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Märchenbasar

Prinz Chéri

Es war einmal ein König, der ein so rechtschaffener Mann war, daß ihn seine Untertanen den guten König nannten. Einmal, da er auf der Jagd war, warf sich ein kleines weißes Kaninchen, welches die Hunde töten wollten, in seine Arme. Der König liebkoste dieses kleine Kaninchen und sagte: »Weil es sich unter meinen Schutz begeben hat, so will ich, es solle ihm niemand etwas zuleide tun.«
Er trug dieses kleine Kaninchen in seinen Palast und ließ ihm ein artiges Häuschen machen und gute Kräuter zu fressen geben. Als er die Nacht in seinem Zimmer allein war, erschien ihm eine schöne Dame. Sie trug keine goldenen und silbernen Gewänder, sondern ein Kleid, weiß wie der Schnee, und anstatt des Kopfzeuges hatte sie eine Krone von weißen Rosen auf dem Kopf. Der gute König erstaunte sehr, als er diese Dame sah, denn seine Tür war verschlossen, und er wußte nicht, wie sie hereingekommen war. Sie sagte zu ihm: »Ich bin die Fee Candide. Ich war zu der Zeit, da Ihr jagtet, in dem Gehölze, und ich wollte wissen, ob Ihr so gut seid, wie jedermann es sagt. Dieserwegen nahm ich die Gestalt eines kleinen Kaninchens an, und ich flüchtete mich in Eure Arme, denn ich weiß, daß diejenigen, die sich der unvernünftigen Tiere erbarmen, sich der Menschen noch mehr erbarmen. Hättet Ihr mir nun Euren Beistand versagt, so hätte ich Euch für einen schlechten Menschen gehalten. Ich komme her, Euch für das Gute zu danken, das Ihr mir erwiesen habt, und Euch zu versichern, daß ich stets Eure Freundin sein werde. Ihr dürft von mir verlangen, was Ihr nur wollt, ich verspreche Euch, es Euch zu gewähren.«
»Madame«, sagte der gute König, »weil Ihr eine Fee seid, so müßt Ihr auch alles wissen, was ich wünsche. Ich habe nur einen Sohn, den ich sehr liebe, und deswegen hat man ihn den Prinzen Chéri, Herzgeliebt, genannt. Wenn Ihr mir einige Güte erweisen wollt, so seid meines Sohnes gute Freundin.«
»Von Herzen gern«, sagte die Fee zu ihm. »Ich kann Euren Sohn zu dem schönsten oder zu dem reichsten oder zu dem mächtigsten Prinzen von der Welt machen. Wählt, was Ihr für ihn haben wollt.«
»Ich verlange von dem allen nichts für meinen Sohn«, antwortete der gute König, »ich werde Euch aber sehr verbunden sein, wenn Ihr ihn zu dem besten Prinzen unter allen machen wolltet. Wozu würde es ihm dienen, daß er schön und reich wäre und alle Königreiche der Welt besäße, wenn er boshaft wäre? Ihr wißt wohl, daß er unglücklich sein würde und daß nur die Tugend allein ihn glücklich machen kann.«
»Ihr habt recht«, sagte Candide zu ihm, »allein es steht nicht in meiner Gewalt, den Prinzen Chéri wider seinen Willen zu einem redlichen und rechtschaffenen Manne zu machen. Er muß sich selbst bestreben, tugendhaft zu werden. Alles, was ich Euch versprechen kann, ist, daß ich ihm guten Rat geben, seine Fehler verweisen und ihn bestrafen will, wenn er sich nicht bessern und sich selbst strafen will.«
