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Märchenbasar

Anansi begründet seinen Ruhm

Es war einmal….zu der Zeit, als Nyankupon, Gott über alle Götter der schwarzen Völker, noch genauso in seinem Dorf im Dschungel wohnte wie die Untergötter, Könige, Stammeshäuptlinge, Krieger, einfache Jäger und Tiere des Dschungels. Aber Nyankupon war reicher und mächtiger, er hatte mehr Frauen, Krieger und goldene Armreifen als alle anderen. Auch seine Hütte war größer und bequemer als die Wohnungen der Untergötter und Könige. Ja, sie war ein richtiger Palast, mit Gold und Elfenbein geschmückt und innen verkleidet mit erlesenen Leopardenfellen und schönsten Seidenstoffen in klaren Farben und so kunstvollen Mustern, wie sie nur die geschicktesten Seidenweber vieler Länder zu komponieren verstehen.

Zu jener Zeit sprachen Menschen und Tiere noch dieselbe Sprache und konnten einander erzählen, was geschah. Wenn die Krieger und die Jäger am Abend ihre Lagerfeuer anzündeten, um Jaetta, den Löwen, Sebba, den Leoparden, Chriebin, die grüne Mambaschlange, die giereigen Riesenschlangen und sonstige Raubtiere des Dschungels fernzuhalten, so erzählten sie immer Geschichten, die sie aus anderen Teilen des Landes gehört hatten. Doch die meisten Geschichten, ja, fast alle, handelten zu jener Zeit von Nyankupon, dem Obergott. Aber sie erzählen auch andere Geschichten am Lagerfeuer, und mit der Zeit begann man immer öfter von Anansi, der klugen Spinne zu erzählen.

Auch wenn es sich nicht schickte, Anansi, der nur ein armes Spinnenmännchen war, mit dem mächtigen Nyankupon zu vergleichen, mußten alle zugeben, daß Anansi an Klugheit jedem Geschöpf überlegen war und daß seine Streiche und Abenteuer sie oft mehr unterhielten als die alten Geschichten von Nyankupon.

Anansi selbst war damals noch ganz jung, und es läßt sich nicht leugnen, daß er unter seiner Klugheit auch viel Ehrgeiz und Übermut hatte. Lange nannte man alle Märchen, auch die von Anansi, Märchen des Obergottes Nyankupon Sem. Das gefiel dem ehrgeizigen Spinnenjüngling nicht – er meinte, es sei unrecht, wenn Nyankupon auf seine Kosten berühmt würde. Lieber wollte er, daß alle Märchen seinen eigenen Namen trügen. Eines Tages begab er sich deshalb zu Nyankupons Palast und trat verwegen vor den Thron des Mächtigen.

„Nyankupon, Gott, über alle Götter, Herrscher über alle Könige, Stammeshäuptling, Krieger, Jäger und alle lebenden Wesen des Landes“, begann er seine Rede. „Solange in diesem Lande Lagerfeuer flackern, hat man, Nyankupon Sem, Märchen aus deiner Weisheit, deinem Edelmut, deinen Reichtümern und Heldentaten erzählt. Dein Name glänzend wie der Sonne Schein, geht von Mund zu Mund, von Dorf zu Dorf, von Dschungel zu Dschungel. In Strömen , mächtig wie die Flüsse, die ins große Meer münden, sind die Märchen von Deiner Herrlichkeit über alle Lande gegangen. Doch in den letzten Jahren haben viele, die es nicht besser wissen, angefangen, Märchen von meinen unbedeutenden Erlebnissen zu berichten, und auch diese Märchen tragen deinen Namen. Da ich gut, allzu gut begreife, daß du, Gott über alle Götter, kein Vergnügen darin finden kannst, daß die Märchen von mir armer Spinne, der unwürdigste unter deinen Dienern, deinen Namen tragen, bin ich hierhergekommen, um dir vorzuschlagen, daß alle Märchen, die bei den Lagerfeuern deiner Untertanen erzählt werden, fortan Anansi Sem heißen, damit ihr geringer und unbedeutender Ursprung sich in Wahrheit herausstelle. Ich glaube, dir mit diesem Vorschlag den größten Dienst zu erweisen, zu dem ich bisher Gelegenheit hatte.“

