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Märchenbasar

Der glückliche Schneider

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Es war einmal ein blutarmer Schneider, der kam auf den Gedanken, sein Schwein an den König zu verkaufen, um doch einen ehrlichen Preis dafür zu bekommen. Er fuhr also damit in die Hofburg, und da ihm gerade ein Bedienter in den Weg kam, erkundigte er sich, wieviel er etwa bei dem König für seine Ware verlangen dürfe.
»Verlange nur die gruselnde Henne«, antwortete ihm der Bediente.
Der Schneider merkte sich das und ging zum König. Als ihn dieser fragte, was er denn wolle, sagte er ihm, daß er ein Schwein gebracht habe und es um die gruselnde Henne verkaufen möchte. Alsogleich rief der König: »Gruselnde Henne! Zwig, zwig, zwig«, und es stand eine gelbgraue Henne vor ihm, die anfing zu legen und statt der Eier ein Häuflein Dukaten legte.
Dem Schneider gefiel das Tier ganz wohl, er ließ dem König das Schwein, nahm dafür die Henne und machte sich auf den Heimweg.
Unterwegs kehrte er in einem Wirtshaus ein und ließ sich recht wohl sein. Als es abends zum Zahlen kam, stellte der Schneider, weil er kein Geld in der Tasche hatte, die Henne auf den Tisch und sagte: »Zwig, zwig, zwig.« Alsbald fing die Henne an zu legen und legte ein Häuflein Dukaten, womit der Schneider seine Zeche bezahlte.
Der Wirtin aber gefiel das Kunststück der Henne gar zu wohl, und während der Schneider schlief, nahm sie diese heimlich fort und stellte dafür eine andere hin, die der gruselnden ganz gleichsah.
Am anderen Morgen machte sich der Schneider wieder auf und wanderte rüstig der Heimat zu. Kaum hatte er den Fuß ins Haus gesetzt, da rief er nach seinem Weib: »Heute wohl, Alte, bring‘ ich etwas Schönes. Jetzt kann’s uns nimmer fehlen! In etlichen Tagen haben wir Geld wie die Pallen.«
Das Weib zweifelte anfangs, ob ihr Mann recht bei Verstand sei, allein nach und nach wurde sie doch gläubig, und sie war neugierig zu sehen, was für eine Geldmühle der Mann mitgebracht habe.
Der Schneider machte nicht lange Worte, ging mit dem Weib in die Stube und stellte seine Henne auf den Tisch. »Zwig, zwig, zwig. Wirst sehn, Alte, jetzt kommt’s.«
Die Schneiderin schaute fleißig auf die Henne, aber diese tat nichts anderes als gewöhnliche Hennen, reckte den Kragen nach allen Seiten hin und fing an zu gackern. Der Schneider meinte, das Goldlegen müsse bald angehen, doch alles Warten war umsonst. Da schämte er sich gewaltig vor seiner Frau und lief voll Unwillen auf und davon.
Er ging und ging, bis er wieder in den königlichen Palast kam. Hier begegnete ihm der Bediente, der ihm das vorige Mal den guten Rat gegeben hatte. Ihm erzählte er, wie es mit der Henne gegangen war, und fragte ihn, ob er denn beim König keinen Ersatz ansprechen könne.
»O ja«, antwortete der Bediente: »Geh du nur zum König und sag: ‚Ich wünsche das Tuch, das hinter der Tür hängt.’«
Der Schneider sagte sein Behüt‘ Gott und ging zu dem König. Diesem erzählte er wieder sein Mißgeschick mit der Henne und bat zum Ersatz um das Tuch, das hinter der Tür hing.
Der König rief sogleich: »Tafel deck dich!«
Im Nu flog das Tuch hinter der Tür hervor, breitete sich über den Tisch und war voll der herrlichsten Speisen.
Wie den Schneider der Braten so röselig anlachte und der feurigste Wein entgegenfunkelte, da hatte er eine Freude, daß er darüber die Henne ganz vergaß. Nachdem er genug getafelt hatte, räumte er das Übrige ab, legte das Tüchlein hübsch zusammen und steckte es zu sich. Dann nahm er vom König Abschied und ging wieder seiner Nase nach, bis er zu dem Wirtshaus kam, in dem man ihm die Henne gestohlen hatte. Als er in der Wirtsstube war, kommandierte er: »Tafel deck dich!«
