Suche

Märchenbasar

Der Eiskönig

Einst lebten ganz am Rande eines weit entfernten Königsreichs ein Schmied und seine Frau. Schon seit vielen Jahren waren sie glücklich ein Paar und wünschten sich immer Kinder. Doch trotz Hoffen und Beten bekamen sie immer keins. Da klopfte es mitten im tiefen Winter an ihre Tür. Die beiden wunderten sich sehr, denn draußen war es bitterkalt und eisiger Wind wirbelte den Schnee durcheinander. In ihrer Heimat war der Winter sehr streng, denn gleich jenseits der nahen Grenze lagen die Eislande, wo niemand lebte und es nicht mal im Sommer richtig warm wurde. Der Schmied öffnete die Tür und davor stand eine wunderliche, uralte, fremde Frau. Trotz der Kälte hatte sie nur ein dünnes, grünes Kleid an und trug einen schmucklosen goldenen Ring am Finger. Der Schmied bot ihr die Gastfreundschaft seines Hauses an, doch die Alte lehnte ab und blieb im Türrahmen stehen. “Ich bin gekommen, um Dir frohe Kunde zu bringen. Eure Gebete werden erhört. In einem Jahr wird Euer Wunsch nach Kindern erfüllt werden und weil ihr so lange warten musstet, wird Euch nicht nur ein Kind geschenkt. Eines wird dereinst ein wichtiges Werk zu vollbringen haben und auch das andere klug und verständig sein. Wem nun welche Aufgabe zukommt, werdet Ihr bei seiner Geburt erfahren.

Und es wird hören, was keiner sonst hört,
sehen, was sonst niemand erblicken kann
und riechen was kein anderer wahrnimmt.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Frau und stapfte zurück in den Schnee hinaus. Die Frau des Schmiedes wurde unter dem Jahr schwanger, wie es die Alte vorausgesagt hatte und gebar im folgenden Winter, auf den Tag genau ein Jahr nach deren Besuch zwei kleine Mädchen. Am Tag ihrer Geburt jedoch geschah etwas Absonderliches. Als der Schmied die Tür öffnete flog durch den Spalt eine weiße Taube herein. Sie landete auf der Wiege, in der die beiden neugeborenen Mädchen lagen und hatte ein einfaches, goldenes Ringlein im Schnabel. Sie schaute auf die beiden Kleinen hinunter und obwohl gerade geboren, griff eines der Mädchen nach dem Ringlein und hielt es fest. Gleich darauf flog die Taube wieder aus dem Fenster, vorbei am verdutzten Schmied.

In den folgenden Jahren wuchsen die beiden Mädchen heran. Sie waren beide sittsam und lieb, aber ansonsten unterschieden sie sich mehr als die meisten Kinder, die am gleichen Tag geboren wurden. Die Erstgeborene, Lucia genannt, der die Taube das Ringlein gegeben hatte, war lebendig und klug. Ihr Vater hatte ihr für das Geschenk der Taube eine Halskette geschmiedet. So lange ihre Fingerchen zu dünn waren, um es dort zu tragen, trug sie den Ring daran. Jedoch hatten er und seine Frau der Kleinen nichts von den wunderlichen Besuchen zur Zeit ihrer Geburt erzählt. Zu groß war ihre Angst vor dem Unheimlichen. Die zweite Tochter, von den Eltern Ann getauft, war häuslich und eher schüchtern, aber auch sehr klug. Trotz ihrer verschiedenen Charaktere hatten sich die Schwestern sehr lieb.
Als die beiden Mädchen sieben Jahre alt waren, fiel ein besonders strenger Winter über das Land herein. Eigentlich hätte schon der Frühling Einzug halten sollen, jedoch brachte der Wind aus den Eislanden immer neuen Frost in das Königreich. Schließlich kam es soweit, dass den Leuten die Vorräte an Feuerholz ausgingen und sie überall herumzogen und jedes Stück trockene Holz aufklaubten, um ihre Häuser überhaupt noch warm zu bekommen. Sie mussten weiter und weiter hinaus, da alles Holz schon aufgebraucht war. Manche ließen auf der Suche wegen der großen Kälte sogar ihr Leben. Auch die Wege des Schmieds und seiner Frau wurden immer weiter, um Brennmaterial zu beschaffen. Eines Tages, bei schönem Wetter, nahmen sie die beiden Mädchen mit, damit sie ihnen beim Sammeln halfen. Da es im Königreich kaum noch etwas zu finden gab und das Wetter klar und sonnig war, liefen sie in die Eislande hinüber, wohin sich bisher nur wenige Leute getraut hatten, da die Gegend sehr unwirtlich und aufgrund alter böser Geschichten übel beleumundet war.

