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Märchenbasar

Pappelröschen

Es war einmal ein Fürst, der hatte eine Tochter, in die er ganz vernarrt war. Das Mädchen war von der sanften Art, sie liebte nicht Feste und Vergnügungen, sie liebte einzig einen Rosenstock. Dieser Rosenstock trug jedes Jahr eine Rose und im Kelche derselben erwuchs ein Samenkorn. Eines Tages hatte sie nicht Acht gegeben: es fliegt ein grüner Vogel herbei, setzt sich auf die Rose, pickt den Samen auf und schwingt sich auf und davon. Das Mädchen beginnt zu weinen und klagt: »Wehe mir! Welches Unglück! Der grüne Vogel hat den Rosensamen geraubt, ich muß den grünen Vogel haben! Ich muß den grünen Vogel haben!« Der Vater, der vor Liebe zu seiner Tochter gar nicht wußte, was er thun sollte, rief eilig seine Räthe zusammen, und einer der Weisen sprach: »Der grüne Vogel wird sicher wiederkommen, dann stellt man ein Netz. Sobald er sich zeigt, wird er gefangen, und alles ist gut.« Die Diener stellten das Netz bei der Rose, und das Mädchen lauschte versteckt. Da fliegt er herab, kommt näher, sieht aber das Mädchen und ruft: »Weh, weh! Ich komme nicht wieder!« Und im Fortfliegen noch: »Weh, weh! Er kommt nicht wieder!« Das Mädchen streckte die Arme aus und rief: »Ich will den grünen Vogel haben! Den grünen Vogel!« Doch das war vergebens, niemand konnte ihr den Vogel verschaffen.
Jetzt ließ sich das Mädchen ein Pilgergewand fertigen, hären und zwei Muscheln auf der Brust, nahm einen schwarzen Stab zur Hand und ging zur Hinterpforte des Palastes hinaus. Sie wandert und wandert, überschreitet Berge und Thäler und hat viele Abenteuer. So kam sie eines Abends schon ganz im Finstern vor eine Einsiedelei. Sie bietet dem Einsiedler durch die Thür ihren Gruß, und der ruft erschreckt: »Alle guten Geister …«, und fängt an, sie zu beschwören. »Was thut Ihr da, meine Seele ist getauft und gefirmelt gleich der Euern«, sprach, ihn beruhigend, das Mädchen. Der Einsiedler fragte sie: »Was hast du in diesem Walde zu suchen?« – »Mein Vater«, antwortete sie, »beging eine Sünde und ich büße für ihn. Aus Barmherzigkeit gebt mir einen Bissen Brot und Herberge für die Nacht!« Das gab ihr der Alte gern. Das Mädchen aß, trank und legte sich auf das Moos der Einsiedelei. In der Frühe weckte sie der Eremit, sie beteten zusammen, und als sie weiter gehen wollte, schenkte er ihr ein Stücklein Wachs und sprach: »Nimm dies, meine Tochter, das dient dir, wenn du es brauchst.« So wanderte sie ihre Straße weiter und kam im Dunkelwerden wieder an eine Einsiedelei. Sie rief vor der Thür: »Gruß im Namen Jesu und Mariä.« Aber der Einsiedler erschrak doch und sprach: »Im Namen Gottes beschwöre ich dich!« – »Beschwört mich nicht! Warum? Ich bin getauftes und gefirmeltes Fleisch wie Ihr.« – »Meine liebe Tochter, was machst du zur Nachtzeit in diesem schrecklichen Walde, zwischen wilden Thieren und giftigem Gewürm?« – »Ach, Vater«, antwortete das Mädchen, »ich habe eine große Sünde begangen und gehe, sie zu büßen. Doch gebt Ihr mir etwas zu essen?« Sie ißt, trinkt und geht dann zur Ruhe. Am andern Morgen verrichten sie in Gemeinschaft das Gebet, und wie sie weiter zieht, gibt ihr der Alte ein Stücklein Schnur und sagt: »Meine Tochter, nimm dies, das dient dir, wenn du es brauchst.«
