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Märchenbasar

Wasser und Salz

Man singt und sagt da ein wunderschön Märchen!
Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter. Wie er mit diesen Töchtern eines Tages bei Tische saß, sagte er: »Will doch einmal sehen, wer von euch dreien mich am liebsten hat.« Sagt die älteste: »Vater, ich liebe Euch wie meine Augen.« Sagt die zweite: »Vater, ich liebe Euch wie mein Herz.« Aber die jüngste sagte: »Ich liebe Euch wie das Wasser und das Salz.« Da wurde der König zornig und rief: »Du liebst mich wie das Wasser und das Salz? Man rufe mir den Henker, denn du mußt sterben.« Der Henker kam und führte das Mädchen fort, es zu tödten. Die mitleidigen Schwestern aber gaben ihm ein Hündchen und sagten: »Kommst du in den Wald, so tödte das Hündchen, durchlöchere das Hemd unserer Schwester und tauche es ins Blut, aber der Schwester darfst du kein Leides thun, die lässest du im Walde zurück.«
Der Henker that, wie sie gesagt, tödtete das Hündchen, durchlöcherte das Hemd und ließ dann die Prinzessin stehen. Darauf rissen sie dem Hündchen die Zunge aus, gingen zum König und sprachen: »Herr König, hier ist das Hemd Euerer Tochter und ihre Zunge.« Da hat ihnen der König eine Belohnung gegeben.
Wie das Mädchen so allein im Walde stand, ging ein wilder Mann vorüber, den rief sie an und erzählte ihm ihr Unglück. Da fragte er sie, ob sie wol mit ihm kommen möge. »Ich komme«, antwortete sie, »denn was fang’ ich hier allein im Walde an?« So gingen sie zusammen fort. In der Wohnung des wilden Mannes angekommen, übergab er ihr das ganze Haus und sprach: »Hier findest du alles, was du brauchst, fürchte dich nicht, vielleicht wird dir noch Hülfe.« Sie aßen, dann ging er auf die Jagd, denn er war ein wilder Mann, und sie blieb allein.
Am Morgen stand sie auf, flocht sich die Haare, wusch sich, und wie sie sich fertig gewaschen hatte, schüttete sie das Wasser aus dem Fenster. Da sah sie auf dem Fenster des Königs einen Truthahn stehen, der sang zu ihr:

Vergebens kämmst du und schmückst du dich,
Der wilde Mann frißt dich sicherlich.

Wie sie das hörte, fing sie an zu weinen. Der wilde Mann kommt dazu und fragt sie: »Was hast du?« – »Was soll ich haben? Ich hatte mich gewaschen und wie ich das Wasser wegschüttete, sang mir da drüben der Truthahn:

Vergebens kämmst du und schmückst du dich,
Der wilde Mann frißt dich sicherlich.«

Der wilde Mann antwortete: »Dummes Zeug! Wenn er das wieder singt, so sage ihm nur:

Truthahn, lieber Truthahn mein,
Dein Fleisch, das gibt mir ‘nen guten Bissen,
Und deine Federn ein Federkissen,
Auch muß ich die Frau deines Herren sein.«

Das sagt sie denn auch am andern Morgen, und da läßt der Truthahn auf einmal alle Federn fallen. Wie der Königssohn aus dem Fenster schaut und den Truthahn ohne Federn sieht, wundert er sich baß und gibt wohl Acht. Am nächsten Morgen dieselbe Geschichte: sie wäscht sich, gießt das Wasser fort und der Truthahn singt aufs neue:

Vergebens kämmst du und schmückst du dich,
Der wilde Mann frißt dich sicherlich.

Und sie antwortet:
Truthahn, lieber Truthahn mein,
Dein Fleisch, das gibt mir ‘nen guten Bissen,
Und deine Federn ein Federkissen,
Auch muß ich die Frau deines Herren sein.

