich Ausschau halte, entdecke ich bestimmt noch viel hübschere Mädchen, als diese Fenja! Magst du denn heiraten, Kolja“, versuchte Schütze Zieler zu trösten. „Das sagst du so“, jammerte Kolja. „Etwas Schöneres als diese Fenitschka gibt es bestimmt nicht noch einmal auf dieser Welt.“ So lieb hatte er sie bereits gewonnen. „Die arme Fenja hat überhaupt keine Schuld!“ rief plötzlich Horcher Lauscher. „Ich habe wohl gehört, daß die Alte etwas von „einheizen“ erzählte, aber ich vermute nichts Arges dahinter. Nein, Kolja, die liebenswürdige Fenja hatte diesen teuflischen Plan Gedanken nicht.“ Da strahlte der arme Bauernbursche über das ganze Gesicht. Der Frohsinn sollte ihn doch wieder schnell verlassen, denn Horcher Lauscher flüstere plötzlich recht verzagt: „Die hecken am Schloß neue Pläne aus. Soldaten wollen sie gegen uns einsetzen. Dich, Kolja, wollen sie gefangennehmen und in die Verbannung schicken. Das Wolkenschiff gehört dann dem Großfürsten.“
Da bekam Kolja einen fürchterlichen Schreck, doch rasch faßte er sich wieder und rief: „Kameraden, bis jetzt seid ihr mir treu zur Seite gestanden. Wißt ihr jetzt auch noch einen Ausweg?“ „Ich habe nur noch zwei Pfeile in meinem Köcher“, entschuldigte sich der mit der Armbrust, „damit kann man aber kein Fürstenregiment in die Flucht schlagen.“ „Und ich bin kein Menschenfresser!“ erklärte der ewig hungrige Schlinger, „darum kann ich auch keinen Soldaten verschlingen.“ Selbst von der ärgsten sibirischen Kälte laufen russische Bataillone nicht weg“, grübelte der bibbernde Stromverteiler. „Ich höre schon den Marschschritt der Regimenter!“ jammerte Horcher Lauscher. Ein: „Rette sich wer kann!“ hatte schon der arme Kolja auf den Lippen. Da begehrte der Reisigschlepper auf: „was jammert ihr, wo ihr einen Burschen wie mich mitgenommen habt! Wenn es soweit ist, werde ich euch zeigen, was ich vermag.“ Da verließ alle Besorgnis die Burschen im Wolkenschiff. Ja, sie wurden sogar sehr fröhlich, schwätzten und sangen, als ob sie bereits das Hochzeitsfest vorfeierten. Großfürst Igor aber zog mit einer ganzen Kompanie Soldaten zum Schiffe und rief nun drohend hinauf. „He, ihr da oben! Ergebt euch sofort und liefert mit euren Anführer, diesen Bauernlümmel, aus!“ „Meinst du etwa mit dem Lümmel mich?“ fragte Kolja großspurig. „Merke dir eins, Großfürst, gefangenhalten kann man nur einen, den man bereits hat.“ „Siehst du nicht meine Soldaten?“ kam es drohend zurück. „Die paar Hanswürste zählen nicht“, lachte Kolja. „Warte nur, wenn ich erst meine Truppen Aufstellung nehmen lasse.“ „Truppen? Deine schäbigen Nichtstuer!“ polterte Großfürst Igor. „Mit den Jammergestalten werden wir schnell fertig sein.“ Der Reisigschlepper, der kein Freund von vielen Worten war, warf zornig einige Zweiglein auf das Feld hinunter. Kaum berührten nun die Äste den Erdboden, verwandelten sie sich sofort in schwer bewaffnete Krieger. Und immer mehr Zweige fielen zur Erde hinab, und immer mehr Krieger zu Fuß und zu Pferd stellten sich in Kampflinie auf. Da begann der Großfürst zu zetern. „Pfui! Wie feige! Ich komme mit einigen friedfertigen Leutchen. Und du, Kolja, fährst ein ganzes Regiment gegen mich auf.“ „Mir scheint eher, du weißt nicht, was sich gehört, Großfürst!“ entgegnete Kolja ärgerlich. „Sonst würdest du nämlich wissen, daß man das, was man verspricht, auch halten muß. Hast du nicht verkünden lassen, wenn einer mit einem Wolkenschiff käme, könne er deine Tochter heiraten? Doch was hast du mir alles angestellt!“ „Das war ich nicht!“ jammerte der Fürst. „Mein Minister ist eben ein sehr schlechter Ratgeber. Wenn du willst, kann ich ihn ja fortschicken.“ „Und die Geschichte mit dem Schwitzbad?“ hielt ihm Kolja vor. „Das war auch nicht meine Schuld“, verteidigte sich Fürst Igor. „Fenjas Großmutter kommt manchmal auf dumme Gedanken.“ „Streiten wir nicht!“ fiel ihm Kolja ins Wort. „Ich will nur wissen, ob ich endlich mein Täubchen Fenja bekomme?“ „Als ob ich nicht mit meinen Soldaten nur gekommen wäre, um dich würdig ins Schloß zu geleiten“, meinte der Großfürst unterwürfig.