Der gute König war mit diesem Versprechen sehr zufrieden und starb nicht lange danach. Der Prinz Chéri beweinte seinen Vater sehr, denn er liebte ihn von ganzem Herzen und hätte alle seine Königreiche, sein Gold und Silber darum gegeben, ihn zu retten, wenn diese Dinge imstande gewesen wären, den Lauf des Schicksals zu verändern. Zwei Tage nach dem Tode des guten Königs erschien Candide dem Chéri, als er sich gerade schlafen gelegt hatte. »Ich habe Eurem Vater versprochen«, sagte sie zu ihm, »ich wolle Eure Freundin sein, und damit ich mein Wort halte, werde ich Euch ein Geschenk machen.« Zu gleicher Zeit steckte sie Chéri einen kleinen goldenen Ring an den Finger und sagte zu ihm: »Habt wohl acht auf den Ring, er ist kostbarer als Diamanten. Sooft Ihr etwas Böses tun werdet, wird er Euch in den Finger stechen. Wenn Ihr aber, ungeachtet dieses Stiches, in Eurem bösen Tun fortfahrt, so werdet Ihr meine Freundschaft verlieren, und ich werde Eure Feindin werden.«
Nach diesen Worten verschwand Candide und ließ Chéri in großem Erstaunen zurück. Er war eine Zeitlang so brav, daß ihn der Ring ganz und gar nicht stach, und dies machte ihn so zufrieden, daß man zu dem Namen Chéri, den er führte, noch den Namen »der Glückliche« hinzusetzte. Einige Zeit danach war er auf der Jagd und machte keinerlei Beute. Dieses machte ihn verdrießlich. Es kam ihm damals vor, als wenn ihm sein Ring den Finger ein wenig drückte. Weil er ihn aber nicht stach, so hatte er nicht viel acht darauf. Als er wieder in sein Zimmer kam, sprang ihm sein kleines Hündchen Bibi entgegen und wollte ihn liebkosen. Er sagte zu ihm: »Pack dich fort, ich bin jetzt nicht aufgeräumt, deine Liebkosungen anzunehmen.« Das arme Hündchen, welches ihn nicht verstand, zupfte an seinem Kleide, ihn zu nötigen, es wenigstens anzusehen. Hierüber wurde Chéri ungeduldig und gab ihm einen kräftigen Stoß mit dem Fuße. In dem Augenblick stach ihn der Ring, als wenn es eine Stecknadel gewesen wäre. Er erstaunte sehr darüber und setzte sich ganz beschämt in eine Ecke seines Zimmers. Ich glaubte, sagte er heimlich bei sich selbst, die Fee spotte meiner. Was habe ich groß Böses getan, daß ich ein Tier mit dem Fuße gestoßen, welches mir beschwerlich fällt? Was nützt es mir, daß ich der Herr eines großen Reiches bin, wenn ich nicht einmal die Freiheit habe, meinen Hund zu schlagen?
»Ich spotte Eurer nicht«, sagte eine Stimme, welche auf Chéris Gedanken antwortete. »Ihr habt drei Fehler anstatt eines begangen. Ihr seid verdrießlich geworden, weil nicht das geschehen ist, was Ihr gewollt habt, und weil Ihr glaubtet, die Tiere und Menschen seien nur geschaffen, Euch zu gehorchen. Ihr seid in Zorn geraten, welches sehr böse ist, und darauf seid Ihr gegen ein armes Tier grausam gewesen, welches nicht verdiente, daß Ihr es schlecht behandelt. Ich weiß, daß Ihr weit mehr seid als ein Hund. Allein wenn es vernünftig und erlaubt wäre, daß die Großen allen denen übel begegnen dürften, die unter ihnen sind, so könnte ich Euch diesen Augenblick schlagen und umbringen, weil eine Fee mehr ist als ein Mensch. Der Vorteil, daß man der Herr eines großen Reiches ist, besteht nicht darin, daß man alles Böse tun kann, was man will, sondern daß man alles Gute tue, was man tun kann.«
Chéri gestand seinen Fehler ein und versprach, sich zu bessern, er hielt aber sein Wort nicht. Er war von einer törichten Amme erzogen worden, die ihn verwöhnt hatte, da er noch klein gewesen. Wenn er etwas haben wollte, so brauchte er nur zu weinen, ungeduldig zu werden, mit dem Fuße zu stampfen. Diese Frau gab ihm alles, was er verlangte, und das hatte ihn eigensinnig gemacht. Sie sagte ihm auch vom Morgen bis zum Abend vor, er würde einmal König werden und die Könige wären sehr glücklich, denn alle Menschen müßten ihnen gehorchen und sie verehren, und man könnte sie nicht daran hindern, alles zu tun, was sie wollten. Als Chéri erwachsen war und vernünftig geworden, hatte