Suche

Märchenbasar

Der Kieselaugust

Es war einmal vor langer, langer Zeit, als es noch keine Autos, Eisenbahnen und Flugzeuge gab, da wohnte in einem keinen Dorf ein alter Mann. Er war schon so betagt, dass er ganz krumm ging und seine weißen Haare ihm lang über die Schulter fielen. Der alte Mann war sehr arm.
Jedes Mal, wenn er aus seinem uralten Holzhaus kam, sammelte er Kieselsteine. Fragte man den Alten danach, warum er jeden Stein aufhob, dann meinte er nur: „Es sind keine Kieselsteine, es sind Edelsteine.“
Da lachten die Leute im Dorf über den alten Kauz und vor allem die Kinder hänselten ihn. Sie nannten ihn aufgrund seiner Angewohnheit „Kieselaugust“.
Der alte Mann ärgerte sich nicht darüber. Wenn es den Kindern Spaß machte, dann sollten sie ruhig „Kieselaugust“ rufen.

Im gleichen Dorf wohnte die kleine Anna. Auch sie war sehr arm. Ihre Eltern starben schon sehr früh. Und so lebte Anna bei einer Tante. Mit ihren zehn Jahren musste sie bereits schwer arbeiten.
Jeden Tag nach der Schule ging sie in den Wald, um Holz für den Ofen zu suchen oder Pilze für das Essen. Sie mistete den Stall aus und fütterte die Tiere. Nebenbei führte Anna der Tante noch den Haushalt. Zum Spielen kam das Mädchen nie.
Die Tochter der Tante hingegen machte sich ein sehr schönes Leben und putzte sich heraus. Anna jedoch musste stets deren alte abgetragene Sachen anziehen. Die Kinder im Dorf riefen sie daher „Lumpen-Anna“. Darüber war das Mädchen sehr traurig. Auch konnte Anna nicht verstehen, dass man den alten Mann immer „Kieselaugust“ schimpfte.
Wenn sie aus dem Wald kam, dann ging sie an dem uralten Haus vorbei. Sie hatte immer ein gutes Wort für den Alten. Wenn sie viel Knickholz im Wald gefunden hatte, gab sie ihm stets etwas davon ab.

Eines Tages, Anna verließ gerade den Wald, da stand der alte Mann vor seiner Kate. Er rief das Mädchen und sie ging zu ihm.
„Möchtest du mal meine Edelsteine sehen?“, fragte er zaghaft.
„Du hast doch keine Edelsteine. Es sind doch nur Kieselsteine.“
„Nein, mein liebes Kind, glaube mir, es sind Edelsteine!“
Er ging mit ihr ins uralte Holzhaus. Im Keller hatte der alte Mann drei Säcke stehen. Er machte einen davon auf und zeigte dem Mädchen die Edelsteine.
Anna sah aber nur Kieselsteine. Der Alte holte ein kleines Säckchen und legte fünf Kieselsteine hinein, die er für Edelsteine hielt. Er suchte nach ganz großen Stücken.
Dann reichte er sie dem Mädchen.
„Hier, nimm das kleine Beutelchen, ich schenke es dir.“
Anna dachte: „Was soll ich mit fünf Kieselsteinen?“
Doch sie wollte den alten Mann nicht enttäuschen. Daher nahm sie dankend das Säckchen an sich, ging nach Hause und legte das Geschenk in der Küche auf den Tisch. Dann fütterte sie die Tiere.
Als die Tante in die Küche kam und das Säckchen sah, schaute sie sofort hinein und sah die Kieselsteine. Sie rief Anna und schimpfte sie fürchterlich aus.
„Jetzt wirst du schon genau so verrückt wie der Kieselaugust.“
Sie nahm das Beutelchen, machte es auf und warf die Kieselsteine aus dem Fenster.
Dann sagte sie zu Anna: „Wenn ich dich noch einmal mit dem Kieselaugust sehe, bekommst du eine Woche nichts zu Essen. Zur Strafe musst du heute im Stall bei den Schweinen schlafen.“
Anna war traurig. Als es dunkel wurde, ging Anna wie befohlen zum Schweinestall.
Auf dem Weg dorthin leuchtete etwas im Sand. Es sah aus, als wäre es eine Glaskugel. Der Mond schien hell und sein Licht spiegelte sich in der Kugel.
Anna hob sie auf und steckte sie in das Säckchen des alten Mannes, das sie aus der Küche mitgenommen hatte. Als sie zwei Schritte weiterging, leuchtete noch eine Kugel im Sand. Etwas entfernt lagen noch weitere.
Anna hob sie alle auf und ließ sie in ihrem Beutelchen verschwinden. Dann ging sie in den Schweinestall und verbrachte die Nacht neben den Tieren.

Am nächsten Morgen, bevor sie ins Haus ging, öffnete sie das Säckchen. Sie traute ihren
Augen nicht. Darin verborgen lagen fünf große Edelsteine.
Anna konnte es kaum glauben. Vor Freude lief sie, so schnell sie konnte, zum uralten Holzhaus. Sie wollte sich bei dem alten Mann bedanken. Doch als sie dort ankam und nach ihm rief, war der Alte nicht mehr da. Vorsichtig ging das Mädchen in die Hütte, schaute überall nach. Doch von dem Mann fehlte jede Spur. Auch waren die Säcke mit den Kieselsteinen aus dem Keller verschwunden.
In der Küche lag ein Brief auf dem Tisch. Er war an Anna gerichtet. Darin stand, sie solle nach Schweinshausen fahren. Dort lebte ein Bruder ihres Vaters, der das Mädchen bei sich aufnehmen und gut behandeln würde.
So machte sie sich auf den Weg nach Schweinshausen, suchte ihren Onkel und wurde freundlich in dessen Familie aufgenommen. Endlich ging es dem Mädchen gut. Es konnte spielen, wie jedes andere Kind in seinem Alter auch. Ein kleiner Ziegenbock namens Lümmel wurde ihr bester Freund.

Die böse Tante und ihre Tochter ärgerten sich fürchterlich, als sie von Annas Reichtum erfuhren. Besonders grämte sich die Tante darüber, dass sie die fünf Kieselsteine aus dem Fenster geworfen hatte und dass sie jetzt keine Dienstmagd mehr hatte.

Quelle: Friedrich Buchmann

Skip to content