Die Eislande begannen an einem großen nadeligen Wald. Lucia und Ann liefen immer weiter auf der Suche nach Brennbarem an dessen Rand entlang. Die Eltern waren ein Stück in die Wälder hinein gegangen. Die Mädchen jedoch sollten hier am Rande brav auf sie warten. Doch hatten die Kinder hier, wo wohl zuvor schon andere ihr Glück versucht hatten, bei ihrer Suche kaum Erfolg und schließlich schlug Lucia vor, es doch ein Stück waldeinwärts zu versuchen. Ann war dagegen und erinnerte sie an die Ermahnung der Eltern, doch Lucia wollte ihnen nicht mit fast leeren Händen gegenüber treten. So nahm sie ihre Schwester einfach an der Hand und sie gingen ein Stück zwischen den Bäumen in den Wald hinein. Aber ehe sie sich´s versahen, hatten sie sich verlaufen. Langsam wurde es dämmrig um sie herum. In den Schatten der Bäume sah es überall so aus, als ob sich etwas Unheimliches bewegte. Die Mädchen hatten Angst. Lucia wollte das aber ihrer Schwester nicht zeigen und plauderte daher mit gespielter Heiterkeit von einem Weg, den sie sich zurück nach draußen gemerkt hätte. Es wurde immer kälter. Im Gegensatz zu Ann fror Lucia kein bisschen. Sie war allgemein im Winter recht unempfindlich gegen Kälte. Schließlich war es Abend geworden und Lucia musste zugeben, dass sie sich hoffnungslos verirrt hatten. Im letzten Licht der untergehenden Sonne hinter dicken Wolken suchten die beiden Mädchen verzweifelt eine notdürftige Bleibe für die Nacht. Da erblickte Ann von weitem eine Stelle, wo die Bäume weiter auseinander zu stehen schienen. „Schau, eine Lichtung“, rief sie und zusammen zogen sie Hand in Hand in die Richtung, in die Ann wies.
In der Tat lag mitten im Wald ein kreisrundes Feld, wo überhaupt keine Bäume wuchsen. Beim Näherkommen entdeckten die beiden Mädchen in der Mitte der Lichtung ein altes, verfallenes Gemäuer. Es war wohl schon seit Hunderten von Jahren unbewohnt und ohne Dach, aber weder Lucia noch Ann hatten überhaupt davon gehört, dass jemals Menschen in dieser unfreundlichen Gegend gewohnt hatten. Das Haus musste einstmals recht groß gewesen sein. In einer Ecke fanden Lucia und Ann ein geschütztes Plätzchen, wo sie mit dem gesammelten Holz ein Feuer entzündeten. Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen. Trotz der Wärme des Feuers bibberte Ann sehr. Da zog Lucia ihr grünes Mäntelchen aus und gab es ihrer Schwester. So saßen die beiden Mädchen und starrten eine Weile schweigend in das Feuer. Plötzlich horchte Lucia auf und griff Ann am Ärmel. „Hast du das gehört?“, flüsterte sie. „Was?“ wisperte Ann zurück und horchte angestrengt in den Wald hinein. Doch außer dem Geräusch des Windes in den Ästen konnte sie nichts vernehmen. „Horch doch!“, sprach Lucia erneut, stand auf und ging in ein entferntes Eck der Ruine. Ann wollte ihre Schwester zurück rufen, da blieb diese unvermittelt stehen, bückte sich und hob einen alten Ziegelstein auf, der wohl von einem Mauerrest daneben herausgefallen war. „Hör doch, das Klopfen“ sprach sie wieder und legte den Ziegelstein zunächst an ihr Ohr, dann an Ann´s. Doch diese konnte kein Klopfen hören. „Was meinst du?