Statt vor Freude zu strahlen, verdüsterte sich Nyankupons Gesicht mehr und mehr bei Anansis Worten. Nach einer gewissen Bedenkzeit, sprach er: „Oft habe ich deinen Namen nennen hören. Ich habe mir von deiner Klugheit und Verwegenheit erzählen lassen und viele Märchen über dich gehört. Doch auch von deiner List, deiner Frechheit und Unverschämtheit habe ich gehört. Aber niemals hätte ich für möglich gehalten, daß deine Dreistigkeit so groß sein könnte. Nie zuvor hat jemand gewagt, mit einer derartigen Bitte vor mich hinzutreten.“

Anansi machte eine Bewegung, als wolle er die Flucht ergreifen. er erkannte, daß er Nyankupons Zorn erregt hatte. Doch der Mächtige machte eine abwehrende Geste, die ihn beruhigte.

„Gewiß sollte ich dir zürnen“, sprach er weiter. „Doch ich muß gestehen, daß deine unverschämte Unternehmungslust mich auch amüsiert. Ich hoffe nur, daß deine sprichwörtliche Klugheit nicht hinter deiner Frechheit zurückbleibt und daß dein Maß ebenso groß wie deine Rücksichtslosigkeit. In deinem eigenen Interesse möchte ich dir raten, wenigstens im kommenden Jahr darauf zu achten, daß die Frechheit nicht überhandnimmt und dich schließlich mit Klugheit verwechseln läßt. Was nun deinen Vorschlag betrifft, so ist mir klar, daß nur deine Eitelkeit ihn ausgeheckt hat, aber ich werde ihn trotzdem annehmen, wenn du die Bedingungen erfüllst.“

Anansi empfand großen Respekt, als er den alten Nyankupon so weise reden hörte. Aber als er dann die Bedingungen des Obergottes vernahm, begriff er, daß er in eine Falle gegangen war. Denn das waren Nyankupons Bedingungen: Anansi sollte eine ausgewachsene Pythonschlange und einen lebenden Leoparden zu Nyakupons Dorf führen, außerdem sollte er einen großen Tonkrug mit Bienen füllen und mit diesem zum Palast des Obergottes kommen. Der Tonkrug faßte nicht weniger als dreizehn Liter. Wie sollte er, eine unbedeutende Spinne, einen Leoparden und eine Pythonschlange fangen können. Und wenn es ihm selbst glücken würde, so viele Bienen zu fangen, wie er brauchte, wie sollte er sie dazu bringen, in den Tonkrug hineinzukriechen, damit er sie lebend zu Nyankupons führen könnte.

Fürs erste mußte er jedoch gute Miene zum bösen Spiel machen, und so pries er den Gott der Götter, seinen Edelmut, seine Güte und Weisheit, mit beredten Worten. Ganz im Stillen hoffte er auch, daß er mit seiner Wendigkeit und Klugheit die Forderungen des altenNyankupon erfüllen und sein Ziel erreichen würde. – Anansi Sem, Ananis Sem“ , klang es ihm wie Musik durch den übermütigen Sinn, als er nachdenklich den Palast des Obergottes verließ. Wenn er jetzt den Gott der Götter überlisten und seine abgeschmackten Bedingungen erfüllen konnte, würden alle Geschöpfe durch die Zeiten hin seinen Namen kennen: Anansi Sem, Anansi Sem, die Märchen von der Spinne……..Je mehr er über die Sache nachdachte, desto mehr brachte es ihn auf, daß Nyakupon ihn zu überlisten suchte, indem er ihm Aufgaben stellte, denen er die Spinne nicht gewachsen glaubte. Doch er wollte ihm zeigen wer hier der Klügste war. Er beschloß mit den Bienen anzufangen.

