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Märchenbasar

Das andere Land

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Wieder war es Winter geworden. Diesmal einer mit viel Schnee, so wie es früher einmal gewesen war, früher, in den sagenhaften Zeiten, von welchen die Eltern und Grosseltern immer sprachen wie von einem längstversunkenen Paradies.

Aber seltsam, jetzt murrten die Erwachsenen über verschneite Autos, matschige Gehsteige und hohe Heizkosten, und die Älteren zwickte die Kälte gewaltig in den rheumatischen Gelenken. Die Kinder aber betrachteten den Schnee als ihr eigentliches, wahres Weihnachtsgeschenk, eines, das ihnen buchstäblich vom Himmel gesandt worden war.

Seppi, gerade eben sieben Jahre alt geworden und seine jüngere Schwester Anna hatten zwei grosse Plastikschüsseln zum Rutschen unter dem Weihnachtsbaum gefunden. Anna meinte, das Christkind habe sich vorher mit der Frau Holle genau abgesprochen, damit für die Rodeln auch genügend Schnee vorhanden sein würde. Sie war sehr zufrieden mit den Beiden. Und nun waren alle Kinder des Dorfes hinten, beim Hüterbergl versammelt und rodelten und rutschten, dass es eine Freude war. Auf dem Hüterbergl gab es ein kleines Wäldchen aus Kiefern, Birken und einigen, wenigen, uralten Eichen, so alt, dass sich keiner mehr erinnerte, sie jemals anders als riesengross gesehen zu haben, auch nicht die Grossmütter und Grossväter, nicht einmal mehr die Urgrossmütter und Urgrossväter. Und die waren doch auch wirklich uralt, oder? Manche Kinder behaupteten hinter vorgehaltener Hand, beim Hüterbergwäldchen gehe es nicht mit rechten Dingen zu, es spuke, sagten sie. Anna wunderte sich sehr, sie sah überhaupt keine Spucke, nirgendwo. Aber Seppi, ganz kluger älterer Bruder, erklärte, das sei eben Geisterspucke, und die könne man nicht sehen. Diese Erklärung fand Anna nicht wirklich zufriedenstellend, aber mit Geistern kannte sie sich nicht aus. Sie nahm sich insgeheim vor, die Grossmutter darüber zu befragen.

Die Buben konnten noch immer nicht genug kriegen vom Auf und Ab auf dem kleinen Hügel. Anna aber wollte schon heim, sie fror gottserbärmlich. Sie nahm ihre Rodelschüssel unter den Arm und stapfte auf ihr naheliegendes Haus zu. Da sah sie, zu ihren Füssen im Schnee einige kleine, braune Becherchen liegen. Sie wusste, das waren Eichelbecher, die Fruchthüllen der Eicheln. Im Herbst war sie einmal hiergewesen, und da hatten mindestens hundert Millionen davon im Gras gelegen. Damals hatte sie nur ganz viele Eicheln gesammelt, für den Kindergarten. Dort wollte sie mit Hilfe ihrer Kindergärtnerin einen Eicheltier – Zoo basteln. Aber heute, heute schienen die kleinen Becherchen genau richtig als Hüte für ihre Playmobil – Männchen, vielleicht auch als Teetassen für ihre Barbiepuppe? Schnell sammelte Anna alle Becherchen ein und steckte sie in den Sack ihres Schneeanzugs. Dabei stülpte sich ein Eichelbecherchen wie von selbst über ihren Mittelfinger. Er passte genau, wie der rote Fingerhut, den Mama immer zum Nähen über ihren Finger stülpte.

Aber der war Anna viel zu gross. Jetzt hatte sie auch einen, einen eigenen Fingerhut!

So, jetzt war es aber wirklich höchste Zeit, heimzugehen. Aber, was war das? Anna konnte das Haus nicht mehr sehen. Aber, es war doch genau da vorne, gleich neben dem Rodelhügel, sonst hätte Mama sie nicht alleine herkommen lassen! Hier aber waren überhaupt keine Häuser, kein einziges mehr. Das war doch unmöglich, ein ganzes Dorf konnte doch nicht von einem Augenblick auf den anderen verschwinden! Und überhaupt, wo war denn der ganze Schnee plötzlich hingekommen? Die Eichen trugen mit einem Mal üppiges, grünes Laub, das Gras war grün, die Vögel sangen, und nirgends war etwas von Seppi und seinen Freunden zu sehen. Anna fürchtete sich sehr. Es stimmte also doch, das mit der Geisterspucke! Und nun war sie hier, ganz allein, in dieser fremden Umgebung, ganz ohne Seppi, ganz ohne Mama und Papa, ganz ohne Grossmutter und Grossvater, ganz alleine! Da kam ganz aus heiterem Himmel ein kalter Wind auf und blies das grüne Laub mit einem Hui von den Eichen. Es wurde fast ganz finster. Überall schienen glitzernde Augen aus dem Geäst zu funkeln. Ja, sie beobachteten sie. Sicher würden gleich irgendwelche Ungeheuer hervorstürzen, und die würden sie sicherlich auffressen oder irgendwas ganz Fürchterliches mit ihr anstellen! Anna kauerte sich zusammen, ganz klein, und dann begann sie vor Angst zu weinen.

„Mama, komm, bitte, komm‘ und hol‘ mich! Maaaammmaaaa!“

„Rinsel – pinsel, was für ein Gewinsel“, sagte da ein da ein zartes, feines Stimmchen neben Anna.

