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Märchenbasar

Schawenis und das Wasser des Lebens

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Schawenis war ein kleines Mädchen, das mit seinen Eltern in dem ärmlichen Häuschen des Pueblos wohnte. Hunger und Elend waren ständig Gäste bei ihnen, und je größer Schawenis wurde, desto öfter dachte sie darüber nach, wie sie diese ungebetenen Gäste vertreiben könnte. Denn sie wußte, daß weder Vater noch Mutter die nötige Kraft dazu aufbringen würden. So ruhte die ganze Schwere des Entschlusses auf ihr allein. Endlich kam ihr ein Gedanke. Ich will Baumwolle sammeln und weben lernen, dachte sie. Und es dauerte nicht lange, da hatte sie schon einen großen Strang zum Verarbeiten bereit. Anfangs webte sie schöne Strümpfe, wie sie die Frauen zum festlichen Tanz zu tragen pflegten, dann aber wuchs untert ihren flinken Händen ein herrliches weißes Gewand – eine Manta – und schließlich gelang ihr auch noch eine entzückende Tanzschärpe. Das ganze Pueblo war von ihren Arbeiten begeistert, und alle Frauen waren wie versessen darauf, diese Herrlichkeiten ihr eigen zu nennen. Schawenis paßte das gerade in ihren Plan, und so wurden ihre Erzeugnisse bald verkauft. Dann webte sie eine noch viel schönere Manta, aber auch die behielt sie nicht für sich, denn wenn man bot ihr einen sehr hohen Preis dafür. Und wie die Zeit verging, erschienen die Frauen des Pueblos eine nach der anderen in nagelneuen Gewändern zum Tanz. Schawenis webte und webte. Aber je mehr prächtige Gewänder aus ihren Händen hervorgingen, desto mehr wuchs der Hochmut in ihrem Herzen, so daß sie jetzt nicht nur schön und reich, sondern auch böse und hoffärtig war. Ihre Altersgenossinnen heirateten eine nach der anderen. Auch um Schawenis bewarben sich einige junge Indianer und brachten ihr, wie es um Pueblo jetzt noch Sitte ist, jeder ein schönes weißes kleid, das sie selbst gewebt hatten. Aber Schaweni wies die Bewerber ab. „Ich brauche eure Geschenke nicht“, sagte sie hochmütig.
„Ich kann mir meine Kleider selbst weben und noch viel schöner.“ Den alten Leuten entging es nicht, daß im Herzen des Mädchen der Hochmut seine Blüten trieb, und sie schüttelten besorgt die Köpfe. „Du hast dich vom Guten abgewendet, Schawenis“, sagten sie vorwurfsvoll. „Die guten Geister haben dir Reichtum geschenkt, weil du ein fühlendes Herz hattest. Jetzt aber ist es voller Hoffart, und solche Menschen entgehen nur selten ihrer gerechten Strafe…“ – „Spart euch diese Reden“, rief Schawenis aufbrausend. „Wenn ich Lust habe, kann ich mir für meinen Reichtum das ganze Pueblo kaufen und euch allesamt davonjagen!“

Nur einen hatte ihre Schönheit so bezaubert, daß er trotz allem Tag und Nacht an einem herrlichen Hochzeitskleid für sie webte. Der Jünglich wurde der Narbige genannt, weil die Pranken des Bären Tumwa, von dem er einst überfallen worden war, auf seinem Gesicht Spuren hinterlassen hatten. Als das Kleid fertig war, ging er damit zu Schawenis……
„Ich glaube, an dein gütiges Herz, Schawenis, und bringe dir mein Hochzeitsgeschenk“, entgegnete der Jüngling und wollte seine Arbeit vor ihr ausbreiten…“Bah, die Mühe kannst du dir sparen. Ich habe schon ganz andere fortgejagt. Oder hast du vielleicht gedacht. Oder hast du vielleicht gedacht, es würde mir Spaß machen, ein ganzes Leben lang dein gezeichnetes Gesicht zu sehen?“ spottete Schawenis. Der gedemütigte Jüngling schlug die Augen nieder und entfernte sich wortlos. Die höhnische Rede des Mädchens hatte ihn tief verletzt. Der Narbige hatte von seiner Niederlage geschwiegen, aber Schawenis sorgte dafür, daß sie bald im ganzen Dorf bekannt wurde. Aber das sollte ihre lezte böse Tat sein. Kurz darauf senkte sich über Pueblo eine Schwüle, sternenlose Nacht herab. Da war es plötzlich, als schwebte in dem Raum, wo Schawenis schlief, etwas durch die Finsternis, und dann traten drei sonderbare Geister an ihr Lager. Nicht als ihre seltsamen, fast unhörbaren Stimmen verrieten ihre Gegenwart. „Ich habe ihr Gesundheit und Schönheit verliehen“, flüsterte die erste Stimme.., „aber nun schicke ich ihr für alles Böse, was sie getan hat, Krankheit und Schmerzen.“…“Ich habe ihr Reichtum geschenkt, aber sie verdient ihn nicht und soll wieder in Armut und Elend leben.“ …“Und ich schicke ihr den Tod. Wenn sie den Hochmut nicht aus ihrem Herzen reißt, muß sie sterben, Howgh!“ Mehr sagten sie nicht, denn mit dem letzten Wort kam aus den schweren, in der nächtlichen Stille hängenden Wolken ein Blitz herabgefahren, und noch ehe sein Schein erlosch, waren die seltsamen Wesen wie an einer Leiter daran hochgeklettert und oben im Sternenpueblo verschwunden.

