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Märchenbasar

Vom verschwenderischen Giovanninu

Es war einmal ein reicher Jüngling, der hieß Giovanninu. Er hatte große Schätze, und viele Reichthümer. Er wollte aber nicht arbeiten und keine Geschäfte machen, sondern lebte nur immer herrlich und in Freuden, ging überall hin, wo eine Festlichkeit war, und verspielte und vertrank sein Geld. Sein treuer Diener Peppe sagte oft zu ihm: »Ach, Patron, nehmt euch in Acht! Das kann ja so nicht fortgehen. Wenn ihr nur immer ausgebt, ohne je etwas zu erwerben, so muß ja das Geld zuletzt ein Ende nehmen.« Giovanninu aber antwortete immer: »Meine Reichthümer nehmen noch lange kein Ende, lasse mich nur selbst dafür sorgen.« So lebte er den einen Tag wie den andern, ging zu jeder Festlichkeit, und verspielte sein Geld. »Patron, nehmet euch doch in Acht,« warnte ihn der treue Peppe. Er aber ließ sich nicht warnen, bis eines Tages alle Schätze verbraucht waren, und er nicht einmal so viel mehr hatte, daß Peppe die Einkäufe für das Mittagessen hätte besorgen können. Da fing Giovanninu an all sein Silberzeug zu verkaufen und alle seine schönen Möbel, und führte mit dem Gelde sein altes Leben fort.
So trieb er es, bis er Alles verkauft hatte, und ganz arm und bloß blieb. »Ach, Patron, ich habe euch ja gewarnt,« sprach der arme Peppe und weinte bitterlich. »Du hast recht,« antwortete Giovanninu, »es bleibt uns nun nichts übrig, als unser Glück zu suchen. Wandre du auf die eine Seite hinaus, und ich will auf die andre Seite gehen, so wollen wir sehen, ob wir unser Glück finden.« Also trennten sie sich, und Giovanninu wanderte fort und mußte betteln.
Als er nun eine lange Zeit gewandert war, kam er eines Tages in eine ganz fremde Gegend. Vor ihm stand ein herrlicher Palast, und weil die Sonne so schön schien, setzte er sich auf die Schwelle, um sich ein wenig zu wärmen. Wie er so da saß, kam ein wunderhübsches weißes Schäfchen aus dem Palast heraus, lagerte sich neben ihn und ließ sich von ihm streicheln. Er aber freute sich über das niedliche Thierchen. Auf einmal that das Schäfchen seinen Mund auf und sprach: »Willst du mit mir hinaufgehen, schöner Jüngling? Sieh, ich bin eine verzauberte Königstochter, und wenn du Alles thust, was ich dir sagen werde, so kannst du mich erlösen.« »Sage mir, was ich thun soll,« sprach Giovanninu, »so will ich dich von deinem Zauber erlösen.« »Komm nur mit hinauf,« antwortete das Schäfchen, »da wirst du gutes Essen und Trinken finden und schöne Kleider. Auch ein gutes Bett ist für dich bereit. Wenn du nun jede Nacht Alles erträgst, was mit dir geschehen wird, ohne einen Laut auszustoßen, so kannst du mich erlösen.« Da versprach Giovanninu noch einmal, er wolle sie erlösen, und die verzauberte Königstochter führte ihn in den Palast, wo er aß und trank, was sein Herz begehrte, und sich dann zu Bette legte.
Er schlief bald ein, und hielt ganz ruhig seinen ersten Schlaf. Als es aber Mitternacht schlug, erwachte er von einem großen Lärm; die Thür sprang auf, und herein trat ein langer Zug von Gestalten, von denen jede eine brennende Kerze in der Hand hielt. »Steh auf, und geh mit uns,« sprachen sie zu Giovanninu; er aber antwortete ihnen nicht, und blieb ruhig liegen. Da rissen sie ihn aus seinem Bett, und schleppten ihn mitten in die Stube, bildeten einen Kreis und tanzten um ihn herum. Dabei stießen und schlugen sie ihn, und mißhandelten ihn arg, er aber ertrug Alles, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Morgen graute, ließen sie ihn halbtodt liegen und verschwanden. Da kam das weiße Schäfchen herein, und verband ihm seine Wunden, und brachte ihm Speise und Trank, daß er sich wieder erholte. So ging es jede Nacht, wohl zwei Wochen lang.
