Es war einmal ein König, der herrschte über ein großes Land mit fruchtbaren Feldern, dunklen Wäldern und klaren Flüssen. Der König hatte einen einzigen Sohn, der war klug und freundlich und hatte ein Herz, das immer nach Abenteuern verlangte. Doch der König sprach oft zu ihm:
„Mein Sohn, hüte dich vor der Welt, denn sie ist voller List und Gefahren.“
Der Prinz aber antwortete:
„Vater, wer nur hinter Mauern bleibt, wird nie erfahren, was Mut und Weisheit vermögen.“
Nicht weit vom Königreich erhob sich ein hoher Berg. Die Leute nannten ihn den Stillen Berg, denn kein Vogel sang dort und kein Tier wagte sich hinauf. Die Alten im Dorf flüsterten, dass dort oben ein uraltes Geheimnis verborgen liege.
Viele Männer hatten versucht, den Gipfel zu erreichen, doch keiner war je zurückgekehrt.
Als der Prinz davon hörte, sprach er:
„Wenn niemand zurückkehrt, so will ich der Erste sein.“
Der König war traurig, doch er wusste, dass sein Sohn nicht aufzuhalten war. So gab er ihm ein schlichtes Schwert, ein Stück Brot und sprach:
„Gehe mit klarem Herzen. Wer Gutes tut, dem wird auch Gutes begegnen.“
Die erste Begegnung
Der Prinz wanderte drei Tage und drei Nächte durch dichte Wälder. Am dritten Abend hörte er ein leises Winseln. Unter einem Dornbusch lag ein verletzter Fuchs.
Der Prinz kniete nieder und sprach:
„Armes Tier, wer hat dir das angetan?“
Er zog den Dorn aus der Pfote und verband sie mit einem Streifen seines Mantels.
Der Fuchs erhob sich und sprach mit menschlicher Stimme:
„Du hast mir geholfen, Prinz, ohne etwas zu verlangen. Darum will ich dir helfen, wenn deine Not groß ist. Rufe nur meinen Namen: Silberpfote.“
Und ehe der Prinz noch etwas sagen konnte, war der Fuchs im Wald verschwunden.
Der stille Berg
Nach weiteren drei Tagen erreichte der Prinz den Fuß des Stillen Berges. Der Himmel war grau, und ein kalter Wind wehte.
Am Eingang eines alten Steintores saß eine alte Frau mit langen, silbernen Haaren.
„Wohin gehst du, junger Wanderer?“ fragte sie.
„Ich will den Gipfel des Berges erreichen.“
Die Alte sah ihn lange an und sprach schließlich:
„Viele wollten hinauf. Doch wer die drei Rätsel des Berges nicht löst, wird zu Stein.“
Der Prinz antwortete ruhig:
„Dann will ich es versuchen.“
Die Alte nickte und öffnete das Tor.
Das erste Rätsel – Der Brunnen ohne Wasser
Der Prinz stieg den Berg hinauf, bis er zu einem runden Platz kam. In der Mitte stand ein alter Brunnen. Darüber schwebte eine Stimme aus der Luft:
„Wer aus diesem Brunnen trinken will, muss zuerst sagen, was darin verborgen ist.“
Der Prinz blickte hinein. Doch der Brunnen war tief und dunkel.
Er setzte sich und dachte lange nach.
Plötzlich raschelte es im Gebüsch. Ein Fuchs trat hervor.
„Silberpfote!“ rief der Prinz erfreut.
Der Fuchs nickte.
„Im Brunnen liegt kein Wasser. Dort liegt die Wahrheit. Nur wer sie erkennt, kann trinken.“
Der Prinz trat an den Brunnenrand und sprach laut:
„In diesem Brunnen ruht die Wahrheit, die keiner sehen kann, aber jeder sucht.“
Da erhob sich ein heller Klang, und klares Wasser stieg aus der Tiefe empor. Der Prinz trank davon, und seine Kraft wurde doppelt so groß.
