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Märchenbasar

Sternsplitter

Schliesst die Augen und reist mit mir in eine Welt jenseits von Tag und Betriebsamkeit, weit, weit weg von allem, was sich so wichtig dünkt: Ansehen, Leistung, Geld und was der unabdingbaren Dinge mehr sind. Es ist das Reich von Nacht und Traum. Nichts ist dort feststehend. Ein Ding kann sich in ein anderes verwandeln im Bruchteil einer Sekunde, was sage ich? Sekunden, Minuten, Stunden, das sind dort Fremdworte, nicht von Bedeutung. Ewigkeiten dauern dort einen Lidschlag, und Universen haben in einem Fingerhut Platz. Ein Narr kann dort ein Weiser, ein Bettler König und ein Krüppel strahlend vor körperlicher Unversehrtheit sein. Wo, fragt Ihr mich, ist denn dieses Wunderland, und wie, bitte, komme ich dorthin? Wie, frage ich euch, kennt ihr eure Heimat denn nicht, von der ihr einst auszogt, um ein Abenteuer namens Welt zu bestehen, und die ihr doch in Wahrheit niemals verlassen habt? Folgt mir also zum Tor ohne Schlüssel! Es öffnet sich nur dem, der bereit ist, allen Tand zurückzulassen. Einzig der strahlende Stern auf der Stirn des Eintretenden ist erlaubt und erwünscht…………aber, ich will nicht vorgreifen……..Tretet nun ein…..

Nun also……das Tor brauchen wir jetzt wirklich nicht mehr…….schon ist es verschwunden. Alles ist dunkel. Ist hier Nacht? Nun vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wartet das Dunkel auf unsere Wünsche, um sich zu wandeln in……was auch immer wir wollen. Also lassen wir es etwas heller werden…ja, schon besser. Oh! Seht ihr es auch? Da sitzt doch jemand, eine dunkle, üppige, weiche Gestalt, auf einem grossen Stein, wie es scheint. Ganz ruhig, unbeweglich und doch, da ist Bewegung, in ihr, um sie herum, eigentlich eine eigenartig, intensive Atmosphäre, Wellen, die von ihr ausgehen und sich zu Klang verdichten. Wer das ist? Kennt ihr nicht die Uralte Morg, Mutter der Universen, Gebärerin der Schöpfung?

So also sieht sie aus, wer hätte das gedacht? Aber nein, diese Gestalt haben wir ihr gegeben, für diese Geschichte. Ihr wisst doch, hier gelten die Gesetze des Traums!

Still und versunken sitzt sie auf dem Stein, die Augen geschlossen, in tiefer Kontemplation, versunken in ein Werk, das ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert. Es ist ihr eigentliches Werk, sie bringt Alles Was Ist hervor. Was? Jedes Staubkorn, jede Zelle, jeden Stein, jede Blume, alles? Ja und nein.

Aber, was ist das? Etwas Leuchtendes, Pulsierendes, wie ein riesiger, strahlender Stern erscheint da plötzlich wie aus dem Nichts geboren. Und in dem leuchtenden Gebilde Gestalten, nicht fest, sich immer wieder wandelnd, wie im Werden begriffen. Hier beginnt die Geschichte erst wirklich.

Wir sind am Anfang aller Zeiten, der eigentlich gerade jetzt ist, denn hier…….wir wissen es schon, hat Zeit keine Bedeutung.

Die uralte Morg hatte gerade ein wunderschönes Sternenkind geboren, strahlend, leuchtend, und sie begrüsste es mit einem Lied, einem Sternenlied. Das neue Wesen war sich seiner selbst noch nicht ganz gewiss. So viele Möglichkeiten, so viele Wege, aber welcher sollte gegangen werden? “Mein Kind”, sprach die Morg zärtlich, “nicht so ungeduldig, du hast so viel Zeit vor dir, ja, alle Zeit der Welt!” “Zeit, was ist das? Ich will sofort wissen, was das ist, jetzt und gleich!” “Aber natürlich”, erwiderte die Mutter. Und es entstand Anfang und Ende, Vorher und Nachher, Weg und Ziel. ” Oh,” sprach das Kind atemlos, jetzt muss ich mich aber beeilen! Womit beginne ich jetzt?” Auf einmal schienen so viele Wege gleichermassen einladend. Sie lockten alle zugleich und riefen: geh’ mich! Nein mich! Mich! Mich! Mich! Laufe, fliege, krieche, schlängle dich oder schwimme! Nein, sei riesengross, winzigklein, schnell, langsam, schwer, leicht….aber sei! Das Ergebnis war eine fürchterliche Verwirrung. Das Kind, das Wesen aus ungezählten Möglichkeiten war nun der Zeit unterworfen, und das bedeutete, nur eines nach dem anderen erleben zu können. Aber dazu war es viel zu ungeduldig! “Mutter!” rief es verzweifelt, “hilf mir, was soll ich denn nun tun?” wieder lächelte die Alte Morg unergründlich. Dann eine Bewegung ihres Armes……….und da waren zwei aus dem Einen geworden. “Jetzt könnt ihr zwei verschiedene Wege zur gleichen Zeit gehen”, meinte sie gütig. “Aber, bin ich jetzt noch……ich?” fragten die beiden entsetzt. “Das müsst ihr selbst herausfinden, und nun geht!”