Endlich erreicht sie eine Stadt und sieht den königlichen Palast ganz mit Trauerflören umhängt. Sie fragt die Wache am Thor, was es da gebe, und die antwortet: »Es ist große Trauer, denn der Sohn der Königin ist verschwunden und man weiß nicht wohin.« Da sagt das Mädchen: »Geht und bittet die Königin um ein Obdach für eine müde Pilgerin.« Die Wache geht und die Königin läßt sie eintreten. Sie sieht das Mädchen und sagt verwundert: »So klein lauft Ihr in der Welt herum, wozu das?« – »O, Frau Königin«, antwortet das Mädchen, »ich beging eine große Sünde und muß jetzt sieben Jahre lang Buße thun.« – »Bleibe bei mir!« bat sie die Königin. »O nein, Frau Königin«, antwortete die Kleine, »ich muß weiter, doch bitte ich Euch, mir zum Abschiede ein Andenken zu gewähren.« – »Wähle!« sagte die Königin und ließ sie alle ihre Kostbarkeiten, Kleinode und Ringe sehen. Die Pilgerin sah einen kleinen Ring mit einem Demant drin, wählte diesen und sprach: »Dies sei das Angedenken.« Den aber wollte die Königin just nicht entbehren und meinte: »Wähle alles andere und laß mir den Ring, ihn kann ich dir nicht geben, er kommt von meinem Sohne.« Sie redeten hin und her, das Mädchen bestand auf seiner Wahl und versprach der Königin: »Wenn Ihr mir den laßt, so kehre ich sicher zurück.« Auf dieses Versprechen hin gab die Königin endlich nach und ließ ihr den Ring. Mit drei der Angedenken: dem Wachs, der Schnur und dem Ring, in der Tasche reiste das Mädchen weiter.
Sie kommt an einen Berg, an dessen Fuße sitzt ein kleiner Sklave, den fragt sie um ihren Weg. Wie er hört, daß sie Obdach suche, sagt er: »Steige hier die Hälfte des Berges hinan, dort wirst du einen Palast finden, klopfe nur an, man wird dir aufthun.« Sie erreichte den Palast, hörte aber beim Anklopfen die Stimme der Hexe von drinnen und erschrak gar sehr. Die Thür öffnet sich langsam und heraus tritt ein gewaltiger Riese, der war so groß, daß sie ihn anzuschauen den Kopf weit zurückbiegen mußte, der fuhr sie an: »Was willst du hier, du Dingelchen, du? Wenn dich die Hexe hört, frißt sie dich mit Haut und Haar.« Und da war auch schon die Hexe da, ein langes, dünnes Weib, das nur von Menschen, Schafen, Ziegen, Ochsen lebte, die sie wie Pfefferkuchen fraß. Die bückt sich und fragt: »Was willst du hier? Ei, setzt mir doch einmal den Kessel bei, ich will mir schnell ein Süppchen machen.« Der Riese bittet für das Mädchen und sagt: »Laßt das junge Blut heut Abend in Ruhe. Laßt mir das Pappelröschen gehen.« Er nannte sie Pappelröschen, weil sie so schlank und fein war wie diese Gartenblume.
Am andern Morgen, ehe die Hexe fortging, rief sie das Mädchen und sprach: »Pappelröschen, putze mir die Kessel, ich gehe aus mir Speise zu suchen. Komme ich zurück und du bist nicht fertig, zerschmelze ich dich im Tiegel zu Fett.«
Des Kupfers war aber sehr viel, und wenn das Mädchen auch wie ein Bär gearbeitet hätte, nicht in zwei Tagen würde sie es fertig gebracht haben. Darum lehnte sie sich an das Fenster und weinte gar bitterlich. Plötzlich sah sie auf der Halde drüben den grünen Vogel, auch der Riese sah ihn und sagte: »Jetzt kannst du Hülfe haben.« Er ging hinab und erzählte dem Vogel den Kummer des Mädchens, der rief: »Hat sie denn nicht das Stücklein Wachs? Das werfe sie ins Feuer, und was sie braucht, wird ihr werden.« Pappelröschen wirft das Wachs ins Feuer, und augenblicks erscheinen eine Menge Riesen, die greifen in das Kupferzeug hinein: dieser nimmt einen Kessel, ein anderer einen Tiegel, jener einen Topf und so fort, und fangen an zu putzen und zu scheuern, daß das ganze Kupfer in einem Hui! geputzt war und spiegelblank an der Wand hing. Was aber sollte nun mit den Riesen geschehen, die jetzt, die Hände im Schos, herumsaßen? Auch hier wußte der grüne Vogel Rath, er trug dem Riesen auf: das Mädchen solle das Feuer ins Wasser werfen und sie werden verschwinden. Und sie verschwanden.
