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Märchenbasar

Onawutakuto

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Es ist schon sehr lange her, als am Ufer des Huronsees ein alter, zum Totem der Biber gehöriger Odjibwa lebte, der einen einzigen Sohn besaß, dem er den Namen Onawutakuto – d.h. einer, der die Wolken fängt – gegeben hatte. Dieser Knabe war sein einziger Stolz, und er gedachte ihn daher auch zu einem berühmten Medizinmann zu erziehen. Doch als er das bestimmte Alter erreicht hatte, wo er fasten sollte, wollte er sich unter keiner Bedingung dazu bequemen. Die Kohlen, die ihm sein Vater vorlegte, um sein Gesicht damit zu schwärzen, berührte er nicht, und als ihm darauf alle Speise verweigert wurde, suchte er sich Vogeleier oder abgeschnittene Fischköpfe, die zahlreich am Seeufer umherlagen. Als ihn aber sein Vater auch dieser Nahrungsmittel beraubte, verließ er traurig den elterlichen Wigwam, und zwar, um nie wieder zurückzukehren.
Die erste Nacht brachte er in einem hohlen Baum zu. Dort erschien ihm eine wunderschöne Frau im Traum und sprach zu ihm: »Onawutakuto, ich habe deinetwegen eine weite und beschwerliche Reise unternommen; steh auf und folge mir!«
Der junge Mann erhob sich und folgte ihr, und bald sah er sich hoch über den Bäumen und den Wolken. Eine Öffnung am Firmament führte ihn auf eine unermeßliche Ebene, auf der er ein niedliches Häuschen erblickte. Dieses bestand aus zwei geräumigen Zimmern; in dem einen hingen allerlei feine Jagd- und Kriegs Werkzeuge, und in dem anderen lagen kostbare Frauensachen.
Onawutakuto ließ sich in dem letzteren nieder, und seine schöne Führerin breitete eine glänzende, schön bestickte Decke über ihm aus und sagte: »Ich muß dich, mein lieber Knabe, eine Zeitlang verbergen, denn mein Bruder wird bald hier sein; er darf dich nicht sehen.«
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so trat auch schon ein munterer Jüngling herein, dessen Kleider so hell strahlten, als ob sie aus Sonnenstrahlen geflochten seien. Er nahm den Beutel mit Apakosekun oder Tabaksblättern von der Wand, stopfte dann seine kunstvoll verzierte Steinpfeife und sprach: »Nemissa, hast du schon wieder vergessen, daß dir der größte der Geister streng verboten hat, Kinder der Erde heraufzuholen? Oder denkst du etwa, daß ich nicht weiß, wen du dort unter deiner Decke verborgen hältst? Wenn du mich also nicht beleidigen willst, dann bringe Onawutakuto schnell wieder in seine Heimat!«
Aber die Schwester kümmerte sich wenig um diese Worte und wollte um keinen Preis ihren liebenswürdigen Gefangenen wieder freilassen. Als der Bruder nun einsah, daß sie einmal mit aller Gewalt ihren Willen haben wollte, rief er den jungen Mann aus seinem Versteck hervor und überreichte ihm eine prächtige Pfeife. Dies war das Zeichen, daß er ihn als Schwager anerkannte.
Onawutakuto blieb also, war es ja doch in jeder Beziehung so wunderschön und angenehm hier, und er hatte weder Sorgen noch Hunger, noch Kälte auszustehen. Etwas war ihm jedoch unerklärlich: Sein Schwager verließ jeden Morgen in aller Frühe die Hütte und kam erst spät am Abend wieder zurück, und dann ging seine Frau weg und kam erst am anderen Morgen wieder. Da er nun gar zu gerne hinter dieses Geheimnis zu kommen wünschte, so erlaubte ihm einst sein Schwager, ihn zu begleiten.
Als sie einen halben Tag über eine grenzenlose Ebene gegangen waren, verspürte Onawutakuto Hunger und wollte wieder zurückkehren.