Das zweite Rätsel – Der Garten der drei Türen
Weiter oben fand der Prinz einen verwilderten Garten. Drei große Türen standen dort nebeneinander.
Über ihnen erschien eine Schrift:
Eine Tür führt weiter.
Eine Tür führt zurück.
Eine Tür führt in den Schlaf aus Stein.
Doch keine Tür zeigte ein Zeichen.
Der Prinz ging von Tür zu Tür und überlegte.
Da hörte er ein leises Flattern. Ein alter Rabe setzte sich auf den Zaun.
Der Prinz gab ihm ein Stück Brot.
Der Rabe sprach:
„Du hast mich gespeist, darum will ich dir helfen. Merke: Die falsche Tür ist immer die lauteste.“
Der Prinz legte sein Ohr an jede Tür.
Die erste knarrte laut im Wind.
Die zweite schlug heftig gegen die Mauer.
Die dritte stand still und ruhig.
Der Prinz öffnete die dritte Tür.
Und siehe da — dahinter führte ein schmaler Weg weiter hinauf.
Das dritte Rätsel – Die Krone aus Stein
Endlich erreichte der Prinz den Gipfel. Dort stand eine große steinerne Krone auf einem Sockel. Um sie herum lagen viele versteinerte Menschen.
Eine Stimme sprach:
„Wer die Krone berührt, ohne mein Rätsel zu lösen, wird selbst zu Stein.“
Der Prinz rief:
„So sprich dein Rätsel!“
Die Stimme antwortete:
„Was ist stärker als Eisen,
sanfter als Schnee,
und besiegt doch jedes Herz?“
Der Prinz dachte lange nach. Er ging dreimal um die Krone.
Beim dritten Mal erinnerte er sich an seinen Vater, an das verletzte Tier und an den hungrigen Raben.
Da sprach er:
„Die Antwort ist Güte.“
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da bebte der Berg.
Die steinerne Krone zerbrach, und aus ihr stieg ein helles Licht.
Das verborgene Königreich
Plötzlich begannen sich die steinernen Figuren zu bewegen. Männer und Frauen erwachten, als hätten sie nur geschlafen.
Ein junger König trat hervor.
„Prinz“, sprach er, „du hast den Fluch gebrochen. Vor vielen Jahren verwandelte eine böse Zauberin unser Volk in Stein. Nur wer die drei Rätsel löst und mit einem reinen Herzen antwortet, konnte uns erlösen.“
Der König überreichte dem Prinzen eine goldene Krone.
Doch der Prinz schüttelte den Kopf.
„Ich suche keine Krone. Ich wollte nur das Geheimnis des Berges lösen.“
Da lächelte der König.
„Gerade deshalb bist du würdig.“
Die Rückkehr
Der Prinz kehrte nach vielen Tagen in das Reich seines Vaters zurück. Als der alte König ihn sah, war seine Freude groß.
„Mein Sohn“, rief er, „ich dachte, ich hätte dich verloren!“
Der Prinz erzählte von den Rätseln, dem Fuchs, dem Raben und dem erwachten Volk.
Da sprach der König:
„Du bist nicht nur mutig, sondern auch weise geworden.“
Und so wurde ein großes Fest gefeiert, das drei Tage und drei Nächte dauerte.
Der Prinz aber vergaß niemals seine Helfer im Wald. Oft ging er hinaus und legte Brot für den Raben nieder und Fleisch für Silberpfote.
Und wenn man heute zum Stillen Berg hinaufsteigt, hört man wieder Vögel singen und Tiere laufen über die Wiesen.
Denn der Fluch war gebrochen.
Und der Prinz wurde später ein König, der gerecht regierte und immer daran dachte, dass Güte stärker ist als jedes Schwert.
Und so lebten sie lange in Frieden und Glück.
© 2026 Mario Eberlein