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Märchenbasar

Vom Abte Sorgenlos

Es war einmal ein Abt, der besaß der irdischen Güter die Fülle, hatte Wagen und Pferde, Köche und Kammerdiener, Schreiber und Lakaien, und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Sorgen plagten ihn nicht, als höchstens wie er die Zeit mit Essen, Trinken und Schlafen herumbringen könne. Darob beneideten ihn die Pfaffen und Bürger der Stadt und nannten ihn den Abt Sorgenlos.
Eines Tages nun kam der König des Landes in die Stadt, und die Feinde des Abtes eilten herzu, ihn bei dem Herrscher zu verklagen, und sagten: »Herr König, in dieser Stadt lebt ein Mensch, glücklicher als Ihr, dem es auf dieser Erde an nichts gebricht, weshalb er sich auch Abt Sorgenlos nennen läßt. Das ist nicht billig, und wir bitten Euch, dem Dinge abzuhelfen.«
Der König hörte sie aufmerksam an und sprach dann: »Ihr Leute, jetzt geht ruhig nach Hause, denn in kurzem wollen wir euerm Abte schon Sorgen genug schaffen.« Er ließ den Abt rufen, und dieser kam mit vier Pferden vorgefahren. Der König hieß ihn willkommen, bot ihm einen Platz an seiner Seite an und unterhielt sich mit ihm von diesem und jenem. Ganz zuletzt fragte er ihn, wie er wol zu dem sonderbaren Namen Abt Sorgenlos gekommen. Der Abt antwortete: »Weil ich, Herr König, mir keine Sorgen um irdische Dinge zu machen brauche und für alles andere meine Diener denken lasse.« »Nun, Herr Abt«, sprach der König, plötzlich ernst geworden, »wenn Ihr so gar nichts zu thun habt, könnt Ihr mir einen Gefallen thun und die Sterne am Himmel zählen, und zwar in drei Tagen und drei Nächten. Gelingt es Euch nicht, so werdet Ihr mir Euern Kopf lassen. Dies ist mein Wille und Befehl.«
Der arme Abt Sorgenlos fing zu zittern an wie Espenlaub und ging davon wie ein begossener Pudel, verwirrt und erschreckt durch des Königs Befehl. Zu Hause angekommen, fand er die Tafel gedeckt, aber essen mochte er nichts, denn die innere Angst verzehrte ihn. Er stieg auf das Dach seines Hauses, warf den Kopf zurück und schaute nach dem Himmel: da war aber auch nicht Ein armes Sternlein zu erblicken, die Sonne stand noch hoch am Himmel. Als es Nacht ward und die Sterne heraufkamen, fing er eifrig an zu zählen und notirte sich die Zahlen in sein Schreibtäflein. Bald aber verwirrte er sich, denn die Wolken kamen und gingen, und seine Zahlen waren alle falsch. Wie die Köche und Kammerdiener, die Schreiber und Lakaien sahen, daß ihrem Herrn weder Essen noch Trinken mehr schmecken wollte, sondern daß er nur immer gereckten Halses in die Luft schaute, meinten sie, es sei in seinem Kopfe nimmer richtig, und beklagten ihn gar sehr. Der erste Tag war vergangen, der zweite, der dritte neigte sich bereits, und dem armen Abte wurde immer elender zu Muthe, wenn er dachte, daß niemand mehr für seinen Kopf einen Pfifferling geben würde.
Er hatte aber einen alten erprobten Diener, dem ging der geheime Jammer seines Herrn so sehr zu Herzen, daß er ihn bat, ihn zum Vertrauten zu machen, wer weiß, ob er ihm nicht helfen könne. »Ach«, seufzte der Abt, »wer kann mir helfen! Der König hat mir aufgegeben, die Sterne am Himmel zu zählen, und ich mühe mich und bringe die Zahl nicht heraus, so muß ich dem Könige den Kopf lassen.« Als der Diener das hörte, sagte er: »Getröstet Euch, lieber Herr! Laßt mich machen, ich weiß Mittel und Wege, Euch aus der Schlinge zu ziehen.«
Er ging und kaufte ein großes Ochsenfell, an dem die Haare noch saßen, breitete es auf dem Boden aus, schnitt dann hier ein Stückchen vom Schwanze ab, dort vom Ohr, da von den Seiten und sagte zum Abte: »So, Herr Abt, gehen wir jetzt zum König, und wenn er Euch fragt, wieviel Sterne am Himmel stehen, so laßt mich rufen, ich komme dann mit dem Fell, breite es vor dem Könige aus, und Ihr sprecht: Der Sterne am Himmel sind so viel, als jetzt Haare auf dem Ochsenfell, doch da es deren vorher zu viel waren, so habe ich die überzähligen wegschneiden lassen.«
Da fiel dem Abte ein Stein vom Herzen, schnell befahl er seinen Wagen und fuhr zum Könige. Dieser begrüßte ihn ganz freundlich und fragte: »Nun, Herr Abt, seid Ihr meinem Befehle nachgekommen?« – »Ja, Herr König«, antwortete dreist der Abt, »die Sterne sind gezählt.« – »So sagt mir, wieviel sind es?« Alsogleich rief der Abt seinen Diener herbei, der kam und breitete das Fell zu Füßen des Königs aus. Der König, der nicht wußte, wo das hinaus wollte, blickte verwundert den Abt an, der erhob seine Stimme und sagte: »Euere Aufgabe, Herr König, hat mich viel Kopfzerbrechens gekostet, dennoch ist sie gelöst. Der Sterne am Himmel sind so viele als Haare auf diesem Ochsenfelle, und da deren vorher zu viele waren, habe ich hier und da nachhelfen und abschneiden müssen, bis die Zahl richtig war. Glaubt Ihr es nicht, so laßt nachzählen, ich bin meiner Aufgabe ledig.« Der König stand mit offenem Munde und wußte nicht, was er sagen sollte. Endlich reichte er dem Abte die Hand und sprach: »Geht nur hin in Frieden und lebt fürder sorgenlos wie Noah, denn Ihr habt Euch als einen rechten Pfiffikus erwiesen.« Und sie schieden als gute Freunde.
Fröhlich kehrte der Abt mit seinem treuen Diener nach Hause zurück, dankte ihm von Herzen und machte ihn zum Hausmeister und Vertrauten. Gab ihm auch jeden Tag eine Unze Goldes zum Lohn, denn so viel hatte er wohl verdient.

[Italien: Waldemar Kaden: Unter den Olivenbäumen. Süditalienische Volksmärchen]