er gar wohl erkannt, daß nichts so garstig ist, als stolz, hochmütig und halsstarrig zu sein. Er hatte sich einige Mühe gegeben, sich zu bessern; es waren aber schon alle diese Fehler zu einer bösen Gewohnheit bei ihm geworden, und eine böse Angewohnheit ist sehr schwer auszurotten. Er weinte vor Verdruß, wenn er einen Fehler begangen hatte, und sagte: »Ich bin wohl recht unglücklich, daß ich alle Tage wider meinen Zorn und meinen Hochmut zu kämpfen habe. Wenn man mich zurechtgewiesen hätte, da ich jung gewesen, so würde ich jetzt nicht so viel Mühe haben.«
Sein Ring stach ihn sehr oft. Zuweilen hielt er dadurch gleich ein, zu anderen Zeiten fuhr er fort, und das sonderbarste dabei war, daß ihn sein Ring wegen eines kleinen Fehlers nur ein klein wenig stach, wenn er aber bösartig war, so sprang ihm das Blut aus dem Finger. Dieses machte ihn endlich ungeduldig, und weil er ganz nach seinem Belieben böse sein wollte, warf er den Ring weg. Er hielt sich für den Glücklichsten unter allen Menschen, als er sich von seinen Stichen befreit sah. Er überließ sich allen Torheiten, die ihm nur in den Sinn kamen, so daß er höchst boshaft wurde und ihn niemand mehr leiden konnte.
Eines Tages, da Chéri spazierenging, sah er ein Mädchen, welches so schön war, daß er sich entschloß, es zu heiraten. Das Mädchen hieß Zélie und war ebenso tugendhaft als schön. Chéri glaubte, Zélie würde sich sehr glücklich schätzen, eine große Königin zu werden, allein dieses Mädchen sagte mit großem Freimut zu ihm: »Allergnädigster Herr, ich bin nur eine Schäferin, ich habe keine Reichtümer; demungeachtet aber werde ich Euch niemals heiraten.«
»Mißfalle ich Euch denn?« fragte sie Chéri ein wenig aufgebracht.
»Nein, mein Prinz«, gab ihm Zélie zur Antwort, »ich finde Euch so, wie Ihr seid, das heißt sehr schön. Allein wozu würden mir Eure Schönheit, Eure Reichtümer, die schönen Kleider, die prächtigen Kutschen, die Ihr mir geben würdet, dienen, wenn die bösen Taten, die ich Euch alle Tage würde tun sehen, mich zwängen, Euch zu verachten und zu hassen.«
Chéri geriet über Zélie sehr in Zorn und befahl seinen Bedienten, sie sollten sie mit Gewalt in seinen Palast führen. Den ganzen Tag ging ihm die Verachtung im Kopf herum, die ihm dieses Mädchen bezeigt hatte. Weil er sie aber liebte, konnte er sich nicht entschließen, ihr übel zu begegnen.
Unter den Favoriten des Prinzen Chéri befand sich auch sein Milchbruder, dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte. Dieser Mensch, welcher ebenso niederträchtige Neigungen hatte, als er von niedriger Geburt war, schmeichelte den Leidenschaften seines Herrn und gab ihm sehr schlechte Ratschläge. Da er Chéri sehr traurig sah, fragte er ihn nach der Ursache seines Verdrusses. Als der Prinz ihm antwortete, er könne die Verachtung der Zélie nicht ertragen und er sei entschlossen, sich zu bessern, weil man tugendhaft sein müsse, wenn man ihr gefallen wolle, sagte dieser böse Mensch zu ihm: »Ihr seid sehr gütig, daß Ihr Euch wegen eines kleinen Mädchens solchen Zwang antun wollt. Wenn ich an Eurer Stelle wäre«, setzte er hinzu, »so wollte ich sie schon zwingen, mir zu gehorchen. Denkt daran, daß Ihr König seid und daß es schimpflich sein würde, Euch dem Willen einer Schäferin zu unterwerfen, die nur gar zu glücklich wäre, unter Eure Sklavinnen aufgenommen zu werden. Laßt dieselbe bei Wasser und Brot hungern, setzt sie ins Gefängnis, und wenn sie Euch noch immer nicht heiraten will, so laßt sie in den Martern sterben, um die anderen zu lehren, Eurem Willen nachzugeben. Ihr wäret entehrt, wenn man erführe, daß Euch ein einfaches Mädchen widersteht, und alle Eure Untertanen würden vergessen, daß sie nur auf der Welt sind, Euch zu dienen.«