Eines Morgens aber kam statt des weißen Schäfchens ein Mädchen herein, das war so schön, als ob Gott es geschaffen hätte, und sprach: »Ich bin das weiße Schäfchen, und du hast mich von meinem Zauber erlöst. Ich gehe nun fort, und kehre zu meinen Eltern zurück. Dich kann ich noch nicht mitnehmen, aber in acht Tagen komme ich wieder, und komme drei Tage nacheinander, jedesmal um Mittag. Dann mußt du vor dem Thore des Palastes auf mich warten, aber wehe dir, wenn ich dich schlafend finde.« Giovanninu versprach gute Wache zu halten, und die schöne Königstochter fuhr weg.
Als sie nun nach Hause kam, waren ihre Eltern sehr erfreut, ihre liebe Tochter wiederzusehen, die sie vor vielen Jahren verloren hatten. Sie aber sprach: »Giovanninu hat mich erlöst, und er soll nun mein Gemahl sein.«
Als nun die acht Tage um waren, bestieg sie ein wunderschönes Pferd, und nahm ein großes Gefolge mit, und ritt nach dem Palast. Giovanninu hatte sich auf die Schwelle gesetzt, und wartete auf sie. In dem Palaste aber waren noch viele andre verzauberte Mädchen, die waren von Neid gegen die schöne Königstochter erfüllt, weil sie zuerst erlöst worden war. Deßhalb warfen sie einen Zauber auf den armen Giovanninu, und in dem Augenblick, wo die Königstochter in der Ferne erschien, kam ein tiefer Schlaf über ihn, und er schlief ein. Da nun die Königstochter herangeritten kam, und ihn schlafend fand, ward sie sehr betrübt, und stieg vom Pferd und rief ihn: »Giovanninu! Giovanninu! wache auf!« Er aber hörte nicht, denn es war eben ein Zauberschlaf. Als sie nun sah, daß sie ihn nicht wecken konnte, nahm sie einen Zettel und schrieb darauf: »Nimm dich in Acht, es bleiben dir nur noch zwei Tage.« Diesen Zettel steckte sie ihm in die Tasche und ritt fort. Als er nun aufwachte, und sah, daß sich die Sonne schon neigte, erschrak er sehr, und dachte »Weh mir! Die Königstochter ist gewiß gekommen und hat mich schlafend gefunden.« Da er aber von ungefähr in die Tasche fuhr, und den Zettel fand, ward er noch viel trauriger, und jammerte: »Ach, ich Unglücklicher, wie konnte ich nur einschlafen.«
Den nächsten Tag setzte er sich wieder zu rechter Zeit auf die Schwelle und dachte: »Heute will ich gewiß wach bleiben.« Es ging ihm aber nicht besser, als das erstemal; in dem Augenblick, als die Königstochter in der Ferne erschien, überfiel ihn ein tiefer Schlaf. Da sie ihn nun zum zweitenmal schlafend fand, ward sie noch mehr betrübt, und stieg vom Pferde, und rief: »Giovanninu! Giovanninu! wache auf!« Als er aber nicht aufwachte, nahm sie einen Zettel und schrieb darauf: »Jetzt komme ich nur einmal noch; wehe dir, wenn du auch morgen schläfst.« Diesen Zettel steckte sie ihm in die Tasche, bestieg ihr Pferd und ritt davon. Als aber Giovanninu aufwachte, und den Zettel fand, jammerte er laut und sprach: »Wie ist denn das möglich? Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen, daß ich so jeden Mittag einschlafe.«
Am dritten Tage setzte er sich nun gar nicht hin, sondern ging immer vor dem Palaste auf und ab. Aber es half ihm nichts. So wie die Königstochter von ferne erschien, überfiel ihn wieder der Zauberschlaf, also daß er sich hinsetzte und fest einschlief. Als die Königstochter ihn nun wieder schlafend fand, rief sie aus: »Er hat sein Glück nicht gewollt, so soll er denn auch keines haben.« Dann nahm sie einen Zettel, und schrieb darauf: »Du hast dein Glück nicht gewollt, so sollst du denn auch keines haben. Wenn du mich nun noch wieder erlangen willst, so mußt du wandern, bis du mich gefunden hast.« Diesen Zettel steckte sie ihm in die Tasche, bestieg ihr Pferd und ritt davon. Denkt euch den Kummer des armen Giovanninu als er aufwachte, und den Zettel fand. »Ich Unglücklicher, wo soll ich sie nun finden!« jammerte er. Es blieb ihm aber nichts übrig, als seinen Stab von Neuem zu ergreifen und in die weite Welt zu wandern, und weil er gar nichts hatte, so mußte er betteln.
