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Märchenbasar

Das Märchen von Adetola, der schönen Königstochter

Es lebte einmal ein König, der hatte eine wunderhübsche Tochter, die hieß Adetola. Als das Mädchen sechzehn Jahre alt war, ließ es der König zu sich kommen und sagte: „Adetola, mein liebes Kind, du bist nun in dem Alter, in dem ein Mädchen heiraten soll. Ich bin deshalb entschlossen, dir unter den vielen Jünglingen unseres Volkes einen Mann zu suchen.“ „Ich möchte schon gerne heiraten, Vater“, erwiderte die Prinzessin und lächelte: „doch nur unter einer Bedingung: ich will die Gewißheit haben, daß mein zukünftiger Gemahl mich auch wirklich liebt.“ „Niemand kann dem anderen ins Herz schauen, Adetola! Aber sei beruhigt, mein Kind, vertraue nur auf deinen alten Vater. Er wird dir einen Mann suchen, der dich nicht nur deiner Schönheit und deines Reichtums wegen heiratet, sondern weil er dich von Herzen liebt. Noch heute will ich in meinem Reich bekannt geben lassen, daß ich meine Tochter zu vermählen gedenke.“ Die Kunde von der bevorstehenden Hochzeit der Königstochter breitete sich wie ein Lauffeuer im Königreich aus. Schon in aller Frühe erschienen am nächsten Tag die ersten Freier vor den Toren des königlichen Palastes und begehrten Einlaß. Gegen Mittag glich der große Innenhof einem Heerlager – so viele Jünglinge waren von nah und fern herbeigeeilt. Die reichsten von ihnen waren mit Dienern und Sklaven erschienen und hatten kostbare Geschenke mitgebracht, mit denen sie um die Gunst der schönen Königstochter werben wollten. Doch Adetola ließ lange auf sich warten. Erst als sich die Sonne anschickte, am westlichen Horizont zu verschwinden, erschien sie an der Hand ihres stolzen Vaters in dem prunkvoll geschmückten Innenhof, in dessen Mitte zwei Thronsessel aufgebaut waren, auf denen sich König und Prinzessin niederließen. Ihnen zur Seite saß der Thronrat. Unter dem Jubel der Freier verkündete der König nun, daß er gewillt sei, seine Tochter mit dem edelsten Jüngling des Landes zu vermählen. Als sich der Jubel ein wenig gelegt hatte, trat als erster Freier ein junger Mann in einer golddurchwirkten Agbada vor den König. Mit einer tiefen Verbeugung überreichte er der Prinzessin kostbare Geschenke, die Adetola glücklich lächelnd entgegennahm. Als er das letzte Geschenk übergeben hatte, machte er wieder eine tiefe Verbeugung und sagte: „Dies alles gab dir Bola, den man den reichsten Jüngling des Landes nennt und der dich von Herzen liebt!“ Adetola dankte dem jungen Mann für die vielen schönen Dinge und wandte sich dem nächsten zu, der ihr ebenfalls viele Kostbarkeiten überreichte. Es dauerte nicht lange, da türmten sich neben dem Thron der schönen Königstochter die prächtigsten Gewänder, wertvolle Schmuckstücke aus Gold und Edelsteinen und mancherlei Zierrat. Adetola betrachtete mit kindlicher Freude den Berg von Geschenken, über den sie so glücklich war, daß sie bald ganz vergaß, weshalb man ihr diese Huldigungen erwies. Aus ihrer traumhaften Verzückung wachte sie erst auf, als gegen Mitternacht der letzte Jüngling vor ihr stand. Dieser junge Mann hieß Ope und kam aus einem entlegenen Dorfe. Zufällig hatte er sich am Tage der Bekanntmachung der königlichen Botschaft in der Hauptstadt aufgehalten; und weil ihm von jedermann die Schönheit der Königstochter gepriesen worden war, hatte er sich von seinen letzten Ersparnissen eine weiße Agbada gekauft und war in den königlichen Palast geeilt. Als Geschenk trug er drei goldene Armringe bei sich, die ihm seine Mutter vor vielen Jahren auf dem Sterbebett übergeben hatte. Beim Anblick der hübschen Adetola geriet er in eine solche Verwirrung, daß ihm die Armringe aus den Fingern glitten und der Königstochter vor die Füße fielen. Erschrocken über seine Ungeschicklichkeit bückte er sich schnell und hob die glitzernden Ringe auf. Mit zitternden Händen überreichte er sie der huldvoll lächelnden Prinzessin und sagte: „Nimm dieses bescheidene Geschenk von einem Mann, der zu den Ärmsten deiner Untertanen gehört und der sich bereits glücklich schätzt, dich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Die drei Ringe bedeuten Liebe, Freude und Leben!“ Die Königstochter freute sich über den bescheidenen armen Jüngling und dankte ihm mit liebevollen Worten für sein Geschenk. Während der letzte Freier sich in die Menge zurückzog, erhob sich der König von seinem Thron und sagte zu den gespannt wartenden Jünglingen:
“Ich danke euch, meine lieben Söhne, daß ihr von nah und fern herbeigeeilt seid, um meiner Tochter die Ehre zu erweisen. Ihr seht selbst, wie glücklich sie ist über die Woge der Liebe, die ihr heute entgegenschlug. Doch es ist schon tiefe Nacht, und ihr wißt alle, daß euer König in der Nacht keine Entscheidungen fällt. Ich werde euch morgen im Licht der strahlenden Sonne meinen Entschluß verkünden. Denn Adetola soll keine Königin der Finsternis, sie soll eine Königin des Lichts, der Wärme und der Güte werden.“
Als der König geendet hatte, huldigten die Freier der Prinzessin mit dem Ruf: „Es lebe Adetola, unsere Sonnenkönigin!“