Über der Erde entlud sich ein Gewitter. Heftige Donnerschläge schreckten die Menschen aus dem Schlaf, und dann prasselte ein Regenguß nieder. Schawenis wußte von alledem nichts. Sie hatte die ganze Nacht tief geschlafen und schlug erst die Augen auf, als die Morgensonne ihre Strahlen auf die weißen Wände warf. Schawenis wollte sich erheben, aber eine unerklärliche Müdigkeit hielt sie umfangen, so daß sie kein Glied rühren konnte. Sie wollte nach ihrer alten Mutter rufen, aber die Zunge lag ihr wie Blei im mund. Da wußte sie, daß sie krank war…… Lange blieb sie hilflos liegen. Erst als der Tag zur Neige ging, trat die Mutter an ihr Lager. Das krankhaft veränderte Gesicht der Tochter verriet ihr auf den ersten Blick, wie es um Schawenis stand, und sie ließ sogleich einen Zauberer rufen, der die Kranke gesund machen sollte. Anfangs weigerte sich der Zauberer, denn auch er war dem Mädchen nicht gewogen, aber als ihm eine reichliche Belohnung zugesagt wurde, packte er seine Arzneien zusammen und ging zu Schawenis. Er wachte die ganze Nacht hindurch an ihrem Lager, zündete mehrmals ein Feuer an, stellte allerlei Tiegel darauf und braute darin, ununterbrochen Beschwörungsformeln murmelnd, seine Heilgetränke. In der Früh nahm der Zauberer seinen Lohn und machte sich zum Weggehn bereit. „Meine Arzneien besitzen außergewöhnliche Heilkraft“, sagte er beim Abschied, …“aber die Krankheit, an der Schawenis leidet, vermögen sie nicht zu heilen. Ihr habt mich freigiebig belohnt, und darum will ich euch einen guten Rat geben. In den Felsenbergen wohnt ein noch mächtigerer Schamane als ich. Bietet ihm euren ganzen Besitz, und er wird eure Tochter gesund machen.“

Die Eltern säumten nicht und ließen auch diesen Zauberer rufen. Drei Tage und drei Nächte lang mühte sich der Alte, die Krankheit auszutreiben, aber vergebens. „Schon die dritte Nacht höre ich die Stimme der Toten aus dem Reich der Schatten. Sie rufen mich immer lauter und lauter, und ich fürchte mich vor ihnen. Sag, weiser Mann, muß ich wirklich sterben?“ Der Zauberer schüttelte den Kopf. „Meine Medizin hat dir nicht geholfen, obwohl ich im ganzen Indianerland keine heilkräftigere zu finden ist. Es gäbe vielleicht noch ein letztes Mittel, aber….“…“Nenne es mir, großer Zauberer, du bekommst dafür alles, was ich besitze“, bat Schawenis. „Wie ich sehe, hat die Krankheit deinen Stolz gebrochen, und das ist ein gutes Zeichen. Denn um wieder gesund zu werden, brauchst du Liebe. Aber du hast ja jeden, der sie dir geben wollte, fortgejagt!“ Schawenis brach in Tränen aus. Sie empfand bittere Reue über das, was sie getan hatte. Ach wie gerne hätte sie jetzt alles wiedergutgemacht!