Zu Hause in seinem eigenen Dorf vertauschte Anansi Nyakupons großen Tonkrug mit einem noch größeren, und mit dem begab er sich in eine Gegend, wo die Bienen mehrere Dörfer hatten. Nun wollte er seine erste große Schlacht für Ruhm und Ehre schlagen. allein schon den riesigen Tonkrug durch das Dschungel schleppen, war schwer genug für eine Spinne. Aber Anansis Ehrgeiz half ihm über die Schwierigkeiten fort, und nach vielem Schnaufen war er am Ziel. Vor dem größten Bienendorf angelangt, stellte er den Krug nieder und begann unter verworrenem Gemurmel den Weg auf und ab zu gehen……
„niemals können sie den Krug füllen – ja vielleicht doch, es sind ja so viele – nein, es geht nicht, so viele sind es wohl doch nicht – sie können den Krug nicht füllen – wird nicht einmal zur Hälfte voll…“ So ging es in einem fort. Anansi hatte einen gewissen Respekt vor Bienenstichen. Darum wollte er nicht in das Dorf hineinplatzen, sondern die Neugierde der Bienen wecken. Ganz richtig wurden die Bienen auch neugierig. Sie hatten Anansi schon früher als einen großen Filou kennengelernt und ahnten, daß er auch diesmal etwas im Schilde führte. Doch schließlich siegte die Neugierde. Die Bienenkönigin, die schöne Opuna, begab sich mit einem großen Gefolge von Kriegern, Arbeiterinnen und Drohnen zu dem Flecken hinaus, wo der murmelnde Anansi auf und ab spazierte.

„Was tust du hier“, fragte die Königin. „Ich komme von Nyankupon, dem Gott der Götter, und seit ich seinen Palast verließ, habe ich mich beinahe krank gegrübelt“, sagte Anansi.
„Nyankupon und ich gerieten in ein heftiges Palaver, und der Obergott behauptete, in der ganzen Welt gibt es nicht so viele Bienen, daß sie diesen Krug zu füllen vermöchten. Nyakupon behauptete, die Bienen seien im letzten Jahre im Honigsammeln so faul gewesen, daß ganze Bienendörfer den Hungertod erlitten hätten, und die Überlebenden seien geschwächt; ihre Kinder seien so schwach, daß sie kaum genug Honig für den täglichen Bedarf sammeln könnten.“

Da erhob sich empörtes Summen und großes Getöse unter Königin Opunas Kriegern, Arbeiterinnen und Drohnen. Anansi beeilt sich fortzufahren. „Selbstverständlich widersprach ich Nyankupons Behauptungen energisch“, sagte er. „Die Bienen sind die allerfleißigsten Bewohner des Dschungels, hielt ich ich ihm entgegen; was den Fleiß betrifft, gibt es in der ganzen Welt nicht ihresgleichen. An Honig hat es ihnen niemals gefehlt, und ich bin überzeugt, daß sie jederzeit ohne die geringste Schwierigkeit den Tonkrug bis zum Rande füllen könnten.“

„Ja, ja – gut, gut…..“ summten alle Bienen, und nun war ihr ganzes Misstrauen gegen Anansi verschwunden. Rasch nützte der seinen Erfolg aus. – „Nyankupon wolle mir trotzdem nicht glauben, sondern blieb dabei, daß er Recht hätte. „Nicht, bevor du mir Beweise bringst, glaube ich dir, versteifte er sich…. und was soll ich nun tun? Hier stehe ich mit meinem leeeren Tonkrug.“
„Den Beweis sollst du haben!“ rief Königin Opuna, noch gereizter über die Worte, welche Ananis Nyankupon in den Mund gelegt hatte.

„Den Beweis sollst du haben!“ rief Königin Opuna noch gereizter über die Wort, welche Anansi Nyankupon in den Mund gelegt hatte.
„Wahrscheinlich, wir alle werden dein Beweis sein.“ Und damit flog die Bienenkönigin in den Tonkrug hinein. Das ganze dorf war während des Gespräches herbeigeströmt; alle folgten sie nun der Königin in den Krug, der nach einigen Augenblicken bis zum Rand gefüllt war. Schnell bedeckte ihn Anansi mit einem Stück Leder, das er im voraus mit einer Menge kleiner Löcher versehen hatte, damit die Bienen nicht erstickten. Dann spann er sein Siegel über den Deckel.