Die hob erstaunt den Kopf und vergass vor lauter Überraschung ganz aufs Weinen. Sie blickte direkt in grosse, goldglänzende Augen. Die Augen waren fast das Grösste in dem kleinen, zarten Gesichtchen. Das gehörte einem winzigen Kerlchen mit spitzen Ohren und einem grünen Gewand, das Anna gerade eben bis zu den Schultern reichte, und Anna konnte nicht gerade als grossgewachsen bezeichnet werden. In ihrer Kindergartengruppe gehörte sie zu den Kleinen, obwohl sie schon fünf Jahre alt war und nächstes Jahr in die Schule gehen sollte.

„Du schnell aufhören mit Gewinsel, du nicht mehr Angst, du binse wieder froh!“

„Wer bist du, und wo bin ich hier, und wieso redest du so komisch?“ fragte Anna verwundert.

„Ich nix sprichse komisch, ich sprichse Wichtelsprich. Ich binse Ilberich. Du binse in Wichtelland, daheim bei mich. Und bitte nicht mehr winsel, bitt, bitt.“

Das hörte sich so komisch an, dass Anna für einen Moment ganz auf ihre Angst vergass und lauthals herauslachte. Gleich darauf schämte sie sich. Sie wollte das kleine Kerlchen nicht kränken. Mama sagte immer, jemanden auszulachen, sei ganz schlimm und ausserdem dumm. Aber sie fürchtete sich jedenfalls nicht mehr, das war schon etwas. Und sie bemerkte gleich darauf wieder eine Veränderung. Es war wieder hell, und an den Bäumen spross zartes, grünes Laub. Was, zum Donnerdrummel, ging hier eigentlich vor? Ilberich nahm Anna an der Hand und führte sie zu dem kleinen Hügel, der genauso aussah, wie das Hüterbergl zuhause. Er steckte zwei Finger in den Mund und tat einen lauten Pfiff. Daraufhin öffnete sich ein kleines Türchen. Seltsam, es war vorher sicher noch nicht dagewesen, das hätte Anna beschwören können! Es musste eine Behausung sein. Und so war es auch. Aus der Türe trat eine rundliche Frau. Sie trug ein Kleid im gleichen Grün wie das Gewand von Ilmerich, und sie war ebenso klein wie er. Freundlich lächelnd bat sie Anna in ihr Haus. Sowas! Das war ja allerliebst! Hier drinnen standen kleine Bänke, mit Moos weich gepolstert, ein winziger Tisch, der war fein gedeckt mit allerlei Speisen, die Anna sehr fremd vorkamen. Die Frau klatschte in die Hände. Da kamen fünf Wichtelkinder zur Tür herein. Sie kicherten und zupften neugierig an Annas Gewand, bis sie von ihrer Mutter freundlich aber bestimmt zur Ordnung gerufen wurden.

„Kinder, sagse guten Tag zu unsere Gast und benimmse euch!“

Jedes der Kinder machte eine tiefe Verbeugung vor Anna und stellte sich vor:
Alberich, Elberich, Olberich, das waren die Knaben und Albera und Elbera die beiden Mädchen.

Dann ging’s zu Tisch. Die fremden Speisen schmeckten wunderbar, machten satt und warm….und anscheinend fröhlich, denn die Wichtelfamilie holte allerliebste kleine Instrumente hervor und begann lustige Tanzweisen zu spielen, die Anna Lust zum Tanzen und Springen machten.

Mit einem Mal aber erstarb die Musik. Es wurde dunkel und bitter kalt im Raum. Die Wichtel hüllten sich und ihren Gast in warme Decken und entzündeten Kerzen und ein Feuer im Kamin. Alle drängten sich ängstlich zusammen. Draussen heulte der Sturm wie ein wildgewordener Drache. Was in aller Welt war das denn nur, so von einem Augenblick zum anderen? Das war ja furchterregend!

Mama Wichtel nickte verständnisvoll:

„Isse ganz often, Wichtel kennse das schon. Kommse aus Riesenland.“

Auf Annas fragenden Blick reichte sie dem Mädchen ein Holzstück mit einem Astloch und hiess es durchsehen. Aber……was…..was war das? Das konnte doch nicht sein! Anna blickte direkt in ihre Wohnstube daheim. Da sassen ihre Eltern und die Grosseltern. Alle vier schienen sehr ungehalten zu sein. Vater schimpfte mit Seppi:

„Wo ist deine kleine Schwester? Du solltest doch auf sie Acht geben! Kann man sich denn gar nicht auf dich verlassen?“

„Oh je“, rief Anna voller Schrecken aus, „ich hab‘ ganz vergessen auf daheim, die machen sich jetzt schon Sorgen um mich. Und dabei kann der Seppi ja gar nichts dafür! Ich muss schnell wieder nachhause!“

Alle Wichtel sahen Anna erwartungsvoll an. Was wollten sie nur von ihr? Dann sagte Ilberich, der Wichtelvater ernst:

„Du binse aus Riesenland. Riesenland isse gleich neben Wichtelland, ganz nah. Riesen machse Wetter in Wichtelland. Wennse Riesen böse oder traurig, wennse Riesen streit, dannse Wetter in Wichtelland kalt und dunkel, duse wiss?“

So war das also! Wer hätte so etwas gedacht! Unglaublich!

„Wirse haben hergeholt dichse, duse muss wissen, was Riesen mach mit Wichtelland, wenn böse sind.“

Das war ja eine schöne Bescherung. Sie, die Menschen waren zuständig für das Wetter im Wichtelreich! Anna musste das sofort daheim erzählen. Aber, würden sie ihr das glauben? Würden sie nicht sagen: ach, du hast zuviel Phantasie! Ja, gewiss, das würden sie, das sagten sie oft. Trotzdem. Sie musste es zumindest versuchen. Das war sie ihren neuen Freunden einfach schuldig.

Wie Anna wieder nachhause kam? Sie zog einfach den Eichelbecher wieder vom Finger, und da war sie.

Quelle:
(Margarete Lassi vulgo Morgane)

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