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Märchenbasar

Von dem Knaben, der die Sonne in einer Schlinge fing

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Zur Zeit, als noch die Tiere auf der Welt die Oberhand hatten, waren sie sehr grausam gegen die Menschen und töteten sie alle mit Ausnahme eines Mädchens und eines Knaben. Dieser Knabe war ein Zwerg und nahm wohl täglich zu an Alter, aber nie an Kraft und Größe. Deshalb mußte die Schwester alle Arbeiten allein verrichten; sie mußte Holz holen, die nötigen Kleider anfertigen und den Wigwam rein halten. Wenn sie ausging, nahm sie ihren schwächlichen Bruder jedesmal mit, damit ihn nicht etwa während ihrer Abwesenheit ein großer Vogel wegschleppe oder ihm ein sonstiges Unglück passiere.
Eines Tages machte sie ihm Pfeil und Bogen und sagte ihm, er solle damit die Guanadsch-Binessiwag oder die schönen großen Vögel schießen, die bald herbeikommen würden, um die Würmer aufzupicken, die sie aus dem dürren Holz gezogen habe. Er versuchte es, konnte aber am ersten Tag mit seinen Waffen nichts ausrichten. Die Schwester ermahnte ihn darauf, nicht gleich zu verzagen und den Mut zu verlieren, sondern am folgenden Tag sein Glück abermals zu probieren.
Da schoß er denn auch einen mächtigen Vogel und sagte zu seiner Schwester: »Höre, ich wünsche, daß du mir die Haut davon aufhebst, um mir, wenn ich deren mehrere habe, ein stolzes Kleid daraus zu machen.«
»Aber was sollen wir mit dem Fleisch tun?« fragte sie darauf; denn die Menschen jener Zeit aßen noch kein Fleisch, sondern:

Schmausten lauter Pflanzenkost
Und tranken würz’gen Blütenmost.

»Vermische es mit unserer Suppe; ich denke, das wird sie nahrhafter und schmackhafter machen«, meinte der Zwerg, und sie folgte ihm auch.
Als er zwölf Vögel geschossen hatte, machte sie ihm auch ein stattliches Röcklein ganz nach seinem Geschmack.
»Schwester«, fragte eines Tages darauf der Kleine, »sind wir denn so ganz allein in der Welt, und lebt außer uns kein menschliches Wesen mehr?«
Die Schwester erzählte ihm von einigen bösen Verwandten, die sich in einer entfernten Gegend aufhielten, wohin er um keinen Preis gehen sollte. Aber er kümmerte sich wenig um die Entfernung, nahm Pfeil und Bogen und ging.
Als er eine Weile gegangen war, wurde er müde, legte sich nieder und schlief ein. Die Sonne schien aber so heiß auf ihn, daß sie ihm alle Federn seines Rocks versengte und außerdem noch ein großes Loch hineinbrannte. Als er nun darauf erwachte und seinen Schaden besah, wurde er sehr zornig und schwor bei allen Raubvögeln und Raubfischen, sich an der unverschämten Sonne zu rächen, und wenn sie noch einmal so hoch am Himmel hinge. Grimmig eilte er darauf nach Hause, aß nicht und trank nicht und beantwortete die tröstenden Zusprüche seiner Schwester mit den racheschnaubendsten Blicken.
Zehn Tage lang legte er sich regungslos mit der linken Seite auf die Erde, und dann drehte er sich um und legte sich noch weitere zehn Tage auf die rechte Seite. Danach stand er auf und sagte seiner Schwester, sie möge ihm eine Schlinge machen, damit er die Sonne damit fangen könne. Sie verfertigte ihm auch, so gut sie konnte, eine aus starken Schlingpflanzen, aber der Kleine war damit nicht zufrieden. Da schnitt sie ihre langen Zöpfe ab und gab sie ihm.
Dies gefiel ihm schon besser; er nahm sie, zog sie, um sie etwas anzufeuchten, durch seine Lippen, wodurch sie ganz rot wurden und sich allmählich ein langes metallenes Seil daraus bildete, das er um seinen Körper wickelte. Um Mitternacht begab er sich auf die Reise, damit er die Sonne noch vor ihrem Aufgang erwische. Und richtig – er hatte Glück! Er fing sie und hielt sie so fest, daß sie sich weder regen noch bewegen und also auch nicht aufgehen konnte.
Nun war große Not im Tierreich. Die Vögel sahen die Bäume und die Felsen nicht vor sich und zerschlugen sich die Köpfe daran, und die übrigen Tiere liefen bei dieser Finsternis größtenteils in den nahen See und ertranken.
Es wurde also eine große Versammlung aller Vierfüßer abgehalten und beschlossen, das verhängnisvolle Seil abzuschneiden. Aber das war keine Kleinigkeit, denn jeder, der sich in die Nähe der Sonne wagte, wurde von ihrer Glut beinahe völlig geröstet.
Zuletzt übernahm denn der Hamster diese lebensgefährliche Aufgabe. Er war zu jener Zeit das stärkste und größte Tier der Welt und sah, wenn er sich aufrichtete, wie in hoher Berg aus. Er kam auch wirklich an die betreffende Stelle und befreite die Sonne, wurde aber dabei zu jener unbedeutenden Figur zusammengebrannt, in der wir ihn heute noch sehen.

Quelle: Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas

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