Die erste Runde hatte er gewonnen. Doch nun entstand ein neues Problem; wie sollte er den großen Tonkrug zu Nyankupons Palast schaffen? Allein war er dazu nicht imstande. Er mußte sich also Träger verschaffen. Bals wußte Anansi auch dafür Rat. Nagiboa – die Ameisen – sollten seine Träger sein. Er begab sich zu Nagiboas Dorf. Als die Ameisen sahen, daß die Spinne sich ihrem Dorf näherte, wollten sie sogleich zum Angriff vorgehen und sie töten. Doch ihr Häuptling Nagiboa Panin, der Anansi kannte, verbot alle Agressivität und bestimmte, daß Anansi jedenfalls sein Anliegen vorbringen möge. Er ging selber der Spinne entgegen.

Ein Stück vor dem Dorf hatte Anansi zu hinken begonnen, als sei er verletzt, und er bat Nagiboa Panin, sich auf seine starken Schulter stützen zu dürfen. Das konnte der Häuptling ihm nicht gut abschlagen, und so kam Anansi als Gast des Häuptlings ins Dorf. Erst hier trug er sein Anliegen vor, natürlich auch diesmal mit einer listig zusammengebrauten Mischung von Dichtung und Wahrheit.

„Im Auftrag des Gottes der Götter, des großen und weisen Nyankupon, komme ich von Opuna der Bienenkönigin zu dir, Nagiboa Panin, dem tapferen und rechtschaffenen Häuptling der Ameisen!“ erklärte Anansi. „Der große und weise Nyankupon ließ mich Opuna in einen Tonkrug einfangen, den ich mit meinem Siegel verschloß. – Du sollst dich zu dem redlichen und tapferen Nagiboa Panin begeben“, sahte er zu mir, „denn niemand im Dschungel hat so viele Krieger und Sklaven wie er. Auf Nagiboa Panin halte ich auch größere Stücke als auf jeden anderen Häuptling hier im Dschungel. Er und kein anderer soll den Krug mit der Bienenkönigin zu mir bringen.“ Stolz reckte sich der Ameisenhäuptling, als er diese Rede hörte.
„In meinem Schutz ist die Bienenkönigin gut aufgehoben“, sagte er, „ich verspreche den Tonkrug unbeschädigt zum Palast des großen und weisen Nyankupon zu bringen.“

Mit seinen Greifzangen machte Nagiboa Panin eine gebieterische Geste; sogleich stürzte der Anführer der Soldaten herbei und erhielt den Befehl, den Krug mit den Bienen zum Palast des Obergottes zu bringen. die Spinne selbst konnte die Nacht mit gutem Gewissen in Nagiboas Hütte verbringen als sein hochgeschätzter Gast. Natürlich hatte Nagiboa Panin die Versicherung erhalten, daß Nyankupon ihn für seine Dienste belohnen würde. Indessen stand Anansi noch immer vor zwei schweren Aufgaben: er mußte Nini – die große Pythonschlange – und Sebba – den Leoparden – zu Nyankupon führen. Er beschloß sich zuerst Nini vorzunehmen.

Am Morgen verabschiedete er sich herzlich von seinem Wirt und Beschützer, der ihn, um die Gastfreundschaft noch mehr zu festigen, reichlich mit Proviant für die weitere Fahrt versah. Ehe der schlaue Spinnenjüngling an die Stelle kam, die ihm als Aufenthaltsort der
Pythonschlange bekannt war, ruhte er eine Weile aus und verzehrte den Mundvorrat des Ameisenhäuptlings. Nachdem es ihm bei den Bienen so geglückt war, beschloß er, auch weiterhin dieselbe Taktik anzuwenden. Ehe er aufbrach, schnitzte er einen drei Meter langen und groben Pfahl, den er mitschleppte. Sobald Anansi den riesigen, sich ringelnden Leib der Pythonschlange im Laub gewahrte, begann er wie vor dem Bienendorf vor sich hin zu sprechen.

„Ich habe mich doch geirrt, sie kann nicht so lang sein wie der Pfahl“, murmelte er. „Vielleicht doch – sie ist doch so lang – ja, das ist sie – ich kann mich nicht getäuscht haben – sie muß so lang sein wie der Pfahl – ja, gewiß, Nini ist doch die gewalteste Schlange des Dschungels, die stattlichste, die schönste, die stärkste – zweifellos ist sie so lang wie der Pfahl.“ Ananis fuhr fort, bald so bald zu sprechen, ja und nein, bis Nini ihn bemerkte und sich zu erkennen gab.

