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Märchenbasar

Vom Sant’ Onirià oder Nerià

Es waren einmal zwei Jäger, die gingen zusammen auf die Jagd. Da sie nun im Walde waren, brach die Nacht herein, und sie konnten den Ausweg nicht mehr finden. Wie sie nun so herumirrten, sahen sie von Weitem ein kleines Licht, und da sie näher hinzugingen, fanden sie eine Hütte, in der brannte ein helles Feuer. Es war aber keine menschliche Seele darin. Da gingen sie hinein und fanden einen gedeckten Tisch, an den setzten sie sich, aßen und tranken soviel ihr Herz begehrte und rückten dann ihre Stühle an den Heerd, um sich zu wärmen. Wie sie nun da saßen, sprach der Eine: »Riechst du nicht den paradiesischen Wohlgeruch, der die Hütte erfüllt? Wo mag der wohl herkommen?« »Er scheint aus dem Feuer zu kommen,« antwortete der Andere, und riß das brennende Holz auseinander. Da fanden sie unter dem Holz ein großes, schönes Herz, das verbreitete einen solchen Wohlgeruch, wie man nirgends etwas Schöneres finden konnte. »Nehmen wir es mit,« sagte der eine Jäger, bückte sich und nahm das Herz aus dem Feuer und steckte es ein. Die beiden Jäger brachten ruhig die Nacht in der Hütte zu, und als es Tag geworden war, fanden sie sich wieder aus dem Wald heraus.
Da sie nun eine Weile gegangen waren, kamen sie an einem Wirthshaus vorbei. Da sprach der Eine: »Mich hungert; wir wollen in dieses Wirthshaus eintreten und etwas essen.« Also traten sie ein, und der Wirth brachte ihnen etwas zu essen. Weil es aber ein warmer Tag war, so zogen die beiden Jäger ihre Jacken aus und legten sie auf einen Stuhl. Nun hatte der Wirth eine einzige Tochter, die war ein wunderschönes Mädchen und dabei fromm und tugendhaft. Diese diente den beiden Jägern, und so oft sie an den Jacken vorbeikam, stieg ihr der Wohlgeruch in die Nase. Da wurde sie neugierig, und als die beiden Jäger mit ihrem Essen beschäftigt waren, untersuchte sie die Taschen, um nachzusehen, was so wohl rieche. Als sie nun das wunderschöne Herz erblickte, konnte sie dem Verlangen nicht widerstehn und nahm es mit in ihre Kammer. Die Jäger aber merkten Nichts, nahmen ihre Jacken und gingen fort. Die Wirthstochter legte das schöne Herz auf ihren Tisch und erfreute sich an dem herrlichen Wohlgeruch, den es verbreitete.
Eines Tages nun, da sie es wieder anschaute, ergriff sie ein heftiges Verlangen, es zu essen, und so aß sie es. Nicht lange aber, so ward sie guter Hoffnung. Als nun ihr Vater es merkte, ward er sehr zornig und wollte sie todtschlagen. Die Mutter aber bat ihn, er möge sie doch verschonen, wenn sie gleich eine Sünde begangen habe; sie sei ja doch ihr einziges Kind. »Was geht mich das an?« schrie der Wirth. »Sie hat Schmach und Schande auf mein Haus gebracht, und wenn sie mir nicht sagt, mit wem sie sich vergangen hat, so schlage ich sie todt.« »Ach, Vater,« weinte das Mädchen, »ich habe ja kein Unrecht gethan.« Er aber wollte es ihr nicht glauben und schlug und mißhandelte sie jeden Tag.