»Allein«, sagte Chéri, »wird es mir nicht zur Schande gereichen, wenn ich eine Unschuldige hinrichten lasse? Denn kurz, Zélie ist keines Verbrechens schuldig.«
»Man ist nicht unschuldig«, erwiderte der Vertraute, »wenn man sich weigert, Euren Willen zu erfüllen. Gesetzt aber, Ihr beginget eine Ungerechtigkeit, so ist es doch besser, daß man Euch deren anklagt, als zu erkennen, daß es zuweilen schon erlaubt ist, es an der Ehrerbietung gegen Euch ermangeln zu lassen und Euch zu widersprechen.«
Der Hofmann packte Chéri an seiner schwächsten Stelle, und die Furcht, er möchte sein Ansehen vermindert sehen, machte so viel Eindruck auf den König, daß er die gute Regung erstickte, die ihm das Verlangen eingegeben hatte, sich zu bessern. Er entschloß sich, noch an demselben Abend in das Zimmer der Schäferin zu gehen und ihr übel mitzuspielen, wenn sie sich noch ferner weigerte, ihn zu heiraten. Chéris Milchbruder, welcher noch irgendeine gute Regung befürchtete, versammelte drei junge Herren um sich, die ebenso boshaft waren wie er, damit sie mit dem König soupierten. Diesen Kerlen gelang es vollends, Chéris Vernunft zu verwirren, indem sie ihn brav trinken ließen. Während der Tafel erregten sie seinen Zorn wider Zélie und beschämten ihn so sehr wegen der Schwäche, die er für sie gehabt hatte, daß er wie ein Rasender aufsprang und schwor, er wolle sie schon zwingen, ihm zu gehorchen, oder er wolle sie anderntags als eine Sklavin verkaufen lassen.
Als Chéri in das Zimmer trat, worin dieses Mädchen war, wunderte er sich sehr, daß er sie nicht fand, denn er hatte den Schlüssel dazu bei sich in der Tasche. Er war entsetzlich zornig und schwor, er wolle sich an allen denjenigen rächen, die er im Verdacht habe, daß sie Zélie geholfen hätten zu entwischen. Als ihn seine Vertrauten so reden hörten, entschlossen sie sich, seinen Zorn auszunützen, um einen Herrn zu stürzen, welcher Chéris Hofmeister gewesen war. Dieser redliche Mann hatte sich zuweilen die Freiheit genommen, den König wegen seiner Fehler zu warnen, denn er liebte ihn, als wäre er sein eigener Sohn. Anfänglich dankte ihm Chéri, darauf wurde er ungeduldig, daß man ihm widersprach, und endlich dachte er, es geschehe aus reinem Widerspruchsgeist, daß sein Hofmeister Fehler an ihm fand, da ihn alle Welt mit Lobsprüchen bedachte. Er befahl ihm also, sich vom Hofe hinwegzubegeben. Ungeachtet dieses Befehles aber sagte er doch zuzeiten, er sei ein redlicher Mann, den er nicht mehr liebe, den er aber wider seinen Willen hochschätze. Die Vertrauten befürchteten immer, es möchte der König einmal auf den Einfall kommen, seinen Hofmeister zurückzurufen, und sie glaubten eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben, sich ihn vom Halse zu schaffen. Sie gaben dem König zu verstehen, Suliman, so hieß dieser wackere Mann, habe sich gerühmt, er wolle Zélie die Freiheit wiedergeben. Drei Leute, die durch Geschenke bestochen waren, sagten aus, sie hätten gehört, daß Suliman solche Reden geführt, und der König, welcher vor Zorn ganz außer sich war, befahl seinem Milchbruder, er solle Soldaten abschicken, die seinen Hofmeister als einen Missetäter in Ketten und Banden herbeiholen sollten.