Das Tüchlein flog aus dem Sack, breitete sich über den Tisch und stand voll der herrlichsten Speisen. Der Schneider setzte sich hin und aß nach Herzenslust.
Die Wirtin hatte bei dieser Mahlzeit zugeschaut, und sie dachte daran, das kostbare Tüchlein in ihre Hände zu kriegen. Als es Nacht war und der Schneider im tiefen Schlaf lag, ging sie in seine Kammer, suchte nach dem Tüchlein, steckte es schleunig zu sich und legte ein anderes an seine Stelle.
Des Morgens in aller Frühe machte sich der Schneider auf den Weg und marschierte aus Leibeskräften seiner Heimat zu. Kaum war er hinter der Haustür, so rief er schon seinem Weib: »Heda, schau, was ich heute mitgebracht habe! Wenn jetzt das Hausen nicht geht, dann ist der Kuckuck dran schuld!«
Das Weib lief ihm neugierig entgegen: »Was bringst du denn heut?«
»Ein Tüchleindeckdich! Komm nur, wir wollen’s gleich probieren.«
Sie gingen beide in die Stube, und der Schneider rief: »Tafel deck dich!« Er wollte sich schon hinsetzen und nach dem Löffel greifen – aber der Tisch war bodenleer, und das Tüchlein steckte fein sauber im Sack.
Der Schneider schnitt ein Gesicht wie ein Essigpanzen, fing an zu fluchen und machte sich zur Tür hinaus. Schnurstracks lief er wieder in die königliche Burg, um von dem König Schadenersatz zu erlangen. Auf der Stiege begegnete ihm wieder derselbe Bediente, der ihm schon zweimal gut geraten hatte und auch diesmal auf seine Frage guten Bescheid gab. »Geh nur zum König«, sagte er, »und begehre den hölzernen Schlegel!«
Der Schneider bedankte sich und ging zu dem König. Er brachte seine Bitte vor, und der König rief: »Sack, öffne dich!« Augenblicklich sprang aus seiner Tasche ein hölzerner Schlegel und fing an, in der Luft herumzutanzen und herumzuschlagen, daß Schneider und König genug zu tun hatten, ihm auszuweichen.
Als der Tanz fertig war, steckte der Schneider den Schlegel in seine Tasche und nahm Abschied vom König. Auf dem Heimweg kehrte er wieder im nämlichen Wirtshaus ein, wo es ihm zweimal so übel ergangen war. Er setzte sich hinter einen Tisch, und die Frau Wirtin setzte sich zu ihm, um ein bißchen zu plaudern, denn bei den Weibsbildern muß das Maul eine Arbeit haben. Der Schneider erzählte unter anderem, daß er heute etwas in der Tasche habe, was sogleich herausspringe, wenn er rufe: »Sack, öffne dich!« Die Wirtin faßte sogleich den Gedanken, dies sonderbare Ding in ihre Hände zu bekommen.
Als es Nacht war und der Schneider im Bett lag, schlich sie sich in seine Kammer und sagte: »Sack, öffne dich!« Kaum war das Wort aus ihrem Mund, so war auch der Schlegel aus dem Sack und trommelte so kräftig auf der Frau Wirtin herum, daß sie anfing zu schreien und zu jammern, als ob Feuer im Haus wäre. Sie rief Mann und Knechte zu Hilfe und bat den Schneider inständig, er solle doch den Schlegel zurückkommandieren, sie werde ihm gerne die gruselnde Henne und das wunderbare Tüchlein zurückgeben.
Der Schneider gab ihren Bitten nach und bekam seine zwei Kostbarkeiten wieder. Lustig wanderte er dann nach Hause und erzählte seinem Weib, wie es ihm ergangen sei. Dann lud er alle, deren Schuldner er war, in sein Haus, bewirtete sie beim Tüchleindeckdich aufs herrlichste, ließ die Henne vor ihren Augen Dukaten legen und rief endlich den Schlegel aus dem Sack, der alle Gläubiger maustot schlug.

(mündlich bei Meran)
[Österreich: Ignaz und Joseph Zingerle: Kinder und Hausmärchen aus Süddeutschland]

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