Als er nun eines Tages wieder so schrie und tobte, kam die Pathin des Mädchens vorbei, die war eine fromme, gottesfürchtige Frau, und hatte das Mädchen von Herzen lieb. »Gevatter,« sprach sie, »was seid ihr so erzürnt?« Da erzählte ihr der Wirth im großen Zorn, wie es mit seiner Tochter stehe, die Frau aber sprach: »Gevatter, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das Mädchen ist doch sonst so fromm und tugendhaft gewesen, es wird sich jetzt nicht vergangen haben. Thut mir den Gefallen und mißhandelt es nicht, früher oder später muß die Wahrheit an das Licht kommen.«
Der Wirth wollte Nichts hören, die Gevatterin aber träumte in derselben Nacht einen wunderbaren Traum. Es erschien ihr ein Heiliger, der sprach: »Ich bin Sant’ Onirià, und bin vom Feuer verzehrt worden. Nur mein Herz ist übrig geblieben, auf daß ich von Neuem geboren würde. Dieses Herz hat die Tochter des Wirthes gegessen, und hat mich empfangen in ihrem Leib. Sie ist aber dennoch eine Jungfrau, wie Maria war. Sage dies Alles ihrem Vater, auf daß er sie nun nicht mehr mißhandle.« Die Gevatterin weckte sogleich ihren Mann und erzählte ihm ihren Traum, der aber meinte: »Es war eben ein Traum, und hat wohl Nichts zu bedeuten,« und schlief wieder ein. Da legte sich auch die Gevatterin wieder nieder, aber siehe da, sie träumte denselben Traum noch einmal. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu,« dachte sie, und als es Tag wurde, machte sie sich auf, ging zum Wirth und erzählte ihm Alles. Der aber wollte es nicht glauben, schrie und tobte weiter, bis die Gevatterin sagte: »Gevatter, wenn ihr eure Tochter noch ferner mißhandelt, so beleidigt ihr den Sanct Johannes, denn ihr verweigert mir die einzige Bitte, die ich an euch richte. – Als nun ihre Stunde kam, gebar die Wirthstochter einen wunderschönen Knaben, der wuchs und gedieh und wurde mit jedem Tage schöner. Sein Großvater aber mochte ihn nicht leiden, und mißhandelte ihn ebenso wie seine Mutter.«
Als das Kind nun fünf Jahre alt war, sprach eines Tages der Wirth zum Mann von der Gevatterin: »Gevatter, ich gehe in die Stadt, wollt ihr mich begleiten?« »Großvater, ich will auch mit,« rief der Knabe. »Geh weg, du Sohn einer nichtswürdigen Mutter,« schrie der Wirth, »muß ich dich erst noch überall auf meinem Wege finden?« »Laß es gut sein, Gevatter,« sprach der Andere, »ich will den Knaben schon führen.« Also machten sich die beiden Männer auf den Weg und gingen nach Catania.
Unterwegs kamen sie an einer Stelle vorbei, da lag viel Koth und Schmutz. »Seht, Großvater,« sprach der Knabe, »ich wünsche Euch, daß ihr darinnen wühlen möget.« »O, du ungerathenes Kind!« rief der Wirth, »solche gottlose Wünsche hegst du! Jetzt schlage ich dich todt.« Der Gevatter aber legte sich ins Mittel, und besänftigte den Wirth. Wieder nach einer Weile sahen sie einen Todten, der war so arm gewesen, daß man ihm nicht einmal einen Sarg gemacht hatte, sondern zwei Männer trugen ihn auf einer Leiter in die Kirche. »Seht, Großvater,« sprach der Knabe, »ich wünsche Euch, daß ihr sein möget, wie dieser, wenn ihr einmal sterbet.« Da wurde der Wirth noch viel zorniger und wollte ihn mit aller Gewalt todt schlagen, der Gevatter aber beschützte das Kind, bis er sich beruhigt hatte.
Als sie nun noch eine Strecke gegangen waren, begegnete ihnen ein großer Leichenzug, denn es war ein reicher Mann gestorben, und seine Leiche wurde in einem kostbaren Sarg auf einem schönen Wagen gefahren, und die Mönche begleiteten ihn mit brennenden Kerzen. »Warum wünschest du nicht, daß ich sein möge wie dieser?« sprach der Wirth. »Nein, Großvater, das wünsche ich euch nicht,« antwortete der Knabe, und der Wirth wollte ihn in seinem Zorn wieder todtschlagen, so daß der Gevatter das Kind in Schutz nehmen mußte.
Als sie nun in Catania ihre Geschäfte beendigt hatten, kehrten sie wieder nach Hause zurück, und als sie an die Stelle kamen, wo sie dem großen Leichenzug begegnet waren, sprach der Knabe: »Großvater, leget euer Ohr an den Boden, und horchet ein wenig.« »Soll ich erst noch deinen Launen gehorchen?« schrie der Wirth. Der Gevatter aber sagte: »Werdet doch nicht gleich so zornig, Gevatter, und thut dem unschuldigen Kinde seinen Willen.« Da ließ sich der Wirth bereden, und als er sein Ohr an den Boden legte, hörte er ein großes Getöse, wie von eisernen Keulen, und Heulen und Wehklagen. »Seht ihr, Großvater,« sprach der Knabe, »das sind die Teufel, die die Seelen der Sünder peinigen, und die Seele, die sie eben empfangen, ist die Seele des reichen Mannes, dem wir an dieser Stelle begegnet sind.« Der Wirth richtete sich betroffen auf, und sah den Gevatter an und sagte leise: »das Kind muß mehr wissen als wir.«
Als sie nun eine Strecke gegangen waren, kamen sie an den Ort, wo sie den armen Mann auf der Leiter gesehen hatten. »Großvater, leget noch einmal euer Ohr an den Boden, und horchet ein wenig.« Diesmal widersprach der Wirth nicht, sondern legte sogleich sein Ohr an den Boden. Da hörte er die heiligen Engel Hallelujah singen, und alle die Seligen mit ihnen. »Seht, Großvater, das sind die Seligen und Heiligen, die mit Gesang die Seele des armen Mannes empfangen, dem wir an dieser Stelle begegnet sind, und deshalb wünsche ich euch zu sterben, wie dieser, und nicht wie jener reiche Sünder.« Der Wirth konnte gar nichts sagen, aber er nahm nun selbst das Kind an die Hand und führte es.
