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Märchenbasar

Advent im Hochgebirge

Wenn ein Fest bevorsteht, machen sich die Menschen dazu bereit, jeder auf seine Weise. Es gibt mancherlei Arten. Auch Benedikt hatte seine eigene. Sie bestand darin, daß er zu Beginn der Weihnachtszeit, ja, wenn es das Wetter erlaubte, möglichst schon am ersten Adventssonntag, Proviant, Strümpfe zum Wechseln, mehrere Paar Lederschuhe sowie einen Petroleumkoffer in den Rucksack packte, dazu eine Kanne Petroleum und eine Fläschchen Spiritus mitnahm und sich auf den Weg ins Gebirge machte, wo zu dieser Jahreszeit sonst nur winterharte Raubvögel, Füchse und einzelne verirrte Schafe umherirrten. Und gerade auf diese Schafe war er aus, auf Tiere, die bei den regelmäßigen herbstlichen Einsammlungen nicht aufgefunden worden waren. Sie sollten nicht dort drinnen erfrieren oder verhungern, nur weil niemand sich die Mühe gab oder es wagte, sie zu suchen und heimzubringen. Auch sie waren lebendige Geschöpfe. Und er fühlte gleichsam eine Verantwortung für sie. Sein Ziel war also ganz einfach, sie aufzufinden und unversehrt unter Dach und Fach zu bringen, ehe das große Fest seine Weihe über die Erde und Frieden und Wohlgefallen in die Herzen der Menschen senkte, die ihr möglichstes getan haben. Auf dieser seiner Adventswanderung war Benedikt immer allein. Oder besser: ohne menschliche Begleitung. Denn er hatte ja seinen Hund und meistens auch seinen Leithammel bei sich. Sein jetziger Hund hieß Leo und war nach Benedikts Ausspruch ein wahrer Papst von Hund. Der Hammel hörte wegen seiner Ausdauer auf den Namen Knorz. Diese drei waren bei derartigen Ausflügen jetzt schon seit einer Reihe von Jahren unzertrennlich gewesen und kannten einander nach gerade in– und auswendig mit einer tiefgründigen Bekanntschaft, die vielleicht nur zwischen einander fernstehenden Tieren möglich ist, wo kein Schatten des eigenen Ich’s, des eigenen Blutes, eigener Wünsche und Begierden verwirrend oder dunkelnd dazwischentritt. Übrigens gehörte noch ein vierter zu dem Bunde, das Pferd Faxe; allein es war leider zu schmalfüßig und schwer, um den tiefen, lockeren Schnee des Vorwinters zu durchwaten, und überdies nicht recht fähig, allzu viele anstrengende Tage mit der Kost durchzuhalten, mit der die anderen drei sich behelfen konnten. Nur mit schmerzlicher Betrübnis trennten sich Benedikt und Leo von ihm, wenn auch nur eine Woche. Knorz nahm diese Schickung wie alles andere mit größerer Ruhe. Da wanderte das Kleeblatt durch den Wintertag: voran Leo, der trotz der Kälte die Zunge zufrieden aus dem rechten Mundwinkel hängen ließ, hinter ihm Knorz in gleichmütigem Trott, zuletzt Benedikt, der seine Skier hinter sich herzog. Die Schneedecke war hier unten im bewohnten Lande noch zu leicht und locker, um einen Skiläufer zu tragen; man mußte durch den Schnee stapfen und stieß dabei mit den Zehen gegen Erdschollen und Steine – puh, es war recht beschwerlich voranzukommen, aber sonst keine große Sache. Leo war nach Hundeart vielfach beschäftigt und in bester Laune. Zuweilen konnte er sich nicht mehr halten, mußte sich Luft machen. Dann jagte er in wilden Sätzen zu Benedikt zurück, daß der Schnee um ihn stob, bellte zu ihm auf, strebte an ihm empor und verlangte gelobt und gestreichelt zu werden. “Ja, du bist ein wahrer Papst”, sagte dann Benedikt; das war nun einmal sein Kosename für seinen Kameraden, ein höheres Lob gab es in seinem Munde nicht. Vorläufig waren sie durch besiedeltes Land unterwegs nach Botn, dem letzten Gehöft vor den Bergen. Sie hatten den ganzen Tag vor sich und nahmen ihn gemächlich, folgten den Pfaden von Hof zu Hof, machten Aufenthalt und begrüßten Leute und Hunde. “Aber eine Tasse Kaffee.” – “Nein, danke, heute nicht.” Sie möchten gern beizeiten am Ziel sein. Dann bekamen sie statt dessen einen Schluck Milch – alle drei. Wieder und wieder mußte Benedikt Auskunft geben, was er vom Wetter hielte. Man meinte ja nur – wollte keineswegs aufdringlich sein oder den Unglückspropheten spielen. Aber eine Frage sei doch erlaubt. Vielleicht sagte man noch: “Ja, was ich noch sagen wollte, Leo ist ja wohl ein Hund, der seinen Weg findet – auch im Dunkeln und bei Schneegestöber?” Man brachte es sozusagen im Scherz vor und vermied es, die Augen aufzuschlagen, vermied es selbst mit einem Blick, auf die reich drohenden Wolken am Himmel zu verweisen. Und ging rasch darüber hin: “Den Weg finden, das kann er ja, der Köter.” “Das können wir alle drei”, antwortete Benedikt unbeirrt und leerte seine Milchschale. “Schönen Dank!” – “Abgesehen von Knorz würde ich nun am meisten auf Leo verlassen”, scherzte der Bauer, verschwand einen Augenblick im Hause und holte ihm einen Leckerbissen, etwas zu Knabbern. Benedikt entgegnete nichts der Art, daß er ein wahrer Papst sei, deutete Leo aber mit seinem Nicken an, daß er sich mit dem Fressen Zeit nehmen könne, er werde schon so lange warten. Knorz bekam unterdessen eine Handvoll gutes Wiesenheu. Dann zogen sie wieder los, die drei. Benedikt war heute nicht in der Kirche gewesen, hatte es versäumt, keine Zeit dazu gehabt. Wollte er zu einer vernünftigen Stunde ankommen und sich vor dem zeitigen Aufbruch und dem langen Marsch des nächsten Tages genügend ausruhen, so mußte der heutige vom frühen Morgen an ausgenutzt werden. Hauptsächlich Knorzens wegen nahm er den ersten Tag so wenig anstrengend. Wohlverstanden: Knorz war schon recht und trug seinen Namen nicht unverdient. Aber man mußte achtgeben, ihn nicht gleich zuerst zu überanstrengen. Darum konnte Benedikt den Umweg über die Kirche nicht gut machen. Am ersten Advent ist diese Wanderung durch das Bauernland bis an den Rand der Heide sein Kirchgang. Zudem hatte er ja vor dem Aufbruch in der Gesindestube auf seinem Bettrand gesessen und den Text des Sonntags gelesen, Matthäi 21, von Jesu Einzug in Jerusalem. Aber das Glockenläuten, den Gesang in dem Rasenkirchlein und die weise, ruhige Auslegung des Evangeliums durch den Pastor mußte er sich dazu denken. Auch das ließ sich machen. So ging er jetzt durch den Schnee und weiß, so weit das Auge reichte -, grauweiß der Winterhimmel, selbst das Eis auf dem See bereift oder leicht überschneit. Nur die flachen Krater, die hier und da aus dem Schnee ragten, zeichneten die größeren und kleineren Ringe ihrer Trichter wie ein mahnendes Muster in die Schneewüste ein. Woran wollten sie wohl mahnen? Ließ es sich ergründen? Vielleicht sagten die Kratermünder: Laß alles gefrieren und in weiße Flocken niedersinken und sich wie ein Brautschleier, wie ein Leichentuch über die Erde legen, laß den Hauch in deinem Mund gefrieren und die Hoffnung in deinem Herzen und im Tode das Blut in deinen Adern – tief drunten lebt doch das Feuer. Vielleicht sagten sie das. Und was meinten sie damit? Vielleicht sagten sie auch etwas anderes. Aber jedenfalls: Wenn man von den schwarzen Ringen absah, war alles weiß, insbesondere auch der See im Tal – eine glitzernde weiße Fläche, glatt wie eine Tenne. Für wen? Wen lud er zum Tanze ein? Und wie all dieser Weiße entstiegen, in der nur die schwarzen Kraterringe und vereinzelte gespenstische Lavasäulen hie und da aufragten, lag eine Weihe über dem Sonntag in dem Bergbezirk, eine herzbeklemmende Weihe. Eine unermeßliche, unschuldsweiße Feierlichkeit übergab den stillen Ruhetagsrausch aus den weitverstreuten, niedrigen Höfen, die unter dem Schnee fast verschwanden, eine unfaßbare, eine unglaublich verheißungsvolle Stille – Advent, Advent. Ja, Benedikt nahm das Wort behutsam in den Mund, dieses große, stille, erstaunlich fremde und doch zugleich so vertraute Wort, für Benedikt vielleicht das vertrauteste von allen. Es ist wahr, er wußte nicht genau, was es bedeutet, aber es lag dort eine Erwartung, eine Vorbereitung darin, das fühlte er. Im Laufe der Jahre war ihm dieses Wort zum Inhalt seines Lebens geworden. Denn was war sein Leben, was war das Leben überhaupt anderes als ein unvollkommenes Dienen, das doch von der Erwartung von Vorbereitung aufrechterhalten wurde?