„Was treibst du hier für ein Geschwätz?“ zischte die riesenhafte Schlange, sichtbar verärgert, weil man sie ihrem Halbschlaf gestört hatte. „Ich komme von Nyankupon Dorfs“, antwortete Anansi, „Und deinetwegen geriet ich in einen heftigen Streit mit den Leuten des Obergottes. Sie behaupteten, daß du kürzer als dieser Pfahl seist, und ich behauptete, daß du länger als der Pfahl seist.
Nini ist größer als jede andere Schlange im ganzen Dschungel sagte ich. Nun würde ich dich gern messen, damit ich jene Dummköpfe in Nyankupons Dorf überzeugen kann.“

Stolz streckte sich Nin in ihrer ganzen Länge aus, und Anansi legte den Pfahl neben die Pythonschlange. Um ein sicheres Maß zu erhalten, bat er den Pfahl an der Schlange festbinden zu dürfen, und die geschmeichelte Nini stimmte sogleich zu. Erst band Anansi mit einem kräftigen, aus Lianen verfertigten Seil das Schwanzteil der Schlange am Ende eines Pfahles fest, und dann ebenso fest den Kopf am anderen Ende des Pfahles. Sicherheitshalber schlang er noch um die Mitte ein Seil, und nun konnte Nini sich nicht rühren. Das fand die Riesenschlange unangenehm, und sie zischte Anansi an, augenblicklich die Fesseln zu lösen.

„Gern würde ich das tun“, beschwichtigte Anansi, „doch die Leute in Nyankuons Dorf werden nicht glauben, daß es so eine stattliche Schlange im Dschungel gibt, wenn du nicht selbst hinkommst, damit sie dich mit eigenen Augen sehen können.“ – „Natürlich kann ich mich zu Nyankupons Dorf aufmachen und den Dummköpfen dort zeigen. Löse nur die Fessel. Jetzt kann ich mich ja kaum rühren. Ich kenne den Weg.“ – „Nein“, antwortete Anansi, „ein so vornehmer und seltener Gast wie du muß seinen Einzug ins Dorf des Obergottes unter feierlicher Zeremonie halten. Du mußt getragen werden, damit alle deine Pracht und Größe bewundern können. Dir zu Ehren bereitet Nyankupon schon ein glänzendes Fest vor, mit hoch gespannten Erwartungen sehen die Gäste deinem festlichen Einzug entgegen.
Ich gehe jetzt, um dir einen Träger zu besorgen, der deiner Stellung als Ehrengast beim Gott der Götter entspricht.“

Damit mußte die gefangene nini sich abfinden, denn nun galt es für Anansi, Sebba den Löwen zu finden, den Nyankupon sich als Gegenleistung ausbedungen hatte für das von Anansi beauftragte Privileg, allen Märchen der Welt seinen Namen geben zu dürfen. Sebba war nicht schwer zu finden, denn seit alters wußte Anansi, wo der Leopard wohnte. Auf dem Wege dorthin spann Anansi ein kleines durchsichtiges Häutchen, das er über sein Gesicht breitete. Einige Steinwürfe von Sebbas Ruhelager entfernt befestigte er das Häutchen über seinen Augen. Dann setzte sich die listige Spinne auf den morschen Stamm eines umgestürzten Baumes und begann zu singen.
Erstaunt über den Gesang stand Sebba schlaftrunken auf und ging zu Anansi hinüber, der unberührt fortfuhr, zu singen.