Als der Vater mit seiner Tochter endlich allein war, fragte er sie: „Nun, mein Kind, welcher Mann hat dir am besten gefallen?“ „Ach“, seufzte Adetola, „meine Sinne sind völlig verwirrt. Wie soll ich denn wissen, welcher von den vielen mich wirklich liebt?“ „Sei ohne Sorge, mein Kind! Dein Vater wird dir die schwere Entscheidung abnehmen. Noch ehe der morgige Tag zur Neige geht, werde ich dich mit einem Manne vermählen, von dem ich überzeugt bin, daß er dich nicht nur deines Reichtums wegen heiraten will“; und bei diesen Worten dachte der König: „Meine Tochter soll Bola, den reichsten Jüngling des Landes heiraten.“ Adetola aber sank nach diesem langen Tag sofort in einen tiefen Schlaf. Während in den Innenhöfen die letzten Feuer erloschen und sich die Freier zur Ruhe begaben, hatte Adetola einen seltsamen Traum. Ihre vor vielen Jahren verstorbene Mutter erschien ihr und sagte: „Ich will dir einen guten Rat geben, mein Kind. Sage deinem Vater, er soll verkünden lassen, du seiest in der Nacht gestorben. An dem Verhalten der Jünglinge wird er erkennen, welcher dich wirklich liebt.“ Als Adetola am Morgen erwachte, fiel ihr der Traum wieder ein. Sie kleidete sich rasch an und eilte zu ihrem Vater, dem sie von ihrem Traum erzählte. Der König wurde sehr nachdenklich und sagte schließlich: „Wir dürfen diesen Wink aus der anderen Welt nicht unbeachtet lassen. Wir sollten deshalb den Rat deiner verstorbenen Mutter befolgen!“ So geschah es dann auch. Während Adetola in ihr Schlafgemach zurückkehrte, legte der König Trauerkleider an und begab sich in den großen Innenhof, wo sich die Freier bereits eingefunden hatten. Beim Anblick des Königs verstummte ihr fröhliches Lachen, denn aus den traurigen Augen des Königs konnte jedermann lesen, daß etwas Furchtbares geschehen sein mußte. Doch niemand wagte, den König nach dem Grund seiner Trauer zu fragen. Und jedermann erschrak, als der König den von bösen Vorahnungen erfüllten Männer zurief: „Adetola ist tot! Sie ist heute Nacht verstorben!“ Bei diesen Worten ging ein ungläubiges Raunen durch die Menge. „Adetola – tot?“ Bevor die Freier den Sinn dieser Worte noch recht verstanden hatten, rief der König noch einmal mit schmerzerfüllter Stimme: „Adetola ist tot! Begreift es, sie ist tot!“ Nun erst kam den Jünglingen das Unfaßbare zu Bewußtsein. „Aus, vorbei, kein Hochzeitsfest, aus der Traum einmal König zu werden…“, dachten sie. Als sich das erste Entsetzen über die unfaßbare Nachricht ein wenig gelegt hatte, stellten sich die Jünglinge in der gleichen Reihenfolge auf, in der sie sich um die Prinzessin geworben hatten. Als erster reichte Bola, der reichste Jüngling des Landes, dem trauernden Vater die Hand. „Es ist unfaßbar, daß Adetola, die wir alle liebten, nicht mehr lebt. Noch gestern brachten wir unsere Brautgeschenke dar, und heute ist sie im Reich der Toten. Doch das Leben geht weiter. Darum erlaubt mir nur diese bescheidene Bitte: Da Adetola nun tot ist und ich sie nicht mehr heiraten kann, wäre ich dankbar, wenn ich meine kostbaren Brautgeschenke zurückerhalten könnte. Sie haben meinem Vater ein Vermögen gekostet. Und ihr werdet diese Dinge gewiß nicht brauchen können.“ Jetzt erkannte der König den wahren Charakter jenes Mannes, den er zum Gemahl seiner Tochter auserwählt hatte. „Dieser Geizhals“, dachte er voller Abscheu, während er seinen Dienern den Auftrag erteilte, sofort alle Brautgeschenke der Prinzessin herbeizuschaffen. „Euer König will sich nicht an den Gaben bereichern, die seiner Tochter zugedacht waren. Nehmt zurück, was ihr in Liebe geschenkt habt!“ Kaum hatten die Diener die vielen Geschenke herbeigeschafft, da stürzten sich die Jünglinge wie Aasgeier auf den Berg von Gold und Edelsteinen. Und es dauerte nicht lange, da gerieten sich einige in die Haare. Weil jeder fürchtete, der andere könne ihm sein kostbares Geschenk fortnehmen, sah plötzlich jeder in jedem den Feind.

