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Märchenbasar

Lineik und Laufey

In alter Zeit regierte ein König mit seiner Königin über ein großes, gewaltiges Reich. Wie sie hießen, wird nicht erwähnt; sie hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, welche zur Zeit dieser Erzählung beide schon erwachsen waren. Der Sohn hieß Sigurd und die Tochter Lineik; sie waren beide durch Geist und körperliche Geschicklichkeit ausgezeichnet, so daß man kaum ihres Gleichen finden konnte, so weit man auch darnach suchen mochte. Sie liebten einander so innig, daß das Eine nicht ohne das Andere sein konnte, und darum ließ der König ihnen ein großes und prächtiges Haus erbauen und gab ihnen so viele Diener und Dienerinnen, als sie nöthig hatten.
So verging die Zeit, ohne daß sich etwas Besonderes zutrug, bis die Königin einmal schwer krank wurde. Da ließ dieselbe den König zu sich rufen und sagte zu ihm, sie glaube, daß sie an dieser Krankheit sterben werde.
»Um zwei Dinge«, sagte die Königin, »will ich Dich bitten, bevor ich sterbe, und ich hoffe, daß Du dieselben beherzigen wirst; erstens, daß Du Dir, falls Du Dich wieder verheirathen willst, Deine Gemalin nicht an kleinen Orten oder auf abgelegenen Inseln suchest, sondern in großen Städten oder volkreichen Ländern; es wird Dir dies Glück bringen; zweitens, daß Du Dein ganzes Sinnen darauf legest, auf unsere Kinder Acht zu haben; sie werden Dir, denke ich, von allen Menschen am meisten Freude bereiten auf dieser Welt.«
Nachdem die Königin dies gesprochen hatte, starb sie. Dem Könige ging ihr Tod so sehr zu Herzen, daß er alle seine Regierungsgeschäfte vernachlässigte. Nach Verlauf einiger Zeit trat eines Tages der erste Minister vor den König und erklärte ihm, daß es dem Lande von Schaden sei, wenn er sich noch länger nicht um die Regierung bekümmere und fortwährend um die Königin trauere, und »es ist königlicher«, sagte der Minister, »sich aufzuraffen und seinen Kummer zu unterdrücken; seht Euch um eine andere Partie um, welche Eurer würdig ist.«
»Das ist eine schwierige Sache«, antwortete der König; »da aber Du es bist, der mir diesen Rath gibt, so ist es am Besten, daß auch Du die Ehre und Mühe auf Dich nimmst; ich überlasse es daher Dir, mir ein Weib zu suchen, das meiner würdig ist; nur die eine Bedingung stelle ich, daß Du sie nicht von kleinen Ortschaften oder abgelegenen Inseln holest.«
Hierauf wurde Alles für die Reise vorbereitet; der König gab seinem Minister die beste Ausrüstung und ein prächtiges Reisegefolge mit und derselbe segelte nun alsbald mit seiner Begleitung ab.
Als sie eine Strecke weit den beabsichtigten Curs eingehalten hatten, erhob sich ein so dichter Nebel, daß sie nicht mehr wußten, wo sie waren. Einen ganzen Monat lang irrten sie so auf dem Meere umher, bis sie endlich ein Land vor sich liegen sahen, welches sie nicht kannten. Sie fanden hier einen guten Hafen, verließen das Schiff und schlugen Zelte auf. Da aber kein Mensch zu sehen war, glaubten sie, daß es eine öde Insel sei.
Während die Leute sich ausruhten, begab sich der Minister allein landeinwärts; er war nicht weit gegangen, als er ein so schönes Saitenspiel vernahm, wie er ein solches früher nie gehört hatte. Er ging dem Laute nach, bis er zu einem offenen Platze im Walde kam; hier sah er auf einem Stuhl ein Weib sitzen, welches so reizend und vornehm aussah, daß er glaubte, früher niemals eine solche Schönheit gesehen zu haben; sie spielte so schön auf einer Harfe, daß es eine Wonne war, ihr zuzuhören; zu ihren Füßen aber saß ein liebliches junges Mädchen, welches zu dem Spiele sang. Der Minister grüßte das Weib sehr höflich und dieses erhob sich und erwiederte den Gruß mit großer Freundlichkeit. Sie fragte den Minister um das Ziel und den Zweck seiner Reise und dieser erzählte ihr hierauf Alles was sich zugetragen hatte.
