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Märchenbasar

Wie der Schneiderlehrling zum König wurde

 

Einst lebte ein armer Bursche, der sich als Schneiderlehrling durchs Leben schlug. Sein Meister verlangte ihm viel ab. Ständig hatte er etwas an dem Lehrburschen auszusetzen und so sehr dieser sich auch bemühte, er konnte es seinem Lehrherren nicht recht machen. Eines Tages kam eine hochgestellte Kundschaft in den Schneiderladen und brachte einen ganzen Haufen kostbarer Gewänder zum Ausbessern.
In der Stadt war zur Zeit Jahrmarkt und der arme Lehrling freute sich schon auf ein wenig Abwechslung in seinem tristen Leben. Das ganze Jahr über hatte er Kreuzer für Kreuzer gespart, um sich an diesem Tag ein bisschen Freude zu gönnen. Doch als sein Tagwerk erledigt war und er sich auf den Jahrmarkt begeben wollte, hielt ihn der Meister zurück.
„Du wirst schön dableiben und dich um die Kleidung der hochgeborenen Herrschaften kümmern. Bis morgen früh müssen die Sachen fertig sein. Vor Mitternacht bin ich zurück. Wenn du bis dahin alles erledigt hast, kannst du immer noch auf den Markt gehen“, sprach der Schneidermeister.
Anstatt dem Lehrburschen zu helfen, sperrte ihn der Schneider in die Nähstube und ging selbst zum Vergnügen auf den Jahrmarkt.
Indessen hockte der Junge auf einem Schemel und beeilte sich.
„Wenn ich schnell arbeite, kann ich vielleicht doch noch den Jahrmarkt besuchen“, dachte er bei sich, während er Stich um Stich setzte. Seine Finger flogen nur so dahin, aber in der Eile wurde er immer unachtsamer und bald waren seine Fingerkuppen zerstochen und bluteten. Aus Sorge um den kostbaren Stoff machte er sich auf die Suche nach einem Fingerhut, doch alle, die er fand, passten ihm nicht. Schließlich griff er nach einem alten, rostigen. Er setzte ihn auf und drehte ihn hin und her. Dieser schien wie für ihn gemacht.
Weil er fürchtete, der Rost könne den Stoff beflecken, nahm er ein Tuch, putzte und polierte das alte Ding, bis es glänzte. Erst dann steckte er ihn wieder auf seinen Finger.
Als er den ersten Stich ansetzte, begann der Fingerhut plötzlich zu sprechen: „Was für ein Tag! Was glaubst du, wie lange ich schon darauf gewartet habe, zum Leben erweckt zu werden?“
Der Jüngling sah den Fingerhut erstaunt an. „Wer bist du?
Ich habe einen wie dich noch nie sprechen gehört.“
Der Fingerhut lachte scheppernd. „Das glaub ich dir aufs Wort. Ich bin der einzige meiner Art und kann dir Glück bringen. Du musst tausend mal tausend Stiche mit mir nähen, dann verwandle ich mich in eine menschlichere Gestalt. Es soll dein Schaden nicht sein.“
Der Schneiderlehrling dachte ein wenig nach und kam zu dem Schluss, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wenn er dem Fingerhut vertrauen würde. Zum einen wäre seine Arbeit erledigt und zum anderen konnte er ein wenig Glück gebrauchen. Also nahm er das nächste Kleidungsstück und begann zu nähen.
Mit dem Fingerschutz schien ihm die Arbeit noch viel leichter von der Hand zu gehen. Es grenzte schon an Zauberei, wie schnell er voran kam.
Schließlich war er beim letzten Kleidungsstück angelangt. Er fädelte einen passenden Faden ein und stach in den Stoff. Da wurde der Fingerhut heiß. Aus Angst, sich zu verbrennen, riss der Bursche ihn vom Finger und schleuderte ihn weit von sich. Dort, wo er niederfiel, gab es einen Knall und plötzlich stand ein Zwerg an jener Stelle.
Der reckte und dehnte sich. „Ah! Tut das gut, sich wieder bewegen zu können. Ich danke dir. Aber nun komm, wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“
Der Jüngling schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Dieses Kleid muss erst fertig genäht werden. Außerdem hat mein Meister die Türe abgesperrt. Hier führt kein Weg hinaus.“
„Eine verschlossene Tür ist kein Hindernis für mich. Und was das Kleid betrifft: Du hast all die Arbeit getan, da kann dein Meister auch seinen kleinen Beitrag leisten. Soll er es doch fertigmachen. Wir haben anderes zu tun“, sprach der Zwerg. Er stampfte dreimal mit dem Fuß und schon sprang die Tür wie von Geisterhand auf. Dann nahm er den Jüngling bei der Hand und zog ihn hinaus in die Nacht.