Nur der arme Jüngling stand abseits und beteiligte sich nicht an dem schamlosen Treiben. Der König sah es, erhob sich von seinem Thron und ging langsam zu ihm: „Sage mir, mein Sohn, warum suchst du nicht dein Geschenk wie all die anderen Jünglinge?” fragte er den in Gedanken versunkenen jungen Mann, der bei diesen Worten heftig erschrak. Als er endlich seine Fassung wiedergefunden hatte, sagte er traurig: „Ach, wie könnte ich etwas zurücknehmen, was ich gestern dem liebsten Wesen geschenkt habe, das je unter der Sonne lebte. Obwohl ich der Ärmste von allen bin, die sich hier versammelt haben und mein Geschenk für mich ein kleines Vermögen bedeutet, kann ich es dennoch nicht zurücknehmen. Es wäre ein Verbrechen an Adetola, die ich von Herzen liebe. Drum habe ich nur eine Bitte: Ich wäre glücklich, wenn Adetola die drei Armringe, welche Liebe, Freude und Leben bedeuten, im Reich der Toten trüge.“ „Sie soll sie tragen, die drei Armringe, mein Sohn“, rief der König voller Freude und zerriß sein Trauergewand. „Adetola soll deine Ringe im Leben tragen, meine Tochter ist nicht tot. Sie lebt! Und du, mein Sohn, wirst sie heiraten!“ „Adetola lebt“, flüsterte der arme Jüngling. „Adetola lebt! Sie lebt! Ich Glücklicher!“ Während die übrigen Freier glaubten, der König habe über den Tod der Tochter den Verstand verloren, erteilte der glückliche Vater einem seiner Diener den Auftrag, er möge Adetola herbeiholen. Zur Verwunderung aller Freier schritt er sodann mit dem armen Jüngling am Arm in der Mitte des Innenhofes. „Ich danke euch, meine Freunde, für die herzliche Anteilnahme. Während ich gestern noch entschlossen war, meine Tochter mit Bola, dem reichsten Jüngling meines Landes, zu vermählen, bin ich nunmehr entschlossen, sie mit dem Ärmsten unter euch zu verheiraten. Denn nur bei ihm bin ich gewiß, daß er meine Tochter wirklich liebt.“ In diesem Augenblick erschien Adetola. Sie war bekleidet mit einem prächtigen Gewand, das mit Perlen und Edelsteinen besetzt war. Beim Anblick des armen Jünglings schlug ihr Herz vor Freude höher. Wie im Traum hörte sie ihren Vater sagen: „Ich habe den Mann gefunden, Adetola; den Mann der dich nicht nur deines Reichtums wegen liebt. Reiche deinem künftigen Gemahl die Hände, mein liebes Kind. Alaba soll sein Königsname sein, denn er ist ein Mann, der es verdient, einmal König zu werden.“ Und Adetola und Alaba reichten sich die Hände und waren glücklich, einander gefunden zu haben. In großer Pracht wurde noch am selben Tage die Hochzeit gefeiert, und die Trommeln verkündeten bis tief in die Nacht die Nachricht von der Vermählung der schönen Königstochter. Als die Festlichkeiten vorüber waren, führten Adetola und Alaba ein Leben in Liebe und Glück. Die drei Armringe, die Alaba ihr einst als Brautschmuck geschenkt hatte, trug Adetola ihr ganzes Leben lang. Und als der alte König nach vielen Jahren starb, ward Alaba der gerechteste, weiseste und mildtätigste König, der je in diesem Königreich regierte, und Adetola die schönste, liebenswürdigste und klügste Königin, die jemals auf Erden lebte.

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