Dann kamen sie zu einem Hof, und der Alltag begegnete ihnen mit seiner Freundlichkeit nach Bauernart; aber Kaffee, nein danke, heute lieber nicht, sie wären sozusagen etwas pressiert, die Tage wären kurz, also schönen Dank. Der Bauer musterte den Himmel lange und sorgfältig und hielt, offen gestanden, nicht viel vom Wetter. “Ja, man muß das Wetter halt nehmen, wie Gott es gibt”, meinte Benedikt. Der Bauer seinerseits sprach nur die Hoffnung aus, es möchte noch vor Einbruch der Nacht losgehen. Solche Reden waren Benedikt ausgemacht zuwider, und also denn, sie mußten weiter. “Taugen sie etwas deine Begleiter?” fragte der Bauer und möchte den Mann nicht fortlassen. Er sah ihn vielleicht zu letzten Male, wer weiß – hatte auch so schwer geträumt, und es ließ sich ja mit Händen greifen: Um diese drei stand eine Witterung von nahen Prüfungen, wenn nicht von Schlimmerem. “Ist Knorz dir nicht nur ein Klotz am Bein? Kannst du dich auf ihn verlassen – und auf den Hund?” – “Ob ich kann?” antwortete Benedikt, “wir sind allerhand gewohnt.” So etwas sollte man nicht sagen in der Stunde der Gefahr, so übermütig sollte der Mensch die Mächte nicht herausfordern – der Bauer stand stumm und ließ ihn ziehen. Da gingen sie, alle drei, und ein unsicherer, mit sich selbst, mit ihnen und der Welt unzufriedener Mann blieb zurück sah ihnen nach und kaute Tabak. Solche Leute mochte sonst wer begreifen – und alles, sogar das Leben aufs Spiel zu setzen. Und wofür? Für ein paar fremde Schafe. Denn Benedikt hatte nur ganz wenige, und es fehlte ihm keins. Vermutlich begriff Benedikt den vorsichtigen Bauern ebensowenig. Jedenfalls zogen die drei weiter. Heute war ein guter Tag und keiner sollte ihm den verderben, ein guter, festlicher Tag. Heute vor vielen Jahren hielt Jesus seinen Einzug in Jerusalem. Wenn man es wußte, konnte man es auch deutlich spüren; der Tag hatte hier von seinem Gepräge erhalten und durch die Jahrhunderte bewahrt. Benedikt sah ihn so deutlich vor sich, wie er in die herrliche, sonnenerleuchtete Stadt einzog. Er hatte ihre weißen Mauern und Häuser in einer Bilderbibel gesehen und Jesus auf dem Feld mitten drin. Die Zweige, die das Volk von den Bäumen schnitt und dem Esel vor die Füße breitete, sahen wie Eisblumen an einer Fensterscheibe aus. Aber daß sie nicht weiß waren, das wußte er genau; sie waren grün, saftig grün und etwas Sonnenschein haftete an ihren Blättern. Und plötzlich klangen die Worte des alten Buches fast hörbar durch die Luft, als hätten die Wellen des Äthers sie bewahrt, man brauchte nur das Ohr hinzuneigen: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. Sanftmütig! Das verstand Benedikt. Wie konnte Gottes Sohn anders sein? Und reitend auf dem Füllen der lastbaren Eselin – denn von allem, Lebenden und Totem, ist nichts zu gering für den Dienst, nichts, was nicht durch Dienst geheiligt würde. Selbst Gottes Sohn. Und nur durch den Dienst. Und Benedikt meinte plötzlich das kleine Eselchen zu kennen und genau zu wissen, wie ihm und wie Gottes Sohn in jener heiligen Stunde zumute war. Und er sieht deutlich vor sich, wie die Menschen ihre besten Kleider auf den Weg breiten und hört andere fragen: “Wer ist dieser Mann?” – “Wirklich!” – “Wer ist dieser Mann?” Denn sie kannten Gottes Sohn nicht. Und hätten ihn doch kennen sollen. Auf seinem tiefen, einfachen Antlitz leuchtete ein Lächeln, das nur ein wenig durch die Betrübnis überschattet wurde, daß sie es nicht besser wußten. Daß ihre Augen so umwölkt, ihres Herzens Spiegel so beschlagen war. Und beim Anblick dieses betrübten Lächelns schoß es Benedikt heiß durchs Herz. Wie blind mußten sie sein. Dem Erlöser vom Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen und ihn nicht zu erkennen! Daß er selbst ihn gleich auf den ersten Blick erkannt haben würde und ihm unverzüglich zugesellt und ihm geholfen habe, die Dreisten aus dem Heiligtum zu treiben und die Tische der Wechsler und die Stühle der Taubenkrämer umzustoßen. Benedikt schiebt bei diesem Gedanken seine lederne Mütze hoch und trocknet sich die Stirn. Das Wandern strengte ihn nicht weiter an, aber diese kriegerischen Gedanken trieben ihm den Schweiß aus den Poren. Er ist ein friedfertiger Mensch, er hatte nicht einmal im Traum an Gewalttätigkeiten gegen seine Mitmenschen gedacht, jedenfalls nicht, seit er erwachsen ist. Aber die Worte des Erlösers: “Mein Haus soll Bethaus heißen, ihr habt eine Mördergrube daraus gemacht.” – diese Worte haben ein brennendes Ärgernis in ihm geweckt. Diese Vorstellung – der Kaufmann verfiele darauf, seinen Schwindelladen in ihre alte Rasenkirche zu verlegen! Dann wäre es vorbei mit dem Frieden. Und mit diesen Worten des Erlösers im Ohr fühlte er sich zu allem bereit, was man von ihm verlangte – unter Führung des Herrn. Wechsler – oho! Taubenkrämer – haha! Und Krämer überhaupt – er kannte die Sorte. Nur möglichst nicht daran denken. Und wieder wischte er sich die Stirn. Denn die Krämer, die er kannte, der Kaufmann und ein paar Hausierer – es ließ sich zwar allerhand gegen sie aussagen, aber sie mit den Fäusten bearbeiten zu müssen, daran lag ihm auch wieder nichts. So hatte Benedikt seine Gedanken, seine Freuden und seine Kümmernisse, während der grauen Tag um ihn allmählich schwarz wurde, der Vollmond sich hinter den Wolken entzündete und sich zuweilen flüchtig aus einem bleichen Abendhimmel sehen ließ. Um sich selbst machte sich Benedikt auf seiner Wanderung nicht große Gedanken. Warum sollte er auch? Für das Auge war es jetzt, da der Tag sank, allgemach nur noch ein undeutlicher Schatten in der Landschaft. Und doch ist es die Frage, ob seine Vorstellung von sich selbst nicht noch undeutlicher und verschwommen war. Er war ja nur ein Knecht, ein Dienstknecht; war es ein Leben lang gewesen. Oder genauer gesagt, halb Knecht, halb Kätner. Überhaupt war es etwas Halbes, Unbedeutendes an ihm, durch und durch. Halb gut – halb schlecht, halb Mensch – halb Vieh. Jaja, so war es auch nicht anders. Den Sommer über arbeitete er gegen Lohn auf dem Hof, wo er das ganze Jahr wohnte. Im Winter besorgte er dort die Schafe gegen Kost und etwas Kleidung. Nur kurze Zeit im Frühjahr und Herbst und dann während seiner Bergwanderung vor Weihnachten war er sein eigener Herr. Außerdem besaß er freilich selbst Stall und Scheune für sein Pferd, seine Schafe und das Heu, das er sonntags nach der Kirche auf gepachteten Wiesen mähte. Er hatte es also gut, und ist ja nur ein einfältiger Mann und ein Diener, und anders erwartet und erstrebt er nicht, zu werden – nicht einmal im Himmel. Wenigstens jetzt nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Die Tage und Nächte, da er Träume verspürte hier und dort drüben. Vorbei – und es war gut so. Nur damals hatte er sich unfrei gefühlt. Seitdem war er etwas mehr Mensch geworden – ja, überhaupt Mensch geworden. Sofern nicht auch das Eitelkeit und verwerflicher Übermut war. Nun jedenfalls war er jetzt schon ein älterer Mann, vierundfünfzig Jahre – und dies ist das siebenundzwanzigste Mal, daß er hier geht. Er weiß genau, er merkt die Zahl von Jahr zu Jahr. Mit siebenundzwanzig Jahren begann er diese Wanderungen, siebenundzwanzig Mal ist er so durchs Land auf die Berge zu gewandert, meist am ersten Adventssonntag, wie heute. Ach ja, die Zeit vergeht. Siebenundzwanzig Jahre – so tief lagen seine Träume, die nur Gott und er selbst kannten. Und die Berge, in die er sie hinausgeschrien hatte in seiner Qual. Aber schon bei seiner ersten Wanderung hatte er sie dort zurückgelassen. Da lagen sie sicher aufgehoben. Oder doch nicht so ganz sicher? Spukten sie in der Einsamkeit der Berge wie friedlose Geister, die ihr flüchtiges, verkehrtes Leben in einer Wüst von Schnee und verwittertem Gestein leben? Waren sie es im Grunde, um derentwillen er jeden Winter hinauf mußte – ob sie immer noch nicht matt geworden und in die Erde versunken waren? Aber er schüttelte es ab: Nein, so erbärmlich stand es doch nicht um ihn. Und jetzt waren sie bei ihrem Nachtquartier angelangt und strebten die Steigung hinauf, die zum Hofplatz führte. Benedikt, Knorz und Leo. Die Gebäude des Hofes lagen auf einem kleinen Höhenzug, um den sich die Hänge des Hoflandes wie im Halbkreis schlossen. Sie lagen hoch – was einmal im Frühjahr, wenn die Sonne kräftiger wurde, von Vorteil war – und noch geschützt. Benedikt holte ein einziges Mal tief Atem, als er für heute am Ziel war, dann wandte er sich um und sah den Weg zurück, den er gekommen war. Seine Hand umfaßte ein Horn von Knorz – wie warm es doch an seiner Wurzel ist -, auf der anderen Seite stand Leo und wedelte mit dem Schwanz. Da standen sie. Es lag eine gewisse Weihe über ihnen. Nicht so, daß Benedikt den Himmel über sich offen fühlte, aber es war doch gleichsam ein Spalt offen, er stand nicht allein auf der Erde, fühlte sich nicht ganz verlassen. Nicht ganz. Sie standen da, und Benedikt blickte über das Land hin und nahm in sich auf, was er sah. Kühle Dämmerung senkte sich über das Bergland, jetzt, da der Tag sank und das dunkle Licht des Mondes stärker vom Himmel erstrahlte, an dem eisigen Berge hintrieben, Berge, die genauso wirklich schienen wie die bleichenden Bergkämme am Horizont mit ihren matten Schattenlinien. Das Land wirkte flacher an einem solchen Abend, wenn der See zugefroren und die Eisfläche zugeschneit ist. Und mitten in der eisigen Welt, die der Auflösung in Finsternis entgegenging, stand – selbst ein Teil des Abends – der Mensch Benedikt, halb Knecht, halb Kätner, stand hier mit seinen nächsten Freunden, dem Widder Knorz und dem Hund Leo – und diese Welt ist seine Welt. Hier lebte er als ein Teil von allem, was er erreichen kann und erfassen mit Blick und Hand, mit Gedanken und Ahnung. Diese Welt ist sein; von diesem Leben ist er ein Teil. Nicht, daß er solches dachte, bewußt dachte. Er machte sich nicht einmal klar, daß er stehengeblieben war und hinüberblickte, weil er früh vor Tagesanbruch von Botn aufzubrechen pflegt und schon hoch in den Bergen war, wenn der Tag graute. Er fühlte nur etwas wie eine Leere in der Brust, eine Sehnsucht, die sich nicht festigen und erklären ließ, ein seltsam ziehendes Heimweh. Ob es nun daher kam, weil er das bewohnte Land für ein paar Tage verlassen sollte oder weil ihn der Abschied immer daran mahnte, daß es einmal für immer sein könnte, das wußte er nicht. Der Mensch hängt an dem Seinen, an sich selbst und dem Seinen, bis über den Tod hinaus und bangt davor, das Leben aus den Händen zu verlieren – dies Wirklichste von allem Wirklichen, dies Erbärmlichste von allem Erbärmlichen, dies Unendliche von allen Unendlichsten; bangt vor der Einsamkeit, auf der sein Selbst beruht, die sein Selbst ist, bangt davor, ohne Mitmenschen ringsum zu sein – und vielleicht von Gott vergessen. Ein kleiner Trost ist es ja, daß man, wenn alles gut geht, hier begraben wird, in dieser Erde verankert bleibt. Und von seinem Jenseits, hofft man in seinen Freistunden eine Aussicht auf das Heimattal zu haben; etwas anderes wäre kaum vorstellbar. Und wie er jetzt hier steht, kann Benedikt es nicht lassen, mißvergnügt nach ein paar Schneeflocken zu schnuppern, ein paar verirrten, sacht fallenden Schneeflocken, die hier eigentlich nichts zu suchen haben und die er darum vorher hat nicht beachten wollen. Ganz zufrieden war er mit den Wetteraussichten ja nicht, wenn er es schon zugeben sollte. Es ließ offen gesagt – nun ja, es ließ allerhand erwarten. Er blickte prüfend zu Mond auf. Vielleicht gar Schnee! Wenn nicht noch Schlimmeres. Knorz war heute auch so verdrossen. Und er wußte Bescheid. Nur Leo sah der Zukunft mit hundehafter Unbekümmertheit entgegen, ringelte den Schwanz, war auf Visiten und Abenteuer aller Art aus und verlangte nichts Besseres. Es gab Augenblicke, wo Benedikt die Galle überlaufen wolle bei seinem Gehabe. Aber dann nahm er sich zusammen, rüttelte ihn freundlich am Ohr: “Alter Kerl!” Und doch gelang es ihm nicht, sein Gemüt ins Gleichgewicht zu rütteln. Weder Himmel noch Erde wollten ihm recht gefallen. Wenn er hier jetzt in dem schwindenden Tag stand, ließ sich sein Gefühl nicht mehr davon ablenken, daß er durch den schweren Schnee vorwärts stapfte. Die Vorboten des Wetters, die er im Blute trug, waren auf die Dauer so nicht zu übertäuben. Hätte er zu Hause bleiben sollen? Der Rucksack drückte plötzlich so schwer. Er legte ihn auf den Pferdestein ab und wandte sich zur Tür. Aber er brauchte nicht anzuklopfen, soweit er zurückdenken konnte, hatte er das auf Botn niemals nötig gehabt, jedenfalls nicht am ersten Advent.

