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Märchenbasar

Vom Crivòliu

Es waren einmal ein Bruder und eine Schwester, die hatten weder Vater noch Mutter, und lebten allein zusammen. Da sie sich nun so lieb hatten, so begingen sie eine Sünde, die sie nicht hätten begehen sollen. Als nun die Zeit herankam, gebar die Schwester einen Knaben, den ließ der Bruder heimlich taufen. Dann ätzte er auf seine Schulter ein Kreuz ein, mit diesen Worten: »Crivòliu, der getauft ist; Sohn eines Bruders und einer Schwester.« Als das Knäblein so gezeichnet war, legte er es in ein Kästchen, und warf das Kästchen ins Meer hinaus.
Nun begab es sich, daß eben ein Fischer ausgegangen war zu fischen, und das Kästchen auf dem Meere herumtreiben sah. »Es wird wohl irgendwo ein Schiff untergegangen sein,« dachte er, »ich will das Kästchen holen, vielleicht ist etwas Brauchbares darin.« Da ruderte er hin und nahm das Kästchen. Als er es aber öffnete und das feine Knäblein darin sah, erbarmte er sich des unschuldigen Kindes, brachte es heim zu seiner Frau und sprach: »Liebe Frau, unser jüngstes Kind ist nun schon alt genug, daß wir es entwöhnen können, säuge nun statt dessen dieses arme unschuldige Kind.« Da nahm die Frau den kleinen Crivòliu und säugte ihn, und hatte ihn so lieb, als wäre er ihr eigenes Kind. Der Knabe aber wuchs heran und gedieh, und wurde täglich größer und stärker.
Die Söhne des Fischers aber waren eifersüchtig, daß ihre Eltern das kleine Findelkind eben so lieb hatten wie sie, und wenn sie mit Crivòliu spielten und in Streit geriethen, so nannten sie ihn einen »Findling«. Da betrübte sich der Knabe in seinem Herzen und kam zu seinen Pflegeeltern und sprach: »Liebe Eltern, sagt mir doch, bin ich wirklich euer Sohn nicht?« Die Fischersfrau aber sprach: »Wie solltest du mein Kind nicht sein? Habe ich dich doch an meiner Brust gesäugt.« Den Kindern aber verbot der Fischer streng, den kleinen Crivòliu nicht »Findling« zu nennen.
Als nun der Knabe größer wurde, schickte ihn der Fischer mit seinen Söhnen in die Schule. Die Kinder aber, da ihr Vater es nicht hören konnte, fingen sie wieder an, den kleinen Crivòliu zu verspotten und »Findling« zu nennen, und die anderen Kinder in der Schule thaten es auch. Da kam Crivòliu wieder zu seinen Pflegeeltern und frug sie, ob er denn nicht ihr Sohn wäre. Sie aber redeten es ihm aus und hielten ihn hin, bis er vierzehn Jahre alt war. Da konnte er es nicht mehr aushalten, immer »Findling« genannt zu werden, ging zu dem Fischer und seiner Frau und sprach: »Liebe Eltern, ich beschwöre euch, daß ihr mir sagt, ob ich euer Sohn sei oder nicht.« Da erzählte ihm der Fischer, wie er ihn gefunden habe, und was auf seiner Schulter zu lesen sei. »So will ich ausziehen, und Buße thun für die Sünde meiner Eltern,« sprach Crivòliu. Die Fischersfrau weinte und jammerte und wollte ihn nicht fortlassen; Crivòliu aber ließ sich nicht halten und wanderte fort in die weite Welt.
Nachdem er eine lange Zeit gewandert war, kam er endlich eines Tages in eine einsame Gegend, darin stand nur ein Wirthshaus. Da frug er die Wirthin: »Saget mir doch, gute Frau, ist wohl hier in der Nähe eine Höhle, zu der ihr allein den Eingang wißt?« Da antwortete sie: »Ja, mein schöner Jüngling, ich weiß eine solche Höhle und will euch gerne hinführen.« Da nahm Crivòliu zwei Grani Brot und einen kleinen Krug Wasser mit, und ließ sich von der Wirthin die Höhle zeigen. Die lag ziemlich weit von dem Wirthshaus entfernt, und der Eingang war von Dornen und Gestrüpp so bedeckt, daß er kaum in die Höhle eindringen konnte. Da schickte er die Wirthin zurück, kroch in die Höhle, legte das Brot und den Krug auf den Boden, kniete dann nieder und that so mit gekreuzigten Armen Buße für die Sünde seiner Eltern.