Aber der Königssohn hatte auf den Truthahn gepaßt und sah, wie er den Rest seiner Federn abschüttelte. Die Königstochter bekam gleichzeitig ein so schönes Gesicht, wie man je eins gesehen. Da ging er zu seinem Vater und sagte: »O, mein Vater, ich will mich vermählen und zwar mußt du mir jenes Mädchen geben.« Der Vater sagte: »Schauen wir, wem es angehört, ich meine aber, daß es in den Händen des wilden Mannes ist.«
Er schickte einen Boten zu dem wilden Mann und ließ ihn fragen, ob er das Mädchen haben könne. Der antwortete: »Wenn sie einverstanden ist, ich habe nichts dagegen einzuwenden.« Er rief das Mädchen, erzählte ihr, was geschehen, und obschon sie je eher je lieber den Händen des wilden Mannes entschlüpft wäre, stellte sie sich doch, als ob es ihr leid wäre, ihn zu lassen. Die Sache nahm ihren Verlauf, und die Heirath wurde beschlossen. Dann kam der wilde Mann noch einmal zu dem Mädchen und sagte ihr: »Siehe, was du thun sollst: am Tage vor deiner Hochzeit mußt du mich tödten. Dann mußt du drei Könige einladen, zu oberst deinen Vater, und den Dienern befehlen, daß sie vor alle Gäste Wasser und Salz stellen, nur vor deinen Vater nicht.« Sie versprach das zu thun, und nun schickte man eine Botschaft in alle drei Länder. –
Je mehr Zeit verstrichen war, desto mehr war dem Vater die Sehnsucht nach seiner jüngsten Tochter gewachsen, und der Kummer hatte ihn krank gemacht. Wie daher der Bote zu ihm kam, sprach er: »Wie kann ich gehen mit dem Kummer im Herzen und dem Verlangen nach meiner Tochter?« Er überdachte aber: »Gehst du nicht, so beleidigst du den König, und aus Rache wird er dein Land mit Krieg überziehen.« So ging er hin, denn der Tag der Hochzeit war da.
Am Tage vorher tödteten die Brautleute den wilden Mann, theilten seinen Leib in vier Stücke, die sie in vier Zimmer legten, das Blut sprengten sie auf den Boden der Zimmer und auf die Treppe. Das hatte ihnen der Truthahn noch gesagt. Da füllten sich die Kammern mit Gold, und kostbare Steine lagen auf der Treppe. Wie die Könige ankamen und sahen die Edelsteine auf der Treppe, wagten sie nicht, den Fuß daraufzusetzen, aber der Königssohn sagte: »Das ist nichts, geht nur getrost darüber.« Abends war die Hochzeit und am andern Tage große Tafel. Der Königssohn bezeichnete den Platz seines Schwiegervaters und gab Befehl, dort weder Wasser noch Salz hinzustellen.
Die Königstochter kam neben ihren Vater zu sitzen, der kannte sie nicht, aß auch nicht. Da fragte sie ihn: »Herr König, warum doch eßt Ihr nicht? Schmecken Euch die Speisen nicht?« – »O nein«, sagte er, »das ist es nicht, es ist alles sehr gut.« – »Nun, warum eßt Ihr da nicht?« Er entschuldigte sich: »Ich fühle mich nicht ganz wohl.« Der Bräutigam und die Braut zwangen ihm doch ein paar Gabeln Fleisch auf, die mußte er also nehmen, kaute aber hohl wie eine Ziege, denn sie waren ja ohne Salz. Wie die Tafel zu Ende ging, fing man an sich Märchen zu erzählen, und der König erzählte die Geschichte von seiner Tochter. »Nun, Herr König«, sagte diese da, »wenn Ihr Euere Tochter sähet, würdet Ihr sie wol wiedererkennen?« – »Ach, sie steht noch immer vor meiner Seele, wie ich sie zum letzten mal sah.«
Jetzt erhob sie sich und ging, die Kleider anzulegen, die sie trug, da sie von ihrem Vater ging, den Tod zu erleiden. Wie sie zurückkam, sagte sie: »Jetzt, mein königlicher Vater, erinnert Ihr Euch Euerer Tochter? Ich bin es! Ihr schicktet mich in den Tod, da ich Euch gesagt, ich liebe Euch wie Salz und Wasser. Versteht Ihr jetzt, was es heißt, Euch wie das Wasser und das Salz zu lieben?« Der Vater konnte vor Freude nicht antworten, er sprang auf, umarmte sie und dann bat er sie um Verzeihung.

Sie lebten glücklich bis an ihr Ende,
Und wir, wir haben leere Hände.

[Italien: Waldemar Kaden: Unter den Olivenbäumen. Süditalienische Volksmärchen]