Es war einmal in einem fernen Land, hinter dunklen Wäldern und hohen Bergen, ein kleines Dorf. Dort lebte ein armer Hirtenjunge namens Jakob. Seine Eltern waren früh gestorben, und so hütete er Tag für Tag die Schafe der Dorfbewohner auf einer weiten, windigen Wiese.
Jakob war arm an Gut, doch reich an gutem Herzen. Er teilte sein Brot mit hungrigen Tieren, half alten Leuten beim Tragen von Holz und sprach stets die Wahrheit, auch wenn sie ihm selbst zum Nachteil gereichte.
Nicht weit von seinem Dorf stand ein altes Schloss. Darin wohnte ein König, der einst weise gewesen war. Doch nun herrschte große Unruhe im Reich. Ein fremder Berater war an den Hof gekommen, ein Mann mit glatten Worten und scharfem Blick. Er flüsterte dem König viele Dinge ins Ohr, sodass der König bald nicht mehr wusste, wem er trauen konnte.
Manche sagten, der Berater spreche Lügen, andere wiederum hielten ihn für einen klugen Mann. Doch niemand konnte die Wahrheit erkennen.
Eines Tages ließ der König ausrufen:
„Wer mir den Spiegel der Wahrheit bringt, soll reich belohnt werden. Denn dieser Spiegel zeigt jedes Herz so, wie es wirklich ist.“
Da machten sich viele Ritter und kluge Gelehrte auf den Weg. Doch keiner kehrte zurück.
Auch Jakob hörte von dem Spiegel. Als er am Abend bei seiner kleinen Hütte saß, sprach er leise zu sich selbst:
„Wenn der König die Wahrheit sehen könnte, würde vielleicht wieder Frieden im Land herrschen.“
Und siehe da — kaum hatte er dies gesprochen, raschelte es im Gras. Ein alter Rabe setzte sich auf den Zaun und sprach mit krächzender Stimme:
„Wer den Spiegel sucht, muss durch den Wald der Prüfungen gehen.“
Jakob erschrak sehr, doch er fasste Mut und sprach:
„Wenn es dem König und den Menschen hilft, will ich es versuchen.“
Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg. Er hatte nur ein Stück Brot, einen Hirtenstab und ein gutes Herz.
Bald kam er in einen dunklen Wald. Dort hörte er ein Winseln. Zwischen den Wurzeln eines großen Baumes steckte ein kleiner Fuchs in einer Falle.
Jakob kniete nieder.
„Armes Tier“, sprach er, „ich will dir helfen.“
Er öffnete vorsichtig die Falle. Der Fuchs sprang heraus, schüttelte sein Fell und sagte:
„Du hast mir das Leben gerettet. Wenn du in Not gerätst, rufe mich dreimal.“
Und damit verschwand er im Wald.
Jakob ging weiter.
Nach einer Weile kam er an einen reißenden Fluss. Am Ufer saß eine alte Frau und weinte.
„Warum weinst du?“, fragte Jakob.
„Mein Krug ist in den Fluss gefallen“, sprach sie. „Ohne ihn habe ich kein Wasser.“
Jakob legte seinen Mantel ab, stieg vorsichtig ins Wasser und holte den Krug heraus.
Die alte Frau lächelte plötzlich sehr geheimnisvoll.
„Du bist ein guter Junge. Wenn du Hilfe brauchst, rufe meinen Namen dreimal: Alvara.“
Dann war sie verschwunden, als wäre sie nie dort gewesen.
Jakob wunderte sich sehr, doch er ging weiter.
Schließlich erreichte er einen hohen Berg. Dort stand ein Tor aus schwarzem Stein. Darüber waren alte Zeichen gemeißelt.
Eine Stimme erklang:
„Wer den Spiegel der Wahrheit begehrt, muss drei Prüfungen bestehen.“
Jakob trat mutig durch das Tor.
Die erste Prüfung begann.
Vor ihm erschien ein Tisch voller Gold und Edelsteine. Eine Stimme sprach:
„Nimm so viel du willst. Doch wenn du mehr nimmst, als du brauchst, wirst du den Weg verlieren.“
Jakob dachte nach. Dann nahm er nur eine kleine silberne Münze.
„Mehr brauche ich nicht“, sagte er.
Sogleich verschwand der Tisch, und ein Pfad öffnete sich.
Die zweite Prüfung begann.
Vor ihm erschien ein großer Wolf mit glühenden Augen.
„Ich habe seit drei Tagen nichts gefressen“, knurrte der Wolf. „Bleib stehen, damit ich dich fressen kann.“
Jakob zitterte, doch er sprach:
„Wenn mein Tod deinen Hunger stillt, will ich nicht fliehen.“
Da geschah etwas Wunderbares.
Der Wolf verwandelte sich in den kleinen Fuchs, den Jakob gerettet hatte.
„Du hast Mut und Mitgefühl gezeigt“, sprach der Fuchs. „Die zweite Prüfung ist bestanden.“
Dann führte der Fuchs ihn weiter den Berg hinauf.
Bald kamen sie zu einer steinernen Tür.
„Hier wartet die dritte Prüfung“, sagte der Fuchs und verschwand.
Jakob öffnete die Tür.
Drinnen stand ein großer Spiegel auf einem goldenen Sockel. Doch davor standen drei Männer, die alle gleich aussahen.
Einer sprach:
„Ich bin der Wächter des Spiegels.“
Der zweite sprach:
„Nein, ich bin es.“
Der dritte sprach:
„Glaube keinem von ihnen, nur mir.“
Jakob dachte lange nach.
Dann rief er laut:
„Fuchs! Fuchs! Fuchs!“
Sogleich sprang der kleine Fuchs herein.
„Nur einer von ihnen wirft einen Schatten“, flüsterte er.
Jakob sah genau hin.
Und siehe da — zwei Männer standen ohne Schatten da, doch der dritte hatte einen dunklen Schatten hinter sich.
„Du bist der Wahre“, sagte Jakob.
Da verschwanden die beiden anderen wie Nebel im Wind.
Der Wächter lächelte.
„Du hast klug gewählt. Der Spiegel gehört nun dir.“
Jakob nahm den Spiegel der Wahrheit und machte sich auf den Weg zum Schloss.
Als er dort ankam, staunten die Menschen sehr über den armen Hirtenjungen.
Der König sprach:
„Zeige mir den Spiegel!“
Jakob stellte ihn vor den Thron.
Zuerst trat der König davor. Der Spiegel zeigte einen müden Mann, der sich nach Frieden sehnte.
Dann trat der fremde Berater vor den Spiegel.
Und siehe da — im Spiegel erschien eine schwarze Schlange mit kalten Augen.
Ein Raunen ging durch den Saal.
Der König erkannte nun die Wahrheit. Der Berater war ein Betrüger, der das Reich spalten wollte.
Er wurde aus dem Land verbannt.
Der König aber wandte sich zu Jakob.
„Du hast Mut, Güte und Weisheit bewiesen. Bleibe an meinem Hof und hilf mir, gerecht zu regieren.“
Doch Jakob sprach:
„Herr König, ich bin nur ein Hirtenjunge. Doch wenn Ihr wollt, komme ich manchmal und sage Euch ehrlich, was ich denke.“
Der König lächelte.
„Gerade deshalb bist du der Richtige.“
Und so geschah es.
Jakob kehrte in sein Dorf zurück, doch von Zeit zu Zeit rief der König ihn ins Schloss, um seinen Rat zu hören. Und weil Jakob stets die Wahrheit sprach, wurde das Reich bald wieder ein friedlicher Ort.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
© 2026 Mario Eberlein