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Märchenbasar

Vom Joseph, der auszog sein Glück zu suchen

Es waren einmal ein armer Bauer und seine Frau, die hatten einen einzigen Sohn, der hieß Joseph. Die Leute waren arm und lebten kümmerlich. Da kam eines Tages Joseph zu seiner Mutter und sprach: »Liebe Mutter, gebt mir meine Kleider und euren Segen, denn ich will ausziehen und mein Glück suchen.« – »Ach, mein Sohn,« sprach da die Mutter, und fing an zu weinen, »was willst du uns verlassen? Ich habe schon sonst Kummer genug, wenn du auch noch fortgehst, mein einziges Kind, so bleibt mir Nichts übrig als zu sterben.« Joseph aber wiederholte immer nur: »Mutter, ich will ausziehen mein Glück zu suchen.« Da mußten denn endlich die Eltern nachgeben; sie packten ihm seine Kleider in einen Quersack, thaten etwas Brod und Zwiebeln dazu und ließen ihn mit schwerem Herzen ziehen.
Als Joseph eine Zeitlang gewandert war, wurde er hungrig; er setzte sich also hinter eine Thür um etwas Brod und Zwiebeln zu essen. Während er so aß, kam ein feiner Herr zu Pferde vorbei, der redete ihn an, und frug ihn, wer er sei. »Ach,« antwortete Joseph, »ich bin ein armer Bursche, und bin ausgezogen, mein Glück zu suchen.« – »Willst du mit mir kommen, und mir treu dienen,« sprach der Herr, »so sollst du es gut haben.« Joseph war es zufrieden und zog mit dem fremden Herrn davon. Der führte ihn in ein wunderschönes Schloß, in dem viele Schätze aufbewahrt waren. »Hier wohne ich,« sprach er zu Joseph, nachdem er ihm statt seiner Bauernkleidung einen feinen Anzug gegeben hatte, »und hier sollst du mit mir wohnen, und dein Leben genießen. Du darfst so viel Geld nehmen, als du willst, nur mußt du mir einmal im Jahr einen Dienst thun.« »Alles was Ihr befehlt, werde ich thun,« antwortete Joseph, und lebte nun mit dem fremden Herrn herrlich und in Freuden. Als beinahe ein Jahr herum war, überkam ihn eine Sehnsucht nach seinen Eltern. Also kam er zu seinem Herrn und sprach: »Laßt mich auf einige Tage ziehen, daß ich meine Eltern besuchen kann.« Anfangs wollte der Herr nicht, denn er dachte, Joseph würde nicht wieder kommen, als ihm aber Joseph versprach, binnen wenigen Tagen wieder da zu sein, ließ er ihn gehen.
Joseph kam nun in seine Heimath; auf der Straße steckten die Leute die Köpfe zusammen, und Einige sagten: »Ist das nicht der Sohn vom alten Joseph?« Andere aber meinten: »Das ist ja ein feiner Herr, und Joseph war nur ein Bauer.« So kam denn Joseph endlich an das Haus seiner Eltern, und als er hereintrat, war nur seine Mutter da. Er grüßte sie, und sie verneigte sich vor dem feinen Herrn, dann sprach er: »Ist der alte Joseph nicht da?« »O ja,« sagte die Mutter, »ich will gleich gehen ihn rufen,« und ging in den Garten und sprach zu ihrem Mann: »Es ist ein fremder Herr da, der nach dir frägt.« Da ging der alte Bauer in die Stube, nahm sein Mützchen ab, und sprach: »Womit kann ich euch dienen?« Da fing Joseph an zu lachen und sprach: »Erkennt Ihr mich denn nicht? Ich bin Joseph, euer Sohn.« Da war denn die Freude sehr groß, und Joseph mußte Alles erzählen, was ihm begegnet war, und gab ihnen viel Geld, damit sie ruhig leben könnten, »denn ich,« sprach er, »muß gleich wieder fort und zu meinem Herrn zurückkehren.« Da fing die Mutter an zu weinen, und bat: »Ach, lieber Sohn, bleibe doch bei mir.« Aber Joseph sagte: »Ich habe es versprochen, ich muß zu meinem Herrn zurückkehren.« Da ließen sie ihn ziehen, und Joseph kehrte zu seinem Herrn zurück.