Bald darauf waren die Beiden auf dem Weg ihrer Wahl. Sie wünschten und es wurde. Sie waren so vertieft in ihr aufregendes Abenteuer!

Bald aber begann das gleiche Dilemma wieder von vorne. Immer noch waren da so viele Wege, und immer noch konnten nur zwei auf einmal gegangen werden. Die zwei Wesen barsten fast vor Erlebnishunger. Alles ging so schrecklich langsam, langweilig! So kehrten sie zurück zur Alten Morg und klagten ihr ihr Leid. Die wiegte sinnend den Kopf, lange, lange. dann sprach sie ernst: ” Ich glaube, ich kann euch helfen…….ja, es ist die einzige Lösung. Sie hob ihren Arm. Als sie ihn wieder sinken liess, zersprangen die beiden Sterne in ungezählte Sternsplitter. Sie flogen in alle Windrichtungen, in alle Zeiten. Sie verteilten sich buchstäblich überall, formten Welten, bildeten Universen. Gestalten von ungeheurer Vielfalt entstanden, grosse, kleine, behaarte, glatte, flinke, bedächtige, ja, alles, was nur in irgend einer Weise vorstellbar ist, wurde Wirklichkeit. Pflanzen, Tiere, Steine……Menschen. Kaum waren sie entstanden, waren sie auch schon unterwegs auf all ihren verschiedenen Wegen.

Sie führten in verschiedene Welten, in verschiedene Zeiten, und immer taten sich wieder neue auf. Die Tiere und Pflanzen behielten immer ihre Herkunft in Erinnerung, die Splitter des Sterns aber, die sich als Menschen erkannten, begannen bald, sich als einzigen Zweck des ganzen Spektakels zu sehen.

Wohl leuchtete auf der Stirn eines Jeden immer der strahlende Stern, aber irgendetwas musste mit den Augen der Menschen passiert sein. Die allerwenigsten schienen ihn nämlich zu sehen!

Nur manchmal, oder vielleicht öfter, als ihr denkt, passierte etwas:

Die Alte Morg hatte nämlich in ihrer grenzenlosen Weisheit ihr Lied im Herzen des Sternenkindes vergraben, für den Fall der Fälle. Nun, nach seiner Aufsplitterung in ungezählte Einzelwesen aber besass jedes von ihnen nur mehr ein winziges Bruchstück davon, einen einzigen Ton, der jedoch das ganze Lied in sich barg.

Jeder Mensch erklang nun in einem, nur ihm allein zugehörigen Ton, der aus ihm hervordrang und ihn umgab wie eine schimmernde Hülle, ein Sternenton.

Manche Menschen hörten den Ton in ihrem Herzen und setzten ihn in Musik um. Aus ihnen wurden Musiker und Komponisten.

Manchen Menschen erschien er wie leuchtende Farben und Formen. Aus ihnen wurden Maler und Bildhauer.

Manchen wurde er zu wirbelnder Bewegung. Das waren die Tänzer.

Vielen aber erschien er in grünenden Pflanzen, und sie behüteten und pflegten, was alle Anderen ernährte. Sie wurden Bauern und Gärtner.

Manche aber erkannten, wenn der Ton im Herzen eines Menschen verstimmt war, sodass Freudlosigkeit und Leiden daraus erwuchs. Das waren die Heiler.

Dann gab es da noch die Bauleute, die Lehrer, die Dichter, die Händler. Viele aber, und das ist sehr schade, hörten nicht mehr auf ihren Sternenton, oder setzten ihn um in das Klingeln von Münzen, das Rascheln von Geldscheinen oder Klirren von Waffen. Hier hatten die Heiler dann wieder viel zu tun und waren meistens damit sehr überfordert.