Die Hoftür öffnete sich im gleichen Augenblick, und entgegen trat ihm Sigrid, die Hofbäuerin. “Gottes Segen”, wünschte Benedikt, und seine kalte knochige Hand schloß sich einen Augenblick um ihre hauswarmen Finger. “Gottwillkommen”, antwortete die Bäuerin – warf aber zugleich einen Blick auf die jagenden Wolken, wechselte den Ton und sagte scherzend: “Wir fingen wahrhaftig bald an zu hoffen, du würdest ausbleiben.” – “Nein”, sagte Benedikt, und nach einer Weile: “Ja, ich habe meine Sachen abgelegt. Ihr gäbt mir wohl ein Nachtquartier.” Auch das sollte Scherz sein, aber es traf den Ton nicht. Es ist nicht echt und verrät, was er verbergen soll. Um es wieder gutzumachen, fängt Benedikt unaufgefordert an, den Schnee von seinen Schuhen abzukratzen. Leo hatte unterdessen die Bäuerin begrüßt. Er erinnerte sich wohl an früherer Besuche auf Botn; jetzt tauschte er mit den Hunden des Hauses Hundeklatsch aus. Sigrid trat zu Knorz und kraulte ihn hinterm Ohr. Er ließ es sich gefallen, gab aber kein Zeichen der Bewegung von sich. Da lachte sie: “Richtig vergnügt ist er ja nie, dein Knorz, aber so mürrisch habe ich ihn doch selten gesehen.” Benedikt murmelte etwas. “Macht es das Wetter?” fragte Sigrid. Irgend etwas in seinem Wesen paßte nicht zu ihrem scherzenden Ton. Benedikt erwiderte nicht viel darauf; er stand gebückt, und kratzte an seinen Schuhen. Er murmelte etwas, nur die letzten Worte waren verständlich: “Er gehört nämlich zu den großen Propheten.” – “Das sieht man ihm fast an”, antwortete die Bäuerin. “Nein, so war es nicht gemeint”, entgegnete Benedikt und nahm seinen Knorz in Schutz. “Nur in Wirklichkeit, nicht in seiner eigen Einbildung – falls du das gemeint hast.” Doch jetzt kam ruhig, Pjetur, der Hofbauer, dazu, ein wenig später als seine Frau, wie es hier auf Botn am ersten Advent üblich war. Gleich nach ihm erschien der älteste Sohn Benedikt, und hinter ihm tauchte ein Rudel Kinder auf. Sie wurden aber augenblicklich ins Haus zurückgescheucht, der Abend sei zu kalt: “Hinein mit euch, und die Tür zu! Benedikt kommt gleich!” Benedikt begrüßte Vater und Sohn, sah ihnen einen Augenblick ins Auge, während er ihnen die Hand drückte. Er hatte seine bestimmte Art, sie zu begrüßen. Der Sohn ist ja sein besonderer Freund, vielleicht sein einziger. Wie er zu dem Namen Benedikt gekommen war, wußte man nicht, der Name kam weder in Pjeturs noch in Sigrids Familie vor und war auch sonst in der Gegend nicht gebräuchlich – sie waren hier in der Gegend die beiden einzigen, die ihn trugen. “Zuallererst willst du natürlich Knorz unter Dach haben”, sagte der Bauer und trat freundlich neben ihn. Aber er ist taktvoll und versteht sich auf Schafe; er hütet sich, ihn anzufassen, so sehr es ihn in den Fingern kribbelt. “Und wie war das doch – erinnere ich mich recht, daß er kein Essen und Trinken anrührt, das du ihm nicht eigenständig vorsetzt?” – “Na, ganz so schlimm ist es nicht”, entschuldigte Benedikt seinen Knorz. “Er ist ein höfliches Tier – abgesehen von seinem Eigentümer. Komm, Knorz!” Die Hausfrau war inzwischen an ihre Arbeit gegangen. Aus der Tür duftete es verheißungsvoll nach Dörrfleisch, Kaffee und Pfannkuchen. Aber die drei Männer hatten keine Eile; den Widder dicht hinter sich, schlenderte in Ruhe und Behagen nach einem Nebengebäude wo alljährlich ein Gastraum für Knorz bereitstand. Es war im Schafstall eine Ecke abgeteilt, wo er Wasser, Krippe und Lager für sich hatte, ohne sich zu drängeln oder mit weniger tatenreichen Mitgeschöpfen um die Welt fressen zu müssen, wo er doch passende Gesellschaft fand. Das Wasser war rechtzeitig hineingestellt worden, damit es überschlagen war; jetzt wurde die Krippe mit frischem, duftenden Heu gefüllt. Knorz tauchte das Maul wohlanständig ins Wasser und löschte seinen Durst, dann machte er sich bedächtig an das gute Futter. Pjetur sah ihn an – sah Benedikt an. “Ihr findet also das Wetter zu den Bergtouren geeignet, ihr beiden?” – “Danach mußt du Knorz fragen”, antwortete Benedikt leichthin. “Ich habe nur Menschenverstand.” – “Auch nicht zu verachten, wenn man ihn nur fleißig benutzt”, sagt Pjetur, der Knorz vielleicht schon gefragt und Antwort bekommen hatte. Möglicherweise war die Frageform nur eine Höflichkeit gewesen. Mehr wurde nicht gesprochen. Sie schlossen sorgfältig die Tür und gingen nachdenklich zum Wohnhaus hinüber, bei einem unsicheren Mondlicht, das kaum Licht zu heißen verdiente. Es war beinahe Finsternis. Kalte Windstöße umsausten sie merkwürdig plötzlich und drohend aus einer undurchsichtigen Nacht heraus. Seltsam, wie die Menschen, die durch die Finsternis wandern, einander verlorengehen. Doch ist die Einsamkeit der Finsternis eine andere als die der Berge. Hier unten im bewohnten Land ist sie doch nicht so vollkommen; man hört noch andere Stimmen als die eigene und spürt nahe Atemzüge. Die tiefe Verlassenheit, die aus der Leere draußen und der steinernen Tiefe drunten strahlt, durchschauert einen noch nicht bis in die Haarwurzeln. Ein Licht stand in der Haustür und wartete auf sie. Es hatte dort schon eine Weile gestanden und nur für sich allein gebrannt. Ein einsames Licht ist fast wie ein Mensch, fast so verlassen wie eine verzweifelnde Seele. Und ändert sich so eigentümlich sobald es nicht mehr allein ist, sobald so eigentümlich, sobald es nicht mehr allein ist, sobald Menschen hinzukommen. So auch dieses Licht. Die drei Männer traten nur durch die Tür, und schon stand es nicht mehr so einsam und verlassen, hatte plötzlich einen Dienst zu leisten, eine Aufgabe zu erfüllen. Benedikt nahm seinen Rucksack, den er vor der Tür abgelegt hatte und hängte ihn drinnen auf einen Nagel. Ein stoppevoller Sack Heu stand bereit, an einen Türpfosten angelehnt. Benedikt roch an dem Heu und hob den Sack: “Ihr habt auch mehr an Knorzens Magen als an meinen alten Rücken gedacht, als ihr den hier füllet.” Der Bauer lachte kurz und drückte, während er hineinging, mit zwei Finger den Docht aus. Es ist ein Liebesdienst für ein Licht, wenn man es nicht nutzlos verzehren läßt, es lieber bei Gelegenheit zu neuem dienenden Leben erweckt. Und außerdem ist es sparsamer. Sie gingen in die Wohnstube zu der Frau und der Kinderschar, und der Benedikt, der Gast im Hause war, bekam auf dem Klapptisch unter dem Giebeltisch sein Essen fortgesetzt, Rauchfleisch, frisch aus dem Topf, und Kartoffelbrei. Ein gutes Essen für kalte Tage, ein wahrer Weihnachtsschmaus. “Man meint, ich soll in die Wüste”, sagte Benedikt, dem die Berge keine Wüste bedeuten; er ging ja jetzt zum siebenundzwanzigste Male hinein. Er sagte es nicht, erwähnte mit keinem Wort, daß es für ihn ein Jubeljahr war, eine Art Jubeljahr; aber in seinen Gedanken tauchte es immer wieder auf wie ein Kehrreim: das siebenundzwanzigste Mal. “Na, wenn du erst in Botn fort bist, dann dauert es gewöhnlich einige Zeit, bis du wieder etwas Warmes in den Magen bekommst”, sagte die Hausfrau und achtete sorglich darauf, daß er zulangte. “Iß nur tüchtig. Für Leo ist gesorgt!” Als sein Name genannt wurde, sah Leo aus dem Winkel der Stube auf, in dem er zusammengerollt lag, nicht unähnlich einem Schneckenhaus, ein schwarz – weißer Hund mit gelben Flecken; und er wedelte mit dem Schwanz den großen Geschöpfen freundlich zu, die an ihn dachten und ihn zu schätzen wußten, selbst wenn er schlief. Dann rollte er sich eifrig wieder zusammen und schlief weiter, nutzte die Zeit aus. Wie sie noch sitzen und plaudern, klopft es plötzlich an die Tür, dreimal, vermutlich also Nachtgäste, obwohl es in der Gegend wohlbekannt ist, daß andere Gäste als Benedikt am ersten Advent auf Botn nicht unbedingt willkommen sind. Einen Augenblick saßen sie stumm. Dann stand der junge Benedikt auf, um zu öffnen. “Es sind wohl die von Grimsdal, die sich ausgerechnet haben, daß sie sich dir bis zur Berghütte hinauf anschließen könnten – sie haben ihre Schafe noch draußen auf den Weiden am Gletscherfluß”, sagte Pjetur. Dann ging auch er. “Ich glaube fast, sie haben es nicht nur auf deine Begleitung abgesehen. Sie rechnen gewiß darauf, daß du ihnen beim Schafesammeln behilflich sein wirst, du mit Leo und ich mit Knorz”, sagte die Bäuerin ärgerlich. Sie konnte es nicht leiden, wenn man sich an die Menschen heranmachte, um aus ihren Kräften und ihrer Gutmütigkeit Nutzen zu ziehen. Warum konnten sie Benedikt nicht allein und in Frieden seiner Beschäftigung nachgehen lassen? “Aber das versprichst du mir, du gehst deine eigenen Wege und siehst, deine Sache fertigzukriegen, solange du noch Essen im Sack hast”, fuhr sie fort und versorgte Benedikt mit Fleisch und Kartoffelbrei. Dies war für ihn gekocht; sie mußte sehen, was sie für die anderen auftrieb. Doch so ungern Benedikt jemanden etwas abschlug, und zuallerletzt Sigrid von Botn, dies konnte er nicht versprechen, dazu kannte er sich selber zu gut. So aß er nur schweigend weiter. “Kommen sie zu spät, so ist es ihr eigener Schaden”, fuhr die Bäuerin fort. “Und fängst du erst an und vergeudest deine Zeit und hilfst ihnen ihre Schafherde einsammeln, so verlierst du bestimmt ein paar Tage.” – “Ach – verlieren”, Benedikt griff das Wort auf, “wie man es nimmt.”

Teil 2:

Er wäre am liebsten mit einer langen Erörterung über eine unglückliche Sache verschont geblieben. Denn wenn hier ein Mann kommt, der seine Schafe einsammeln will, und er und Leo und Knorz sind da und könnten dabei helfen, sind vielleicht sogar unentbehrlich, was bleibt einem da anderes übrig, als sich dem Mann zur Verfügung zu stellen? Er seufzte wohl über diese neue, unvorhergesehene Mühe, aber es war nun einmal so und nicht anders. “Es wird ein großes Loch in deine Vorräte reißen”, fuhr Sigrid hartnäckig fort. Sie wußte, wie schwerfällig, wie störrisch und unnachgiebig er war, wenn es sich darum handelte, vernünftig zu sein und sich zu schonen. “Ach, ich bin gut versorgt”, antwortete Benedikt unbekümmert. “Du bist ein unmöglicher Mensch, daß du es weißt.” Jetzt kamen die Fremden durch den Hausgang herein, und wirklich waren es Hakon von Grimsdal mit seinen Knechten. Sie taten nicht gerade überrascht, Benedikt hier zu sehen, sondern sagten: “Richtig, es ist ja jetzt deine Zeit, wo du in die Berge gehst und die alte Stremba ablaust!” Daran hätten sie denken können, denn das sei ja ein Feiertag, so sicher wie jeder andere im Kalender, will heißen für Botn und die alte Stremba, die sonst auf Winterbesuch nicht eingerichtet ist. Stremba, die Zähe, so hieß der Weideplatz des Kirchspiels dort drinnen zwischen den Gletscherzügen. Sie fanden sie unbequem und liebten sie nicht. “Euch hat wohl das Wetter gelockt, gerade heute loszuziehen?” fragte Sigrid ein wenig spitz. “Hör’ einer Mutter Sigrid an!” lachte Hakon von Grimsdal. “Gelockt – ach nee; gezwungen Bäuerin, gezwungen. Als Bauer mit Schafen auf Bergweide spät im Herbst darf man nicht allzu zartfühlend sein, nicht allzu rücksichtsvoll gegen seine Nächsten. Und außerdem können wir ja unserem Benedikt morgen auf seinem Weg in die Berge ein wenig behilflich sein; er hat allerhand zu schleppen, und wir sind kräftige Kerle, was, ihr Burschen? Und übrigens müßte ich mich sehr täuschen, wenn wir beim Aufstieg nicht genug Rückenwind bekommen – und zwar tüchtig!” – “Kann schon sein”, sagte Benedikt ruhig. “Na, jedes Wetter ist besser mit als gegen. Oben in den Bergen.” – “Wenn ihr mit seid, du und Leo und Knorz” – er vermied zu sagen: “die Dreieinigkeit”, obwohl man spüren konnte, daß er es dachte -, “so haben wir jedenfalls die Hoffnung, die Berghütte zu finden und mit dem Leben davonzukommen”, scherzte Hakon. “Wie es dann auch mit den Schafen abläuft.” – “Ihr hättet sie schon vor mindestens einer Woche einbringen sollen”, sagte Benedikt ruhig, aber keineswegs vorwurfsvoll; er stellte nur fest. “Der Mensch denkt, Gott lenkt, lieber Bense”, murmelte Hakon. “Ach ja, der Mensch denkt, aber Gott lenkt.” Doch Benedikt hörte es nicht – er spitzte die Ohren: “Täusche ich mich?” Aber er täuschte sich nicht. Der Sturm fegte bereits über die gefrorenen Dächer. Ein peitschendes, heulendes Schneetreiben, als wäre eine Horde wilder Ungeheuer draußen in der Nacht losgelassen. In einer kleinen Hütte unterm Grasdach, mitten in der dunklen Nacht, hält man das Wetter nicht für ein totes Ding, wenn man es so rasen hört. Der Winter, ein formloses Wesen, aber springlebendig, lebendig bis zur rasenden Wut, ist wieder da, und man kann hören, wie wohl er sich fühlt. Jaja, Knorz hatte wie gewöhnlich Bescheid gewußt – nur allzu gut. Benedikt stand mit einem Ruck auf. Jetzt wollte er schlafen gehen. Die verirrten Schafe in den Bergen – jetzt schneiten sie sicherlich ein, schneiten ein unter der Winterdecke, ehe er sie gefunden und heimgebracht hatte. Denn man kann wohl nicht darauf rechnen, daß sie verständig genug sind, sich auf die Höhen zu flüchten, dorthin, wo der Sturm am schärfsten weht und wo doch die einzige Rettung liegt, wenn Himmel und Erde durcheinanderwirbeln und die Windsbraut rast. Man kann darauf nicht rechnen, und wenn sie auch die Höhen aufsuchten, sie erfroren wohl doch. Aber jetzt wollte er schlafen. Oder wenigstens allein sein. Jeder hat selbst genug. Und so schliefen sie in dem kleinen Wohnraum des letzten Gehöftes vor der Hochheide. Draußen raste der Sturm, raste und fegte, und rings in der Welt tobten viele Stürme, geschahen viele Dinge. Denn dies war nur ein vergessener Winkel der Welt, hier raste wenigstens nur der Himmel – so friedlich war es hier. Sonst fristeten hier nur Moos und Flechten auf den Steinen ihr mageres Dasein, ein lebendiges Werkzeug des Schöpfers, um in Jahrtausenden den Stein in Erde zu verwandeln, den Auswurf der Krater; um das Feuer der Erde zu Keimen und Trieb umzubilden, auf die sich um Mittsommer der Tau niederschlägt und der Reif in den Herbstnächten. Für einen Menschen ist es gut, hin und wieder zu schlafen. Aber wie Hakon von Grimsdal am nächsten Morgen sagte: “Endet der Sonntag mit Knall, kommt der Montag zu Fall.” Viel mehr war von diesem Montag eigentlich nicht zu sagen. In Botn begrüßten ihn nur die Kinder mit Jubel. Denn jetzt mußte Benedikt sich fügen und dableiben. Und Benedikt fand sich mit Anstand darein und teilte seinen Tag zwischen Knorz und den Kindern des Hauses. Wenn er nicht draußen war, um nach Knorz zu sehen, was bei solchem Wetter Vorbereitungen erforderte und Zeit kostete, dann saß er mitten unter den Kindern und schnitzte Tiere und Vögel, schnitzte Menschen, setzte Geräte aus Holzspänen zusammen und machte Schiffe mit Mast und Bugspriet und Steuer und einer Jolle am Heck, und das alles, während er zugleich Märchen und Geschichten erzählte. Hakon und seine Leute hielten sich an die Karten und hoben die sinkende Laune ab und zu durch einen Schnaps, beides erbaulich und stärkend für das Herz, wie Hakon behauptete. “Wie erbaulich und stärkend für das Herz.” Denn sein Herz war ja ein bißchen bekümmert wegen der Schafe am Gletscherfluß, aber nur ein bißchen, denn das Schicksal geht ja doch seinen Gang, und den Seinen gibt es der Herr im Schlaf, das war nun einmal seine Erfahrung. Zwischendurch las er die Zeitung und war davon sehr gefesselt. “Denn im Ausland, da erfriert, hol mich der Henker, nicht nur das Vieh, da erfrieren auch die Menschen. So verrückt geht’s da zu. Da hätte Bense verdammt zu tun! Und sie erfrieren nicht nur, sie sterben wie Fliegen, krepierten vor Hunger und Elend, und das sogar mitten im Sommer, mitten im Sonnenschein. Man möchte es für Schwindel halten, wenn es hier nicht auf schwarz auf weiß stünde. Da muß ich schon sagen, lieber unsere brave Stremba und unser Winkel. Und viele Hunderttausende, mehr als auf dem ganzen alten Island samt seinen Inseln und Schären wohnen, sind draußen in den großen Ländern arbeitslos, lungern herum und haben nichts zu tun. Warum das so schlimm sein soll, begreift man hier allerdings nicht recht, wo man es selber gern hätte – was, Burschen? Und kommt mir bloß nicht und behauptet, das wären alles nur Räubergeschichten und die Zeitung ihr Geld nicht wert. Besonders wenn man sie gratis kriegt. Aber damit ihr nicht in Faulheit und ausländische Arbeitslosigkeit verfallt – los, Burschen! Machen wir mal wieder eine Runde! Und du willst immer noch nicht mittun, Bense? Dann spielen wir zu dritt mit dem vierten Mann blind!” Zu dritt mit dem vierten blind – ach ja, das Spiel kannte Benedikt gerade seit siebenundzwanzig Jahren, nur nicht an einem Klapptisch und mit bunten Blättern in der Hand. Und so verging auch dieser Tag. Am Dienstagmorgen war Benedikt zeitig auf. Noch weht ein kräftiger, scharfer Wind, aber das Wetter hatte sich doch etwas aufgeklärt; ganz so bodenlos und dicht fiel der Schnee nicht mehr. Außerdem hatte man sich daran gewöhnt. Er stand draußen, im nächtlichen Dunkel, und wandte die noch bettwarmen Backen dem Schneetreiben zu, erst die eine, dann die andere. Neuer Schnee schien es nicht mehr zu sein, nur noch aufgewirbelter, der einem ja auch genug machen kann. Aber es war nicht unmöglich, daß er sich besinnen und im Lauf des Tages legen konnte. Und dann war es gut, auf dem Marsch in die Berge zu sein und Stück Weg hinter sich zu haben. Er ging also eilig wieder hinein und weckte die Leute von Grimsdal. Er ging jetzt – wenn sie mitwollten. “Ungern”, antwortete Hakon, fuhr aus dem Bett und horchte nach dem Wind, schnupperte ihn ein, kostete an ihm. “Ungern – verdammt ungern.” Aber Benedikt rüstete sich nur weiter. Es wäre seine, Hakons, Sache, ob er mitwolle oder nicht. “Übernimmst du die Verantwortung?” fragte der Bauer von Grimsdal. “Für Knorz, Leo und mich selber – ja”, erwiderte Benedikt. “Vorgetan und nachbedacht, hat manchem schon Leid gebracht”, sagte Hakon und machte sich unter diesem Fluchen fertig, um ihm zu folgen. “Aber wenn du auch die Verantwortung für uns nicht übernehmen willst, hast du wohl nichts dagegen, daß die Knechte den Heusack tragen. Ja, nun denn, Pjetur und Sigrid, schönen Dank für diesmal. Und hoffentlich kommen wir lebendig zurück. Sonst habt ihr nur noch Schererei mit uns. Vergeßt die Spielkarten nicht, Burschen!” Benedikt holte aus einem Sack eine kleine Decke hervor, die er Knorz auf den Rücken band, damit sich der Schnee nicht in seiner Wolle festsetzte und ihn unterwegs belastete. Der Bauer von Grimsdal fragte, ob Papst Leo nicht auch ein Meßgewand bekäme. Benedikt ließ ihn reden, band eine Schnur um Knorzens Horn und – “Also los!” Knorz hatte keine Lust und verhehlte sich dies keineswegs. Und Hakon verbarg ebenfalls keineswegs, daß er Knorz klüger fand als seinen Herrn. Aber hier gab eben Benedikt den Ton an. Und nun ging es los. Knorz war denn auch gefügig, als er einmal sah, daß es Ernst war und man sich nicht nach ihm richten wollte. Sobald er die Schnur um die Hörner fühlte, legte er los und lief wie ein Hund. Er gab sich Mühe, Benedikt zu zeigen, daß er nicht etwa aus Angst und Böswilligkeit gegen den Aufbruch gewesen war. Aber freundlich, nein, freundlich war er heute nicht. Leo mußte sich in acht nehmen. Wenn der Sturm ihn packte und ihn gegen Knorz oder ihn in den Weg trieb, bekam er die Hörner zu spüren. Doch Leo ließ sich weder reizen noch unterkriegen; er war ja hierin wie in allem anderen ein richtiger Papst, ließ sich nichts anfechten, biß nicht ein einziges Mal wieder, sondern war ganz davon erfüllt zu zeigen, daß er auch nicht von gestern war. Wenn die anderen sich im Schnee verirrten, würde er sie schon sicher heimführen. Die vier Männer, die dort marschierten, hatten den Sturm und den Treibschnee fast genau im Rücken. Glücklicherweise. Denn als sie die Höhe erreichten und die flache, wellige Hochebene begann, erleichterte der Rückenwind das Wandern. Der Schnee war vom Wind hart gepeitscht und trug sie meistens, nur Knorz mit seinen spitzen Hufen brach immer wieder durch. Die Männer hatten von Botn etwas heißen Kaffee in Flaschen mit; sie machten im Schutz des Felsblocks halt, um ihn zu trinken. Das Dunkel war allmählich aus der Welt verebbt, während sie sich zur Höhe hinaufarbeiteten. Jetzt war es nur noch das dichte Schneetreiben, was die Formen der Landschaft verhüllte und das Gefühl erweckte, als gingen sie an der gleichen Stelle. Aber sie wanderten unverdrossen. Denn wenn man Fuß zu Fuß setzt und die Richtung einhält, geht es voran. Hier und da erkannten sie einen Sandhügel, einen Felsen, eine Kluft wieder. Sie waren auf dem rechten Weg. Und allmählich ließ der Sturm nach, sie begannen die Linien der nächsten Höhenzüge, der nächsten Berge zu ahnen, wenn auch nur undeutlich; denn der treibende Schnee unter den tief hängenden wolligen Wolken vermischte alle klaren Umrisse. Aber die Erde fing doch an, wieder Formen zu gewinnen und in gewohnter Gestalt hervorzutreten.