In diesem Augenblick hörte man draußen die Leiter knacken. Jemand kam heraufgestiegen. Und dann trat derjenige in den Raum, dem das Mädchen das größte Leid zugefügt hatte – „Im Pueblo heißt es, daß du im Sterben liegst“, sagte der Jüngling zu Schawenis. „Aber ich glaube es nicht und hoffe fest, daß du bald wieder gesund wirst.“ – „Nein, ich werde nie wieder gesund“, entgegnete Schawenis traurig, …“weil ich niemand geliebt habe als mich selbst!“ Da mischte sich der Zauberer in das Gespräch. „Willst du ihr helfen?“…“Von Herzen gern! Ich liebe Schawenis noch immer, auch wenn sie mir sehr weh getan hat.“ – „Irgendwo weit in der Wüste hinter dem Pueblo strömt im Verborgenen das Brünnlein des Lebens. Du mußt es suchen und das Wasser so schnell wie möglich Schawenis bringen. Hier – nimm meinen Krug. Er hält jede Flüssigkeit frisch!“ Der Jüngling nahm den Krug und wollte die Hütte verlassen. Aber Schawenis hielt ihn noch zurück: „Merke dir, daß dein Weg nur dann einen Sinn hat, wenn du Schawenis wirklich von ganzem Herzen liebst, denn nur deine Liebe wird dich an den Quell des Lebenswassers führen.“

Volle drei Tage war der Jüngling schon in der Wüste umhergeirrt, ohne auch nur die geringste Spur von dem Wasser des Lebens entdeckt zu haben. Nichts als glühende Sanddünen boten sich seinen suchenden Augen. Einigemal hatte er schon geglaubt, den kühlenden Quell vor sich zu sehen, aber wenn er dann nähertrat, mußte er erkennen, daß ihn seine Sinne genarrt hatten. Am dritten Tag fiel er vor Erschöpfung in den Sand und schlief ein. Während des Schlafens kamen Fieberträume über ihn, in denen ihm das Bild der schönen Schawenis erschien. Mit lieblichem Lächeln sang sie ihm ein Lied, das wie das Murmeln eines fernen Bächleins klang. Da erwachte er. Er sprang auf und blickte um sich. Von Schawenis war nichts zu sehen, nur die heiße Wüste dehnte sich vor seinen Augen. Aber das Rauschen des Baches war noch immer zu hören, ja es schien sogar immer deutlicher zu werden. Jetzt fiel ihm ein, daß der Quell unter der Erde sein mußte. Er scharrte den Sand weg und stieß auf Gestein. Aber er fühlte sich so schwach, daß er die Hoffnung, jemals zu dem Waaser vorzudringen, gänzlich aufgeben mußte. Trotzdem machte er noch einen letzten Versuch. Er wälzte ein großes Felsstück beiseite, und da sprang ihm plötzlich ein gewaltiger Wasserstrahl entgegen. Kaum hatte er sich das Gesicht gewaschen, spürte er, wie ihm das Blut mit neuer Kraft durch die Adern strömte. Und gleich darauf merkte er, daß ein noch größeres Wunder geschehen war: Das heilkräftige Wasser hatte die Narben in seinem Gesicht so geglättet, daß auch nicht die geringste Spur davon zurückgeblieben war. Er füllte den Krug des Zauberers mit dem Lebenswasser und eilte, so schnell er konnte, in das Pueblo zurück.

Schawenis lag im Sterben. Sie war überzeugt, daß der Jüngling die wundertätige Quelle nicht gefunden hatte und sie nun bald in das Reich der Schatten wandern müsse. Nur noch ein letzter Wunsch war ihr geblieben: von dem Narbigen Abschied nehmen zu können. Sie wartete und wartete, und als er endlich kam, setzte sie sich auf ihrem Lager auf, um ihm ihre letzten Worte zu sagen. Aber der Jüngling setzte ihr den Krug mit dem Wasser des Lebens an die Lippen. Schon der erste Schluck gab Schawenis ihre Kräfte zurück. Sie verließ das Krankenlager und dankte ihrem Retter mit einem liebevollen Lächeln. Da bemerkte sie, daß die Narben in seinem Gesicht spurlos verschwunden waren. „Auch ihm hat das Wasser des Lebens geholfen“, sagte er Zauberer, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, und trat zu dem jungen Paar. „Schawenis liebt dich“, sprach er zu dem Jüngling,…“und ich weiß, daß ihr miteinander glücklich sein werdet. Aber um eins bitte ich euch: Laßt niemals den Hochmut die Herrschaft über eure Herzen gewinnen!“
Nach diesen Worten drehte sich der Zauberer um und verließ das Haus.

Quelle: Märchen der Cochiti, Algonkin

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