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Märchenbasar

Vom roten und gelben Fingerhut

Prinzeßchen Waldtraut war zu einer lieblichen Jungfrau erblüht mit rosigen Wangen, sonnengoldenen Flechten und vergißmeinnichtblauen Äugelein.
Da schenkte ihr ihr Vater, der Waldkönig, zwei wunderschöne Fingerhüte; einer war von rotem Rubinstein und der andere von echtem gelben Gold, und diese Fingerhüte hatten geheimnisvolle Zauberkraft. Steckte Waldtraut den roten an ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal rechts herum und sprach:
„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Kleidchen gut“,
so kamen aus allen Seiten die bunten Seidenstückchen geflogen, braune und rote und goldene und grüne, und dazwischen rote Perlen und weiße und schwarze und setzten sich ganz von selbst zusammen zu einem wunderschönen, farbenbunten Kleid. Und steckte Prinzeß Waldtraut den goldenen Fingerhut an ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal links herum und sprach dazu:
„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Hemdlein gut“,
so kamen schnell lauter weiße seidene Fäden geflogen und woben sich zusammen zu wunderschöner, zarter, feiner Wäsche, wie nur ein Prinzeßchen sie tragen kann.
Da konnte Waldtraut ohne Mühe und Arbeit sich immer schön anziehen.
Aber eines Tages waren ihre beiden Fingerhüte fort hatte sie sie verloren, oder waren sie gestohlen? Sie wußte es nicht, und niemand wußte es.
Da fing Waldtraut bitterlich an zu weinen und klagte ihr Leid ihrer Mutter, und die sagte es dem Könige, und alle drei waren traurig, und niemand im ganzen Reiche konnte so schöne Fingerhüte wieder machen; denn der Meister, der sie einstens gemacht hatte, war schon lange tot und hatte sein Geheimnis mit ins Grab genommen.
Da ließ der König in seinem ganzen Reiche ausrufen, wer die verlorenen Fingerhüte wiederbrächte, sollte Prinzeßchen zur Frau bekommen und einmal nach seinem Tode Waldkönig werden.
Da fingen alle Ritter und Edle im ganzen Reich an zu suchen, aber niemand fand die Fingerhüte wieder.
Droben aber hinter dem Wurmberg, da hauste ein alter Riese, der hieß Achtermann und hatte schon einen ganz kahlen Kopf und einen krausen Bart. Der wäre gar zu gern einmal Waldkönig geworden; denn wer Waldkönig ist, dem gehören alle Schätze im ganzen großen Waldreich.
Als der hörte, daß Waldkönig werden sollte, wer die verlorenen Fingerhüte wiederbrächte, rief er einen seiner bösen Kobolde, der ein geschickter Goldschmied war und im Rammelsberge wohnte, und befahl ihm, er solle einen roten und einen gelben Fingerhut machen, genau so, wie die verloren waren. Der kratzte sich zwar erst hinter den Ohren, denn das war eine gar schwierige Sache, aber dann versprach er es und ging hin und machte sie. Und als er sie seinem Herrn brachte, da waren sie so wunderschön, daß sie niemand hätte von den echten unterscheiden können.
Da machte sich der Riese Achtermann auf und ging zum Waldschloß und kam zu Waldtraut. Als sie den alten Kahlkopf sah, erschrak sie sehr, er aber machte ein gar freundliches Gesicht und sagte: „Freuet Euch, vieledle Jungfrau, ich habe Eure Fingerhüte wiedergefunden.“ Und als er sie herauszog und Waldtraut gab, da sprang Waldtraut vor Vergnügen schnell zu ihrer Mutter, und die sagte es dem Vater, und war große Freude im Schlosse und im ganzen Waldreich. Und der Waldkönig machte Achtermann zu Ehren ein großes Fest und alle waren fröhlich und guter Dinge.