Da gingen nun die Männer mit ihren Hunden und dem Widder durch den kurzen Tag, gingen unaufhaltsam, und während sie wanderten, war eine Nacht im Westen versunken. Bald würde eine neue aus Osten auftauchen. Der Tag war so kurz, daß sie ihn zwischen den Bergen verwanderten, fast ohne es zu merken. Er war fort; eine neue Nacht schlug über ihnen zusammen – sie gingen und gingen. Geredet wurde fast gar nichts, der Wind war ja immer noch steif. Aber während sie ausschritten, summten sie vor sich hin; sie hätten als ein Stück ihrer Wegzehrung Verse und Strophen aus Rimur, Chorälen und Liedern mit, nach denen sie marschierten. Sie wechselte damit ab, je nach Laune, die Umstände oder das Wetter wechselten. Benedikt hatte sein Lied für sich:

Schnee und Sturm und Felsgestein
stählt den Fuß und übt das Bein.
Immer hinterm Ofen sein
macht das Leben arm und klein.

Eine selbstgemachte Strophe, gut zu summen, wenn der Wind weht und einem die Worte von den Lippen reißt: Laß sie unter uns beiden bleiben. Nein, es bestand keine Gefahr, daß jemand sie ihm ablauschen könnte. Die spärlichen Versuche, sich zu verständigen, hätten sie sich getrost sparen können; selbst wenn sie schrien, riß der Wind die Worte in Fetzen und fegte sie über die Flächen. Da flogen sie hin, von den scharfen Geschossen des Treibschnees durchlöchert. Hakon, der die Kälte zu spüren begann, bot Schnaps an, nahm selber einen Schluck und versuchte die Wirkung durch die alte Gespensterweise zu erhöhen:

Ein Faß voll Schnaps gieß in des Grabs
Moder und Gesteine,
denn eines scharfen Schlucks bedarf
zuckt mir durchs Gebeine.

Und jetzt war es, wie gesagt, wieder Nacht, Nacht mit selten durchbrechendem Mond hinter zerrissenen Wolken. Die Wanderer sind nur Schatten in der Nacht und der Schneewüste. Ob Benedikt noch weiß, wo sie sind? Die drei verließen sich darauf, daß er es wohl noch wüßte; in ihrem Innern stieg ein großes Zutrauen zu Benedikt, Knorz und Leo auf, zu der “Dreieinigkeit”, wie sie die drei unter sich zu nennen pflegten. Aber was hatten sie auch sonst viel, dessen sie sich abtrösten konnten? O je – nur nicht fragen, nur immer gehen.

Eile mit Weile, eil bedacht,
ohne Hetz heißt’s gut gemacht.
Nach dem Tag folgt stets die Nacht;
nutzlos Pulver blitzt und kracht.

Und sie eilten mit Weile, bewegten sich bedachtsam; nach achtzehn Stunden Wanderung gibt sich das von selbst. Sie schalten auf das Pulver mit seinem nutzlosen Blitz und Krach, obwohl sie nichts gegen eine Kanone gehabt hätten, um des letzten Stück Weges vorwärts schießen zu lassen, wenn man auch dabei mancherlei Gefahr auf sich nehmen müßte. Aber endlich kamen sie doch ans Ziel. Aus Nacht und Schnee tauchte plötzlich eine winzige Erhöhung auf, ein kleiner Holzgiebel hob sich merkwürdig blind und tot und verlassen aus den Schneewehen heraus, wie versunken in seiner Schwermut und Trostlosigkeit. Der Rest des Hauses mußte wohl irgendwo unter dem Schnee zu finden sein. Sie waren wahrhaftig auf die Berghütte gestoßen, genau auf ein Haar. Dieser Benedikt war doch ein Zauberer und Meister von Kopf bis Fuß. Sehr viele menschliche Fehler waren jedenfalls an ihm nicht zu entdecken, aber als Ersatz dafür allerdings zwei ganz unmenschliche: er spielte nicht und trank keinen Schnaps. Aber wo war denn jetzt die Tür? Denn eine Tür mußte her. Benedikt nahm seinen Stock, der unten in einer Schippe auslief; rasch hatte er die Tür freigeschaufelt, der feste Schnee ließ sich leicht in feste Würfel ausstechen, die dann beiseite gekippt wurden. Und so hatten sie denn ein Haus mit Stufen zur Tür hinunter und einen kleinen Gang. Sie traten ein, steckten die Kerze an, und bald darauf knisterte ein warmes Kohlenfeuer in dem winzigen Herd. Benedikt sorgte zuallererst für Knorz. Er ging zur Quelle nach Wasser, denn die Hütte war an einer Wasserader gebaut, die abermals zufror. Während Knorz trank, nahm er einen Heuwisch aus dem Sack, schüttelte ihn gut durch, säuberte, so gut es gehen wollte, Knorz Hufe von Schnee und Eisklumpen und schmierte sie und die Hachsen mit Fett ein – braver alter Knorz. Die Hütte war in zwei Räume abgeteilt. Zuerst kann man je in einen Stall und von dort in ein Stübchen mit einer Bettstatt, beinahe ein richtiges kleines Schlößchen. Als Benedikt seinen Widder versorgt hatte, ging er zu den andern hinein. Jetzt, wo die Einsamkeit gleichsam draußen vor der Tür stand, verspürte er es im Innern, wie gut es doch tat, mit Menschen zusammen zu sein, selbst wenn sie manchmal etwas geschwätzig sind. Es duftete schon nach Kaffee. Benedikt suchte sich einen freien Platz am Herd und hängte sein nasses Zeug zum Trocknen auf und machte sich daran, Eisklumpen aus Haar und Bart zu klauben. “Da wären wir soweit.” – “Ja, du bist ein Kleinod, Bense”, sagte Hakon großartig, “und unser Lebensretter. Du sollst eine Medaille bekommen, mit der du in die Kirche gehen könntest, und eine Summe Geld aus dem Ausland. Du hast uns das Leben gerettet, wie gesagt, aber was ist ein Mann ohne seine Schafe – ein Bettler, mein Lieber, weiter nichts. Ein solcher Mann kann mit seinem Wort keine Medaille und kein Geld herbeizaubern, darauf kannst du dich verlassen. Und meine Schafe – Gott weiß, wo die sich herumtreiben. Wahrscheinlich hat es sie allesamt in den Fluß geweht. Oder sie sind eingeschneit und unterm Schnee erstickt. Und da sitzt unsereiner und tut sich gütlich. Aber hol’s der Teufel, machen wir uns über den Kaffee her, solange noch welcher da ist. Man weiß nie, wie der nächste Tag aussieht. Und andererseits passiert selten etwas so Schlimmes, daß man nicht noch Schlimmeres denken könnte.” Sie füllten ihre Becher und setzten sich – der Bauer und Benedikt auf die Bettkante, die Knechte auf den Fußboden. Und jetzt holte Benedikt auch seinen Proviant heraus, sie aßen Brot, Butter und Fleisch und spülten es mit glühendheißem Kaffee hinunter. Das tat ihnen so gut bis in die Zehen- und Fingerspitzen hinein, so daß sie sich zu einem kleinen Berglied aufschwangen: “Reiten, reiten und jagen überm Sand!…” Ach ja, hätte man einen Gaul zwischen den Schenkeln gehabt, so wäre man jetzt nicht so steif. Allerdings säße man dann wohl auch draußen bis an den Hals im Schnee. Doch nun brauchten sie Schlaf und keinen Gesang. Schon beim zweiten Vers gähnten sie. Und dann legten sie sich hin und schliefen. Da lagen sie wie hingeworfen, vier schlafende Männer in einer Gebirgshütte im Schnee begraben. Vier todmüde Männer, deren Atemzüge jeden Augenblick in Schnarchen übergingen, abschwollen und mit wechselnder Stärke neu einsetzten, wie das Unwetter, dem sie soeben entronnen waren. Auch die Hunde schnarchten, ja selbst der Widder Knorz gab Schlaflaute von sich. Und indessen wanderten hoch überm Dach und hinter Schneewolken die Himmelszeichen vorüber, maßen den Tag und Nacht aus, auch für dieses Stückchen Erde und in der kleinen Hütte bleiern schlafende Geschöpfe, beendeten die Nacht auf die Minute und ließen einen neuen Tag aufgehen. Jetzt war er da. Und sie wurden wach, irgend etwas rief sie; steif und lahm dehnten und streckten sie neues Leben in den müden Leib. Sie meinten, soeben erst eingeschlafen zu sein; aber es wurde ja schon hell in der Hütte – also los den Kessel übers Feuer! Wie zu erwarten, waren die Grimsdaler Schafe nicht so leicht zu finden und zusammenzutreiben. Der Sturm hatte sie zu Teil von den Wiesen am Ufer des Gletscherbaches abgedrängt. Vor allem galt es erst einmal, sie zu finden, und als man sie endlich hatte – ja, da war der Schnee überall schwer zu durchwaten, und die Tage waren kurz. So kurz sind sie zur Zeit der Wintersonnenwende. Hätte man Knorz nicht gehabt und zu den einzelnen Gruppen mitnehmen können, um sie zur Berghütte zu leiten – Knorz, der draufgeht, bis er im Schnee festsitzt und ausgegraben werden muß, und der die andern ununterbrochen ansteckt mit seiner Kraft und seinem Mut – ja, wie wäre es dann gegangen, was hätten sie machen sollen? Hakon gibt es gern zu und ist nicht sparsam mit seinem Lob über Knorz. Auch Leo kommt mit seinem Ruhm über Knorz nicht zu kurz – er ist so tüchtig im Verfolgen selbst älterer Spuren und im Aufstöbern von Verstecken der Schafe. Ja, er wittert sogar, wo sie liegen, eingeschneit in Gruben und Senken. Ob Benedikt sich nicht entschließen könne, ihn zu verkaufen? Aber Benedikt kann sich nicht entschließen. Nein, nein. Einen Papst schleppt man nicht so mir nichts, dir nichts auf den Markt. Und abends saß man gemütlich in der Hütte und entbehrte Benedikt nur ungern bei dem gemeinsamen Vergnügen. Immer noch kein Spielchen? Gut, dann also zu dreien mit dem vierten Mann blind.