„Was ist los? Warum sitzt du hier, und warum singst du?“ fragte der Leopard. „O Sebba – zwar höre ich deine wohllautende Stimme, doch ich sehe deine männliche schöne und kraftvolle Gestalt nicht“, begann Anansi schmeichelnd. „Mit diesem Häutchen vor meinen Augen kann ich dich nicht sehen, doch das Häutchen schenkte mir statt dessen die seltsame Gabe, wunderbare Erscheinungen zu schauen, wie kein anderer sie wahrnehmen kann – so herrliche Gesichte, daß ich vor Freude singen muß. Sacht ziehen die bilder in meinem Innern vorbei, eins schöner, wunderbarer als das andere….“ Jetzt war die Neugier des Leoparden geweckt. „Kannst du mich diese schönen Bilder auch sehen lassen?“ fragte er eifrig. „Spinne mir auch ein solches Häutchen, damit ich sehe, was du siehst.“
„Deine im ganzen Dorf berühmten goldglänzenden Augen sind allzu groß und scharfblickend für ein Häutchen dieser Art. Aber wenn du willst, kann ich deine Augenlieder zusammennähen und dir damit die wunderschönen Visionen eröffnen, die ich habe….Doch ich will dich warnen. Du würdest dich beim Nähen vor Schmerzen krümmen. Du würdest vor Schmerzen außer dir geraten.“

Flugs begann Anansi ein neues Lied zu singen, aber Sebba unterbrach ihn, wild vor Eifer und Neugierde – und vielleicht auch aus verletzter Eitelkeit. „Gewäsch!“ fauchte der Leopard.
„Schmerzen! Sollte ich nicht einige Stiche in meinen Augenlider aushalten können.“ Damit war die Sache abgemacht. Der Leopard bat noch mehrmals inständig, daß Anansi seine Augenlider zusammennähen möge, und als die Spinne ihn erneut gewarnt und Sebba das feierliche Versprechen abgenommen hatte, den Fortgang der Arbeit nicht unter den Schmerzen der ersten Stiche zu verhindern, zog Anansi einen Pfriem und einen starken Faden hervor. Mit dem Pfriem bohrte Anansi einige Löcher in Sebbas Augenlider, zog dann den Faden hindurch und knotete ihn zusammen. Wirklich ertrug der Leopard die schmerzhafte Behandlung – und dann konnte er nichts sehen! Jetzt nahm Anansi das Häutchen von seinen eigenen Augen, und nun konnte er Sebba führen, wohin er wollte. Der Leopard klagte zuweilen heftig über seine furchtbaren Schmerzen, aber vor allem war er mißgestimmt, weil er kein einziges der versprochenen schönen Bilder zu sehen bekam. Anansi beruhigte den Leoparden und versicherte, die Visionen würden sich einstellen, sobald der Wundschmerz nachlasse.
Manchmal sang er auch ein Lied und beshrieb seine eigenen vorgeblichen Visionen.

Nachdem sie ein paar Tage durch den Dschungel gewandert waren, begegnete Anansi und Sebba Asuno dem großen Elefanten, und das freute Anansi, denn zu Asuno wollte er. Als er den Gewaltigen kommen sah, begann er ein munteres Liedchen zu pfeifen. Asuno, der das Pfeifen offenbar nicht sehr schätzte, riß die Augen auf, ein jedes so groß wie das Tor zu Nyankupons Palast – und antwortete Anansis klägliches Pfeifen mit einem Trompeten, das die ganze Gegend erschütterte. Dann kam der Riese, vielleicht ein wenig neugierig, zu Anansis und Sebba heran.

„O du Mächtiger!“ begann die Spinne eine unterwegs entworfene Rede. „Nyankupon, der Gott der Götter, von dessen Dorf ich komme, hat trotz seiner Weisheit und Rechtschaffenheit einen schweren Irrtum begangen, der, wenn er bekannt würde, dich, deine Kraft und musikalische Begabung lächerlich machen müßte. Das zu verhindern bin ich hier, Asuno, gewaltiger Sohn der Wälder und des Flachlandes! In einem Gespräch mit meiner geringen Person behauptete Nyankupons, daß du nicht lauter trompeten kannst als ich pfeife, und daß deine Kräfte nicht ausreichen, Nini, die Pythonschlange, in sein Dorf tragen. Ich protestierte auf der Stelle und erklärte, daß das Trompeten des mächtigen Asuno im Dschungel lauter ist als jedermanns Pfiffe, und daß du Nini ebenso leicht zum Gott der Götter tragen kannst wie ich eine Tsetsefliege. Um Nyankupon zu beweisen, daß es mir Ernst sei, setze ich außerdem einen Preis aus: kannst du dem Obergott zeigen, daß ich Recht habe, bekommst du einen großen Tonkrug mit Bienen, die für dich Honig sammeln werden!
Hat Nyankupon Recht, erhält er den Krug.“