Nach einigen Tagen sprach der Herr: »Joseph, heute mußt du mir den Dienst leisten, für den du bei mir eingetreten bist.« Und führte ihn in ein Zimmer, wo eine Jagdkleidung bereit lag; diese mußte Joseph anziehen, dann bestiegen sie Beide ihre Pferde, und Joseph mußte noch ein drittes Pferd am Zügel führen, das mehrere leere Säcke trug. Sie ritten nun fort und viele Stunden lang, bis sie auf eine Hochebene kamen, aus der ein einsamer Berg hervorragte. Dieser Berg war so steil, daß keines Menschen Fuß ihn ersteigen konnte. Hier stiegen sie von den Pferden ab, und stärkten sich mit Speise und Trank. Dann befahl der Herr dem Joseph das dritte Pferd zu erschlagen, und ihm das Fell abzuziehen. Dies that Joseph, und dann legten sie das Fell in die Sonne zum Trocknen. »So lange können wir noch ein wenig ausruhen,« sagte der Herr. Bald aber rief er wieder unsern Joseph, gab ihm ein scharfes Messerchen, und sprach: »Ich werde dich nun sammt den leeren Säcken in das Fell einnähen, dann werden Raben kommen und dich auf jenen Berg hinauftragen. Dort mußt du mit dem Messerchen das Fell aufschneiden, und dann werde ich dir hinaufrufen, was du ferner thun sollst.« Joseph war zu Allem bereit, und der Herr nähte ihn in das Fell ein. Sogleich kamen die Raben, hoben ihn auf und trugen ihn auf den Berg, wo sie ihn hinlegten. Nun schnitt Joseph mit seinem Messer das Fell auf, und sah sich um. Da sah er, daß der ganze Berg mit Diamanten bedeckt war. »Was soll ich jetzt thun?« frug er seinen Herrn. – »Fülle die Säcke einen nach dem andern mit Diamanten und wirf sie mir hinunter,« rief der Herr. Als nun Joseph alle Säcke gefüllt und hinuntergeworfen hatte, frug er wieder: »Was soll ich jetzt thun?« »Lebe recht wohl,« rief ihm der Herr zu, »und sieh zu, wie du wieder herunterkommst.« Damit lud er die Säcke auf Joseph’s Pferd, bestieg sein eigenes und ritt lachend davon.
Da stand nun Joseph und sah keine Möglichkeit hinunter zu steigen. Wüthend stampfte er mit dem Fuße auf, da hörte er auf einmal einen Ton, als wenn er Holz berührt hätte. Er bückte sich, und richtig, er stand auf einer hölzernen Thür, die mit einem Riegel geschlossen war. Da schloß er auf und dachte: »Hier unten können mich wenigstens die Raubvögel nicht fressen.« Als er aber hereingeschlüpft war, sah er eine Treppe, die stieg er vorsichtig hinunter, denn es war ganz dunkel, bis er endlich in einen hellen Saal kam. Als er aber noch stand und sich umschaute, öffnete sich eine Thür und ein Riese kam heraus, der sprach mit tiefer Stimme: »Was unterstehst du dich in meinen Palast zu kommen?« Erst war Joseph sehr erschrocken, bald aber faßte er sich wieder und rief ganz munter: »Ach, lieber Onkel, seid ihr es? Wie freue ich mich euch zu sehen!« »Bist du denn mein Neffe?« frug der Riese, der ein wenig dumm war. »Gewiß,« sprach Joseph, »und ich will bei euch bleiben.« Der Riese war es zufrieden, und so lebte denn Joseph bei ihm, und hatte es gut.