»Auch mir ist es so ergangen wie Eurem Könige«, sagte das Weib; »ich war verheirathet mit einem angesehenen Könige, der über dieses Land herrschte; aber Vikinger kamen und erschlugen ihn und unterwarfen sich das Land; ich aber entfloh heimlich mit diesem Mädchen, welches meine Tochter ist.«
Als das Mädchen diese Worte hörte, sagte es:
»Sprichst Du jetzt die Wahrheit?«
Da gab das Weib dem Mädchen einen Schlag in’s Gesicht und sagte:
»Vergiß nicht, was Du versprochen hast.«
Der Minister fragte das Weib, wie es heiße. Sie heiße Blauvör, erhielt er zur Antwort, ihre Tochter aber, sagte sie, heiße Laufey.
Der Minister sprach nun eine Zeitlang mit dem Weibe und er merkte bald, daß dasselbe sehr verständig und gebildet sei. Da dachte er bei sich selbst, daß er wohl kaum öfter eine so gute Gelegenheit finden würde, seinem Könige eine Gemalin zu verschaffen, als jetzt, und hielt deshalb im Namen des Königs um Blauvör’s Hand an. Seine Werbung wurde auch ohne Weiteres angenommen und Blauvör sagte, daß sie sogleich bereit sei, mit ihm zu reisen; »denn ich habe alle meine Kostbarkeiten bei mir«, sagte sie, »und ich brauche kein anderes Gefolge mit auf die Reise als Laufey, meine Tochter.«
Blauvör und Laufey begaben sich alsbald mit dem Minister nach dem Strande; die Zelte wurden abgebrochen, man bestieg die Schiffe, spannte die Segel auf und fuhr von dannen.
Nun war der Nebel verschwunden und es zeigte sich, daß das Land nur eine öde, mit vielen Klippen umgebene Scheere war; aber Niemand achtete weiter darauf. Sie bekamen guten, starken Fahrwind, und als sie sechs Tage lang gesegelt waren, sahen sie Land vor sich und konnten auch bald die Hauptstadt ihres Königs erkennen. Sie warfen sogleich die Anker aus und gingen an’s Land.
Der Minister sandte einen Boten in die Stadt, um dem König seine Ankunft zu melden; dieser war darüber sehr erfreut, zog seine besten Staatskleider an und begab sich mit einem prächtigen Gefolge nach dem Strande, um seine Braut zu empfangen.
Auf dem halben Wege zu den Schiffen kam ihm schon der Minister entgegen, der an jeder Hand ein Weib führte – beide schön gekleidet und auf das Prächtigste geschmückt. Als der König diese Pracht und diesen Glanz sah, war er ganz außer sich vor Freude, und als er erfuhr, daß die Aeltere seine Braut sei, dünkte er sich in den Himmel versetzt, denn diese war die Schönere.
Er begrüßte den Minister, wie Mutter und Tochter auf das Freundlichste und vergaß in seiner Freude ganz zu fragen, aus welchem Lande die Braut sei. Er führte die beiden Weiber in die Stadt und ließ prächtige Wohnräume für sie herstellen. Hierauf wurde ein großartiges Hochzeitsfest veranstaltet, zu welchem die vornehmsten Männer des Reiches Einladungen erhielten; ob aber auch die beiden Kinder des Königs, Sigurd und Lineik eingeladen wurden, davon wird nichts berichtet; sie hatten auch Blauvör noch gar nicht kennen gelernt, denn der König hatte ganz auf sie vergessen; er dachte an nichts Anderes, als bei seiner zukünftigen Königin zu sitzen und mit ihr zu plaudern.
Die Hochzeit wurde in Lust und Herrlichkeit gefeiert und als das Fest vorüber war, wurden Alle reichlich beschenkt in ihre Heimat entlassen; der König aber oblag nun mit aller Muße den Regierungsgeschäften in seinem Reiche.
So verging einige Zeit, ohne daß sich etwas Bemerkenswerthes ereignete. Die Königin half dem Könige bei seinen Regierungsgeschäften; doch dauerte es nicht lange, so wollten die Leute wissen, daß es dabei nicht ganz richtig zugehe. Die Königin wollte ihren Willen haben und sich in alle Angelegenheiten mischen und der König sah nun bald ein, daß er mit dieser Heirath keine so gute Partie gemacht habe, als er anfangs glaubte. Um die beiden Geschwister Sigurd und Lineik kümmerte sich die Königin gar nicht; sie kamen auch nie zu ihr, sondern blieben lieber Tag und Nacht in ihrem eigenen Hause.
Nicht lange nachdem die Königin mit ihrem Gemal sich in die Regierung des Reiches getheilt hatte, fiel es auf, daß von den Hofleuten einer nach dem andern verschwand, ohne daß Jemand begreifen konnte, was aus denselben geworden sei. Der König machte sich jedoch keine Gedanken darüber, sondern nahm sich an Stelle der verschwundenen Hofleute neue auf; und so blieb es einige Zeit hindurch.