Ein Tag zwei Tage, drei Tage gingen hin. Der Sturm hatte sich gelegt. Das Wetter war still und verhältnismäßig mild – solange es dauerte. Und endlich am Freitag, kurz nach Mittag, konnte der Bauer von Grimsdal mit seinen Schafen heimziehen, nordwärts zu den Höfen. Sie waren gefunden und gesammelt bis zum Letzten. Benedikt brachte sie noch auf den Weg über die Heidekämme, die sich sanft zum Flußtal hinabzogen, bekamen seinen Dank, einen dreifacher Händedruck und einiges Kopfnicken und ein paar Abschiedsrufe. Dann stand er eine Weile und sah den Abziehenden nach, schlenderte zur Hütte zurück, schloß die Tür, versorgte den erschöpften Knorz mit Wasser und Futter, streichelte Leo, streckte sich in dem leeren Bett der Länge lang auf den Rücken aus und ließ die eine Hand auf Leo, den Freund und Kameraden, hinaushängen. Jetzt wollte er ausruhen. Nichts als ausruhen. Sich sammeln, wieder ganz werden – auch innerlich. Advent…Wie lange der letzte Sonntag schon vorbei war! Der Mensch hat viele Arten sein Leben zu leben. Manche reden, andere schweigen. Manche müssen mitten unter ihren Mitmenschen sein, um sich selbst wohl zu fühlen, andere werden erst richtig sie selbst, wenn sie ganz allein sind, jedenfalls hin und wieder. Benedikt war sonst nicht menschenscheu. Aber auf seinen Adventswanderungen war er gewohnt, ohne menschliche Begleitung zu sein. Dieser Dorftratsch tagaus, tagein ermüdete ihn unsäglich in den Bergen. Der gehörte nicht hierher. Ganz so schlimm wie diesmal war es freilich in früheren Tagen mit seiner Empfindlichkeit nicht gewesen. Ja, man wurde alt. Wohin war der Friede und die tiefe Ruhe vom letzten Sonntag? Wohin die Erwartung? Wohin die Zuversicht? Waren es wirklich erst fünf Nächte her? Dann wäre er ja bald wieder zu Hause gewesen, wenn alles nach seinem Plan gegangen wäre. Und statt dessen lag er hier, verschlissen wie seine alten Kleider. Auch innerlich zerrissen. Ach ja, die Zeit geht, man ist nicht mehr jung. Hatte er geschlafen und geträumt? Oder klopfte es wirklich? Er mußte wohl geschlafen haben, denn Leo stand an der Tür und bellte wie verrückt. Aber er hatte nicht geträumt, denn jetzt klopfte es wieder, drei gezählte Schläge. Benedikt sprang auf die Füße und schloß auf. Es war ein junger Mann, daheim aus der Nachbarschaft, Jon auf Fjall. “Hast du unsere Füllen gesehen?” Benedikt hatte wohl Hufspuren bemerkt, besonders unten am Fluß und auch anderwärts. Aber die Pferde selbst hatte er nicht gesehen; jedenfalls waren sie nicht hier in unmittelbarer Nähe. Er hatte sich allerdings nicht weiter darum gekümmert; es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß jemand seine Fohlen um diese Zeit noch draußen haben könnte. “Hält dich dein Bauer für alt und erfahren genug, um zu dieser Jahreszeit hier oben allein zurechtzukommen, mein Junge?” Jon auf Fjall meinte, er brächte schon fertig, was andere fertigbrächten. Das mag schon stimmen, dachte Benedikt, aber ein junger Mann und noch unerfahren, das ist er doch. Und da sie einmal beisammen waren, so hatte er damit sozusagen die Verantwortung für ihn übernommen. Wenn Benedikt morgen seine Wege ging, ohne sich um Jon und seine Fohlen zu kümmern, und dann nach paar Tagen heimkam und Jon war nicht zurück, sondern im Gebirge verkommen – was dann? Und außerdem war Knorz ein Ruhetag schon zu gönnen. “Wir wollen morgen sehen”, sagte er und hatte schon den Kaffee für den jungen Menschen fertig. “Meinst du wirklich, du hättest Zeit, daß wir uns zusammen etwas umsehen können?” frage Jon unfähig zu Hintergedanken und Heimlichtuerei. “Was heißt Zeit”, antwortete Benedikt, und es tat ihm einerseits wohl, aber doch auch wieder ein bißchen weh, daß der Bursche mit seiner Hilfe offenbar nicht gerechnet hatte. Der Samstag verging mit der Suche nach dem Fohlen. Aber dann hatten sie es auch. Sonntag morgen konnte sich der junge Mann auf den Heimweg machen, mit Grüßen an die daheim. “Und wenn ich auch noch nicht weitergekommen bin, es muß doch jeder einsehen, daß die Woche nicht verloren war”, sagte Benedikt, denn ein paar Worte der Entschuldigung schienen ihm nötig. Und jetzt hieß es den Tag ausnutzen und sich in die Berge aufmachen, noch tiefer hinein, dorthin, wo es keine Wege und Stege von Tal zu Tal mehr gab. Aber er fühlte sich etwas matt in den Gliedern, zu großen Taten nicht gerade aufgelegt. Es war eine stramme Woche gewesen, das ließ sich nicht leugnen. Und doch nur ein Kinderspiel, gegen das, was noch kommen sollte. Ganz merkwürdig war ihm der Gedanke, daß er in anderen Jahren an diesem Tage schon wieder zurück gewesen war, daheim, daß er alles so überstanden hatte und mit einem Herzen voll Festtagsstimmung in der kleinen Kirche saß und des Pfarrers Predigt über das Scherflein der Witwe hörte oder über die Zeichen von Sonne und Mond – denn “es werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen und auf Erden wird den Leuten bange sein, und werden zagen. Und das Meer und die Wasserwogen werden brausen.” So stand es geschrieben. Auch er hatte sich einmal vorm Tod geängstigt, ja, und auch vorm Leben, wenn man es genau nahm. Geängstigt – aber es ist lange her. Auch diese Angst liegt in den Bergen vergraben. Jetzt ist es meist so still in ihm und um ihn. Still wie in den Bergen. Gedankenvoll saß er da und packte seinen Rucksack. Er mußte die Müdigkeit und Schwere abzuschütteln suchen und den Tag ausnutzen um hinaufzukommen – ein Stück Weges. Mitten im Packen stand er auf, ging hinaus und sah nach dem Wetter. Was war jetzt das wieder, da drüben auf der anderen Seite des Flusses? Pferde und Leute wahrhaftig! Das mußte die Post sein, die übersetzen wollte. Aber warum denn? Hier war ja niemand mit Pferden zur Ablösung. Eilig ging Benedikt wieder hinein und setzte Kaffeewasser auf. Aber der Postmann wollte sich nicht aufhalten lassen; er hatte einen Schlitten und einen Gehilfen zum Ziehen. “Der Tag ist kurz, mein Lieber, und meine Ablösung verspätet. Sie sitzen wohl irgendwo fest. Wir müssen schleunigst weiter und sie suchen.” Drüben, jenseits des Flusses, war ein Begleiter, der bis hierher mitgekommen war, schon wieder auf dem Rückweg nach Süden. Grimur von Jökli, der Fährmann stand neben Benedikt und sah ihm zu, wie sich diese weitreisenden und seltsam unsteten Leute nach Norden und Süden entfernten. Grimur hatte nichts gegen einen Schluck Kaffee einzuwenden, da er nun mal gekocht war. Gottes Gaben soll man nicht verschmähen. “Du scheinst dich für den Rest deiner Tage hier festgesetzt zu haben und hier Haus und Schenke zu halten”, scherzte er. Man hat hier schon seit bald einer Woche Rauch gesehen.” Er warf einen Sack Kohlen neben den Herd. “Ich dachte mir. Du wärst bald fertig mit deinem Vorrat, deshalb habe ich den auch mitgebracht. Schließlich bin ich es ja, der das Feuerloch füttern muß. Aber was treibst du denn hier? Benedikt erzählte, daß er eigentlich auf seiner üblichen Jahresschlußtour sei und es dann so und so gegangen wäre, “und inzwischen kommen und gehen die Tage – man bringt an einem nicht viel zuwege, besonders in dieser Jahreszeit.” – “Schlau von Hakon”, meinte Grimur. “Und von dem auf Fjall.” – “Nun ja, aber Schafe sind Schafe, und Pferde sind Pferde”, wandte Benedikt ein, und das war ja nicht zu bestreiten. “Man muß das eine tun und das andere lassen. Was hat es für einen Sinn, wenn ich ein paar vereinzelte Viecher finde und ganze Herden gehen zugrunde? Hakon hat seine ja schließlich wieder, aber wären Leo und ich nicht beim Suchen dabei gewesen – vor allem natürlich Leo…Nein Grimur. Und außerdem hättest du es genauso gemacht.” – “Das hätte ich nicht, Sakrament noch mal!” – “Doch, doch. Und es hat das Gute, daß ich jetzt die Stremba dort nicht mehr abzusuchen brauche, wo wir schon waren.” – “Natürlich hast du dabei von deinen eigenen Vorräten leben müssen – ich möchte wetten?” sagte Grimur, der in manchem ganz anderer Meinung war als Benedikt. “Nun ja, ich nehme ja Proviant für einen halben Monat mit, gut und gern, und das wußte Hakon. Sie haben auch Knorzes Futtersack für mich getragen, den ganzen Weg von Botn bis hierher.” Aber Grimur schüttelte den Kopf, schlürfte verbissen den Kaffee aus der Untertasse und lutschte mächtig an seinem Stück Kandiszucker. “Schön abgerackert siehst du aus, um es geradeheraus zu sagen. Und was ist das überhaupt für eine Behandlung von Knorz. Manch einer ist wegen geringfügigeren Sachen beim Tierschutz angezeigt worden, daß du es nur weißt. Knorz läuft doch, bis er zusammenbricht, wie gewisse Leute auch, und das weißt du ganz genau. Und hast du nicht Verantwortung für ihn? Jetzt binden wir den Heusack hier an einen Pfosten, so – Knorz ist verständig wie ein Mensch, er wird schon haushalten. Und dann sorgen wir für Wasser und Streu, so, siehst du – jetzt können ihm ein paar Tage Einsamkeit nicht schaden. Denn du bist dir doch klar, daß du nicht drum herumkommst, jetzt mit mir nach Hause zu gehen und ein paar Nächte richtig auszuschlafen? Zu Haus kannst selbst einen Sack für Korn füllen und mit hierhernehmen. Und brauchst nicht von deinen eigenen Vorräten leben. Keine Widerrede! Hier ist jetzt genug geflucht worden, wenn man bedenkt, daß wir erst in der siebenten Winterwoche Maria Empfängnis haben.” Über einen Gletscherstrom setzen – wo man das Boot erst ein gut Stück flußaufwärts ziehen muß und während der Überfahrt um die mehrfache Flußbreite stromabwärts treibt -, das ist, als käme man in ein anderes Land, fast in ein anderes Leben. Innerlich geht ein Riß durch einen – wie wird man weiterkommen? Aber Benedikt war zu müde. Schon auf dem Weg zum Gehöft hinauf, das vor dem schlimmsten Nordwind geschützt zwischen Hügeln lag, schwankte er vor Mattigkeit und wäre fast eingeschlafen, wie er ging und stand. Auf dem Hofplatz wandte er sich um und blickte zurück. Aber die Berghütte mit allem, was sie enthielt, war fort, war hinter den Hügeln verschwunden. Nur die Berge im Norden standen noch an ihrem Platz, aber jetzt irgendwie unerreichbar fern. So unerreichbar, daß es ins Herz schnitt. Denn dort war doch der Platz, an den er jetzt gehörte. Er konnte sich kaum noch ausziehen, dann sank er um und schlief ein. Und jetzt war er oben in den Bergen, fand Schafe und quälte sich mit ihnen ab, arbeitete und arbeitete. Einen Augenblick war Leo und Knorz bei ihm, im nächsten waren sie wieder fort und er mit einer Schafherde ganz allein. Ein Teil von ihnen war faul, ein anderer widerspenstig, und das Unwetter brodelte um ihn, und der Weg war so beschwerlich wie möglich, der Schnee locker und grundlos. Und in seiner Nähe ging ein Mann, unsichtbar – nicht nur wegen des Wetters -, der ihm zugleich freundlich und feindlich gesinnt war. Was wollte der nur von ihm? Und hinter dem Traum wußte er, daß die Zeit verging, daß sie nicht stillestand, sich von keinem Flusse aufhalten ließ und niemals müde wurde, daß sie weiterlief, rätselhaft wie ein Gletscherstrom. Über einen Schlafenden schreitet sie fort wie über einen Toten. Benedikt lag mit einem Schlage wach in einer mondhellen Wohnstube. Also Nacht. Er fühlte sich ausgeruht. Und plötzlich ließ es ihm gar keine Ruhe mehr. Er schwang sich aus dem Bett und weckte den jungen Knecht im Bett gegenüber, indem er ihn sacht an den Schultern rüttelte. Dann saßen sie beieinander, zogen sich so leise wie möglich beim Mondlicht an und schlichen auf Strümpfen die Treppe hinunter, niemand anderes durfte wach werden. Der Knecht wollte Kaffee machen, aber Benedikt bat ihn, es zu lassen. Warte, bis du wieder zurück bist. Du kannst in einer Stunde wieder hier sein. Dann kochst du dir welchen. Komm jetzt.” Sie flüsterten miteinander wie ein paar Verschworene, obwohl sie bereits aus dem Hause heraus waren. Benedikt trieb zur Eile. Er hatte keine Ruhe mehr. “Sieh, wie eilig der Mond es hat. Und heute nacht habe ich Lust, ein Stück mit ihm um die Wette zu laufen. Ehe es Tag wird, kann ich den halben Weg zu der anderen Berghütte hinter mich bringen und noch vor Abend am Ziel sein.” – “Was für eine Berghütte?” fragte der junge Bursche, der erst halbwach war. “Na, mein Loch da drinnen”, antwortete Benedikt. Der Heusack stand in der Vorratskammer bereit. Der junge Mann band ihn sich auf den Rücken. Wären die Hausleute wach gewesen, dann hätte Benedikt sicher seinen Proviant ergänzt bekommen. Aber das mußte nun gehen, wie es ging. Bei solchem Mondschein konnte man gleichsam von der Luft leben; er würde schon auskommen. “Schnee und Sturm im Felsgestein….”