So wanderte er eine lange, lange Zeit, daß ihm seine Kleider in Lumpen vom Leibe fielen, aber die schöne Königstochter fand er nicht. Da er nun eines Tages ganz matt und erschöpft am Wege lag und nicht mehr weiter konnte, flog ein Adler vorbei, der frug ihn: »Schöner Bursche, was liegst du so traurig da?« »Ach,« antwortete Giovanninu, »ich bin so matt, daß ich nicht weiter kann.« »Setze dich auf meinen Rücken,« sprach der Adler, »so will ich dich eine gute Strecke weit tragen.« Da setzte er sich auf den Rücken des Adlers, und der Adler stieg mit ihm in die Luft, und flog wie der Wind.
Als sie aber eine Weile geflogen waren, rief der Adler auf einmal: »Fleisch!« »Was soll ich nun thun?« dachte Giovanninu. »Wenn ich ihm kein Fleisch gebe, so wirft er mich herunter.« Weil er nun nichts hatte, so schnitt er sich die linke Hand ab und gab sie dem Adler.
Wieder nach einer Weile schrie der Adler: »Fleisch!« Da schnitt sich Giovanninu den linken Arm ab, und gab ihn dem Adler, und weil das Thier immer mehr verlangte, so mußte er sich auch den linken Fuß und das linke Bein abschneiden. Endlich aber senkte sich der Adler mit ihm hinab, und sprach: »Steige von meinem Rücken, und setze deinen Weg fort.« »Wie kann ich in diesem Zustande weiter wandern!« klagte Giovanninu. Da ihn nun der Adler so verstümmelt sah, frug er: »Warum hast du das gethan?« »Ihr verlangtet ja immer Fleisch, und ich hatte kein andres Fleisch, euch zu geben.« Da wurde der Adler gerührt, und sprach: »Mache dir keine Sorgen, ich will dich schon heilen.« Damit brach er die Glieder des armen Giovanninu wieder aus, setzte sie ihm an und sprach: »Ich weiß, daß du ausgewandert bist, die schöne Königstochter zu suchen. So höre denn meinen Rath. Wenn du noch zwei Tagereisen weiter wanderst, so wirst du an ein kleines Häuschen kommen, darin wohnt eine alte weise Frau, die wird dir helfen.«
Also machte sich Giovanninu wieder auf, und wanderte zwei Tage lang, und am Abend des zweiten Tages kam er an ein Häuschen, wie der Adler gesagt hatte. Da klopfte er an, und eine steinalte Frau kam und frug ihn, was er wolle. »Ich bin ein armer Jüngling,« erwiderte Giovanninu, »erweist mir die Barmherzigkeit und laßt mich diese Nacht hier ruhen.« »Komm herein, mein Sohn,« sprach die Alte, machte ihm die Thüre auf, und gab ihm zu essen und zu trinken. Dann frug sie ihn: »Was führt dich denn in diese einsame Gegend?« Da erzählte er ihr Alles, was vorgefallen war, und sprach: »Das und Das ist mir begegnet, nun rathet mir, wie ich die schöne Königstochter wiederfinden soll.« »Schlafe für jetzt,« erwiderte die Alte, »morgen früh will ich dir sagen, was du thun sollst.« Da legte sich Giovanninu hin und schlief ruhig bis zum Morgen, und als er aufwachte, gab ihm die Alte noch etwas zu essen, und sprach: »Die Königstochter wohnt in der und der Stadt, wandre so lange bis du hinkommst. Hier gebe ich dir auch eine Zaubergerte. Wenn du nun in der Stadt sein wirst, so laß dir den Palast des Königs weisen, und in der Nacht befiehl der Gerte, so wird ein Palast entstehen, viel schöner als der des Königs, und dem königlichen grade gegenüber. Was du aber um die Königstochter ausgestanden hast, das lasse du sie nun auch entgelten.« Damit gab ihm die Alte die Zaubergerte, und Giovanninu bedankte sich vielmals, und wanderte wieder weiter.
Als er nun noch einige Zeit gewandert war, kam er endlich in die Stadt, wo die Königstochter wohnte, und ließ sich gleich vor den königlichen Palast führen, und merkte sich genau wo er stand. In der Nacht aber schlich er mit seiner Zaubergerte hin und sprach: »Ich befehle!« »Was befiehlst du?« frug die Gerte. Da wünschte er sich einen Palast, mit Allem ausgestattet. Dazu Wagen und Pferde und alle Dienerschaft; und sogleich stand ein wunderschöner Palast da, wie er nicht schöner sein konnte. Die Diener kamen herbei, und wuschen den Giovanninu, und legten ihm kostbare Kleider an, und da wurde er ein so schöner Jüngling, daß ihn kein Mensch erkennen konnte.