Eines Tages aber sagte die Königin zum Könige, daß es nun wohl an der Zeit sei, im Reiche herumzureisen und die Schatzung zu erheben. »Ich werde schon für die Regierung Sorge tragen, während Du fort bist«, sagte sie.
Der König hatte keine große Lust zu dieser Reise, da er aber fast gar keinen eigenen Willen besaß, mußte er seiner Königin gehorchen; sie war es, welche das Commando führte, und ging nicht Alles nach ihrem Kopfe, so war sie unausstehlich.
Der König rüstete also einige Schiffe für seine Reise aus, war aber sehr traurig. Als Alles für die Abreise vorbereitet war, begab er sich in das Haus seiner Kinder. Da gab es gar freudige Begrüßung zwischen Vater und Kindern; nach einer Weile aber seufzte der König und sagte:
»Wenn ich von dieser Reise nicht mehr zurückkehren sollte, so fürchte ich, daß Ihr hier nicht länger sicher sein werdet; ich rathe Euch daher heimlich zu entfliehen, sobald Ihr die Hoffnung auf meine Rückkehr verloren habt. Geht in der Richtung gegen Osten; Ihr werdet dann bald zu einem hohen und steilen Berge kommen; wenn Ihr über denselben gestiegen seid, werdet Ihr auf eine lange Bucht stoßen. Am Ende dieser Bucht stehen zwei Bäume; der eine von ihnen ist grün, der andere roth. Sie sind im Innern hohl und so eingerichtet, daß man sie verschließen kann, ohne daß es von außen bemerkbar ist. Geht jedes in einen dieser Bäume hinein, dann kann Euch nichts geschehen.«
Der König nahm hierauf Abschied von seinen Kindern und ging mit schwerem Sinne fort. Er bestieg sein Schiff, ließ die Segel aufspannen und fuhr fort. Nachdem er eine kurze Strecke weit gesegelt war, entstand ein solches Unwetter, daß Alle den Muth verloren; zugleich mit dem Sturme rasten Blitz und Donner so fürchterlich, daß Niemand sich erinnerte, je solche Schrecken erlebt zu haben. Es braucht nicht erst erzählt zu werden, daß sämmtliche Schiffe zu Grunde gingen und der König mit allen seinen Leuten umkam.
In derselben Nacht, in welcher der König umkam, träumte Prinz Sigurd, daß sein Vater in triefend nassen Kleidern in’s Haus kam, die Krone vom Haupte nahm und dieselbe zu seinen Füßen niederlegte, worauf er wieder schweigend das Haus verließ.
Er erzählte Lineik seinen Traum und sie ahnten sogleich, was derselbe zu bedeuten habe; sie machten sich zur Reise bereit, rafften ihre Kleinode und Kleider zusammen und verließen heimlich und ohne Begleiter die Stadt, wie ihr Vater ihnen gerathen hatte.
Als sie bei dem Berge angelangt waren, blickten sie zurück; da sahen sie, wie die Stiefmutter ihnen folgte; dieselbe hatte ein so schreckliches Aussehen, daß es ihnen schien, als gleiche sie eher einer Riesin als einem Menschenweibe. Am unteren Abhang des Berges lag ein großer Wald, den sie bereits durchschritten hatten; sie kamen daher auf den Gedanken, denselben in Brand zu stecken; bald stand er auch in hellen Flammen, so daß Blauvör nicht vorwärts kommen konnte.
Mit großer Beschwerde kamen sie endlich über den Berg und fanden die Bucht mit den Bäumen, von denen ihr Vater gesprochen hatte. Sie krochen jedes in einen der beiden Bäume und es traf sich so gut, daß sie zu einander hinüber sehen und sich die Zeit mit Plaudern vertreiben konnten.
Nun wendet sich die Geschichte anderen Begebenheiten zu.
Zu dieser Zeit regierte in Griechenland ein mächtiger und berühmter König, dessen Name nicht mehr bekannt ist; derselbe hatte mit seiner Königin zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, deren Namen ebenfalls nicht überliefert sind. Diese beiden Kinder waren so reich mit körperlichen und geistigen Vorzügen begabt, daß sich zu jener Zeit nur Wenige fanden, die man mit ihnen hätte vergleichen können.
Als der Königssohn in die männlichen Jahre gekommen war, unternahm er Kriegszüge, um sich Ruhm und Vermögen zu erwerben; er brachte auf diese Art mehrere Sommer in der Fremde zu; während des Winters aber blieb er daheim in Griechenland.