So endete das Wortspiel zwischen dem Großfürsten Igor und dem Bauernsohn Kolja. Der aber stieg nun zufrieden von seinem wunderschönen Wolkenschiff auf die Wiese hinunter. Der Trompeter, der Krieger des Reisigsammlers, bliesen zum friedlich Rückzug. Die Soldaten des Großfürsten bildeten Spalier, und unter den Klängen schmetternder Militärmusik zog man hinüber ins Schloß. Dort begann sofort reges Treiben. Man rüstete für die Hochzeit, die mit fürsterlicher Pracht gefeiert werden sollte. Der Minister tat Kolja gegenüber sehr freundlich. Der Alte war schließlich Diplomat und richtete sich stets danach, woher der Wind wehte. Fenjas Großmutter erzählte überall herum, daß sie von Anfang an für die Heirat der beiden gewesen sei; so falsch war das schlimme Weib. Die schöne Fenja aber flog dem glücklichen Kolja stürmisch um den Hals. Viel hatten die beiden sich zu erzählen. Plötzlich legten sich aber Schatten der Trauer über ihr liebliches Gesicht, und sie klagte: „Während wir uns unseres Glücks erfreuen, schmachten hunderte hundert Gefangene im tiefen Burgverlies, die wie du ausgezogen waren, um mich zum Altar zu führen.“ Als Kolja sie verwundert anschaute, vetraute sie ihm an, daß jene Burschen, weil sie kein fliegendes Schiff besaßen, zur Strafe in den festen Turm geworfen worden waren. Da eilte der Bauernbursche zu dem Großfürsten und verlangte den Schlüssel zum Kerker. Fürst Igor wollte jedoch nichts von einer Befreiung wissen und grinste hinterlistig: „Sie sollen ja gar nicht mehr lange im düsteren Verließ schmachten. Schon morgen dürfen sie als Leibeigne draußen auf meinen Feldern arbeiten und…“ „Das eine wie das andere ist bittere Sklaverei!“ fiel Kolja dem Fürsten ins Wort. Doch als auch der Minister gegen ihn auftreten wollte, schimpfte der Bauernbursche recht grimmig: „Ihr habt geglaubt, daß es keiner Menschenseele gelingen würde, mit einem fliegenden Schiff anzukommen. Aus den Brautwerbern wolltet ihr dann Leibeigne machen. Hätte ich es nicht geschafft, noch viele Unglückliche wären wahrscheinlich nach mir gekommen.“ Dabei fielen ihm die Worte des alten Mannes der Landstraße ein, und er wiederholte: „Doch auch in unserem Mütterchen Rußland geschehen noch Wunder!“ Die hundert Gefangenen begrüßten ihren Befreier mit dankbaren Freuderufen. Der Bauernbursche vermochte sich kaum vor vielen Händedrücken und begeisterten Umarmungen zu retten. Zwei der ausgehungerten Gestalten aber fragten unter Tränen: „Sage, Kolja, kennst du mich nicht mehr?“ Es waren seine Brüder, die vor ihm ausgezogen waren, deren Hartherzigkeit ihnen aber den Weg zum Sieg versperrt hatte. Jetzt aber war es nicht an der Zeit, über vergangene Fehler zu sprechen. Nun wandte sich Kolja wieder den befreiten Gefangenen zu. Freundlich lud er sie zur Hochzeit ein und meinte schließlich: „Keiner von euch soll eher in sein Dorf zurückkehren, als bis er sich wieder rund und gesund gefuttert hat!“ Zu seinen Brüdern aber sprach er: „Wie wäre es, wenn ihr mit dem Wolkenschiff unsere Eltern holtet!“ Freudig gingen da die beiden an Bord. Die seidenen Segel begannen sich lustig im Wind zu blähen, und auf ging die Fahrt. Doch alsbald erschien das Schiff wieder am Horizont. Die Brüder stiegen aus und berichteten: „Sie kommen nicht! Vater wollte nicht von der warmen Ofenbank herunter, und Mutter muß daheim bleiben, um ihm das Essen zu kochen. Auch meinten beide, es wäre besser, sie kämen nicht hierher. Beim Großfürsten verbleibt es doch nicht ohne Steuereintreibung.“ Nun aber wurde Hochzeit gehalten. Die Feier wurde zum Volksfest, denn so ein Wolkenschiff, wie es Großfürst Igor nun besaß, hatte nicht einmal Väterchen Zar, und der hatte bestimmt Dinge in seiner Schatzkammer wie kein zweiter auf dem Erdenrund. So waren alle glücklich und zufrieden; man schlürfte heißen Tee, erhob so manches Glas Branntwein auf dies und jenes, sang zu den fröhlichen Klängen der Balalaika. Die sieben seltsamen Gestalten hielten natürlich wacker mit, am glücklichsten aber waren Kolja und seine Fenja-Fenitschka.

Märchen aus Rußland