„Wohin gehen wir?“, fragte der Jüngling nach einer Weile.
„Zu einem Schloss“, antwortete der Zwerg.
Sie setzten ihren Weg fort. Nach einiger Zeit wurde der Bursche müde. „Können wir keine Pause machen? Was wollen wir denn auf dem Schloss?“
Der Zwerg ließ sich erweichen und blieb stehen. „Nicht weit von hier wohnt Prinzessin Lara. Sie ist so schön, dass sich sogar die Sonne bei ihrem Anblick vor Scham versteckt. Jeder Mann im heiratsfähigen Alter möchte sie zur Frau gewinnen, doch sie weigert sich zu heiraten. Ihr Vater drängt sie nun zu einer Entscheidung, denn er ist schon alt und möchte sich zur Ruhe setzen. Die Prinzessin hat sich einen Wettkampf ausgebeten. Sie will denjenigen zum Mann nehmen, der ihr das schönste Hochzeitskleid bringt. Es wird für dich ein Leichtes sein, solch ein Kleid zu nähen.“
Der Bursche schüttelte traurig den Kopf. „Mein Freund, ich traue mir wohl zu, ein außergewöhnliches Gewand zu nähen, allein fehlt es mir am passenden Gewirk.“
„Nun, eben deshalb gehen wir zu diesem Schloss. Dort findest du alles, was du brauchst.“
Die Rede des Zwerges hatte den Schneiderlehrling neugierig gemacht. „Ich glaube, ich bin nun ausgeruht. Lass uns gehen. Ich kann es kaum erwarten, Prinzessin Lara von Angesicht zu Angesicht zu erblicken.“

Sie wanderten fast bis Sonnenaufgang. Schließlich waren sie an ihrem Ziel angelangt. Das Schloss lag vor ihnen und die ersten Sonnenstrahlen tauchten sein Dach in rotgoldenes Licht. Der Jüngling schickte sich an, hineinzugelangen, doch der Zwerg hielt ihn zurück.
„Hör gut zu, denn davon wird es abhängen, ob du erfolgreich sein wirst, oder ob du scheiterst. Im Inneren dieses Palastes sind unermessliche Reichtümer. Schon viele Gierhälse wollten die Schätze stehlen, doch diese Dieberei hat sie geradewegs ins Grab gebracht. Du darfst essen und trinken, soviel du willst. Danach kannst du dich ausruhen und schlafen. Wenn du erwachst, suchst du das schlichteste Zimmer. Nur das, was du darin findest, darfst du verwenden.“
Dem Jüngling wurde nun etwas bange zumute. „Du wirst doch mitkommen?“
Der Zwerg schüttelte den Kopf. „Das darf ich nicht. Ich würde nicht widerstehen können.“
„Woher weißt du das alles?“, fragte der Jüngling.
„Weil dies einst mir gehörte. Ich bin nicht stolz darauf, aber auch ich war habgierig und geizig.
Eines Tages kam ein Zwerg auf das Schloss. Er bat um neue Kleidung, weil seine schon zerschlissen war. Ebenfalls um etwas Brot und Wein. Ich habe ihn fortgejagt. Da hat er mich in einen Fingerhut verzaubert. Und nicht nur das: Selbst wenn mich jemand erlösen würde, müsste ich als Zwerg mein Dasein fristen und dürfte mein eigenes Heim nicht betreten, bis jemand kommt, dem Gold und Edelsteine nicht zu Kopf steigen. Bisher ist es niemand gelungen.“
Der Jüngling versprach, alles so zu befolgen, wie der Zwerg ihm aufgetragen hatte. Sein Freund brachte ihn noch bis zum Schlosstor, verabschiedete sich von ihm und wünschte ihm viel Glück.

Der Schneiderlehrling trat durch das Tor, welches mit einem dumpfen Knall zufiel, sobald er im Inneren des Schlosses war. Mit großen Augen betrachtete der Handwerksbursche all die Pracht. So etwas hatte er sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausmalen können. Doch er berührte nichts, wie es der Zwerg ihm geraten hatte. Schließlich kam er in einen Saal, in dem die herrlichsten Speisen aufgetischt waren. Verlockende Düfte luden ihn ein, an der Tafel Platz zu nehmen und sich zu laben.
Nachdem er Hunger und Durst gestillt hatte, blickte er sich um und fand in der Ecke des Saales ein Bett. Das sah so weich aus, dass er sich darauf niederstreckte und sofort einschlief.
Als er erwachte, schien die Sonne bereits durch die bunten Fensterscheiben. Gern wäre er ein wenig länger liegengeblieben, doch die Worte des Zwerges fielen ihm ein. Er sollte nach dem Aufwachen das schlichteste Zimmer suchen.
Er ging durch die Räume, einer schöner als der andere. In jedem von ihnen gab es Gold und Silber im Überfluss und nur zu gerne hätte er sich das eine oder andere Stück genommen. Doch wieder dachte er an die Worte des Zwerges. Er durfte nichts anfassen. Schließlich kam er zu einer schmucklosen Holztüre. Die stieß er auf und trat in ein Zimmer, das sich von den anderen unterschied. Alles war einfach gehalten. Hier gab es weder Gold noch Edelsteine, sondern nur eine hölzerne Truhe, in der sich grober Stoff befand. Nichts hier sah außergewöhnlich oder gar kostbar aus. Der Jüngling wollte sich schon enttäuscht abwenden. Wie sollte er aus solch einem Material ein Kleid schneidern, das sich einer Prinzessin würdig erwies?
Da erblickte er neben der Türe eine Schnur, auf die Perlen aus Holz und Ton aufgefädelt waren.
„Auch wenn sie nicht teuer sind, sehen sie doch hübsch aus und sind fein gearbeitet. Wenn ich mit diesen Perlen das Brautgewand verziere, wird es in jedem Fall eines sein, das sich sehen lassen kann. Selbst wenn ich damit vielleicht nicht Prinzessin Laras Herz gewinne, so hab ich doch ein Werk geschaffen, das zu meinem Gesellenstück taugt“, dachte er bei sich und begann sogleich mit der Arbeit. In einer Lade fand er alles, was er zum Schneidern brauchte. Sorgfältig schnitt er den Stoff zu, heftete, nähte, und gönnte sich nur kurze Pausen, um ein wenig zu essen, zu trinken oder zu schlafen.