“, fragte sie ihre Schwester, „ich höre nichts.“ Lucia nahm den Stein wieder und horchte selbst. Dann riss sie ihren Arm nach oben und schmetterte den Ziegel auf einen großen Stein. Er zerbrach und heraus purzelte ein kleines Männlein. Es landete recht unsanft auf dem Hosenboden, stand jedoch gleich wieder auf und klopfte sich eine Menge Steinstaub von der Jacke. Das Männchen schaute ansonsten aus wie die auf eine Spanne verkleinerte Version eines älteren bärtigen Mannes, allerdings mit nur einem Arm. Nachdem es sich gesäubert hatte, schaute es zu den weit aufgerissenen Augen Lucias auf und begann zu sprechen: „Mein Gott, das hat ja wirklich lange gedauert! Welches Jahr haben wir, grüne Frau?“ Erst nach einer Weile begriff Lucia, dass das Männchen sie gefragt hatte. Sie wusste nicht, welches Jahr man schrieb. Schulen gab es nur in weit entfernten Städten und ihre Eltern hatten im letzten Winter gerade angefangen, ihr das Schreiben beizubringen. Ein Jahr war wie das andere und niemand im Dorf, außer vielleicht der Priester, wusste wohl, dass sie gezählt wurden.
„Ich weiß es nicht“, antwortete sie schließlich und das Männchen rieb sich die Augen. „Oh, ich bin so klein, hab gar nicht gemerkt, dass du ja noch ein Kind bist. Vielleicht die aktuelle Schülerin der Auserwählten? Wo ist die Auserwählte?“ Lucia verstand nicht, wovon er sprach. Das Männchen wartete eine Weile und bekam ein grübelndes Gesicht. „Du bist die Auserwählte! Du weißt es nur nicht! Oh du mein Gott.“ Jetzt verstand Lucia noch viel weniger. Das Männchen begann grübelnd hin und her zu laufen. Jetzt fiel ihm der schlechte Zustand der Ruine auf. „Es müssen viele Jahrhunderte vergangen sein. Pass auf, Mädchen“, sprach er zu Lucia. „Du bist eine grüne Frau.“ „Ich kenne keine grünen Frauen.“ „Dann ist deine Vorgängerin wohl schon vor deiner Geburt gestorben. Du hast etwas Grünes an, es ist bitterkalt und du läufst ohne deinen Mantel herum, du

hörst, was keiner sonst hört,
siehst, was sonst niemand erblicken kann
und riechst was kein anderer wahrnimmt

und du hast bestimmt irgendwo den Frühlingsring.“ Nun spürte Lucia den Ring um ihren Hals und nahm ihn heraus. Eine seltsame Veränderung war mit ihm vorgegangen – ein grüner Edelstein befand sich an seinem Rand der dort vor kurzem noch nicht da gewesen war. Lucia betastete ihn mit ihrem Finger, er fühlte sich angenehm und warm an.
Das einarmige Männchen hatte wohl recht. Irgendetwas um ihre Person war besonders. Aber sie hatte andere Sorgen. „Wir haben uns verlaufen. Was sollen wir nun tun?“ Das Männchen schaute zum dunklen Himmel empor. „Heut´ wohl nichts mehr. Ich war jetzt ein paar hundert Jahre in einen Stein verbannt, da können wir eine Nacht ruh´n. Morgen musst du die andern finden.“ Sprach es, legte sich neben dem Feuer auf die Erde und war im Nu eingeschlafen. Die Mädchen schauten sich fragend an und setzten sich zum Feuer. „Nun ja, dieser kleine Mann scheint ja Bescheid zu wissen und trotzdem kann er ruhig schlafen“ , meinte schließlich Lucia und kuschelte sich mit der frierenden Ann zusammen. Schon bald waren auch sie eingeschlafen.