Bald aber merkte er, daß der Riese jeden Tag zu einer gewissen Stunde von einem Uebel befallen wurde, das ihn arg mitnahm. »Lieber Onkel,« frug er also, »woher kommt euch dieses Uebel, und kann ich euch nicht helfen zum Gesundwerden?« »Ach, lieber Neffe,« antwortete der Riese, »wohl könnte mir geholfen werden, aber wie sollte dir das gelingen?« »Sagt nur zu, lieber Onkel,« meinte Joseph, »vielleicht kann ich es doch.« »Siehst du,« sprach nun der Riese, »jeden Tag kommen vier Feen, die baden in dem Springbrunnen in meinem Garten, und solange sie im Wasser sind, so lange werde ich von meinem Uebel befallen.« »Wie kann ich euch denn von den Feen erlösen?« frug Joseph. »Wenn sie in’s Wasser steigen,« sprach der Riese, »so legen sie zuerst ihr Hemd ab und legen es auf die steinerne Brüstung. Dort mußt du dich verstecken, und wenn sie im Wasser sind, mußt du das Hemd der obersten Fee ergreifen, so kann sie nicht mehr fortfliegen, und ohne sie werden die Anderen nicht wiederkehren.« Nun versteckte sich Joseph hinter die steinerne Brüstung; bald hörte er ein Rauschen in der Luft, und die vier Feen senkten sich auf die Erde, legten ihre Hemden ab und stiegen in’s Wasser. Da streckte Joseph seine Hand aus, und nahm der obersten Fee das Hemd weg, im selben Augenblick fuhren die Feen mit einem Schrei aus dem Wasser, ergriffen ihre Hemden und flogen fort. Die oberste Fee aber konnte ohne ihr Hemd nicht fortfliegen. Da kam der Riese hervor und legte ihr Ketten an. Jeden Morgen brachte er ihr ein Schnittchen Brod und etwas Wasser, und frug sie: »Willst du meinen Neffen heirathen, so sollst du frei sein.« Die Fee aber antwortete immer: »Nein, ich will nicht.« »So bleibst du eben gefesselt,« sprach der Riese. Nach einiger Zeit aber brachte er ein Lämpchen, stellte es auf ihren Kopf und sprach: »Willst du meinen Neffen nicht heirathen, so hast du nur noch so lange zu leben, bis das Oel in dem Lämpchen ausgebrannt ist.« Da sagte die Fee: »Gut, ich will ihn heirathen!« Also wurde sie von den Ketten befreit, und ein schönes Hochzeitsfest wurde gefeiert, und Joseph war sehr glücklich.
Am nächsten Tag sprach der Riese zu ihm: »Du kannst nun nicht länger bei mir bleiben, nimm deine Frau und gehe nach Haus zu deinen Eltern. Hier hast du auch das Hemd deiner Frau, du darfst es ihr aber um keinen Preis geben, erst wenn man dir eine Schnupftabackdose zeigt, die gerade so aussieht wie diese.« Damit gab er ihm eine goldene Schnupftabackdose und einen Zauberstab, und hieß ihn gehen. Also nahm Joseph seine Frau und machte sich auf den Weg. Der Weg aber war lang und bald waren sie müde. Da sprach Joseph: »Ich wollte doch, wir wären zu Haus.« Und weil er gerade den Zauberstab in der Hand hatte, so hatte er kaum ausgesprochen, als sie schon zu Hause waren. Da wünschte er sich ein schönes Haus, mit Wagen und Pferden, und Bedienten und schönen Kleidern für sich und seine Frau, und ging dann zu seinen alten Eltern. Die waren hoch erfreut, als sie ihn wiedersahen, und Joseph sprach: »Kommt mit mir in meinen Palast, dort will ich euch meine Frau zeigen.« Da gingen sie mit ihm und wohnten bei ihm. Nun führte Joseph ein herrliches Leben, gab große Festlichkeiten und war der reichste und angesehenste Mann im ganzen Land. Das Hemd aber gab er seiner Mutter in Verwahr, zeigte ihr die goldene Dose, und sie mußte ihm schwören, sie würde das Hemd nicht eher ausliefern, als bis ihr eine gleiche Dose vorgezeigt würde. Die Dose aber trug er immer auf sich. Seine Frau aber konnte sich gar nicht trösten, daß sie nicht mehr bei den anderen Feen sein sollte, und dachte nur, wie sie die goldene Dose erlangen könne.
Nun war eines Abends wieder großer Ball bei Joseph; und ein Herr trat zu Joseph’s Frau und forderte sie zum Tanze auf. »Ich will gern mit euch tanzen,« sprach die Fee, »ihr müßt aber meinem Mann gegenüber tanzen, und müßt versuchen, ihm die goldene Schnupftabacksdose, die er immer auf sich trägt, weg zu nehmen.« Das versprach denn der Herr, und da Joseph sich gar nichts Schlimmes vermuthete, war er auch nicht auf seiner Hut, und es gelang dem Herrn, ihm die Dose unbemerkt zu entwenden, die er sogleich der Fee brachte. Diese war sehr froh, schickte auch sogleich ihre Kammerfrau zu ihrer Schwiegermutter, und ließ ihr sagen: »Hier ist die goldene Dose, gebt mir statt dessen das Hemd meiner Herrin.« Die alte Frau, da sie die Dose sah, lieferte arglos das Hemd aus, und die Kammerfrau brachte es gleich ihrer Herrin. Kaum hatte die Fee das Hemd angelegt, so war sie auch verschwunden, und mit ihr verschwand das schöne Schloß, die Dienstboten, die Wagen und die Pferde, und Joseph saß auf einem Stein am Wege in seiner alten Bauernkleidung. Da war er sehr betrübt, denn er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, und kehrte wieder zu seinen Eltern zurück. Er konnte sich aber gar nicht trösten, und eines Tages sprach er zu seiner Mutter: »Mutter, gebt mir euren Segen, ich will ausziehen, meine Frau zu suchen.« Die Mutter weinte bitterlich, und wollte ihn nicht ziehen lassen. Aber Joseph bestand darauf, und so mußten die Eltern endlich nachgeben.