Wie die Hexe nach Hause kam und das blank gescheuerte Kupferzeug sieht, sagte sie: »Pappelröschen, das riecht nach fremdem Schweiß! Morgen werden wir uns weiter sprechen.« Sie befahl dann den Knechten, dem Mädchen eine Keule zu geben von einem Ochsen, den sie eben geschlachtet. Die warf Pappelröschen zum Fenster hinaus, sie mochte sie nicht anrühren. Und wieder erblickt sie den grünen Vogel, der in zierlichem Fluge vor ihr herumschwebte, hüpfte und sprang.
Am nächsten Morgen rief die Hexe: »Pappelröschen, heute sollst du alle unsere Betten, Decken und Ueberzüge auftrennen, waschen und wieder füllen. Ich gehe indessen meinen Tagesbedarf zu holen, komme ich zurück und du bist nicht fertig, schneide ich dich in Kochstücke.« Sie ging, und die Aermste blieb weinend zurück. Der Riese fragt sie um ihre Thränen, und sie erzählt ihm ihr Leid. Da geht der Riese wieder zum grünen Vogel, und der läßt ihr rathen, sie solle den Faden abwickeln, den sie habe, und es werde alles gut gehen. Sie wickelt den Faden ab, und es erscheinen eine Menge Arbeiter: einer trennt auf, ein anderer nimmt die Wolle heraus, dieser stäubt sie aus, jener wäscht sie und so fort, bis das Ganze vollendet war. »Was aber fange ich nun mit den Arbeitern an?« fragte das Mädchen. Der Riese, der den grünen Vogel auch darum befragte, erfuhr von diesem, sie brauche den Faden nur zu verbrennen und sie werden verschwinden. Wirklich geschah es so. Und als die Hexe kam und fragte: »Sind die Betten bereit?« zeigte ihr das Mädchen die fertige Arbeit. Sie hörte die gleiche Rede der Hexe und empfing zum Abendbrot ein halbes Schaf, das sie wieder aus dem Fenster warf.
Andern Tages zeigte ihr die Hexe eine große Kiste voll Leinwand und sprach: »Diese Leinwand mußt du mir zu Hemden schneiden, nähen, waschen und bügeln. Wirst du nicht fertig, so röste ich dich wie einen Fisch.« Der Riese fand Pappelröschen weinend, errieth ihre Gedanken und ging zum grünen Vogel, der sagte: »Das ist meine letzte Hülfe, weiteres kann ich nicht thun. Jetzt soll sie den Ring der Königin nehmen, den Demant herauslösen und ihn in die Sonne legen, da wird ihr alles, was sie wünscht.« Da kommen große Frauen herbei, schneiden die Leinwand, nähen, bügeln und die Arbeit ist im Handumdrehen vollendet. Und wie sie auf des Vogels Rath den Stein wieder in das Gold fügt, verschwinden auch die Frauen. Da ist auch die Hexe wieder da mit einem todten Stier auf dem Nacken, den sie an diesem Tage gefangen. Noch keuchend rief sie: »Pappelröschen, wo sind die Hemden?« Das Mädchen zeigte ihr die fertige Arbeit, und die Alte sagte: »Das riecht nach fremdem Schweiße. Sorge dich nicht, morgen mußt du doch sterben!«
Am nächsten Morgen fliegt der grüne Vogel herein, die Hexe ruft: »Vogel bist du, Mensch werde!« Und da wurde der Vogel zum Menschen, der sprach zu der Hexe: »Warum willst du Pappelröschen tödten?« Sie wurde aber grob und sprach: »Was scherst du dich darum? Marsch, packe dich fort!« Darauf ruft sie den Riesen herbei und befiehlt ihm, das Mädchen unter die wilden Ziegen zu stoßen, daß diese sie umbringen. Der Riese packt sie auch beim Halse und trägt sie hinunter, begegnet aber dem grünen Vogel, welcher ihm einen Stab gibt und sagt: »Nimm diesen Stab, sobald du an der Halde bist, schlägst du den Boden damit, so wird ein grünes Kornfeld hervorsprießen, woran den Ziegen der Hunger vergeht.