Manche aber waren all Dies und doch etwas ganz Anderes. Ihnen war es gegeben, auch manch anderen Ton als nur ihren eigenen zu vernehmen, und sie machten sich ihren eigenen Reim darauf. Sie stellten Vergleiche an, untersuchten Ähnlichkeiten, begannen mit den Tönen zu spielen, zu experimentieren.

Sie erkannten, dass es tiefe Zusammenhänge geben musste. Die stiessen auf Ähnlichkeiten, Gleichklänge, ja Harmonien, aber auch auf Dissonanzen.

Sie waren Magier.

Mancher von ihnen traf im Laufe eines Erdenlebens auch auf einen oder mehrere Menschen, die im gleichen Ton mit ihm klangen, Sternengeschwister! Welch ein wunderbares Wiedererkennen, wie Heimfinden nach langer Wanderschaft! Endlich Zugehörigkeit, endlich Verstehen, endlich nicht mehr alleine unter Fremden!

Wir aber, wir durch das Tor ohne Schlüssel Getretenen, erkennen nun die tiefe Weisheit und Liebe der Mutter. In weiser Voraussicht hatte sie geahnt, wie einsam sich die Menschen manchmal fühlen würden, wenn sie, jeder auf seinem eigenen Weg, vergessen würden, woher sie einst ausgezogen waren. Deshalb hatte sie, der es ja ohne Mühe möglich gewesen war, Töne ohne Zahl hervorzubringen, Menschengruppen mit den gleichen Tönen ausgestattet, Sternenfamilien!

Um aber nicht wieder erneut Abgrenzung und Einsamkeit zu erschaffen, erstrecken sich die Sternfamilien über alle Gruppen, quer durch alle Schichten, durch alle Geschlechter.

Aber nun weiter in unserer Geschichte. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei den Magiern, Hexen, Schamanen, Weisen Frauen und Männern, den Sterndeutern! Bei denen, die auf ihrem Weg durch die Zeiten, dabei waren, das Lied der Mutter wiederzufinden!

Den Schamanen, den ältesten unter ihnen, erklang der mütterliche Herzschlag aus ihren Trommelschlägen, wenn sie ins Unten reisten oder ins Oben, aber eigentlich immer ins Innen.

Die Hexen sangen Fragmente des alten Liedes als Zaubergesänge, wenn sie mit Hilfe ihrer geliebten Geschwister, der Kräuter, nahe ans Reich der Alten Morg gelangten.

Die Weisen Frauen und Männer halfen ihren Brüdern und Schwestern, dem Wiederhall des Liedes in ihrem Inneren nachzuspüren.

Die Sterndeuter aber verfolgten die bedeutungsvollen Lichter am Firmament. Sie waren oftmals nahe daran, hinter die Kulissen des Geheimnisses zu blicken. Jedenfalls aber erkannten sie die Splitter des einstigen, riesigen Sternenkindes, dem alles Seiende einst entsprungen war. Sie waren es auch, die als erste die versprengten Teile des Sternes des ewigen Bewusstseins auf den Stirnen der Menschen entdeckten. Sie erkannten auch Abbilder unserer Geschwister, der Tiere, am Firmament, gleich neben den Göttinnen und Helden.

So spricht die Alte Morg, und so wird es sein:

“Sie, die Magier, die Weisen, die Hexen, Zauberer, Sterndeuter, auf all ihren Wegen durch Zeit und Raum; sie halten ihren Weggenossen den magischen Spiegel vor die fast erblindeten Augen, damit sie endlich erkennen, was sie sind.

Ihr aber, Alexandra und Sylvia, meine Töchter, ihr tragt den gleichen Ton im Herzen, und die Fragmente eures Sternes passen genau ineinander, wie Teile eines kosmischen Puzzlespieles. Deshalb werdet ihr gemeinsam, jede in der ihr eigenen Weise an der Aufgabe arbeiten, anderen Menschen diese Wahrheit in Erinnerung zu rufen:

Alle Wesen sind Sternengeschwister, meine Kinder, Kinder der Alten, Ewig Jungen Mutter, geboren aus meiner unendlichen Liebe, ausgestattet mit meinem strahlenden Licht, erfüllt von meinem herzbewegenden Gesang, der Alles Was Ist hervorbringt. Eines Tages werdet Ihr gemeinsam in den Grossen Gesang einstimmen und alle unzähligen Wege als einen einzigen grossen erkennen, der zurückführt in meine mütterlichen Arme.

Quelle:
(Margarete Lassi vulgo Morgane)

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