Am nächsten Morgen liefen sie zu dritt durch den Wald: Lucia, Ann und das Männchen, das sie, weil es ihnen seinen Namen nicht verraten wollte, Einarm nannten. Sie waren alle recht schweigsam. Einarm schien entschlossen zu sein, Lucia die Führung zu überlassen und trottete ihr überall hinterher. Auf Fragen gab es immer nur brummelige, ausweichende Antworten und war viel weniger gesprächig, als am Abend zuvor. Lucia hatte sich schließlich entschlossen, auf das Gerede Einarms nichts mehr weiter zu geben und stattdessen für sich und ihre Schwester einen Weg aus dem Wald nach Hause zu finden. Mochte dieser merkwürdige, kleine Brummbär doch machen, was er wolle. Im Wald war es weiter bitterkalt und der Wind pfiff um die Bäume. Jedoch war nun offenbar nicht nur Lucia gegen die Kälte geschützt, auch Ann und das Männchen neben ihr liefen mit offenen Mänteln herum.
Nach einer Weile erreichten sie auf ihrem Weg einen kleinen Weiher und beschlossen zu rasten. Merkwürdigerweise war er trotz der ihn umgebenden Kälte nicht zugefroren, das Wasser schien angenehm und genießbar. Wie sie so am Ufer saßen, erblickte Lucia etwas im See und stupste ihre Schwester. „Was ist?“, fragte diese und folgte mit ihrem Blick dem Arm Lucias, der in das Wasser deutete. Ann schaute angestrengt, konnte jedoch nichts erblicken. Still und unbeweglich lag der Weiher da. Da griff Lucia hinein, bekam etwas zu fassen und zog es heraus. In der Hand hatte sie ein weiteres kleines Männchen. Es sah fast genauso aus, wie das aus dem Ziegelstein und war sogar gleich gekleidet. Aber es hatte beide Arme, aber im Gegensatz zur anderen Gestalt nur ein Ohr. „Da bist du ja“, meinte da Einarm, „die Auserwählte ist da!“ Das Männchen aus dem Weiher war zwar triefnass, aber schien glücklich zu sein. „Endlich ist die Zeit in diesem furchtbaren feuchten Loch vorbei.“ Lucia war ärgerlich. Nicht dass sie sich nicht gefreut hätten, jemanden aus einem See gerettet zu haben. Aber dieses Gerede von der Auserwählten ging ihr irgendwie auf die Nerven. Sie wollte den beiden Männchen auch gar keine Gelegenheit geben, sich darüber weiter auszulassen. Sie rubbelte den Gnom aus den See trocken, wickelte ihn in ihren Mantel, damit er nicht fror, reichte ihn Ann mit den Worten „wir werden ihn Einohr nennen“ und stapfte weiter durch den Wald.
Die beiden Männchen schienen beim Weitergehen gar kein Interesse zu haben, ihr Gespräch fortzuführen. Sie waren umso angespannter, je weiter sie mit Lucia und Ann durch den Wald drangen. Während sie so liefen, fing es an zu schneien – zuerst leicht, dann aber mehr und mehr und schließlich kamen sie gegen Mittag in einen Schneesturm. Nach einer Weile war das Schneetreiben so dicht, dass es ihnen die Sicht nahm. So verkrochen sie sich unter einem Felsvorsprung, der ihnen ein wenig Schutz vor Wind und Schnee bot. Ann fühlte erstaunlicherweise seit dem Teich gar nicht mehr die Kälte. Lucia blickte unverdrossen in den Sturm hinaus, als könne sie dort etwas erspähen – doch da war nichts als Unmengen von Schneeflocken. Mit der einen Hand befühlte sie die Kette um ihren Hals mit dem Ring. Schon unterwegs vom Teich hierher hatte sie bemerkt, dass eine weitere Änderung mit ihm vorgegangen war. Zwei edle grüne Steine funkelten nun darauf. Ein eigenartiger Geruch ließ Lucia aus ihren Gedanken schrecken. Er kam mitten aus dem Schneesturm und wurde stärker. Das Mädchen schnüffelte und schaute auf ihre Schwester. Diese schien den Geruch, ebenso wie zuvor das Klopfen und den Schatten im Teich nicht bemerkt zu haben. Dabei war er so stark! Und er kam genau aus einer bestimmten Richtung. Lucia streckte ihren Arm in den Sturm hinein, bis sie dort etwas zu fassen bekam. Sie griff zu und zog die Hand zurück. Dieses Mal war sie gar nicht mehr überrascht, als ein kleines Männchen daran baumelte – ebenso gewandet und ebenso groß wie die beiden vorherigen. Es hatte denselben Bart, jedoch im Gegensatz zu den beiden anderen keine Haare auf dem Kopf, dafür zwei Arme und Ohren. „Sieh an, wie viele gibt es denn von euch in diesem Wald?