Sie schnallten die Skier an und glitten im Mondschein über das eisgraue Land, das sich rings im Kreis dehnte bis zu den Bergen hinüber. Einem unbekannten Ziele zu, das der Mittelpunkt war, der flieht und doch zugleich bleibt und endgültiges Ziel ist. Bald senkten sich die Höhen zum Fluß hinab. Es ging rasch, Leo sauste wie ein Pfeil neben ihnen her und bellte vor Vergnügen. Und dann waren sie über dem Fluß. Benedikt half das Boot am Ufer flußaufwärts ziehen, nahm den Heusack auf den Nacken, gab dem Boot einen Stoß: “Schönen Dank und komm gut über – und grüß daheim!” Und dann trieb das Boot den Fluß hinab im Dämmerlicht und Mondglitzern, doch schräg genug, um das jenseitige Ufer an der richtigen Seite zu treffen. Benedikt war wieder allein in seinem Lande. Er ging hinauf und begrüßte Knorz. Und hier draußen in Nacht und Einsamkeit und Mondlicht kam ihm wieder eine Ahnung von Feiertag, Advent, ein Nachhall von Tönen in der Luft, von Glockenklang, von Erinnerung an Sonne und Heuduft, von Hoffnung auf ein Sommerland. Oder nicht. Am Ende war es nur eine besondere Art von innerer Stille. Knorz begrüßte die beiden anderen mit einem zufriedenen Blöken, stand auf, schüttelte sich und war fertig. Er drängte sich dicht an Benedikt, als dieser ihn richtig begrüßte und sich überzeugte, wie es ihm ergangen war. Ja, er ließ sich sogar herab, Leos Schnüffeln zu erwidern, als er ihm die Schnauze entgegenstreckte, und Leo wedelte geschmeichelt und wonnevoll mit dem Schwanz. Doch er konnte natürlich wider nicht maßhalten, küßte den Kameraden, ja, setzte ihm die Vorderpforten auf den Rücken – und bekam dann eins mit dem Horn ausgewischt -, in aller Freundschaft natürlich, aber doch zur Warnung. Es ging ihm aber nicht weiter nahe. Benedikt war mit seinem Knorz und dessen Verhalten durchaus zufrieden. Er hatte den Heusack verständig und mit Maß genutzt. Jetzt bekam er seine Morgenportion, ordentlich aufgeschüttet, in eine gesäuberte Krippe. Dann wurde sein Wassereimer gespült und mit frischem Wasser an der Quelle gefüllt. Und dann gab es ein einträchtiges Frühstück für sie alle drei in der Hütte. Denn jetzt schlug die Stunde. Benedikt nahm den Rucksack auf den Rücken, schnallte in aller Ruhe seine Skier an, stellte den Heusack vor die Tür und schlang eine Leine um Knorzens Hörner, löschte das Kaffeefeuer im Herd mit Wasser aus dem Eimer, sah sich in der Hütte um, ob alles ordentlich an seinem Platz war, ging mit seinen Genossen hinaus und schloß die Tür. Dann warf er den Heusack über die Schulter, ordentlich schwer war er jetzt zu Anfang, und schlug im Mondschein den Weg in die Berge ein, den Widder an der Leine und den Hund auf den Fersen. Es war tüchtig kalt. Da es aber so windstill war, legte sich die Kälte nur wie ein kühler Hauch auf die Haut und durchschnitt sie nicht. Sie nahmen es mit Ruhe, die drei: Eile mit Weile, eil bedacht; ohne Hetz ist’s gut gemacht. Es wanderte sich gut im Mondenschein und zwischen den Bergen. Benedikt blickte zum Himmel hinauf. Das Sternenrad dort oben hatte eine Vierteldrehung gemacht, seit er den Kopf aus der Haustür auf Jökli gesteckt hatte. Solchen Schwung hat die Zeit, ob man ihr nun folgt oder nicht. Doch schön ist’s, mit den Sternen zu wandern und gleich ihnen in Bewegung zu sein. Es ging sich gut hier. Die verschneiten Berge wirkten im Mondlicht so niedrig und fern, und hier und da spiegelten sich Streifen von Sternenlicht in schwarzblankem, nächtlichen Eis. Eine Wanderung war wie ein Gedicht mit Reimen und herrlichen Worten; sie wurde im Blut ein Gedicht. Und wie ein Gedicht lernte man sie gleichsam auswendig – und dann trieb es einen immer wieder hierher, um zu sehen, ob alles unverändert war. Und das war es: fremd und unerreichbar – und zugleich vertraut und unentbehrlich. Endlich kam Ruhe über Benedikt. Eine Sicherheit, tief aus dem Herzen quellend, weitete sich allumfassend, unfehlbar: hier ging er. Ja, er ging hier. Ihm war wie einem Mann zumute, der am Ertrinken war und plötzlich den Kopf aus dem Wasser steckt und gerettet ist. Die Luft strömte ihm entgegen wie ein Quellwasser; er trank in sich. Dies war ein Leben geworden – hier zu wandern. Und weil nun dies sein Leben geworden war, ist er jetzt für alles gerüstet, für alles, und kann es willkommen heißen. Es heißt keine Sorgen – doch, eine: Er kann sich nicht denken, wer nach ihm wandern wird. Doch irgend jemand wird wohl kommen. Doch es konnte nicht die Absicht des Schöpfers sein, die armen Tiere, die sich verirrten und bei der Schafeinsammlung im Herbst nicht gefunden wurden, ihrem Schicksal zu überlassen, wenn er, Benedikt, einmal nicht mehr war? Das konnte doch wohl seine Absicht nicht sein. Denn wenn auch Schafe nur Schafe sind, so sind sie doch Wesen mit Blut und Leben und Seele. Knorz – war der etwa ein seelenloses Ding? Oder Leo? Oder Faxe?
War ihre Unschuld, ihr Vertrauen geringer als der schwächlichste Glaube der Menschen? Benedikt schüttelte den Kopf. Wer auch sein Nachfolger sein würde, er konnte ihm nichts Besseres wünschen als solche Genossen. Mit solchen Begleitern war man nicht allein in der Welt. Mancher hat anderes und mehr – vermutlich. Aber wer hat Besseres? Man müßte sehr undankbar sein, um zu finden, daß man ein anderes und reicheres im Leben hätte haben können. Undankbar und dumm. Als ob es auf Erden bessere Geschöpfe geben könne, als seine drei Freunde. Es ist etwas Heiliges und Unverletzliches in dem Verhältnis von Mensch und Tier. Eines schönen Tages stand man da und mußte sich entscheiden: eine Kugel für den einen, ein Messer für den anderen. Das war der Preis. Darin lag die Verantwortung. Man mußte sich zum Herren nicht nur über ihr Leben machen, sondern auch über ihren Tod. Nach bestem Wissen und Gewissen. So war das Leben. Es tat weh. Nur wer es erlebt hat, kann ahnen, wie weh das tut. Gewissermaßen waren alle Tiere Opfertiere. Aber – war nicht alles Leben Opfer? Wenn es in rechter Weise gelebt wurde? War dies das Rätsel, daß die Kraft des Wachstums eine innere Kraft ist, eine eigentliche Selbstverleugnung, und daß alles Leben, das nicht im inneren Kern Opfer ist, und der Tod sein Sold? Aber laß ab. Es war ja doch unfaßlich. Das Sichere war, daß diese drei hier in der Nacht und Mondschein zwischen stillen Bergen wanderten – einem Ziele zu.

Teil 3:

Ein Ziel hatten und es kannten. Kein hohes Ziel, aber doch ein Ziel. Die Sterne verblaßten in den Morgen hinein. Auch die Umrisse der Berge wurden matt, verschwammen in dem unsicheren Tagesgrauen. Und dann war es Tag. Etwas Befreiendes und zugleich Unerbittliches ist immer über Tage, zumal bei seiner Geburt. Und mit dem Tage erwachen die Winde. Vorläufig waren nur ein paar kaum merkliche Züge aus verschiedenen Richtungen, die wie im Halbschlaf ein Fünkchen Lebenssinn in den Schnee hineinbliesen, der locker obenauf lag. Aber bald genug ließ sich das Volk der Winde klar zu sein, wohinaus sie heute wollten. Sie begannen bergauf, bergab Schlitten zu fahren und die Schneewehen zu verlagern. Dann verschwanden die letzten Umrisse, und es war nicht mehr leicht, überhaupt noch etwas zu unterscheiden, kaum nur der Übergang von schneegrauem Land zu schneegrauem Himmel. Denn die lauernden Wolken am Horizont waren unversehens heraufgezogen, so daß man schließlich nur noch gerade über sich die letzten matten Reste des nächtlichen Blaus entdecken konnte. Und doch kam es wie eine Überrumpelung, wie etwas beinahe Unfaßliches, als ein neuer, sichtlich gut ausgeruhter Schneesturm plötzlich um Benedikt und seine Kameraden brandete. Und obwohl sie zähe weiterwanderten, fast, als hätte sich nichts geändert, gingen sie so gründlich darin unter, daß sie kaum noch etwas von sich selber und voneinander wußten. Aber sie hielten zusammen. Sie wappneten sich gegen diesen Irrsinn im sausenden Sturm und peitschenden Schnee. Denn der Schnee fiel so dicht, daß man kaum begriff, wie der Sturm damit fertig wurde, wie er das Flockengewimmel durchbrechen und mit ihm spielen konnte und nicht längst darin erstickt war. Ein Mensch jedenfalls konnte darin kaum atmen. Benedikt schnappte Luft, wenn es sich machen ließ, hielt die kleine Leine fest, deren anderes Ende irgendwo in dem wirbelnden Schneedunkel draußen um Knorzens Hörner geschlungen war, und strebte vorwärts. Leo mußte selbst sehen, wie er fertig wurde, und tat es auch. Und so gingen sie, die drei, Fuß um Fuß, und schwankten vor den wilden Stößen des Sturmes hin und her. Nun ja, man tappte durch das Schneegestöber, etwas anderes blieb einem nicht übrig. Unterdessen ging der Tag hin, von dem man nichts sah, und den man in dem Schneegewirbel nur als kaum merkliche Helligkeit ahnte. Benedikt steuerte auf seine “Hütte” los, wie er es nannte. Eigentlich war es nur ein Loch in der Erde mit einer Falltür darüber, ein Kessel, eine Art Grab. Er hat sich dieses Loch schon vor siebenundzwanzig Jahren gegraben, ungefähr in der Mitte seines Gebietes, das er abzusuchen pflegte. Er hatte sich eine Erhöhung dafür ausgesucht. Sie lag einerseits nicht so hoch, daß für die steinbeschwerte Tür Gefahr bestand, vom Wind fortgerissen zu werden, andererseits nicht so tief, daß von oben Wasser hineinlaufen konnte. Benedikt war überzeugt, die Richtung ungefähr eingehalten zu haben und auf dem besten Wege zu seinem Loch zu sein. Jetzt hoffte er nur, der Sturm werde sich gegen Abend legen, da er bei Tagesgrauen eingesetzt hatte. Und daß es gegen Abend in der Luft etwas sichtiger werden möchte. Doch der Sturm wollte sich nicht legen. Er kümmerte sich überhaupt nicht um Benedikts Wünsche und Gefühle. Es war ganz unbegreiflich, wie er Atem genug haben konnte, um den ganzen Tag lang ein solches Gebrüll zu vollführen, noch dazu so früh im Winter. Doch er hatte ihn. Das spärliche Licht, das die Schneewirbel zwischen sich zermahlte, wurde feiner und feiner, wurde zum Nichts ausgemahlen, zu Finsternis mit einer ganz schwachen Ahnung von Mond dahinter, zu Schneedunkel, wirbelndem Dunkel. Und die Raserei blieb die gleiche, ein Brausen und Stöhnen wie von Riesen, die miteinander ringen, ein Kampf unsichtbarer Mächte, ins Unendliche, eine besessene, brüllende Nacht. Ein Mensch, der in einer solchen Nacht draußen ist, meilenweit von begangenen Wegen und seinen Mitgeschöpfen, in einem öden Land, eine menschenfressende Gebirgswüste, allein und ganz und gar nur auf sich angewiesen, der muß sein Herz zusammenhalten. Kein Spalt darf offenbleiben für die Geister des Unwetters, kein Ritz, durch den Angst oder Zagen oder Wahnsinn der Natur einsickern können. Denn Leben und Tod liegen hier auf den Schalen der Waage – wohin sinkt die Schale? Da kann einzig der Mut helfen, der ungebeugte, unbeugsame Sinn. Man leugnet eben die Gefahr und geht drauf los. So ist es. So einfach für die Menschen wie Benedikt. “Schnee und Sturm und Felsgestein…” Da rennt er im Dunkel gerade gegen einen Felsblock. Und gleich darauf gegen einen zweiten. Achtung also, auf die Skier, daß sie keinen Schaden nehmen. Besser sie abschnallen; so geht es nicht weiter. Als er damit fertig war, sah er sich den nächsten Block näher an. Er tastete ihn ab, erst mit Handschuhen, dann zu aller Sicherheit mit den bloßen Fingern, fast wie man ein Stück Vieh abfühlt, das man kaufen will. Dann stand er eine Weile und überlegte, witterte in den Wind, was Norden und was Süden war – aha, den Stein sollte er doch kennen. Er hatte Richtung gehalten, das will ich meinen. Er war nur etwas zu weit gegangen. Also umkehren und die Richtung genau zu treffen suchen. Er hielt sie eine Weile ein. Dann blieb er plötzlich stehen, schlug einen Haken rechts, einen Haken links – jetzt galt es verdammtes Glück zu haben, sonst verlor man bei solchem Hin und Her rasch die Richtung aus dem Kopf und verirrte sich. Und mit einem Male kam es hier mitten in Nacht und Schneesturm über ihn, ein Gefühl in den Füßen von unten her, oder was es sein mochte, vielleicht auch ein bestimmter Zug in der Landschaft. Mit großem Bedacht machte er noch ein paare Schritte, ein paar lange, genau abgemessenen Schritte, stieß seinen Stock in den Schnee hinunter, erst hier, dann dort. Beim letzten Mal klang es hohl, das war die Falltür; die Hütte war gefunden, er war zu Hause. Jetzt begann die Schaufel ihre Arbeit. Es dauerte nicht lange, die fast flachliegende Tür freizulegen, sie aufzuheben, hinunterzukriechen, Hund und Hammel dicht hinter sich. Der Hammel und Benedikt glitten die Erdstufen mehr hinab, als daß sie gingen, Leo begrüßte den Lärm, den sie hierbei machten, mit einem freudigen Bellen: wau, wau. Es tat mehr als gut, es war eine unfaßliche Erleichterung, das Wetter endlich vom Leibe zu haben, nicht mehr mitten darin zu sein. Benedikt sank einen Augenblick auf den Heusack, von Müdigkeit so übermannt, daß er Funken in der Finsternis sah. Das tat gut! Auch Knorz gab seiner Zufriedenheit mit einem bedächtigen Blöken Ausdruck. Als er sich aber dann zu schütteln begann, daß es auch in der Hütte ein kleines Schneegestöber gab, da winselte Leo – um es alsbald ebenso zu machen. Doch Benedikt trug ja hier die Verantwortung und hatte nicht nur für sich, sondern auch für seine Freunde und Weggenossen zu sorgen. Er fischte ein Talglichtstumpf aus dem Rucksack und zündete ihn an. Ein paar fast unkenntliche Gestalten standen in dem flackernden Schein vor ihm, verschneit und übereist, so daß nur noch die Augen und Maulspalten erkennbar waren und Knorzens Hörner. Benedikt machte sich sofort daran, seine Wanderkameraden so gut wie möglich von Schnee und Eiszapfen zu befreien. Sonst drang ihnen die Nässe bis auf die Haut, wenn es hier jetzt bald wärmer würde. Und die Anstrengungen des morgigen Tages konnten schwer genug werden, selbst wenn man sich nicht mit durchfrorener Haut hineinstürzte. Übrigens war Knorz an den empfindlichsten Stellen durch seinen Mantel einigermaßen geschützt. Zuletzt bürstete Benedikt sich selbst den Schnee ab und klaubte das Eis aus Haar, Bart und Augenbrauen. Und dann steckte er seinen Petroleumkocher an. Es ist keine Kunst in der Wildnis, wenn man Feuer und Kochgeräte und alle modernen Bequemlichkeiten mit sich hat. Sind die Streichhölzer feucht, dann steckt man sie unter die Wolljacke und trocknet sie am Körper. Altes Hausmittel. Und als der Kocher brannte, öffnete Benedikt die Luke nach der entfesselten Nacht und holte ein paar Klumpen Schnee herein. Während der in der Kasserolle schmolz und er dauernd nachfüllte, ging er hin und her, dichtete die Tür, verstopfte die ärgsten Löcher und Spalten gegen Zug und Schneegestiebe. Das wäre gemacht! Und als er dann Knorz mit Heufutter versehen hatte und mit Schnee, um seinen Durst zu löschen, da griff er nach dem Rucksack und holte sein Essen hervor – auch Leo bekam sein Teil. Das Fleisch war gefroren, und selbst das Brot knirschte eisig zwischen den Zähnen, na ja, bald gab es ja Kaffee. Sie teilten die gefrorenen Sachen als gute Freunde, die sie waren, Leo und er, teilten brüderlich. Den Mann möchte er sehen, dachte Benedikt, der es herrlicher in seinem Schloß hatte und sicherer in den Bedrängnissen des Lebens, dazu noch mit der Aussicht, in den nächsten Tagen ein paar Schafe vom Hungertod zu erretten und seiner Gemeinde wie der Allgemeinheit und Allschöpfung nützlich zu sein. “Denn merk die das, Leo, selbst der Papst in Rom hat es nicht besser und feiner als du und ich oder ein reineres Gewissen.” Und Leo wedelte mit dem Schwanz und glaubte gern alles, was ihm sein Herr vorpredigte, um so mehr, als jeder Glaubenssatz von einem guten Happen begleitet war. Und Benedikt saß da wie ein Pascha mit einem Stück Fleisch in der Hand und teilte es mit Leo, wie er es nach und nach zum Auftauchen brachte. Und Butter gab es genug, im Überfluß. Leo brauchte wahrhaftig sein Brot nicht trocken zu fressen. Da saß man – es konnte schlimmer sein, und heute war ja -mittwoch -, ach ja…Also: eine gute Woche war er von daheim fort, neun Tage, seit er von Botn abmarschierte, um genau zu rechnen, sieben davon auf eigene Kost. Man merkte es auch am Proviant, das ließ sich nicht leugnen. Geknausert und gespart hatte er nach Kräften, aber es waren wahrhaftig nur noch sieben Stücke Fleisch übrig, und nicht die größten, dazu ein Brotvorrat, der gern reichlicher hätte sein dürfen. Aber was machte nicht der Herr aus Broten und fünf Fischen? Tausende sättigte er damit. Es klang unglaublich, aber angesichts solcher Tatsachen konnte man die Hoffnung nicht doch nicht aufgeben. Er brauchte ja nur sich und Leo mit den Vorräten zu versorgen. Doch mit oder ohne Wunder: es hieß haushalten, Vorsorge ist nirgends im Gesetz verboten. Ein Stück Fleisch am Tage, sage und schreibe, mehr konnte nicht bewilligt werden. Das hatte auch etwas für sich; man überlastete den Magen nicht und war um so leichter zu Fuß. Aber was fehlte jetzt dem Licht? Und was fiel dem Kocher ein? Er pumpte daran, aber es half nichts, der wollte mit aller Gewalt ausgehen, hatte sich das nun mal in den Kopf gesetzt. Und dabei war genug Petroleum darauf. Was war das für ein Spuk und Hexerei in seiner braven alten Höhle? Hat sich ein Unwesen eingeschlichen und zehrt am Licht? In demselben Augenblick saß Benedikt im Finstern. Das war keine natürliche Dunkelheit. Es war eine höchst unnatürliche Dunkelheit, die einem geradezu in den Augen brannte und am Hals packte und erwürgen wollte. Und zugleich war sie so freundlich, sie lockte einen, zu schlafen – nur umzusinken und zu schlafen. Wozu brauchte er eigentlich diesen Kaffee? Wozu heute Abend noch mehr Licht? Aber war es nur eine Freundlichkeit? Er versuchte sich zurechtzufinden, sich zu sammeln, zu denken. Am Ende war das Unwetter noch immer hinter ihnen her? Hatte er wohl jede Ritze verstopft? Sie sollten wohl gleich hier unten ersticken? Da sollte doch gleich…! Benedikt erhob sich, so schwer es ihm auch fiel, die Schlaftrunkenheit abzuschütteln; er schwankte zur Luke, stieß sie auf. Und schon hatten Träume ihn eingesponnen, er erwartete draußen eine befreiende Sternennacht zu sehen. Doch immer noch brodelte das gleiche Unwetter ihm entgegen und drohte die Höhle im Nu vollzuwehen. Die Klappe fiel wieder zu. Aber so, daß sie nicht wieder ganz verweht werden konnte. Und wie vorauszusehen, waren Licht und Kocher jetzt wieder willig zu leben, ihre Tätigkeit wieder dort aufzunehmen, wo sie vorher gestreikt hatten. Dann war der Kaffee fertig. Sein Duft erfüllt die Hütte, oh, Kaffee! Benedikt trank ihn andächtig. Als er getrunken hatte, löschte Benedikt das Licht. Jetzt war hier Nacht. Das Blut rauschte sich in den erschlaffenden Gliedern zur Ruhe. Der Schlaf kam geglitten, näher, dann war er da, nahm ihn auf.