Joseph ging nun geradewegs an den Ort hin, wo ihn der fremde Herr gefunden hatte, und setzte sich hinter dieselbe Thür. Nicht lange so kam der fremde Herr vorbeigeritten, und frug ihn wieder, wer er sei und wie er heiße. Er erkannte ihn aber nicht, denn er dachte Joseph sei längst gestorben. Joseph antwortete er heiße Johannes. Da nahm ihn der Herr in seinen Dienst, und es ging ihm ganz wie das erste Mal. Nachdem er ein Jahr lang herrlich gelebt hatte, mußte er wieder seinen Herrn auf die Hochebene begleiten, und wurde dort in die Pferdehaut eingenäht, und von den Raben auf den Diamantenberg getragen. Anstatt aber seinem Herrn Diamanten in die Säcke zu füllen, ergriff Joseph große Steine und warf seinen Herrn damit. Da erkannte ihn der Herr, und rief: »Ach, du bist es! Nun, diesmal hast du mich geprellt!« Weil aber Joseph immer mehr Steine warf, so mußte er Reißaus nehmen, und lief davon so schnell er konnte. Joseph aber öffnete schnell die hölzerne Thür, stieg die Treppe hinunter, und kam zum Riesen: »Wie, mein lieber Neffe, bist du wieder da?« frug ihn der Riese ganz erstaunt. Da erzählte Joseph wie es ihm ergangen sei. »Hatte ich dir nicht gesagt, du solltest das Hemd wohl verwahren?« sprach der Riese. »Was willst du jetzt von mir?« »Ich will ausziehen meine Frau zu suchen,« sagte Joseph, »und ihr müßt mir dazu verhelfen.« – »Bist du denn ganz verrückt?« rief der Riese, »nie und nimmer kannst du deine Frau wiederfinden, denn ein anderer Riese hält sie gefangen, und den kannst du unmöglich umbringen.« Joseph aber bat so lange, er möchte ihm doch dazu verhelfen, bis der Riese sprach: »Helfen kann ich dir nicht mehr, aber den rechten Weg will ich dir zeigen, und hier hast du etwas Brod, damit du nicht Hungers stirbst.« Also zeigte er ihm den Weg, und Joseph zog aus seine Frau zu suchen.