“, fragte Lucia den Gnom, der ein wenig in ihrem Griff zu zappeln begann. Es war Einohr, der schließlich antwortete: „Keinen mehr. Das ist der, der im Sturm gebannt war. Wir sind jetzt komplett und können zur Festung!“ Lucia beachtete ihn nicht. Wenn sie ihren Gedanken nach den merkwürdigen Reden der drei Männchen freien Lauf ließe, würde sie nur mehr Angst bekommen. Sie wollte hier im Schneesturm im fremden düsteren Wald alles andere lieber, als noch mehr Angst. Im Gegenteil, sie beherrschte ihre Furcht gerade ganz gut und so betrachtete sie weiter ihren frischen Fang, statt Fragen zu stellen. Nach einiger Zeit setzte sie ihn aber doch ab und mit den Worten „dich werden wir Ohnehaar nennen“, rollte sie sich mit ihrer Schwester zusammen und harrte am Felsvorsprung aus. Der Schneesturm legte sich wenig später und obwohl es mittlerweile dämmerte, schien es wesentlich milder zu werden. Es dauerte nicht lange, da begann es sogar zu tauen. Lucia befühlte ihren Ring und wie sie vermutet hatte, waren es nun drei Edelsteine. Von der Wanderung des ganzen Tages war sie sehr müde und insgeheim wusste sie, dass weder sie noch ihre Schwester in dieser Nacht erfrieren konnten. Ann war schon eingeschlafen und so kümmerte sich auch Lucia nicht mehr um die herumstehenden kleinen Männer, die angeregt miteinander flüsterten. Sie legte sich hin und schlief schon wenig später tief und fest ein.

Am nächsten Morgen zogen die beiden Mädchen und ihre Begleiter weiter. Wegen einer geschlossenen Wolkendecke konnten sie nicht abschätzen, in welche Richtung sie gingen. Einarm, Einohr und Ohnehaar konnten wegen der wesentlich dünner gewordenen Schneedecke problemlos laufen, denn es taute weiter. Sie waren gerade ein paar Wegstunden gelaufen, da erreichten sie eine uralte Straße. Sie war zwar mit Pflanzen und Gras überwuchert, aber ihr Verlauf war noch sehr deutlich zu erkennen. Einstmals war sie wohl breit genug für zwei Pferdewagen gewesen. „Wohin führt die?“, fragte Lucia Ohnehaar. Der antwortete nur „zu deinem Schicksal“ machte aber keinerlei Anzeichen in welcher der beiden möglichen Richtungen dieses wohl zu erwarten sei. Lucia griff an den Ring um ihren Hals. Sie überlegte schon, ob sie um den richtigen Weg fragen sollte, wandte sich aber dann kurzentschlossen in eine Richtung. Sie bedeutete Ann, ihr zu folgen und die Fünf zogen weiter.
Nach einer Weile führte die Straße bergan und sie gelangten an eine riesige Burg. „Die Festung“, dachte Lucia und überlegte, ob sie nun umkehren sollte. Aber irgendetwas in ihr hielt sie davon ab und so ging sie mit ihren Begleitern über die verfallene Zugbrücke, unter einem hochgezogenen Fallgitter hindurch, in die Festung hinein. Im Burgtor prangte ein verblichenes Wappen, das wohl vor langer Zeit eine Taube dargestellt haben mochte. Drinnen regte sich nichts, Stille überall. Alles musste einst prächtig gewesen sein. Nun war es ungepflegt und halb verfallen, machte aber keinen unbewohnten Eindruck. Es herrschte eine eigenartige gespannte Atmosphäre. „Wohin jetzt?“, flüsterte Ann ihrer Schwester zu. Diese zuckte mit den Schultern und schaute fragend zu Einohr. „Dein Erscheinen wurde von grünen Frauen vor dir bestimmt vorbereitet. Such nach dem Platz der Macht, bevor der Eiskönig kommt!“ Bei Erwähnung dieses Namens erschauderte Lucia unwillkürlich und fragte Einohr flüsternd: „Wer ist der Eiskönig?“ Der wollte gerade antworten, da stieß ihn Einarm in die Rippen und zischte: „Wir dürfen uns nicht einmischen, es ist ihre Bestimmung.“ Und Einohr verstummte. Doch dieses Mal wollte sich Lucia nicht mit Andeutungen zufrieden geben. Sie packte Einohr, hob ihn hoch, schüttelte ihn und fragte. „Willst du mir jetzt endlich einmal die ganze Wahrheit verraten? Von wem sprecht ihr?“ Einohr flüsterte: „Er ist der Bewohner dieses Schlosses und der Herr der Eislande.“ Dann befreite er sich aus Lucias Griff und fiel ein wenig unsanft auf den Boden.
