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Märchenbasar

Das Opfer der drei Mädchen

In der großen Stadt Nanking, umgeben von stillen Teichen und schattigen Bambuswäldchen liegt ein altes Kloster. Dorthin kommen die Frauen und beten zu den drei Jungfrauen um Erhörung ihrer Wünsche.
Noch keine Frau soll ungetröstet von hier nach Hause gegangen sein; denn das Kloster besitzt außerdem eine Glocke, deren wunderbarer Klang die Menschen Leid und Sorgen vergessen lässt. Seit über zweitausend Jahren hängt sie jetzt in ihrem Turm und noch heute erzählen die Pilger einander die Geschichte von der Entstehung dieser Glocke und wie sie zu den Menschen in der großen Stadt Nanking kam. In jener Nacht strahlten die Sterne heller und stärker denn je zuvor. Die Menschen schauten voll Erstaunen zum klaren Nachthimmel. Da sahen sie, wie sich plötzlich das leuchtende Gold vom Firmament löste und in einer hellen Bahn zur Erde fiel. Sie erschraken sehr und verhüllten ihre Gesicht vor Angst und Schrecken, denn sie dachten, jetzt sei das Ende der Welt gekommen. Als sie sich ein wenig beruhigt hatten, liefen sie schnell zu den Priestern. Die befahlen alle Glocken zu läuten. Sie selbst knieten nieder und beteten inbrünstig zu den Göttern um Beistand. Durch ihre Bitten wurde das Gold, das in dieser Nacht vom Himmel fiel, den Menschen zum Segen. Sie fanden die schweren Goldbrocken schließlich hoch oben am Gipfel des Schi – Tzi – Shan, den man seit alters her den Löwenberg nennt. Die Priester beschlossen, aus dem Gold des Himmels Glocken gießen zu lassen. So wünschte es auch der Kaiser. Schon war alles bereit für den Guss der Glocken. Das edle Metall war geschmolzen, die Priester hatten ihre Opfer dargebracht und die Gebete gesprochen.
Eben wollte der Meister seinen Gehilfen den Befehl zum Guss geben, da machte einer von ihnen einen so schweren Fehler, dass man fürchten musste, die Glocken würden misslingen. Der Meister war außer sich vor Zorn und Scham. Weinend warf er sich auf den Boden.
Während noch die Leute aufgeregt berieten, was jetzt zu tun sei, standen plötzlich drei junge Mädchen da, die waren schön wie der junge Morgen. „Wir sind bereit zu sterben. Unser Tod wird eure Glocken retten“, sprachen sie und stürzten sich freudig in die siedende Glockenspeise. Kaum hatte sich die zähe Masse über ihnen geschlossen, veränderte sie auch schon ihre Farbe. Sie wurde ganz rein und geschmeidig und ergoss sich wie von selbst in die bereitgestellten Formen. Und schon standen sie da, die drei Glocken; sie waren gut geraten und glänzten so stark, dass die Menschen die Augen schließen mussten. Als dann die Männer darangingen, die Glocken auf ihren Platz zu bringen, geschah ein weiteres Wunder. Zwei der Glocken hoben plötzlich vom Boden ab und entschwebten vor den Augen der staunenden Menge in den blauen Himmel. Nur eine Glocke blieb bei ihnen stehen. Sie brachten den Menschen Glück und Segen. Aus Dankbarkeit für den glücklichen Glockenguss und das Opfer der drei Mädchen bauten die Bewohner von Nanking inmitten einer zauberhaften Teichlandschaft ein Kloster und einen Glockenturm. Dort hängt die wundertätige Glocke noch heute. Zur Erinnerung an die drei Mädchen errichtete man ihnen ein Standbild, und ein anderer Künstler schnitzte ihr Bildnis in Holz. Die wundertätige Glocke versank wohl im Laufe der Jahrhunderte immer tiefer in die Erde, aber der letzte Kaiser der Ming –Familie, der noch die Geschichte ihrer Entstehung kannte, ließ sie wieder ausgraben und zurück in den Glockenturm bringen. Seither hängt sie dort und bringt allen Menschen Glück und Segen, die ihren Klang hören. Die drei Jungfrauen, deren Bild im Kloster verehrt wird, erhören die Gebete der Pilger und Beter, die zu ihren Füßen knien.
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Quelle: Sage aus China