Als er eine lange Zeit gewandert war, wurde er hungrig, setzte sich auf einen Stein und fing an etwas Brod zu essen. Dabei fielen einige Krumen auf die Erde, und sogleich kam eine Schaar Ameisen, die pickten sie auf. »Arme Thierchen! Ihr seid wohl recht hungrig,« dachte Joseph, und streute ihnen ein großes Stück Brod hin. Da kam der Ameisenkönig und sprach: »Du hast meine Ameisen so freundlich gespeist, zum Dank dafür schenke ich dir dieses Ameisenbein. Verwahre es wohl, es wird dir noch nützen.« Joseph dachte zwar, so ein Ameisenbein könne ihm nicht viel nützen, um den Ameisenkönig aber nicht zu beleidigen, nahm er das Bein, wickelte es in ein Stück Papier und steckte es in die Tasche. Als er weiter ging sah er einen Adler, der war mit einem Pfeil an einem Baum festgenagelt. »Ach das arme Thier,« dachte er, und zog den Pfeil heraus. »Schönen Dank,« rief der Adler, »weil du mich so freundlich erlöst hast, so will ich dir auch etwas schenken. Zieh eine Feder aus meinem Flügel, sie wird dir nützen.« Joseph zog ihm eine Feder aus und that sie zu dem Ameisenbein. Wieder nach einer Weile sah er einen Löwen, der hinkte und stöhnte ganz jämmerlich dazu. »Armes Thier,« dachte Joseph, »es hat gewiß einen Dorn im Fuß,« bückte sich und zog ihm vorsichtig den Dorn heraus. »Weil du mir so freundlich geholfen hast,« sprach der Löwe, »so will ich dir zum Dank ein Haar aus meinem Bart schenken. Zupfe es mir aus, es wird dir nützen.« Joseph nahm auch das Haar, und legte es zu den anderen Sachen. Nachdem er nun noch ein Weilchen gewandert war, wurde er müde und wollte fast verzagen, denn er hatte noch sehr weit zu gehen. Da fiel ihm die Adlerfeder ein, und er dachte: »Nun, probiren kann ich es doch einmal,« nahm die Feder zur Hand und sprach: »Ich bin ein Christ und werde ein Adler.« Alsobald wurde er ein Adler, und flog durch die Lüfte bis vor den Palast des Riesen. Dort sprach er: »Ich bin ein Adler und werde ein Christ.« Sogleich bekam er wieder seine natürliche Gestalt. Nun nahm er das Ameisenbein hervor, und sprach: »Ich bin ein Christ und werde eine Ameise.« Da wurde er in eine Ameise verwandelt, und kroch durch eine Ritze in der Mauer in den Palast. Er wanderte durch viele Zimmer, endlich kam er in einen großen Saal, da sah er seine Frau, die war mit schweren Ketten gefesselt, und mit ihr viele andere Feen, Alle gefesselt. Da sprach er: »Ich bin eine Ameise und werde ein Christ.« Sogleich stand er in seiner wahren Gestalt vor seiner Frau.
Als sie ihn sah war sie sehr erfreut, aber auch sehr erschrocken, und sprach: »Ach, wenn der Riese dich hier findet, so bringt er dich um.« »Das sei meine Sorge,« sagte Joseph, »sage mir nur, wie ich dich befreien kann.« »Ach,« sprach die Frau, »wenn ich es dir auch sage, was hilft es? Du kannst mich doch nicht befreien.« »Sage es mir nur,« meinte Joseph. Da sagte die Frau: »Erstlich mußt du den Lindwurm mit den sieben Köpfen tödten, der in den Bergen hinter dem Schloß haust. Wenn du ihm nun den siebenten Kopf abgehauen hast, mußt du ihn spalten, so fliegt ein Rabe heraus. Den mußt du sogleich ergreifen und tödten, und ihm das Ei herausschneiden, das er in seinem Leibe trägt. Wenn du mit diesem Ei den Riesen genau in der Mitte der Stirn triffst, so wird er sterben. Aber es ist dir zu schwer, du kannst es doch nicht vollbringen.« Auf einmal hörten sie einen schweren Schritt sich nahen, und die Frau rief ganz ängstlich: »Ach Joseph, der Riese kommt.« Sogleich ergriff Joseph sein Ameisenbein, sprach seinen Spruch und wurde gleich zur Ameise. Nun kam der Riese in den Saal und brummte mit tiefer Stimme: »Ich rieche Menschenfleisch!« Die Fee aber sprach: »Wie sollte ein Mensch zu uns kommen können, wir sind ja so sicher eingesperrt,« und beruhigte ihn.