Nachdem Chéri diesen Befehl gegeben hatte, begab er sich in sein Zimmer. Kaum aber war er eingetreten, so zitterte die Erde. Ein Donnerschlag ertönte, und Candide erschien vor seinen Augen. »Ich habe Eurem Vater versprochen«, sagte sie streng zu ihm, »Euch guten Rat geben zu wollen und Euch zu bestrafen, wenn Ihr Euch weigert, ihm zu folgen. Ihr habt diese Ratschläge verachtet. Ihr habt nur noch die Gestalt eines Menschen behalten, und Eure Verbrechen haben Euch in ein Ungeheuer, den Schrecken des Himmels und der Erde, verwandelt. Es ist Zeit, daß ich mein Versprechen vollends erfülle und Euch bestrafe. Ich verdamme Euch, den Tieren gleich zu werden, deren Neigungen Ihr angenommen habt. Ihr habt Euch dem Löwen durch Euren Zorn, dem Wolf durch Eure Gefräßigkeit, der Schlange dadurch, daß Ihr denjenigen zerrissen habt, der Euer zweiter Vater gewesen, dem Stier durch Eure viehische Wildheit gleich gemacht. Tragt denn in Eurer neuen Gestalt das Kennzeichen aller dieser Tiere an Euch!«
Kaum hatte die Fee diese Worte vollendet, sah sich Chéri mit Entsetzen so, wie sie ihn verwünscht hatte. Er hatte den Kopf eines Löwen, die Hörner eines Stieres, die Füße eines Wolfes und den Schwanz einer Viper. Zu gleicher Zeit befand er sich in einem großen Walde an dem Rande eines Brunnens, worin er seine abscheuliche Gestalt erblickte, und er hörte eine Stimme, welche zu ihm sagte: »Betrachte aufmerksam den Zustand, in den du dich durch deine Missetaten versetzt hast. Deine Seele ist noch tausendmal abscheulicher als dein Körper.«
Chéri erkannte die Stimme der Candide und wandte sich in seinem Grimme um, sie anzufallen und zu verschlingen, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Er sah aber niemand, und ebendie Stimme sagte zu ihm: »Ich lache nur deiner Schwäche und deiner Wut. Ich will deinen Hochmut demütigen und dich in die Gewalt deiner eigenen Untertanen geben.«
Chéri glaubte, wenn er sich von diesem Brunnen entferne, so würde er ein Heilmittel für sein Übel finden, weil er seine Häßlichkeit und Ungestalt nicht mehr vor Augen hätte. Er ging also weiter in das Gehölz hinein. Er hatte aber kaum einige Schritte getan, als er in ein Loch fiel, welches man gemacht hatte, die Bären zu fangen. Im selben Augenblick stiegen die Jäger, die sich auf den Bäumen versteckt hielten, herunter, fesselten ihn und führten ihn nach der Hauptstadt seines Königreiches. Anstatt einzusehen, daß er sich diese Züchtigung durch seine Schuld zugezogen, verfluchte er vielmehr dafür auf dem Wege die Fee, biß in seine Kette und überließ sich der Wut.
Als er nahe an die Stadt kam, in die man ihn führte, sah er, daß Freudenfeste gefeiert wurden; und da die Jäger fragten, was es denn Neues gebe, sagte man ihnen, der Prinz Chéri, welcher sich nur ein Vergnügen damit gemacht habe, sein Volk zu plagen, sei in seinem Zimmer vom Donner erschlagen worden, denn das glaubte man. Die Götter, setzte man hinzu, hätten seine übermäßigen Bosheiten nicht mehr ertragen können, sie hätten die Erde davon befreit. Vier Herren, welche Helfershelfer bei seinen Verbrechen waren, glaubten sich das zunutze machen zu können und sein Reich unter sich zu teilen. Das Volk aber, welches wisse, daß ihre bösen Ratschläge den König verdorben haben, habe sie in Stücke zerreißen lassen und die Krone Suliman angeboten, welchen der boshafte Chéri hatte hinrichten lassen wollen. Dieser würdige Herr sei soeben gekrönt worden, und man feiere diesen Tag als den Tag der Befreiung des Königreiches, denn Suliman sei tugendhaft und werde den Frieden und den Überfluß zurückbringen.