»Noch einen Augenblick Geduld, mein Lieber«, sagte sein Schwager, »denn wir werden bald eine Stelle erreichen, an der ich gewöhnlich mein Mittagsmahl verzehre.«
Bald darauf kamen sie an einen mit den feinsten Matten belegten Platz, auf dem sie sich niederließen. Onawutakuto bemerkte hier ein Loch, durch das er auf die Erde hinabsehen konnte. Da sah er die fünf Großen Seen mit den vielen Dörfern an den Ufern vor sich, sah auch mehrere Haufen wilder Krieger und eine Menge junger Knaben, die sich am Ballspiel ergötzten. Auf den schönsten dieser Knaben ließ sein Schwager plötzlich ein Sandkörnchen fallen, worauf jener gleich hinfiel und leblos in die Hütte getragen wurde.
Nun gab es ein allgemeines Durcheinander auf der Erde; eine Masse alter Weiber sammelte sich vor dem Wigwam, und die Medizinmänner schrien und rasselten aus Leibeskräften, um den Knaben wieder ins Leben zurückzurufen. Darauf schrie Onawutakutos Begleiter zu ihnen hinab: »Opfert mir schnell einen weißen Hund!«
Augenblicklich arrangierten die Eltern des toten Kindes ein großartiges Fest; alle Medizinmänner der Umgebung wurden zusammengerufen, der weiße Opferhund wurde getötet und sein Fleisch gebraten.
»Siehe«, sagte Onawutakutos Schwager darauf, »dort unten sind viele Medizinmänner, die wegen ihrer Kunst in großem Ansehen stehen; aber das kommt nur daher, daß sie ihre Ohrlappen stets nach oben richten und hören, was ich ihnen zuflüstere. Habe ich einen der Erdenbewohner mit Krankheit geschlagen, so befehlen sie den Leuten, mir ein köstliches Brandopfer zu schicken, und ich nehme darauf meine strafende Hand wieder von ihm weg.«
Darauf nahm der Meister des Festes den Hundebraten, sah in die Höhe und rief: »Das opfern wir dir, Meister des Lebens, damit du uns deinen Beistand nicht versagst!« Sogleich flog das gebratene Tier hinauf, und beide hatten oben ein köstliches Mittagsmahl.
Auf diese Art lebten sie lange Zeit fort. Aber endlich schien Onawutakuto dieses Leben doch unerträglich und langweilig zu werden; er sehnte sich innigst zu seinen Freunden und Eltern zurück und bat seine Gemahlin eines Tages um seinen Abschied.
Nach langem Bitten sagte diese: »Wenn dir einmal die Sorgen und die Krankheiten der Erde besser behagen als die Freuden des Himmels, dann geh zurück. Da ich dich hierher gebracht habe, so werde ich dich auch auf deinem Heimweg begleiten. Aber bedenke, daß du stets mein Ehemann bist und daß ich dich ständig an einem geheimen Faden halte, an dem ich dich zu jeder Zeit wieder heraufziehen kann. Hüte dich aber hauptsächlich, eine Tochter der Erde zu heiraten, wenn du meine Macht nicht fühlen willst!«
Darauf leuchteten ihre Augen so hell wie die Sonne, sie wurde immer größer und größer, bis Onawutakuto zuletzt von seinem Traum erwachte. Seine Mutter stand neben ihm und erzählte ihm, er sei ein ganzes Jahr lang weg gewesen. Aber Onawutakuto glaubte ihr nicht, vergaß auch, was ihm seine himmlische Gemahlin befohlen hatte, und ging hin und heiratete ein junges Mädchen aus seinem Stamm. Doch schon nach vier Tagen war jene Frau eine Leiche.
Tief betrübt verließ Onawutakuto seinen Wigwam und kehrte nie wieder zurück. Man sagt, daß ihn seine Traumgemahlin zu sich hinaufgezogen habe.

Quelle: Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas

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