Nach einer Weile kamen sie an die Stelle, wo der Koth und der Schmutz lagen. »Großvater, grabet hier einmal nach,« sprach das Kind, und als der Wirth gehorchte, fand er einen großen Kessel voll Gold. Da sprach das Kind: »Dieses Geld gehört euch, Großvater. Ihr seid freilich schon ein reicher Mann, aber ihr habt euer Geld nicht wohl angewendet, denn ihr seid ein hartherziger Mann und habt Wucher getrieben. Bessert euch, daß wir uns einst wiedersehen mögen. Ich bin Sant’ Oniria, und meine Mutter ist eine Jungfrau wie Maria. Küsset ihr die Hand und haltet sie in Ehren, denn ich kehre nun ins Paradies zurück.« »Werden wir dich denn niemals wiedersehen, mein Kind?« frug der Wirth. »Dann werdet ihr mich wiedersehn, wenn der Todte mit den Lebendigen spricht,« antwortete der Heilige, segnete seinen Großvater und ward in den Himmel erhoben. Der Wirth und sein Gevatter kehrten nach Hause zurück und erzählten Alles, was sie gesehen hatten. Die Wirthstochter aber weinte um ihr verlorenes Kind. Nun vergingen viele Jahre.
Da begab es sich eines Tages, daß zwei Männer in dem Wirthshaus übernachteten, und in der Nacht ermordete der Eine von ihnen seinen Gefährten, und versteckte ihn unter das Stroh. Am nächsten Morgen aber sprach er zum Wirth: »Mein Freund ist schon in der Nacht fortgegangen, weil er sehr eilig war, und hat mir das Geld für Euch zurückgelassen. Also wußte der Wirth Nichts von dem Mord, der in seinem Hause geschehen war.«
Nach einiger Zeit aber kamen wieder einige Reisende, und schliefen in demselben Zimmer, wo der Todte noch unter dem Stroh versteckt lag. Da sie aber einen so schlechten Geruch verspürten, so untersuchten sie das Stroh und fanden die Leiche. Da liefen sie eilends zum Gericht, das kam und verhafteten den Wirth, und weil ihn alle Leute für den Mörder hielten, so wurde er zum Tode verurtheilt und zum Galgen geführt. Als er nun schon auf der Leiter stand, kam auf einmal ein wunderschöner Jüngling auf einem weißen Roß angesprengt und wehte mit einem weißen Tuche und rief: »Haltet ein! Gnade, Gnade!« Als er nun herankam, wurde er umringt und vor den Richter geführt, der frug ihn, warum er die Hinrichtung unterbrochen habe. »Begleitet mich in die Kirche, wo der Ermordete liegt, so sollt ihr Alles erfahren,« sprach der Jüngling, und so gingen sie in die Kirche, und viel Volks begleitete sie. Der Jüngling aber trat an den Sarg heran und sprach: »Steh auf, Todter, und sprich mit den Lebendigen, und sage uns, wer dich ermordet hat.« Da richtete sich der Todte auf und sprach: »Der Wirth ist unschuldig; mein treuloser Gefährte hat mich umgebracht.«
Als die Leute das hörten, befreiten sie den Wirth und baten ihn um Verzeihung, und der schöne Jüngling sprach zu ihm: »Kehret nun nach Hause zurück, ich will euch begleiten.« Wie sie aber nach Hause kamen, wo die Wirthin und ihre Tochter noch bitterlich weinten, sprach der schöne Jüngling: »Weinet nicht, hier ist euer Mann und euer Vater, denn seine Unschuld ist an den Tag gekommen.« Dann trat er auf die Wirthstochter zu, küßte ihr die Hand, ob sie es ihm gleich wehren wollte und sprach: »Segnet mich, Mutter; ich bin Sant’ Onirià, euer Sohn, und bin wiedergekommen, die Unschuld meines Großvaters an den Tag zu bringen. Nun muß ich wieder von euch fort, aber wenn ihr heilig lebt, so werden wir uns im Himmel wieder sehn.« Da segnete er sie, und ward in den Himmel erhoben. Seine Mutter aber und seine Großeltern führten ein heiliges Leben, und thaten den Armen viel Gutes, und als sie starben, kamen sie auch in den Himmel. Und so möge es uns auch gehen.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]

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