Chéri seufzte vor Wut, als er diese Worte hörte. Allein es war noch ärger, da er auf den großen Platz vor seinem Palaste kam. Er sah Suliman auf einem prächtigen Throne und alles Volk, welches ihm ein langes Leben wünschte, um all die Übeltaten wiedergutzumachen, die sein Vorfahr begangen hatte. Suliman winkte mit der Hand, damit Ruhe eintrete, und sagte zu dem Volke: »Ich habe die Krone angenommen, die ihr mir angeboten habt, es ist aber bloß geschehen, sie dem Prinzen Chéri zu bewahren. Er ist nicht tot, wie ihr glaubt, eine Fee hat es mir offenbart, und vielleicht werdet ihr ihn einst tugendhaft wiedersehen, so wie er in seinen ersten Jahren war. Ach!« fuhr er unter Tränen fort, »die Schmeichler haben ihn verführt. Ich kenne sein Herz, es war zur Tugend gemacht, und ohne die vergifteten Reden derjenigen, die sich ihm nahten, wäre er unser aller Vater gewesen. Verabscheut seine Laster, aber beklagt ihn, und laßt uns alle zusammen die Götter bitten, daß sie ihn uns wiedergeben. Ich für mein Teil schätzte mich höchst glücklich, diesen Thron mit meinem Blute zu benetzen, könnte ich ihn denselben nur wieder so besteigen sehen, daß er seinen Platz würdig einnähme.«
Sulimans Worte gingen dem Chéri zu Herzen. Er erkannte nunmehr, wie aufrichtig die Ergebenheit und Treue dieses Mannes gewesen waren, und hielt sich seine Verbrechen zum ersten Male vor Augen. Kaum hatte er dieser guten Regung nachgegeben, so fühlte er, daß sich die Wut legte, von der er beseelt war. Er dachte über alle Missetaten seines Lebens nach und fand, daß er noch nicht so streng bestraft war, als er es verdient hatte. Er hörte also auf, in dem eisernen Käfig, in dem er gefesselt war, zu toben und wurde so sanft wie ein Lamm. Er wurde in ein großes Haus geführt, wo man alle die Ungeheuer und die wilden Tiere verwahrte, und wurde daselbst mit den anderen angebunden.
Chéri faßte nunmehr den Entschluß, mit der Tilgung seiner Fehler zu beginnen, indem er sich dem Manne, der ihn bewachte, sehr gehorsam bezeigen wollte. Dieser Mann war ein Unhold, und obgleich das Untier sehr sanftmütig war, prügelte er es doch ohne Schuld und Ursache, wenn er übel aufgeräumt war. Eines Tages, da dieser Mensch eingeschlafen war, fiel ihn ein Tiger an, welcher seine Kette zerrissen hatte, und wollte ihn auffressen. Anfänglich empfand Chéri Freude darüber, da er sah, daß er von seinem Verfolger erlöst werden sollte. Er verdammte aber diese Regung sogleich und wünschte, frei zu sein. Ich wollte ihm, sagte er bei sich selbst, Böses mit Gutem vergelten und diesem Unglücklichen das Leben retten. Kaum hatte er diesen Wunsch getan, so sah er seinen eisernen Käfig geöffnet. Er sprang an die Seite dieses Mannes, welcher aufgewacht war und sich wider den Tiger wehrte. Der Wärter hielt sich für verloren, als er das Untier sah. Seine Furcht aber wurde bald in Freude verkehrt. Dieses gutartige Untier fiel den Tiger an, erwürgte ihn und legte sich darauf zu den Füßen desjenigen, den es gerettet hatte. Der Mann wollte sich, von Dankbarkeit durchdrungen, niederbeugen und das Untier liebkosen, welches ihm einen so großen Dienst erwiesen hatte. Er hörte aber eine Stimme, welche sagte: »Eine gute Tat bleibt niemals ohne Belohnung«, und im selben Augenblick sah er zu seinen Füßen nichts mehr als ein niedliches Hündchen.
Chéri, welcher über seine Verwandlung hocherfreut war, erwies seinem Wärter tausenderlei Liebkosungen, der ihn auf den Arm nahm und zum Könige trug, dem er dieses Wunder erzählte. Die Königin wollte den Hund haben, und Chéri hätte sich in seinem neuen Zustand glücklich befunden, wenn er hätte vergessen können, daß er ein Mensch und ein König gewesen. Die Königin überhäufte ihn mit Liebkosungen, aber aus Angst, er möchte größer werden, als er war, zog sie ihre Ärzte zu Rate, die ihr sagten, man müsse ihn nur mit Brot füttern und ihm nur eine gewisse Menge davon geben. Der arme Chéri starb den halben Tag fast vor Hunger, allein er mußte Geduld haben.