Als nun am nächsten Morgen die Königstochter den wunderschönen Palast sah, war sie sehr erstaunt und sprach: »Sind es denn meine Augen, oder ist wirklich über Nacht ein so schöner Palast entstanden?« Wie sie noch so dachte, erschien Giovanninu am Fenster, sie aber erkannte ihn nicht. Weil er jedoch ein so schöner Jüngling war, so entbrannte sie in heftiger Liebe zu ihm und sprach: »Dieser soll mein Gemahl sein und kein anderer.« Also versuchte sie, ihn zu grüßen und mit ihm Bekanntschaft zu schließen, er aber that, als sehe er sie nicht. Je gleichgültiger er sich aber zeigte, desto heftiger liebte sie ihn. Da nähte sie zwölf Hemden von der allerfeinsten Leinwand, und legte sie auf einen silbernen Präsentirteller, und bedeckte sie mit einem wunderschönen gestickten Tuch, rief ihren Diener, und schickte ihn damit zu Giovanninu und ließ ihm sagen: »Die Königstochter hier gegenüber läßt euch grüßen, und läßt euch bitten, diese Hemden ihr zu Liebe zu verbrauchen.« Als nun der Diener Giovanninu diese Botschaft brachte, antwortete dieser: »Schön, ich wollte heute eben Wischtücher in die Küche kaufen; bringet diese in die Kirche. Und saget eurer Herrin, ich ließe ihr vielmals danken.«
Der Diener kam ganz verstört zur Königstochter und sprach: »Ach, königliche Hoheit, dieser Herr muß viel reicher sein als ihr. Denkt euch nur, die schönen Hemden hat er in die Küche bringen lassen, um die Kessel damit auszuwischen.«
Da wurde die Königstochter sehr traurig, und nahm einen goldnen Armleuchter, der war so schön, daß man nichts schöneres sehen konnte. Diesen Armleuchter schickte sie dem schönen Giovanninu, und ließ ihm sagen: »Die Königstochter schickt euch viele Grüße; ihr möchtet diesen Leuchter ihr zu Liebe neben eurem Bette brennen lassen.« Als aber der Diener zu Giovanninu kam, und ihm die Botschaft brachte, antwortete dieser wieder: »Schön, der Leuchter kommt mir eben recht; ich wollte ja heute eine Küchenlampe kaufen. Bringet den Leuchter in die Küche, eurer Herrin aber sagt, ich ließe ihr vielmals danken.«
Der Diener kam zurück, und brachte seiner Herrin die Antwort; und die Königstochter wurde immer trauriger. Da rief sie ihren vertrautesten Diener, und schickte ihn zu Giovanninu und ließ ihm sagen: »Die Königstochter ist in heftiger Liebe zu euch entbrannt, und läßt euch fragen, ob sie nicht die Ehre haben kann, euch zu ihrem Gemahl zu erwählen.« Da das Giovanninu hörte, antwortete er: »Wenn die Königstochter meine Gemahlin werden will, so muß sie sich in einem Sarge, wie eine Todte, mit Priestern und Musik, durch die ganze Stadt tragen lassen, und endlich vor meinem Fenster vorbeikommen.«
Als die Königstochter das hörte, ließ sie sich in einen Sarg legen, und durch die ganze Stadt tragen, und die Priester begleiteten sie mit brennenden Kerzen, und alles Volk lief mit. Wie sie aber unter dem Fenster vorbeikam, wo Giovanninu stand, spuckte dieser vor ihr aus, und rief mit lauter Stimme: »Um eines Mannes willen erträgst du solche Schmach? Nun wird dir vergolten für Alles, was ich deinetwegen habe leiden müssen!« Da erkannte sie ihn, und stürzte sich vom Sarg herunter, lief zu ihm und fiel vor ihm nieder und sprach: »Giovanninu, mein lieber Giovanninu, vergib mir! Ach, wie viel hast du mich leiden lassen!« »So viel habe ich für dich gelitten,« antwortete Giovanninu, »darum wollte ich, du solltest auch meinetwegen leiden.«
Da umarmten sie sich, und es war große Freude im ganzen Land, und sie hielten drei Tage Festlichkeiten, und heiratheten sich. Als aber der alte König starb, ward Giovanninu König. Und so lebten sie glücklich und zufrieden, wir aber haben das Nachsehen.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]