Kaum hatte er ausgesprochen, hörten Lucia und Ann aus dem Inneren der großen Festung ein fernes Stampfen wie von riesigen Füßen. Es kam näher. Ann zitterte vor Angst und klammerte sich an ihre Schwester. „Rasch, suche den Platz der Macht!“, zischte Einarm und die drei Männchen blickten Lucia an. Die befühlte ihren Ring, doch außer einer angenehmen Wärme schien er an sie nichts weiter zu geben. Schließlich folgte sie einfach ihrem Impuls und rannte mit Ann und den kleinen Männern im Schlepptau tiefer in die Festung.
Das Stapfen wurde lauter und lauter. Lucia wusste nicht, wohin sie liefen, aber sie hoffte, sie rannten dem Wesen nicht direkt in die Arme. Egal, wer dieser Eiskönig war, er schien riesig zu sein. Keuchend bogen die Flüchtenden um die Ecke einer Mauer und kamen auf einen großen grob gepflasterten Platz. Und da stand er – der Eiskönig. Es war ein Riese von der Größe von drei normalen Männern mit narbigem Gesicht. Er trug ein zerfetztes und einst sehr prächtiges Gewand, auf dem Kopf eine goldene, aber schmutzige Krone. Als er die Fünf erblickte, stampfte er auf sie zu.
Ann war starr vor Schreck. Doch Lucia nicht – trotz einer Riesenangst. Sie dachte krampfhaft nach. Hier musste es irgendetwas geben, das ihnen helfen könnte, denn warum sonst waren sie hierher gekommen. Bedrohlich kam der Riese näher. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Da, auf dem Boden! Sie erblickte das Bild einer weißen Taube, das in einer Ecke des Platzes im Relief in den Boden eingehauen war. Dorthin lief sie, ihre panikerfüllte Schwester hinter sich her ziehend und fand rund um die Taube mehrere Vertiefungen kreisförmig angeordnet im Pflaster. Zwei größere längliche Kuhlen und drei kleinere. „Schnell, stellt euch da hinein!“, rief sie Ann und den Männchen zu und deutete auf die Abdrücke. Sie begriffen schnell. Der Riese kam näher und näher, doch er hatte sie noch nicht erreicht, als sie bereits in den Kuhlen standen. Ihre Füße passten genau in die Vertiefungen. Doch als sie alle richtig standen, geschah – nichts. Der Eiskönig kam immer näher und zog ein riesiges, blitzendes Schwert, das er bedrohlich über dem Kopf schwang. Doch kein Zauber passierte, der sie rettete, ihn zerstörte. „Vielleicht fassen wir uns an den Händen“, schlug Ann mit zitternder Stimme vor und sie taten es. Wieder geschah nichts. Der Eiskönig würde sie bald erreicht haben. Lucia blickte suchend auf dem Boden herum, irgendetwas hatte sie übersehen. Direkt vor ihr war das Taubenrelief. Es schien, die Taube habe etwas wie eine Delle im Schnabel und drei Löcher darin. Erst hatte es ausgesehen wie eine Verwitterung, doch nun wusste Lucia es besser. Sie zerrte ihren Ring vom Hals. Der Eiskönig war bei ihnen und holte mit dem Schwert aus. Sie bückte sich und drückte den Ring mit den drei Steinen nach unten genau in die Vertiefung. Er passte.