Eines Tages, da man ihm sein kleines Brötchen zum Frühstück gegeben hatte, kam ihm die Lust an, in den Garten des Palastes zu laufen und es da zu fressen. Er nahm es ins Maul und lief zu einem Graben, den er wohl kannte und der ein wenig entfernt lag. Allein er fand diesen Graben nicht mehr und sah an seiner Stelle ein großes Haus, welches außen von lauter Gold und Edelsteinen schimmerte. Er sah eine Menge prächtig gekleideter Mannspersonen und Frauenspersonen hineingehen. Man sang, man tanzte in diesem Hause, und es war lauter Wohlleben darin. Alle diejenigen aber, welche herauskamen, waren blaß, mager, voller Wunden und fast ganz nackend, denn ihre Kleider hingen in Fetzen an ihnen herab. Einige fielen wie tot nieder und hatten nicht die Kraft, sich weiterzuschleppen. Andere entfernten sich mit vieler Mühe, wieder andere blieben auf der Erde liegen und starben vor Hunger. Sie baten diejenigen, die in das Haus eintraten, um ein Stückchen Brot, allein diese sahen sie nicht einmal an.
Chéri näherte sich einem jungen Mädchen, welches sich bemühte, Kräuter auszurupfen, um sie zu essen. Der Prinz wurde vom Mitleid gerührt und sagte bei sich selbst: Ich habe zwar große Lust zu essen, ich werde aber bis zur Zeit meines Mittagbrotes eben nicht verhungern; wenn ich diesem armen Geschöpfe mein Früstück aufopferte, könnte ich ihm vielleicht das Leben retten. Er entschloß sich, dieser Regung zu folgen, und legte sein Brot diesem Mädchen in die Hand, welches es gierig in den Mund steckte.
Das Mädchen schien bald völlig wiederhergestellt, und Chéri, welcher vor Freude ganz entzückt war, daß er ihm zu so rechter Zeit beigesprungen, gedachte nach dem Palaste zurückzukehren, als er ein großes Geschrei hörte. Es war Zélie in den Händen von vier Mannspersonen, die sie nach diesem schönen Hause schleppten, wo sie sie einzutreten zwangen. Chéri bedauerte jetzt, daß er seine Untiergestalt nicht mehr hatte, die es ihm ermöglicht hätte, Zélie zu Hilfe zu eilen. Als ein schwacher Hund aber konnte er wider die Räuber, die sie entführten, nur bellen, und er bemühte sich, ihnen zu folgen. Sie stießen ihn mit den Füßen fort, und er entschloß sich, diesen Ort nicht zu verlassen, um zu erfahren, was mit Zélie geschehen würde. Er warf sich das Unglück dieses schönen Mädchens vor. Ach, sagte er bei sich selbst, ich bin wider diejenigen aufgebracht, die sie entführen. Habe ich denn nicht ebendieses Verbrechen begangen? Und wenn die Gerechtigkeit der Götter meiner Mißhandlung nicht zuvorgekommen wäre, hätte ich sie nicht ebenso unwürdig behandelt?
Chéris Betrachtungen wurden durch ein Geräusch unterbrochen, welches über seinem Kopfe vorging. Er sah, daß ein Fenster geöffnet wurde, und seine Freude war überaus groß, als er Zélie gewahr wurde, die eine Schüssel voller so schön zugerichteter Speisen hinauswarf, daß sie einem rechte Lust zum Essen machten, wenn man sie nur sah. Das Fenster wurde sogleich wieder geschlossen. Chéri, welcher den ganzen Tag nicht gegessen hatte, glaubte, er müsse sich die Gelegenheit zunutze machen. Er wollte also von diesen Speisen fressen, als das junge Mädchen, dem er sein Brot gegeben hatte, ein Geschrei erhob und ihn auf den Arm nahm. »Mein liebes, armes Hündchen«, sagte sie zu ihm, »rühre diese Speisen ja nicht an. Dieses Haus ist der Palast der Lüge: Alles, was daraus kommt, ist vergiftet.« Zu gleicher Zeit hörte Chéri eine Stimme, welche sagte: »Du siehst, eine gute Tat bleibt nicht ohne Belohnung«, und sogleich wurde er in ein schönes weißes Täubchen verwandelt. Er erinnerte sich, daß dies der Fee Candide Farbe war, und fing an zu hoffen, sie würde ihm endlich ihre Gewogenheit wieder schenken können.
