Suche

Märchenbasar

Tippels großartiger Geschäftsabschluss

Drei Tage vor Ostern tappt Meister Tippel, der älteste Osterhase und Erfinder des Osterfestes im Märchenwald schlechthin, über die angrenzende Lichtung und Wiese. Ab und zu schaut er in den Himmel und schüttelt den Kopf. Am Ende der großen Wiese sieht er hohe grüne Berge und hält gedankenversunken darauf zu. Angekommen an einer rot-weiß gestreiften Barriere wird er plötzlich angesprochen.
“He, Meister Tippel, schönen guten Morgen! Na? Hast du die Osterarbeit in diesem Jahr schon geschafft? Du machst ja ein Gesicht, als hätte es dir die Petersilie verhagelt. Hast du Kummer?”
“Ach, du bist es, Barthold! Auch dir einen schönen guten Morgen. Ja, ich mache mir große Sorgen. Stell dir mal vor! Wenn es Ostern regnet oder vielleicht sogar hagelt, wie werden dann wohl die schönen bunten Ostereier aussehen, wenn sie im nassen Gras liegen!”, jammert Tippel.
Der Bartzwerg versteht kein Wort und so guckt er auch.
“Na, ich meine die Wasserflecken, die die schönen Farben verwaschen könnten. Ein Osterei mit Wasserflecken, das will ich mir gar nicht ausmalen. Ich muss etwas finden, was die Eier trockenhält, bis sie von den Kindern gefunden und in ihre Körbchen gelegt werden.”
Nun kreisen auch Barthold die Gedanken nur so in seinem kleinen Kopf herum. Da ihm jedoch auf die Schnelle nichts rechtes einfällt, lächelt er Tippel an und meint: “Was hälst du von einem zweiten Frühstück? Vielleicht fällt uns dabei etwas ein!”
“Gute Idee! Wenn es bei dir noch eine saftige Möhre gibt, nehme ich deine Einladung gern an”, freut sich Tippel, reibt sich die kalten Pfoten und beide betreten die neben der Barriere gelegene kleine aber saubere Hütte, in der der Grenzwächter Barthold mit seiner lieben Frau wohnt.
“Hmmm! Hier riecht es aber gut!”, schnuppert Tippel in die Luft.
“Ja, ja! Meine Frau bäckt das beste Brot im ganzen Grünzwergenland. Dafür ist meine Bartlinde weithin bekannt und ihr Brot sehr begeht”, erklärt Barthold mit stolzgeschwellter Brust und gibt seiner Frau einen schmatzenden Kuss auf die Wange.
“Guten Morgen, Meister Tippel! Das ist ja mal ein ganz seltener Besuch. Was verschafft uns denn das Vergnügen?”, strahlt die junge Zwergin den alten Hasen aus leuchtend grünen Augen an.
“Meister Tippel hat ein Problem”, sagt Barthold rasch und bietet dem Hasen einen Platz am runden Tisch in der Mitte des Zimmers an. Während Bartlinde um die beiden herumwuselt, Löffel, Teller mit duftenden Brotscheiben, ein Glas goldenen Akazienhonig und drei Becher mit frischer Hirschkuhmilch auf dem Tisch platziert, erzählt Meister Tippel von seiner großen Sorge.
“Das ist ja wirklich ein Problem!”, stellt auch Bartlinde fest, beißt in ihr Honigbrot und nimmt einen kräftigen Schluck Hirschkuhmilch. Da durchzuckt sie ein Gedankenblitz.
“Jungs, ich hab’s!”, sprudelt es regelrecht aus ihr heraus. “Meister Tippel, du hast doch sicher draußen an der Landesgrenze die großen grünen Berge gesehen.”
“Hab ich, hab ich!”, nuschelt der Hase, dem das Brot und die süße Möhre dazu gar zu köstlich schmecken und er vor lauter Genuss hin und weg ist. Doch bei den soeben gefallenen Worten stellt er abrupt seine langen Ohren auf, hört auf zu mümmeln und seine Knopfaugen starren erwartungsvoll in die der Zwergin, welche abwechselnd die beiden Männer vor sich belustigt anschaut.
“Da draußen liegen Berge von Barthaaren unseres Zwergenlandes. Wir werden nicht umsonst Bartzwerge genannt. Auch wir Frauen tragen Bärte und grün sind sie auch. Na, klingelt’s?”
“Nein!”, kommt es gleichzeitig aus zwei Mündern.
“Ganz einfach! Meister Tippel, wir Grünbartzwerge werden dir helfen und auch uns wird dabei geholfen”, grinst Bartlinde übers ganze Gesicht.
“Ich verstehe immer noch nicht!”, murmelt Barthold bedröppelt. Tippel zieht vor lauter Spannung die Augenbrauen hoch und schaut in Erwartung der sorgenbannenden Lösung wie hypnotisiert auf den Mund der Zwergin.
“Die Barthaare eignen sich ganz sicher für die Herstellung von Osternestern. Wir werden sie gründlich waschen, mit Bienenwachs bearbeiten und zu Nestern formen. So werden wir die grünen Berge los und du hast wasserfeste Zwischenlager für die Ostereier, bis sie von den Kindern gefunden werden. Eure Arbeit wird auf diese Weise nicht ruiniert und du kannst wieder ruhig schlafen. Dafür würden wir dann aber auch gern zu Ostern mitbedacht werden, zumindest unsere Kinder. Na? Kommen wir ins Geschäft?”
Meister Tippel weiß gar nicht, was er vor lauter Freude darauf erwidern soll. Ein Tränchen kullert ihm über seine Fellwange, dann hat er sich wieder im Griff und umarmt überschwänglich Bartlinde. Ein dicker Kuss des Hasen auf die Wange der Zwergin besiegelt den Geschäftsabschluss, von dem beide Seiten in diesem wie auch in den folgenden Jahren nur gewinnen können.
So werden bis in alle Zeiten die Ostereier vor nassen Wiesen geschützt und kommt man ins Grünbartzwergenland, erkennt man dies nur an den grünen Bärten der Bewohner, da die Haarberge zu Osternestern verarbeitet werden und sich nichts mehr ansammelt.    

 

Doris Liese