Wie aus dem Nichts schwebte eine weiße Taube von oben herab und setzte sich auf ihr Ebenbild. Dann gab es hellen Blitz, gefolgt von einem riesigen Knall, einer Druckwelle und Unmengen an Rauch, so dass Lucia und Ann heftig auf den Boden geworfen wurden und hustend liegen blieben. Dann geschah nichts mehr. Der Qualm verzog sich und Lucia und Ann blickten auf. Alles war wie zuvor, jedoch lag der Eiskönig regungslos am Boden und rauchte leicht. Die Taube war verschwunden, doch statt der drei Männchen stand neben ihnen nun ein großer, alter Mann. Er sah genauso aus wie das vergrößerte Abbild von Einarm, Einohr und Ohnehaar, jedoch hatte er alle Arme, Ohren und auch einen grauen Bart und graue Haare, sowie eine Krone auf dem Kopf. Lucia kannte die Krone, sie hatte sie kurz zuvor auf dem Haupt des Eiskönigs gesehen, doch nun erstrahlte sie in einem goldenen neuen Glanz. Die beiden Mädchen erhoben sich und blickten den alten Mann mit fragenden Augen an. Der bemerkte die unausgesprochene Frage und begann zu sprechen: „Dieses Land war einstmals das Königreich der Taube und diese Festung die des Königs. Wir lebten hier viele hundert Jahre glücklich und zufrieden. Doch dann kam der Eiskönig mit vielen wilden Kriegern ins Land und zerstörte unsere Dörfer und Burgen. Am Ende bezwang er diese Festung und besiegte mich, der ich der letzte König war. Er hielt mich für tot, doch meine Hofzauberin, die Grüne Frau genannt wurde, brachte meinen schwer verwundeten Körper vor ihm in Sicherheit und pflegte mich gesund. Der Eiskönig bemerkte mein Verschwinden und für das erbeutete Gold des Königreichs dingte er einen dunklen Zauberer, der mich und den Frühlingsring meiner Zauberin mit seiner üblen Magie zerriss und mich in Erde, Wasser und Stein bannte. Niemand konnte mich mehr finden, doch die grüne Frau gab die Hoffnung nicht auf. Sie wusste, es würde die Zeit kommen, in der die Macht des Eiskönigs verfallen sein und sein dunkles Regime das Land zu Grunde gerichtet haben würde. Dann, so weissagte sie, würde ihre auserwählte Nachfolgerin ihn zerschmettern und das Königreich wieder errichten. Und so folgte eine Schülerin der anderen, während die Herrschaft der Kälte das Königreich nach und nach entvölkerte und aus ihm die öden Eislande machte, die sie heute sind. Doch du hast diese dunkle Zeit beendet und das Land kann neu entstehen. Du trägst den Frühlingsring.“

So sprach der König und die Mädchen begriffen, was geschehen war. Nun war viel zu tun und im Frühling, der bald anbrach, musste vieles wieder in Ordnung gebracht werden. Das Königreich würde lange brauchen, bis es wieder einmal das sein würde, was es einmal war. Der alte König verzagte nicht, warb Siedler und Handwerker und schon bald kehrte das Leben in die vormaligen Eislande zurück. Zu den ersten Siedlern gehörte der Schmied mit seiner Frau und Lucia und Ann, der schon bald zum königlichen Waffenmeister ernannt wurde. Die Winter waren wieder weniger streng, die Böden des Landes fruchtbar und so kamen bald mehr und mehr Menschen ins Land der Taube. Es erstrahlte Jahr für Jahr mehr im alten Glanz. Die beiden Mädchen jedoch wuchsen heran. Lucia ging zu einem mächtigen Magier in die Lehre und wurde neue Hofzauberin des Königs, Ann erblühte in der gleichen Zeit zu einer unvergleichlichen Schönheit und war außerordentlich klug und belesen. Als die Zeit für den alten König gekommen war, ernannte er Ann zu seiner Nachfolgerin und niemand anderes solle nächster König sein als der, der es schaffen würde, ihre Gunst zu erringen. So geschah es denn auch, doch das ist eine andere Geschichte.

Quelle: Roland Bathon