Zuerst wollte er sich Zélie nähern, und nachdem er sich in die Luft erhoben, flog er rund um das Haus herum und sah mit Vergnügen, daß ein Fenster offenstand. Er mochte aber getrost das ganze Haus durchfliegen, er fand Zélie nicht darin, und voller Verzweiflung über ihren Verlust entschloß er sich, nicht eher zu ruhen, als bis er sie gefunden hätte. Er flog viele Tage lang. Endlich kam er in eine Wüste und sah eine Höhle, welcher er sich näherte. Wie groß war seine Freude! Zélie saß daselbst an der Seite eines ehrwürdigen Einsiedlers und hielt mit ihm ein kärgliches Mahl. Chéri, außer sich vor Entzücken, flog dieser liebreizenden Schäferin auf die Schulter und drückte durch seine Liebkosungen aus, wie gern er sie sah. Zélie war von der Zärtlichkeit dieses Täubchens ganz eingenommen und streichelte es sanft mit ihrer Hand. Ob sie nun gleich glaubte, daß es sie nicht verstehen könne, sagte sie doch zu ihm, sie nehme das Geschenk an, welches es ihr mit sich selbst mache, und sie wolle es beständig lieben. »Was habt Ihr getan, Zélie?« sagte der Einsiedler, »Ihr habt Eure Treue versprochen.«
»Ja, allerliebste Schäferin«, sagte Chéri zu ihr, welcher in dem Augenblick seine natürliche Gestalt wieder annahm, »das Ende meiner Verwandlung war mit der Einwilligung verbunden, die Ihr zu unserer Vereinigung geben würdet. Ihr habt mir versprochen, mich beständig zu lieben; bestätigt mein Glück, oder ich will die Fee Candide, meine Beschützerin, beschwören, daß sie mir die Gestalt wiedergebe, unter welcher ich das Glück gehabt habe, Euch zu gefallen.«
»Ihr habt ihre Unbeständigkeit nicht zu fürchten«, sagte Candide zu ihm, indem sie die Hülle des Einsiedlers abwarf, unter der sie sich verborgen hatte, und vor ihren Augen als die erschien, die sie wirklich war. »Zélie liebte Euch, sobald sie Euch sah, Eure Laster aber zwangen sie, Euch die Neigung zu verhehlen, die sie für Euch empfand. Die Wandlung Eures Herzens gibt ihr die Freiheit, sich all ihrer Zärtlichkeit zu überlassen. Ihr werdet glücklich leben, weil Eure Vereinigung auf die Tugend gegründet sein wird.«
Chéri und Zélie hatten sich der Candide zu Füßen geworfen. Der Prinz konnte es nicht müde werden, ihr für ihre Güte zu danken, und Zélie, entzückt, da sie erfuhr, daß der Prinz seine Verirrungen verabscheute, bestätigte ihm das Geständnis ihrer Zärtlichkeit.
»Steht auf, meine Kinder«, sagte die Fee zu ihnen, »ich will euch in euren Palast bringen und Chéri eine Krone wiedergeben, deren ihn seine Laster unwürdig gemacht hatten.«
Kaum hatte sie aufgehört zu reden, da befanden sie sich in Sulimans Zimmer, welcher, erfreut, seinen lieben Herrn wieder tugendhaft zu sehen, ihm den Thron überließ und der Getreueste seiner Untertanen blieb. Chéri herrschte lange Zeit mit Zélie, und man sagt, er habe sich seiner Pflichten dergestalt beflissen, daß ihn der Ring, welchen er wieder trug, nicht ein einziges Mal so stark gestochen habe, daß das Blut geflossen sei.

[Klaus Hammer: Französische Feenmärchen des 18. Jahrhunderts]

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