Auf seinen Kriegszügen hatte er oft erzählen hören, wie sich Prinzessin Lineik durch ihre Schönheit und ihre sonstigen Eigenschaften vor allen übrigen Weibern auszeichne; er beschloß deshalb, dieselbe aufzusuchen und um ihre Hand anzuhalten.
Als er sich dem Lande näherte, wußte die zauberkundige Blauvör bereits von seinem Kommen und seiner Absicht; sie und ihre Tochter legten daher ihre prächtigsten Kleider an und gingen hinab zum Strande um den Prinzen zu empfangen.
Dieser begrüßte sie höflich und fragte sie, was sich im Lande Merkwürdiges zugetragen habe.
Da erzählte ihm die Königin weinend und jammernd, daß ihr Mann mit allen seinen Begleitern auf dem Meere umgekommen sei, als er fort segelte, um in seinen Ländern die Schatzung einzuheben. Sie könne sich von dem Kummer über diesen Verlust nicht erholen.
Aber nun fragte der Prinz, wo Lineik sei.
Ja, das sei das junge Mädchen, welches sie da an der Hand führe, antwortete die Königin.
Der Prinz schien über diesen Bescheid nicht übermäßig erfreut zu sein; er hätte sich dieselbe schöner vorgestellt, bemerkte er.
Man brauche sich nicht zu verwundern, wenn sie den Kopf hängen lasse und etwas bleiche Wangen habe, meinte die Königin; sei sie doch von dem doppelten Kummer betroffen worden, Vater und Bruder auf Ein Mal zu verlieren.
Darin habe die Königin Recht, fand der Prinz, und so trug er denn seine Werbung vor.
Es kann sich wohl Jeder leicht denken, daß er kein »Nein« erhielt.
Er traf sogleich Vorbereitungen zur Abreise mit dem Mädchen, das er ja für Lineik hielt. Die Königin wollte ebenfalls mit ihnen fahren, aber der Prinz gab dies auf keine Weise zu und so mußte sie denn zurückbleiben.
Er war nicht weit in’s Meer hinausgekommen, als er in Nebel gerieth und den Curs verlor, und ehe er es selbst wußte, war er in eine lange Bucht hineingekommen. Er ließ sich in einem Boote an’s Land rudern; am Ende der Bucht sah er zwei wunderschöne Bäume stehen, wie er solche in seinem Leben nie gesehen hatte. Er ließ dieselben umhauen und auf sein Schiff bringen. In demselben Augenblicke zerstreute sich auch der Nebel; die Segel wurden aufgespannt und nun ging’s in lustiger Fahrt heim nach Griechenland.
Hier angelangt führte der Prinz seine Braut in die Stadt und ließ ihr alle geziemenden Ehren zu Theil werden; er gab ihr sein eigenes Schlafzimmer zum Aufenthaltsorte während des Tages; die Nacht jedoch mußte sie im Frauenhause seiner Schwester zubringen. Die beiden schönen Bäume aber waren dem Prinzen so werth, daß er sie in sein Schlafzimmer bringen und darin aufstellen ließ, den einen am Kopfende, den anderen am Fußende seines Bettes.
Nun sollte Alles für die Hochzeit vorbereitet werden. Der Prinz brachte Lineik (die in Wirklichkeit Laufey war) Stoff zu drei Kleidern für ihn, einen blauen, einen rothen und einen grünen; diese mußte sie fertig genäht haben, bis die Hochzeit stattfinden konnte. Zuerst sollte sie das blaue Kleid in Angriff nehmen, sodann das rothe und zuletzt das grüne; dieses aber sollte auch das prächtigste von allen sein, »und ich will dasselbe an unserem Hochzeitstage tragen«, sagte der Prinz.
Laufey übernahm den Stoff und der Prinz ging seiner Wege. Kaum war derselbe aber fort, als Laufey in heftiges Weinen ausbrach; denn Blauvör, diese Hexe, hatte sie nie eine Handarbeit gelehrt; sie hatte ihre Lebtage nie eine Nadel in der Hand gehabt und natürlich am allerwenigsten gelernt mit so kostbaren Stoffen, wie diese waren, umzugehen. Sie konnte sich leicht denken, daß, wenn sie die Kleider nicht zu Stande bringen könne, der Prinz sie mit Spott und Schande zur Thüre hinausjagen, ja vielleicht sogar todtschlagen werde, und so war sie denn sehr betrübt und traurig.
In den Bäumen saßen, wie schon früher erzählt, die beiden Geschwister Sigurd und Lineik; sie konnten von denselben aus Alles sehen, was im Schlafzimmer des Prinzen vorging und hörten auch Laufey’s Seufzen und Klagen. Davon wurde Prinz Sigurd so gerührt, daß er zu seiner Schwester sagte:

»Lineik, Schwester,
Laufey weinet,
Hilf ihr nähen,
Hab’ Erbarmen!«

Lineik antwortete:

»Hast Du vergessen
Den hohen Felsen,
Den steilen Abhang
Und unten das Feuer?«

Aber endlich ließ sie sich doch von Sigurd überreden; sie kroch aus dem Baume, setzte sich zu Laufey und half ihr nähen. Das erste Kleid war bald fertig und Laufey zeigte sich nicht wenig erfreut darüber, wie gut ihnen dasselbe von der Hand gegangen war. Lineik ging wieder in ihren Baum hinein, Laufey aber brachte dem Prinzen das Kleid. Er besichtigte dasselbe und sagte:
»Ich habe noch niemals ein so hübsch verfertigtes Kleid gesehen, wie dieses ist; nimm nun das rothe in Angriff und laß es um so viel schöner werden, als auch der Stoff dazu kostbarer ist, als zu jenem Kleide.«
Laufey kehrte in das Schlafzimmer zurück, setzte sich nieder und begann zu weinen. Da sprach Prinz Sigurd zu seiner Schwester wie das vorige Mal:

»Lineik, Schwester,
Laufey weinet,
Hilf’ ihr nähen,
Hab’ Erbarmen!«

Sie aber antwortete:

»Hast Du vergessen
Den hohen Felsen,
Den steilen Abhang
Und unten das Feuer?«

Da geschah es wieder wie früher. Lineik verließ endlich doch den Baum, setzte sich hin und nähte. Sie wendete noch mehr Kunstfertigkeit an dieses Kleid, als an das erste; dasselbe war überall mit Goldsäumen und Edelsteinen eingefaßt und als es fertig war, gab sie es Laufey, damit sie es dem Prinzen bringe; sie selbst schlüpfte wieder in ihren Baum hinein. Als der Prinz das Kleid erhielt, betrachtete er dasselbe und sagte:
»Es ist zu gut gearbeitet, um anzunehmen, daß Du allein dieses Kleid verfertigt habest. Ich hege den Verdacht, daß mehr Hände als diese damit beschäftigt gewesen sind. Geh’ nun hin und verfertige den dritten Anzug; ich gebe Dir drei Tage Zeit zu dieser Arbeit; aber wie das Gold kostbarer ist als das Kupfer, so soll auch dieses Kleid die anderen an Schönheit und Kostbarkeit übertreffen; und ich will dasselbe an unserem Hochzeitstage tragen.«
Laufey ging in das Schlafzimmer zurück, setzte sich nieder und weinte. Da wurde Prinz Sigurd wieder so gerührt von ihrem Seufzen und Weinen, daß er abermals zu seiner Schwester sagte:

»Lineik, Schwester,
Laufey weinet,
Hilf ihr nähen,
Hab’ Erbarmen!«

Sie antworte wie früher:

»Hast Du vergessen
Den hohen Felsen,
Den steilen Abhang
Und unten das Feuer?«

Aber sie ließ sich doch zum dritten Male überreden, schlüpfte aus dem Baume und setzte sich zu Laufey, um mit ihr zu nähen. Sie wendete diesmal eine noch größere Sorgfalt und Kunstfertigkeit an, so daß man von dem Stoffe selbst kaum etwas sehen konnte vor lauter Goldborten und theuren Steinen. Am dritten Tage aber, als Lineik und Laufey ahnungslos zusammen arbeiteten, trat plötzlich der Prinz in das Zimmer. Lineik erschrak auf das Heftigste und wollte eilig wieder in ihren Baum schlüpfen; es gelang jedoch dem Prinzen, sie an einem Zipfel ihres Kleides festzuhalten. Er zwang sie, sich an seiner Seite niederzusetzen, und sagte:
»Ich habe längst Verdacht geschöpft, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehe; sag’ mir nun, wie Du heißt!«
Lineik nannte ihren Namen und erzählte, von welcher Herkunft sie sei. Da warf der Prinz Laufey einen zornigen Blick zu und sagte, sie habe für all’ ihre Betrügereien und Lügen den schmählichsten Tod verdient.
Das Mädchen fiel dem Prinzen zu Füßen und bat ihn um Schonung. »Ich habe Dich mit nichts Anderem betrogen als mit den Kleidern«, sagte sie; »Lineik hat mir verboten zu sagen, wer sie verfertigt habe. Und Du wirst Dich wohl erinnern, daß ich selbst niemals behauptet habe, ich sei Prinzessin Lineik; das war vielmehr meine Mutter – wie sie sich nennt – die diesen Betrug an Dir verübt hat.«
Als sie so im besten Gespräche waren, kam auch Prinz Sigurd aus dem Baume heraus. Da gab es große Freude bei diesem Zusammentreffen und der Prinz säumte nicht lange und freite auf’s Neue um die richtige Lineik. Diese aber antwortete, daß sie ihm nicht eher ihre Hand reichen wolle, bevor nicht ihre Stiefmutter aus der Welt geschafft sei.
Da erzählte nun Laufey eine lange Geschichte, wie Blauvör das schlimmste Riesenweib sei, und daß sie über die Insel herrsche, auf welcher der Minister sie angetroffen hatte. Dort habe sie in einer großen Höhle gewohnt mit noch viel anderem Riesenvolk. »Ich selbst bin eine Königstochter aus einem der Insel benachbarten Reiche; Blauvör raubte mich heimlich von dort und drohte mir, mich zu tödten, wenn ich ihr nicht in Allem Gehorsam leiste; sie nannte mich Tochter, denn auf diese Weise wollte sie es wahrscheinlich machen, daß sie selbst von königlichem Geschlechte sei. Sie war es auch, welche Eures Vaters Tod verursacht hat, und sie hat alle Hofleute Eures Vaters verschwinden machen, denn sie aß dieselben während der Nacht, wie dies ja alte Sitte der Riesen ist. Es ist ihre Absicht, nach und nach alle Eure Landsleute zu vertilgen, um später das Land mit ihrem Riesengesindel zu bevölkern.«
Prinz Sigurd und der andere Prinz sammelten nun eiligst ein großes Heer und zogen mit demselben von dannen. Von ihrem Zuge wird früher nichts berichtet, als bis sie vor der Hauptstadt ankamen, in welcher Blauvör residirte. Niemand hatte ihre Ankunft bemerkt und es waren auch nur wenig Menschen in der Stadt; denn die meisten hatte Blauvör getödtet und andere waren aus der Stadt entflohen, um dem bösen Riesenweibe zu entkommen. Es war daher keine Rede von einer Gegenwehr und Blauvör wurde gefangen genommen. Sie geberdete sich zwar ganz toll, erhielt aber doch keine Gnade, sondern wurde mit großen Steinen todtgeschlagen und hierauf auf einem Scheiterhaufen verbrannt.
Hierauf kehrten die beiden Prinzen wieder nach Griechenland zurück und es wurde hier Hochzeit gefeiert, zu der viele Anstalten getroffen und alle Großen des Reiches eingeladen wurden. Während des Festmahles freite Prinz Sigurd um die griechische Prinzessin und da diese sogleich einwilligte, wurde auch die Hochzeit dieser Beiden zur selben Zeit gefeiert. Als das Fest vorüber war, begaben sich die Gäste, reichlich beschenkt, wieder nach Hause.
Prinz Sigurd wurde König in Griechenland, während Lineik mit ihrem Manne in die Heimat zurückkehrte, wo dieser hierauf König wurde. Da gab es große Freude im Lande, daß das Reich nun wieder unter das frühere Königsgeschlecht kam.
Laufey hatte Lineik begleitet und diese und ihr Gemal verschafften ihr einen guten Mann, mit dem sie dann ihr väterliches Erbe antrat; denn ihr Vater war aus Kummer um sie gestorben. Alle diese Könige regierten viele Jahre in ihren Reichen und lebten lange in Glück und Frieden, und nun ist die Geschichte zu Ende.

[Island: Jos. Cal. Poestion: Isländische Märchen]

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