Joseph aber kroch durch die Ritze in das Freie und sprach: »Ich bin eine Ameise und werde ein Christ,« nahm dann die Feder zur Hand und verwandelte sich in einen Adler, der mit raschen Flügelschlägen an den Fuß des Berges flog, wo der Lindwurm hauste. Dort sah er einen Schäfer, der betrübt am Wege saß; also wurde er wieder zum Menschen, trat zum Schäfer und frug ihn, was ihm fehle. »Ach,« sprach der Schäfer, »ich hatte eine so große Heerde Schafe, und der Lindwurm hat mir schon so viele gefressen, daß mir nur noch ein kleiner Theil übrig bleibt, und diese getraue ich mich nicht auf die Weide zu treiben, sonst frißt sie der Lindwurm.« »Wollt ihr mich in euren Dienst nehmen,« sprach Joseph, so kann ich euch vielleicht helfen. »Gebt mir vier Schafe mit und laßt sie mich austreiben.« Der Schäfer wollte anfangs nicht, aber Joseph sprach ihm solange Muth ein, bis er ihm die vier Schafe übergab. Joseph wanderte nun den Berg hinauf, und nicht lange, so kam der Lindwurm zum Vorschein, durch den Geruch der Schafe angelockt. Alsbald nahm Joseph sein Löwenhaar zur Hand, sprach: »Ich bin ein Christ und werde ein Löwe,« und wurde in einen grimmigen Löwen verwandelt, so groß und stark, wie es noch keinen gegeben hatte. Nun fiel er den Lindwurm an, und nach langem Kampf gelang es ihm, ihm zwei Köpfe abzubeißen. Da wurde er aber so matt, daß er nicht mehr kämpfen konnte. Glücklicherweise aber war der Lindwurm auch so matt, daß er sich in seine Höhle verkroch. Da nahm Joseph seine menschliche Gestalt wieder an, sammelte seine vier Schafe, die sich unterdessen satt gefressen hatten, und kam ganz vergnügt zu seinem Schäfer. Der war nun höchlich erstaunt, ihn und seine Schafe lebendig wieder zu sehen, und frug ihn, wie es ihm ergangen sei. Joseph aber meinte: »Was geht euch das an? Ich habe euch eure Schafe gesund wieder gebracht, gebt mir morgen acht mit.« Den nächsten Morgen trieb Joseph acht Schafe auf die Weide; der Schäfer aber war neugierig und folgte ihm leise nach. Da sah er nun, daß als der Lindwurm zum Vorschein kam, Joseph sein Löwenhaar zur Hand nahm, seinen Spruch sagte, und sogleich in einen grimmigen Löwen verwandelt wurde, der mit dem Lindwurm kämpfte. Heute gelang es ihm, vier Köpfe abzubeißen, da wurde er aber so matt, daß er nicht weiter konnte, und auch der Lindwurm war ganz von Kräften. »Ja,« sprach der Lindwurm, »wenn ich ein Glas von dem Wasser des Lebens hier hätte, so wollte ich dir schon die Kraft des Königs der Drachen zeigen.« »Und ich,« erwiederte Joseph, »wenn ich eine gute Suppe von Wein und Brod hier hätte, so wollte ich dir schon die Kraft des Königs der Löwen zeigen.« Da das der Schäfer hörte, lief er eilends nach seiner Hütte, kochte geschwind eine Suppe von Wein und Brod, und brachte sie dem Löwen. Kaum hatte dieser die Suppe gefressen, so kehrte seine ganze frühere Kraft zurück; er fing noch einmal an zu kämpfen, und biß dem Lindwurm auch noch den siebenten Kopf ab. Nun sprach er: »Ich bin ein Löwe und werde ein Christ,« und spaltete den siebenten Kopf. Da flog ein Rabe heraus und erhob sich gleich in die Lüfte. Joseph aber war auch bei der Hand: »Ich bin ein Christ und werde ein Adler,« und als Adler flog er dem Raben nach und tödtete ihn. Nun nahm er wieder seine menschliche Gestalt an, schnitt dem Raben das Ei aus, und zog nun mit dem Schäfer und den Schafen wieder nach Haus. Der Schäfer wollte ihn gern bei sich behalten, und versprach ihm Alles, was er begehrte, wenn er nur bei ihm bleiben wollte. Joseph aber antwortete: »Ich kann nicht bei euch bleiben. Es freut mich, daß ich euch vom Lindwurm befreit habe, und danke euch für eure schnelle Hülfe.«
Also zog er von dannen, flog als Adler bis zum Schloß des Riesen, drang als Ameise durch die Ritze in den Saal. »Ich bin eine Ameise und werde ein Christ,« sprach er, und erzählte nun seiner Frau, daß er Alles vollbracht habe und das Ei mitbringe. Da sprach sie: »Der Riese schläft eben im Nebenzimmer, jetzt ist der Augenblick ihn zu tödten.« Joseph schlich in das Nebenzimmer, zielte genau nach der Stirn des Riesen, und tödtete ihn. Da wurden alle Feen von ihren Ketten befreit, und seine Frau fiel ihm um den Hals. Dann zeigte sie ihm alle die Schätze, die da gesammelt waren. Davon nahmen sie, soviel sie tragen konnten, und reisten wieder nach Hause, zu Joseph’s Eltern. Da bauten sie sich ein Haus, das war noch schöner als das erste, und lebten herrlich und in Freuden bis an ihr glückliches Ende.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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