In verletztem Stolz schwang Asuno den Rüssel zum Himmel, ließ einen noch kräftigeren Trompetenstoß als vorher hören, beugte dann das eine Vorderbein und stieß seine Hauer in die Erde unter einem Baum, der auf einen Ruck mit Wurzeln und allem in die Luft flog.
„Ich will ihm zeigen! Ich will ihm zeigen!“ brüllte der Riese. „Wo ist die Schlange? Wo ist Nini? Ich kann zehn Pythonschlangen tragen! Hundert! Tausend!“

„Der Bienenkrug gehört dir, wenn du eine einzige zu Nyankupons Dorf bringst“, beschwichtigte Anansi. „Und Sebba wird dem Gott der Götter die schönsten Visionen aus malen, die ihm dort zuteil werden.“ So kamen Anansi, Asuno und Sebba miteinander an den Ort wo Nini lag. Asuno lief schon das Wasser im Munde zusammen, wenn er an den schönen Honig dachte, den die Bienen ihm sammeln würden, mit einem Zurückwerfen des Rüssels nahm er Nini spielend leicht auf seinen breiten Rücken, um die Wanderung zum Gott der Götter anzutreten.

Als die Sonne sich am nächsten Tag neigte, erreichte die wunderliche Gesellschaft Nyankupons Dorf. Morgens waren sie auf die Sklaven des Ameisenhäuptlings gestoßen, die mühsam den großen Bienenkrug heranschleppten. Zusammen erschienen sie nun auf dem Platz vor dem Palast. Schon beim ersten Anblick des Dorfes trompetete Asuno so herausfordernd wie wohl noch nie in seinem Leben. Die ganze Einwohnerschaft kam auf die Beine, die Krieger griffen zu den Waffen und die Trommeln wirbelten. Es entstand ein Lärm, dem man nur die frohe Ausgelassenheit im Rausch des Erntefestes gleichkam. Nini auf dem Elefantenrücken fühlte sich höchst geehrt von all der Aufmerksamkeit, die sie ausschließlich auf sich bezog. Nyankupon machte große Augen auf seinem Thron, als er Anansi kommen sah, an der Spitze einer Prozession, die nun von den lärmenden Dorfbewohnern umringt wurde, und er lobte den Erfindungsgeist des Spinnenjünglings. Auf Anansis Wunsch befreiten die Medizinmänner Sebba von den Fäden, die seine Augenlider verschlossen hielten, und der Leopard mußte zugeben, daß er Schöneres nie erblickt habe als Nyankupons Palast.

Nachdem das Stück Leder vom Tonkrug genommen war, fühlte sich Königin Opuna so geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die ihr der gewaltige Asuno fortgesetzt bezeigte, daß sie ihren Arbeiterinnen unverständlich befahl, dem Elefanten Honig zu sammeln.
Der Gott der Götter pries Asunos Stärke und den Klang seiner Trompetenstöße. Unter feierlichen Zeremonien verlieh er hernach Anansi das Privileg, für alle Zeiten den Märchen, die in der Welt der Schwarzen bei den Lagerfeuern erzählt werden, seinen Namen geben zu dürfen.

Letzten Endes war es dem alten Obergott sehr
angenehm, daß er nich länger mit seinem Namen geradezustehen brauchte für Anansis viele Streiche und Abenteuer, die sich wahrscheinlich nicht passend ausnehmen in Verbindung mit demjenigen, der Gott über alle Götter, Könige, Stammeshäuptlinge, Krieger, einfache Jäger und alle Tiere im Dschungel ist.
In seiner Freude lud Nyankupon nun alle zu einem Fest ein, das drei Tage und drei Nächte dauerte. Während ensa – der Palmwein – und doka – doka – der starke Bambuswein – floß, raunten die Geschichten Abend für Abend bei allen Lagerfeuern, Anansi Sem, Anansi Sem. Und der beliebsteste Erzähler war Anansie, die
kluge Spinne.

 
Quelle:  Anansi Sem, Spindelsagor fran Goldkusten