« Der Riese kam zu den Ziegen, die rochen kaum das Menschenfleisch, als sie in großen Sprüngen herbeieilten, das Mädchen zu fressen. Kaum schlägt aber der Riese mit dem Stabe auf den Boden, so schießt eine Kornsaat hervor, ein paar Ellen hoch, und jetzt stürzen sich die Ziegen auf diese. Acht Tage war Pappelröschen bei der Heerde, da kommt die Hexe nachzusehen. Ehe sie aber die Ziegen erreichte, mußte sie an einem Hirten vorüber, der mit seiner Tochter die Schafe hütete. Als diese Tochter sie kommen sah, rief sie: »Wartet, Mutter Hexe, ich habe etwas für Euch!« Schnell schlachtet sie Schafe und Böcklein, bratet sie an einem großen Feuer, trägt zwölf große Brote herbei und ein Faß Wein und bereitet der Hexe ein großes Mahl. Die verschlang alles und hätte noch mehr verschlungen, denn ihr Magen hatte keinen Grund. Die Güte des Mädchens nun hatte sie gerührt, und sie sprach: »Niemand noch hat dies Mitleid mit mir gehabt, du bist ein gutes Mädchen und sollst dafür die Frau meines Sohnes werden.« Sie trug das Mädchen nach Hause, setzte es vor ihrem Sohne nieder und sagte: »Hier, mein Sohn, ich habe dir deine Frau mitgebracht.« Der grüne Vogel sprach: »Gut, Mutter, aber weißt du, wenn Pappelröschen noch am Leben ist, lassen wir sie holen, sie als Magd zu halten.« Die Mutter war einverstanden, und das Mädchen kommt zurück. Wie die Hexe fort war, nimmt der grüne Vogel den Ring des Befehls und sagt: »Geschwind eine dicke Fackel und in dem Leibe derselben Pulver und Blei, damit die Zimmer der Hexe in die Luft gesprengt werden.« Darauf gab die Hexe dem Sohne die Schäferin zur Frau, und Pappelröschen mußte jene Hochzeitsfackel halten. Als die Fackel bis zu einem gewissen Punkte herabgebrannt war, bat der Bräutigam die Braut: »Halte du mir sie jetzt einen Augenblick und geh’ damit zu meiner Mutter!« Bei dieser angekommen, platzt die Fackel, und der Riese, Pappelröschen und der Jüngling entfliehen. Die Hexe war aber nicht todt, sie hatte sich bald aus der Betäubung aufgerafft und machte sich jetzt daran, die Fliehenden zu verfolgen, um sie zu erwürgen. Pappelröschen dreht in ihrer Angst den Ring und wünscht sich und ihren Gefährten in einen kupfernen Thurm, sodaß, wie die Hexe ankam, sie ihnen nichts anhaben konnte und sich vor Zorn in die Hände biß. Und wieder dreht Pappelröschen den Ring und befiehlt, daß die Alte massives Gold werde und zwanzig Ellen tief in die Erde verschlagen sein solle. Und es geschah. Darauf wünscht sie einen schönen Palast herbei mit Dienern, Pferden und Wagen, mit Gold- und Silberzeug – und siehe, auch der stand sofort zur Stelle. Jetzt kleidet sie sich als Königin und geht in den Trauerpalast jener Königin, läßt die Trauerflöre wegnehmen, und wie sie die Königin darob befragt, antwortet sie: »Kennt Ihr mich nicht mehr, Frau Königin?« Die Kammerzofe erkannte sie sogleich und rief: »Das ist ja die kleine Pilgerin!« Nun erinnerte Pappelröschen die Königin an alles, da ward die Freude groß, noch größer aber, wie sie erfuhr, daß ihr Sohn aus den Händen der Hexe befreit und am Leben sei, denn die Königin war seine rechte Mutter.
Pappelröschen drehte den Ring noch einmal, und eine Schar Riesen kam herbei, die gruben die Gold gewordene Hexe aus der Erde, luden sie auf einen Wagen, spannten funfzig Joch Ochsen davor und fuhren sie vor den Palast der Königin. Dort wurde ein großes Fest gefeiert, das war die Hochzeit des Königssohnes und Pappelröschen’s. So wurde aus dem Trauerpalaste ein Haus der Freude.

[Italien: Waldemar Kaden: Unter den Olivenbäumen. Süditalienische Volksmärchen]

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