Da lag er nun, Benedikt, in seinem Kessel, seinem Grab, mit der wollenen Decke um den Leib und den Heusack unterm Kopf. Er lag leicht an Knorz gepreßt, der auf seine Art schlief und zuweilen in Ruhe und Frieden wiederkäute. Und fest an die beiden kuschelte sich Leo an und winselte vor Behagen und vor Erwartung der Ruhe. Da lagen sie, die drei, ein paar Fuß unter der Erde unscheinbar und kaum noch als lebendig zu rechnen.. Doch werden sie zu Taten erwachen, zu denen die meisten anderen nicht imstande wären, zu etwas, das allein sie können und wozu sie bereit sind. Sind sie also doch nicht so unscheinbar, wie sie aussehen? Gehören sie am Ende doch in einen größeren Zusammenhang und sind unentbehrlich? Über sie hin schreitet die Nacht. Benedikt schlief wie ein Stein. In bodenloser Nacht versunken. Und dann, mit einem Male, war er wach, plötzlich wie immer, hellwach, und fühlte sich ausgeruht. Jetzt hieß es sich aus Decke und Schlaf herauszuwickeln, ehe einen die Müdigkeit, die ja doch noch irgendwo lauerte, wieder ergriff. Er sprang auf, schlug die Türklappe zurück – Mondschein. Wahrhaftig Mondschein. Also war die Welt doch wieder einigermaßen im Lot. Und er hattealso nicht verschlafen, wenn da nicht ein ganzer Tag draufgegangen war – dann war eben nichts dagegen zu machen. “Eil mit Weile, eil bedacht…” Benedikt hatte am Abend ein Stückchen Fleisch übriggelassen, und dieses Stückchen teilte er jetzt mit Leo. Dann teilten sie auch das Brot, das bewilligt werden konnte. Benedikt spülte seinen Anteil mit einigen Tassen Kaffee hinunter. Knorz soll heute in der Höhle bleiben und ausruhen dürfen, hat Benedikt beschlossen. Er ist von der harten Anstrengung am stärksten mitgenommen. Es lag kein vernünftiger Grund vor, ihn zu belästigen, ehe man sicher wußte, daß man ihn nötig hatte. Wenn es ging wie gewöhnlich, so stand ihm noch genug bevor, ehe sie glücklich wieder daheim waren. Also versah ihn Benedikt mit Heu und frischem Schnee, schmolz auch etwas Schnee für ihn, damit er jetzt gleich einen Schluck Wasser hatte, sorgte für ein Atemloch neben der Luke; Leo sah dem mit bedenklicher Miene zu, er suchte mehrmals den Blick seines Herrn zu erhaschen, gab sich dann wieder zufrieden, hob zögernd die Pfote und wußte nicht, ob er den Schnee wieder fortkratzen sollte oder was sonst. Aber Benedikt war fest entschlossen und streichelte ihm nur über den Kopf. Endlich ging es Leo auf, daß sie ja auch den Rücksack hier ließen, und dann zogen sie zusammen los in die Mondnacht hinein, Benedikt und Leo. Da das Wetter so still und klar und er so zeitig erwacht war, wollte Benedikt gleich heute die entfernteste Stelle absuchen, einen Talstrich unmittelbar am Rande des Gletschers, fünf Stunden hin und fünf zurück, bestenfalls. Dann war das erledigt. Etwas finden tat er dort selten, aber heimkehren, ohne dort gewesen zu sein – unmöglich. Allmählich kam Benedikt in den Gang stapfte die Höhen hinauf, sauste wie im Sturm die Hänge hinab: “Schnee und Sturm und Felsgestein…” Aber das Glück war ihm heute nicht so günstig wie das Wetter. Benedikt fand kein Schaf – jedenfalls kein lebendiges. In der Talsenke unter dem Gletscher, die vom Schnee schon fast ausgefüllt war, fand er nur ein Loch im Schnee – oder vielmehr Leo fand es – ein Loch, das ein Fuchs gegraben hatte. Und richtig – es führte zu einem Schafkadaver, zu spät gekommen! Bei diesem Fund war Benedikts gute Laune dahin und kehrte den ganzen Tag nicht mehr wieder. Denn das war ja ein schlechtes Zeichen, eine dreckige Vorbedeutung. Und dabei war dies Jahr doch eine Art Jubeljahr: das siebenundzwanzigste Mal – und er selber war zweimal siebenundzwanzig. Es war, weiß Gott, ein besonderes Jahr, wenigstens für ihn. Und jetzt sollte es so ausgehen! Aber er hatte ja auch von Anfang an Pech gehabt. Und hier oben war es auch nicht so wie sonst, obgleich es an Wetter und Schnee nichts auszusetzen gab. Die Berge umstanden ihn so merkwürdig stumm und verdrossen. Was hatte er ihnen getan? Konnte er denn etwas dafür, daß er aufgehalten worden war? Oder war es wegen der kurzen Rast auf Jökli? Das fände er doch kleinlich! Jedenfalls fühlte er sich gedeckt – er ist so schnell gekommen, wie es unter diesen Umständen möglich war. Wenn sie ihn also ablehnend und unfreundlich behandeln wollen, dann ist es ihre Sache. Von diesem Augenblick an waren die Berge für ihn erledigt. Wenn er sich umsah, so galt es den Schafen. Und da keines zu sehen war, nicht einmal eine Spur zu entdecken, jagte er mit zusammengebissenen Zähnen – voller Wut auf die verdrießlichen Berge – zurück zu seiner Hütte und zu Knorz, zu dem heimischen Herd in seinem Kessel, seinem Grabe. Als er aber dort angelangt und in die Erde gekrochen war und die Falltür zu hatte, wollte das Essen doch nicht schmecken, und nicht einmal Kaffee schmeckte ihm, und er schlief diese Nacht nur wenig und unruhig. Es ist nicht so ohne, sich mit allen Freunden zu verzanken und gewissermaßen seine letzte Zuflucht in einer einsamen Welt zu verlieren. Und wenn es etwas gibt, um einen giftig zu machen, dann ist es dies, nach lebendigen Schafen auszugehen und nur tote zu finden.