So vergingen viele, viele Jahre, ich weiß nicht wie viele, aber so viele, daß seine Knie Wurzel schlugen und er am Boden festgewachsen war.
Nun begab es sich, daß in Rom der Pabst starb, und es sollte ein neuer gewählt werden. Da versammelten sich alle Cardinäle, und man ließ eine weiße Taube fliegen, denn derjenige, auf dem sie sich niederlassen würde, sollte Pabst sein. Die weiße Taube kreiste einigemale in der Luft, ließ sich aber auf Keinen nieder. Da berief man alle Erzbischöfe und Bischöfe, und ließ die weiße Taube wieder fliegen, sie setzte sich aber auf Keinen derselben. Nun versammelte man alle Priester und alle Mönche und Einsiedler, aber die weiße Taube wollte Keinen davon erwählen. Das Volk war in großer Verzweiflung, und die Kardinäle mußten ausziehen und im ganzen Land erforschen, ob irgendwo ein Einsiedler noch zu finden sei, und viel Volks begleitete sie.
So kamen sie denn auch endlich an das Wirthshaus in der einsamen Gegend, und frugen die Wirthin, ob sie vielleicht einen Einsiedler oder Büßenden wüßte, der noch unbekannt wäre. Da antwortete die Wirthin: »Vor vielen Jahren ist ein trauriger Jüngling hergekommen, der hat sich von mir in eine Höhle führen lassen, um Buße zu thun. Der ist aber gewiß schon lange todt, denn er hat nur zwei Grani Brot und einen Krug Wasser mitgenommen.« Die Kardinäle aber sprachen. »Wir wollen doch einmal sehen, ob er noch lebt; führet uns zu ihm.« Da führte sie die Wirthin zur Höhle; man konnte aber kaum mehr den Eingang erkennen, so dicht war er mit Dornen bewachsen, und die Knechte mußten erst mit Beilen die Dornen und das Gestrüpp wegräumen, ehe man hinein konnte. Da sie nun hineindrangen, sahen sie den Crivòliu in der Höhle knieen mit gekreuzten Armen, und sein Bart war so lang geworden, daß er bis auf den Boden reichte, und vor ihm lag noch das Brot, und daneben stand noch der Krug mit Wasser; denn er hatte alle die Jahre hindurch nicht gegessen und nicht getrunken. Als man nun die weiße Taube fliegen ließ, flog sie einen Augenblick im Kreise herum und ließ sich dann auf das Haupt des Büßenden nieder. Da erkannten die Cardinäle, daß er ein Heiliger war, und baten ihn, er möchte doch mit ihnen kommen und ihr Pabst sein. Als sie ihn aber aufheben wollten, merkten sie, daß seine Knie am Boden festgewachsen waren, und mußten erst die Wurzeln abschneiden. Da nahmen sie ihn mit nach Rom und er wurde Pabst.
Nun begab es sich, daß zu derselbigen Zeit die Schwester zu ihrem Bruder sprach: »Lieber Bruder, da wir noch jung waren, haben wir eine Sünde begangen, die wir noch nicht gebeichtet haben, denn nur der Pabst kann uns davon absolviren. So laß uns denn nach Rom gehen, ehe der Tod uns überrascht, und daselbst unsre Sünde beichten.« Da machten sie sich auf, nach Rom zu gehen, und als sie ankamen, gingen sie in die Kirche, wo der Pabst im Beichtstuhl saß.
Als sie aber mit lauter Stimme gebeichtet hatten, denn dem Pabst beichtet man immer öffentlich, sprach der Pabst: »Seht, ich bin euer Sohn, denn auf meiner Schulter steht das Zeichen, von dem ihr sagt. Für eure Sünde habe ich viele Jahre Buße gethan, bis sie euch vergeben worden ist. So absolvire ich euch denn von eurer Sünde, und ihr sollt bei mir wohnen und es gut haben.« So blieben sie bei ihm, und als die Zeit kam, rief der Herr sie alle drei in sein Himmelreich.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]