Nach drei Tagen und drei Nächten war es geschafft. Der letzte Stich war getan. Kritisch betrachtete er das Gewand von allen Seiten und war zufrieden. Der grobe Stoff verlor durch den sanften Schnitt jede Schwerfälligkeit und das Fehlen von Farbe wurde von Mustern aus kleinen Perlen wettgemacht. Eine besonders große und schöne Perle zierte den Ansatz des tiefen Ausschnittes. Er schlug das Kleid vorsichtig in ein Tuch ein und verließ das Schloss. Auf dem Weg zum Ausgang kam er erneut an den prächtigen Zimmern vorbei. Nur kurz geriet er in Versuchung, sich doch wenigstens einen kleinen Edelstein mitzunehmen. Wie schön würde der sich statt der einfachen Holzperle machen, die jetzt am Ausschnitt des Kleides saß. Doch er nahm sich zusammen und dachte an den Zwerg, der bestimmt schon auf ihn wartete.

Als er schließlich durch das Schlosstor trat, stand aber kein Zwerg draußen, sondern ein König.
„Ich danke dir, auch aus meinem Zwergendasein hast du mich erlöst. Nun darf ich endlich in mein Heim zurückkehren. Nie wieder werde ich so habgierig und geizig sein, wie ich es einst war. Du aber, du solltest nun Prinzessin Lara deine Aufwartung machen.“
Der König gab dem Jüngling ein Pferd und einen Beutel voll Gold zum Abschied. So war der Schneiderlehrling schon bald an seinem Ziel angelangt.

Viele Edelmänner und Adelige waren gekommen. Ein jeder hatte ein Kleid für die Prinzessin dabei, alle aus edlen Stoffen: Seide, Brokat oder Samt. Herrliche Stickereien und aufwändige Verzierungen hatten sie gemeinsam. Mit diesen Kleidungsstücken konnte er sein Werk nicht messen. Er wollte schon gehen, um sich die Schmach, von der Prinzessin abgewiesen zu werden, zu ersparen. In diesem Moment trat Prinzessin Lara ein und der Jüngling war von ihrer Schönheit so gebannt, dass er keinen weiteren Schritt mehr tun konnte. Alles, was er zuwege brachte, war, sie mit offenem Mund anzuschauen.
Die anwesenden Freier mussten sich alle in eine Reihe stellen. Die Prinzessin ging von einem zum anderen und betrachtete das Gewand, das die Männer ihr anboten. Doch bei jedem schüttelte sie stumm den Kopf. Endlich kam sie auch zum Schneiderlehrling. Er schlug das Tuch zurück und Lara blieb stehen. Sie fuhr mit ihren Händen über den Stoff und berührte mit der Fingerspitze die Perle am Ausschnitt des Kleides. „Solch ein Kleid hab ich noch nie gesehen“, murmelte sie und nahm es aus den Händen des Schneiders.
„Dieser Mann“, sagte sie und deutete auf den Jüngling, „soll meine Hand bekommen.“
„Aber Prinzessin, die anderen Gewänder sind viel kostbarer und teurer als das meine“, warf der Schneiderlehrling ein.
Lara blickte ihm in die Augen. „Das mag schon sein, aber doch ist eines wie das andere. Ein solches, wie du mir gebracht hast, habe ich hingegen mein Lebtag noch nie gesehen.“

So kam es, dass bald darauf Hochzeit gefeiert wurde. Natürlich trug Prinzessin Lara das Kleid des Schneiderlehrlings auf dem Fest. Und wenn sie nicht gestorben sind, trägt sie es noch heute zu jedem wichtigen Anlass.

Quelle: Berta Berger

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