Teil 4:

Am nächsten Tage, am Freitag, ging es los mit Hund und Hammel – die ganze Dreieinigkeit. Der Wind kam gerade aus Norden. Der Schnee strich so zart bergauf und bergab, als hätte er nur den einen Gedanken, daß Benedikt glatt und leicht vorwärts kommen sollte. Oder er führte flüchtige Ringtänze um Felsblöcke und große Steine auf, umarmte sie elfenleicht und mit kühler Anmut. Aber ein gutes Wetter zur Schafsuche war es schon nicht. Bei solchem Wetter suchten sie geschützte Stellen auf, und alle Spuren verwehen flugs wieder. Aber Benedikt kümmerte sich nicht darum: Gesucht sollte und mußte werden, wie unfreundlich sich auch die Berge und Wetter stellten. Und sein Eifer wurde belohnt. Das Glück, das ihn gestern bei klarem Himmel im Stich gelassen hatte, kehrte wieder und begegnete ihm hier mitten im Schneetreiben. Schon recht früh am Tage fand er zwei Schafe, gegen Abend ein drittes, und auf dem Heimweg stieß er noch auf zwei weitere, so daß es im ganzen fünf wurden. Es war, als werfe man sein Netz in ein unsichtbares Meer aus, dieses Suchen im Schneetreiben, aber der Fang stellte sich auch ein. Denn wenn man die Eigenheiten des Landes und die bevorzugten Zufluchtsstätten der Schafe kennt und dazu einen Hund hat, der ein wahrer Papst ist, findet man Schafe selbst im Blinden. So ist es. Und jetzt kam doch wieder Sinn in den Unsinn; er ging, wie es sollte, und das half der Laune auf die Beine. Doch mit den fremden Bergdurchstreifern hatten sie alle drei ihre liebe Not, Benedikt, Knorz und Leo. Die beiden Paare hielten untereinander zusammen, wollten aber mit anderen Geschöpfen möglichst wenig zu schaffen haben. Den einen Augenblick stoben sie davon, das eine Paar nach Osten, das andere nach Westen; im nächsten waren sie nicht von der Stelle zu bringen, mußten mit Rufen und Schreien und Hundegebell vorwärts getrieben oder geradezu durch die Schneewehen gezehrt werden. Das kostete Kräfte. Aber Knorz war ja wirklich ein zäher Knorz, und hier fand er eine richtige Aufgabe. Er tat sich mit den fremden Schafen zusammen, redete ihnen ein, er habe gleich ihnen nur den einen Gedanken, dem Hund und dem Mann auszureißen, und führte sie – natürlich in der richtigen Richtung. Manchmal hielt er sie zusammen und brachte Schwung in sie, dann hatten Leo und Benedikt nichts anderes zu tun als hintendreinzukeuchen, so gut sie konnten. Aber dann bekamen die Fremden wieder Nücken fuhren auseinander und mußten von neuem gesammelt werden. Oder Knorz steckte in einer Schneewehe fest, aus der er sich nicht allein wieder herausarbeiten konnte, und alle anderen mit ihm. Dann hieß es für Benedikt mit den Skiern eine Bahn treten und Knorz am Horn nachziehen, während Leo hinten aufpaßte, daß kein Glied aus der Gefolgschaft verlorenging. Zuweilen mußten alle sechs nacheinander durch den Schnee gezogen werden. Das machte warm. So verging dieser Tag. Heute konnte keine Rede davon sein, Knorz mit heim zur Hütte zu nehmen. Er mußte draußen bleiben und die gefundenen Schafe zusammenhalten, unterm Schnee und Futter für sie suchen, sie zum Fressen bringen, damit sie keine Launen bekamen und aufs Ausreißen verfielen. Und da es ohne Knorz in der Höhle so einsam sein würde, da sie sich gerade mitten zwischen Benedikts Kessel und der Berghütte befanden und die Landpost heute auf ihrem Wege nach Süden dort zu erwarten war und aller Wahrscheinlichkeit nach in der Hütte übernachten würde, entschloß sich Benedikt für die Hütte. Dann konnte er durch den Postbegleiter gleich Nachrichten nach Hause gelangen lassen, wenn er die Pferde wieder nach Norden zurückbrachte. Es wäre dumm, wenn man sich daheim seinetwegen beunruhigte. Also ging er und ging aus dem Tal heraus und in die Nacht hinein, ging und ging. Und kam endlich heim. Doch er hatte sich verrechnet: In der Hütte fand er nur die Postpferde – der Postführer mußte schon abends über den Fluß geholt worden sein, und sein Begleiter, der wieder nach Norden wollte, schien mitgefahren zu sein. Aber der mußte ja nächsten Morgen in der Frühe wiederkommen. Oder doch irgendwann am nächsten Tage. Benedikt wollte auf ihn warten, sich einen Ruhetag gönnen, obwohl er nur ein Rest gefrorenes Fleisch in der Tasche hatte. Eine kleine Herzstärkung würde der Mann aus der Gemeinde wohl anbieten können. Sonntag morgen konnte Benedikt dann wieder westwärts aufbrechen – am dritten Sonntag im Advent. So aber kam es nicht; es wurde nichts aus dem Ruhetag. Am Sonnabendmorgen war Benedikt längst vor Tagesanbruch schon wieder auf dem Wege ins Gebirge, nach seinen gefundenen und noch nicht gefundenen Schafen unterwegs. Es war doch ausgeschlossen, Knorz so im Stich zu lassen. Aber ehe er die Hütte verließ, gab Benedikt den Postpferden Wasser und Heu, dann konnte der Begleiter sehen, daß er dagewesen war, und würde drunten ausrichten können, daß es ihm gut ging. In der Morgendämmerung des Sonnabend wurde der Wind zum Sturm, zu Gebirgswetter, Winterwetter, zu richtigem Schneesturm, der den einsamen Wanderer wie eine Mauer umschloß. Unablässig mußte er Wände, ja Berge stiebenden Schnees durchwaten. Aber auf irgendeine ihm selbst unbegreifliche Weise fand er sich in Landschaft und Richtung zurecht und stieß endlich auf Knorz und sein verstreutes Häuflein Schafe. Und es jetzt ging es wieder nordwärts, fast genau gegen den Wind, auf das Tal und Gehöfte zu, langsam, Schritt für Schritt, ja kaum einmal das. Wieder heißt es, durch die Schneewehen waten und die erschöpften und widerspenstigen Schafe hinter sich her zerren; einzig Knorz folgt ihm treulich zu Fuße. Wieder ist es Abend; der Kampf mit den unverständigen Schafen und dem wahnsinnigen Wetter hat Benedikt arg mitgenommen. Und dazu fing es an, ihm im Leibe zu bohren. Er hatte wirklich halb und halb gehofft, mit den Schafen noch vor Abend seine Höhle zu erreichen. Aber Weg und Wetter hatten sich gegen ihn verschworen; er mußte es aufgeben, mußte die Schafe noch eine Nacht Knorz überlassen und allein seine Höhle suchen. So ohnmächtig ist der Mensch. So wenig nützt es, wider den Stachel zu löcken, wenn er von stärkeren Mächten geführt wird. Es mußten nach seiner Berechnung ein paar Stunden Weg sein. Also marschierte er nach seinem Gefühl nach – ein paar Stunden lang. Aber eine Hütte war nicht zu finden, keine Höhle, kein Kessel, kein Grab, um hineinzukriechen. Ach ja… So bösartig kann die Erde gegen den Menschen sein, daß sie sich ihm ganz verschließt. Dann mag er selber sehen, was sich tun läßt. Aber Benedikt fand doch noch einen Ausweg – vielleicht sein einziger. Nicht nachgeben. Wieder den Stachel zu löcken, so spitz er auch ist. Selbst wider den Stachel des Todes, bis er sich einbohrt und das Herz trifft. Das ist des Menschen Aufgabe. Wenn die Füße nicht mehr wollen, gut, dann muß man darauf verzichten, sie zu gebrauchen. Aber das heißt noch nicht überhaupt verzichten. Sie wollen ausruhen, das ist nur begreiflich. Laß sie ruhen. Wie gut würde es tun, sich hinzusetzen. Und betrübten Herzens, aber ungebrochen, pflanzt Benedikt seinen Stock, nach Norden geneigt, in den Schnee, damit er die Richtung weiß, wenn er wieder aufsteht. Dann ließ er sich in einer Schneewehe zu Boden gleiten im Schutz eines Hügels, mit Leo neben sich lag er eine Zeitlang und ließ sich einschneien, ließ sich gut zuwehen, erhob sich dann auf allen Vieren, wölbte mit dem Rücken ein Dach über sich, wälzte sich hin und her und schob den Schnee beiseite; hier sollte sein Haus sein – eine Art Haus. So saßen sie denn in ihrer Schneehöhle, und draußen raste die Welt. Anfangs war es behaglich warm hier drinnen in der kleinen Höhle unterm Schnee. Benedikt gestattete sich sogar hin und wieder ein Schläfchen. Aber als dann die gefrorenen Kleider allmählich tauten, die Wärme aus dem Körper verschwand und man in nassen Sachen dasaß, da war es mit dem Behagen vorbei. Aber ausgeruht mußte werden, dafür saß man ja hier. Und Benedikt ruhte, so gut es ging, schlummerte und achtete zugleich darauf, daß er nicht fest in Schlaf verfiel. Denn schläft man unterm Schnee erst ein, hungrig und erschöpft, wie es war, dann ist es sehr wahrscheinlich, daß man nicht wieder zu diesem Leben erwacht. Plötzlich fuhr er aus seinem Schlummer auf. Und war sich augenblicklich klar, daß er so nicht fortfahren durfte. Also machten sie sich daran, sich wieder aus dem Schnee herauszuarbeiten, er und Leo, scharrten ringsum fort und brachen nach oben durch, zwei, drei Ellen. Aber wo war jetzt sein Bergstock? Er war nicht mehr zu finden, der Schnee hatte ihn verschluckt. Es war verlockend, wieder in das Loch zu kriechen, unterm Schnee zu bleiben. Denn der Sturm tobte noch ärger als zuvor und die Kälte schätzte er auf dreißig Grad statt der üblichen zwanzig. Jetzt aber galt es. Gab man jetzt nach, dann geschah es nicht nur für heute, sondern für alle Zeit. Dann würde man ihn hier finden, wenn der Schnee schmolz, falls man ihn überhaupt fand. Nein, die Wärme dort unten und die Flucht vor dem Unwetter waren zu teuer erkauft. Hier gab es nur eine einzige Rettung: seine Höhle zu finden – seinen Kessel, sein Grab. Gelang ihm dies nicht, nun, dann würde es ihm gehen, wie es im Laufe der Zeiten hier oben so manchem Schaf ergangen war, das niemand aufgefunden hatte, bis man im nächsten Jahr oder noch später auf die bleichen Knochen stieß, irgendwo im öden Sand, reingeblasen vom Schlamm des Lebens. Knorz und die übrigen Schafe zu suchen, davon konnte heute keine Rede sein. Die Aufgabe des Tages war begrenzter. Heute galt es das nackte Leben. Die Kälte schnitt ihm durch die feuchten Kleider ins Fleisch, und der Sturm drohte ihn zu ersticken, auch weil sein Bart ihm jetzt vor dem Mund gefror. Er holte sein Messer heraus und sägte ihn ab, anders ließ sich diese Eiskapsel, die sich über Mund und Atem zu legen drohte, nicht lösen. Wie sie die Erdhöhle fanden, ist kaum zu sagen, Benedikt wußte es selbst nicht. Auch war es Leo, der sie fand. Plötzlich mitten im Wandern, begann er im Schnee zu kratzen, und tatsächlich – Benedikt legte sich auf alle Viere, wühlte im Schnee und scharrte die Luke frei. Und sie gelangten hinunter und waren gerettet. Benedikt wußte sogleich sein Talglicht und den Petroleumkocher anzünden. Aber da waren die Streichhölzer naß und zündeten nicht. Er legte sie gegen seinen bloßen Leib, saß da und schlummerte unterdessen, während sie trockneten. Er knabberte etwas gefrorenes Fleisch und Brot und Butter, aber es war zu trocken im Munde, und er konnte es kaum hinunterwürgen. Dann setzte er sich wieder hin und schlummerte. Endlich waren die Streichhölzer trocken. Er bekam das Licht und den Kocher zum Brennen. Was Kaffee ist, weiß nur, wer ihn in einer Höhle unter der Erde getrunken hat, bei dreißig Grad Kälte und inmitten einer Wüste von Unwetter und Bergen. Und jetzt konnte er sogar seine Kleider trocknen lassen. Während er aß und trank, überschlug er in der Höhle seine Vorräte. Vier Stück Fleisch hatte er noch und reichlich Butter. Auch noch etwas Zucker, aber in diesem Augenblick trank er seinen letzten Kaffee. Dagegen war nichts zu machen. Und morgen war Montag und übermorgen Weihnachten.

Ist noch mehr von Benedikt und seiner siebenundzwanzigsten Adventswanderung zu erzählen? Doch wohl; es geht nicht an, daß auch wir ihn in der Hütte verlassen, wie er sowieso schon von Gott und den Menschen ist – soweit man es beurteilen kann. Man muß doch wohl erzählen, daß er am nächsten Tage, also am Montag, Hoffnung schöpfte, es könne sich im Bette des Gletscherbaches soviel Schnee aufgehäuft haben, um mit den Skiern darüberhingleiten und nach Jökli gelangen zu können – da es nun schon der Tag vorm Heiligen Abend war -, daß aber der Gletscherfluß trotz Frost und Schneefall immer noch ebenso eis– und schneefrei war. Weiter muß wohl berichtet werden, daß er geradewegs in die Gemeinde hinunterzukommen versuchte, um doch noch vor Weihnachten zu Hause zu sein. Aber da stieß er auf noch ein paar Schafe, und es war doch unmöglich, sie im Stich zu lassen, wenigstens nicht, ehe sie unter Knorzens Schutz gebracht waren. Und als dies besorgt war, da war es für diesen Tag mit seiner Kraft zu Ende, so daß er froh war, seine Erdhöhle wieder zu erreichen. Weiter muß wohl erzählt werden, daß er den Heiligen Abend damit zubrachte, Knorz und seine Herde ein Stückchen näher dem Tal zu bringen, daß Benedikt und Leo in der Höhle miteinander Weihnachten feierten, daß am Weihnachtstag stilles Wetter, aber dichter Schneefall herrschte, der Benedikt mit seinen Schafen wieder aufhielt; daß der Wind gegen Abend auffrischte, daß sie noch eine Nacht in der Höhle verlebten und der zweite Feiertag verlief wie der erste. Aber an diesem Abend gab Benedikt vor dem letzten Stück Weg den Kampf auf, alt, müde, unbrauchbar, wie er von sich selber sagte. Er gab ihn auf, hinterließ die Schafe in Knorzens Schutz und machte sich auf ins Tal hinunter – alt, müde, unbrauchbar. Spätabends erreichte er Botn. Und er wurde empfangen, als sei er vom Tode auferstanden. Aber er kümmerte sich nicht um die vielen Willkommensworte. “Wo ist der junge Benedikt?” Doch der junge Benedikt war nicht daheim. Er war zu anderen Gehöften hinübergegangen, ohne zu sagen, was er vorhatte. “Ich wollte ihn nämlich bitten, wieder mit mir hinaufzugehen, wenn der Mond näher herauskommt”, sagte Benedikt. Nein, der junge Benedikt war nicht zu Hause. Aber am nächsten Morgen hörte man in Botn, daß er einige junge Leute aufgeboten hatte und mit ihnen in die Berge gegangen war. Und noch vor Abend war er wieder da – mit der Schafherde. Und sie hatten Knorz Schuhe angezogen, Lederschuhe um seine Hufe gebunden, die er sich blutig gescheuert hatte, als er ständig vorangegangen war und den scharf verharschten Schnee durchbrochen hatte. Das war ein Anblick für die Götter, als sie sich am Hofe von Botn wiedersahen, der Benedikt und sein Knorz. “Hab Dank, Namensvetter”, sagte der alte Benedikt, und es war ihm wohl nicht gegeben, viel mehr zu sagen. An diesem Tage hatten sich ein paar Bauern der Gemeinde, die es mit der Angst um Benedikt bekommen hatten und von seiner Heimkehr noch nichts wußten, in Botn getroffen, um in die Berge zu gehen und nach ihm zu suchen – zugleich auch nach den jungen Leuten. Vor ihnen stand der junge Benedikt mit stolz erhobenem Kopf und festem Blick: “Laßt den Dank bleiben, wo er hingehört”, sagte er. Und so war denn auch diese Adventswanderung vorüber, der Dienst beendet, und Benedikt wieder unter Menschen – für eine Weile.

Geschichte aus Island v. Gunnar Gunnarsson

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