Als sich nun alle so freuten, da sagte Achtermann: „Sehet, vieledle Jungfrau, Ihr freuet Euch, daß Ihr Eure Fingerhüte wieder habt aber ich habe noch viel größere Freude, daß ich die edelste und schönste und tugendsamste Prinzessin soll zur Frau haben; denn ich habe Euch lieb wie mein eigenes Leben.“
Das log er aber, denn er hatte Waldtraut gar nicht lieb, er wollte ja nur die Schätze und den Thron des Waldkönigs einmal haben.
Da wurde Waldtraut sehr traurig, denn sie wollte von dem alten, kahlköpfigen, krausbärtigen Riesen gar nichts wissen und fürchtete sich gar schrecklich, seine Frau zu werden. Aber ihr Vater hatte es versprochen, und ein König darf sein Wort nicht brechen. So wurde denn die Verlobung gefeiert und bald sollte Hochzeit sein.
Da bat Waldtraut sich die Erlaubnis aus, ihre Wäsche und Kleider sich mit ihrem Zauberfingerhütchen selbst machen zu dürfen. Die Königin erlaubte es ihr. So steckte sie den roten Fingerhut an ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal rechts herum und sprach:
„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Kleidchen gut.“
Aber kaum hatte sie es gesagt, da erhob sich ein fürchterlicher Sturm; von allen Seiten kamen die bunten Seidenstückchen geflogen, aber sie nähten sich nicht zusammen, sondern wirbelten wie toll durcheinander und zerrissen in tausend Fetzen.
Da zog Waldtraut schnell den Fingerhut ab aber oh weh, wie schmerzte ihr Fingerlein, ganz blutig gestochen war es von heimlichen, darin verborgen gewesenen Nähnadeln, und im Fingerhut klebten ihre Blutströpfchen ganz fest, daß sie nur mit großen, großen Schmerzen ihn abziehen konnte.
„Das ist mein Fingerhut nicht,“ schrie sie ganz laut vor Angst.
„Das tut mir leid“, sagte ihr Bräutigam, daß Ihr Unglück gehabt habt, gewiß habt Ihr ihn falsch herumgedreht. Versucht es doch mit dem goldenen.“
Da nahm Waldtraut den gelben Fingerhut und steckte ihn auf ihr Fingerlein und drehte ihn dreimal links herum und sprach:
„Fingerhut, Fingerhut,
Näh mir meine Hemdlein gut.“
Aber kaum hatte sie es gesagt, da kamen von allen Seiten dicke weiße Schlangen gekrochen, die ballten sich zu fürchterlichen Knäueln und bissen sich und balgten sich und stoben dann auseinander.
„Das ist auch nicht mein Fingerhut,“ schrie Waldtraut entsetzt und suchte ihn vom Finger zu ziehen aber ach, wie weh tat ihr das, denn da saßen auch heimliche Nadeln drin, die hatten ihr Fingerlein ganz zerstochen, und ihr Blut klebte wie lauter braune Fleckchen drinnen im Fingerhut.
Da wurde der Waldkönig böse und sprach zu Achtermann: „Ihr habt mich belogen und betrogen; Ihr habt mein Kind vergiftet mit Eurer Lüge, da Ihr sagtet, Ihr hättet es lieb geht aus meinen Augen; nie sollt Ihr sie zur Frau und meinen Thron zum Erbe haben!“ Waldtraut aber warf ihm seine Fingerhüte hin.
Da schämte sich Achtermann, daß seine Lüge entdeckt war und schlich sich schnell davon. Unterwegs aber nahm er die beiden Fingerhüte und warf sie wütend fort, daß sie klirrend in tausend Stücke sprangen. Aber o Schrecken! Aus jedem Stück wuchs eine lange Stange hervor, an der sechs, sieben, zwölf gleiche Fingerhüte hingen.
Und noch heute könnt ihr sie überall sehen und könnt die Blutfleckchen von Prinzeß Waldtrauts Fingerlein drin sehen aber hütet euch vor ihnen sie sind giftig!

[P. u. A. Blau „Wies wispert und wuspert im grünen Wald“ – Waldmärchen]

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