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Märchenbasar

Der kleine und der grosse Mönch

Einst lebten zwei Mönche, ein grosser und ein kleiner, zu Bégard. Der grosse war reich und hatte viele Felder und Ochsen, aber wenig Verstand. Der kleine Mönch hatte nur ein Feld und einen Ochsen, aber viel Verstand. Die Mütter beider wohnten nicht weit vom Kloster.

Eines Tages sprach der grosse Mönch zum Kleinen: »Wir haben kein Fleisch mehr; ein Ochse muss getötet werden.« – »Schön,« erwiderte der Kleine, »töte einen deiner Ochsen, du hast ja genug, während ich nur einen einzigen besitze.« – »Nein,« erwiderte der Andere, »die Sache wird nicht so gemacht. Du wirst deinen Ochsen auf dein Feld und ich meine auf meine Felder treiben und der erste, der in den Stall zurückkehrt, wird getötet.« – »Mir ist es recht,« erwiderte der kleine Mönch.

Es geschah auch so. Der Ochse des kleinen Mönchs, der auf dem Feld, wohin man ihn jeden Tag führte, nichts mehr abzuweiden fand, kehrte zuerst in seinen Stall zurück, wurde daher getötet, ausgeweidet und zerstückt. Der kleine Mönch sprach zum grossen: »Es bleibt mir nun nichts übrig als die Haut meines Ochsen zu Pontrieux zu verkaufen.« – »Tu es, wenn du es willst.« – Der kleine Mönch machte sich um Mitternacht auf den Weg, damit er frühzeitig nach Pontrieux komme. Als er den Marktflecken Plouëc durchschritten hatte und der Tag noch immer nicht anbrach, da sprach er zu sich selbst: »Ich komme zu früh nach Pontrieux; ich werde hier bis Tagesanbruch bleiben und meine Pfeife rauchen.« Er setzte sich auf die mit Stechginster bewachsene Böschung und rauchte seine Pfeife. Er hörte einen Lärm, der von rückwärts herkam und von streitenden Leuten ausging. – »Was ist das?« frug er sich. Er horchte aufmerksam und hörte, dass man sich wegen eines zu teilenden Geldes stritt. – »Das sind gewiss Diebe, die nun das Geld teilen, dass sie zu Kercabin im Schlosse gestohlen haben. Wenn ich nur auch einen Teil davon bekommen könnte.«

Da hörte er eine Stimme: »Schwöre nicht, fürchtest du denn nicht, dass dich der Teufel holen könnte?« – Diese Worte gaben ihm den Gedanken ein, als Teufel aufzutreten, um die Diebe zu erschrecken. Er hängte sich die Ochsenhaut um, deren Hörner drohend von seinem Kopf herabsahen, stieg die Böschung hinan und rollte mitten unter die Diebe, dabei furchtbar schreiend. Die Diebe glaubten, als sie die Haut und die Hörner sahen, dass der Teufel in eigener Person da sei und flohen, so rasch sie konnten. Das Geld liessen sie zurück.

Der Mond war aufgegangen und der kleine Mönch raffte hundert Taler, Silber- und Goldstücke eiligst zusammen, steckte sie in seine Tasche und eilte fröhlich nach Pontrieux. Hier verkaufte er die Haut um zwei Taler, aß dann gut, trank eine gute Flasche alten Weines dazu und kehrte hierauf ruhig nach Bégard zurück. Sogleich ging er zum grossen Mönch und sprach: »Die Ochsenhäute wurden gestern zu Pontrieux teuer bezahlt.« – »So! Wieviel bekamst du für deine?« – »Hundert Taler.« – »Das ist nicht möglich! Du scherzest.« – »Von wo hätte ich dann das viele Geld. Sieh, doch her!« Und er zeigte ihm eine Handvoll Sechslivresstücke, die er aus der Tasche zog. – »Das ist doch merkwürdig«, schrie der grosse Mönch. »Aber morgen lass ich alle meine Ochsen töten und deren Häute zu Pontrieux verkaufen!«

Er liess die Fleischhauer kommen und diese töteten und enthäuteten seine Ochsen an einem Tag. Mit einem Karren voll Ochsenhäuten fuhr er nach Pontrieux. Als er dorthin kam, warf er die Häute auf einen Haufen und erwartete vertrauensvoll die Händler. Die Lohgerber von Roche-Derrieu, von Tréguier und von Guincamp kamen, besahen sich die Häute und frugen: »Wieviel kostet das Stück?« – »Hundert Taler!« erwiderte der Mönch. – »Unterlasst das Scherzen und sprechen wir vernünftig. Wieviel wollt ihr für das Stück?« – »Ich sagte es doch schon. Hundert Taler und nicht einen Heller weniger.« – »Hundert Sous wollt ihr sagen, nicht wahr?« – »Nein, hundert Taler habe ich gesagt.« – »Ihr seid wohl närrisch geworden, dass ihr solches Zeug schwätzt.« – »Mein Kamerad, der kleine Mönch, hatte nur eine Haut und hat hundert Taler dafür erhalten und ich habe das Geld gesehen und will für jede meiner Häute ebensoviel.«

Die Lohgerber warfen ihm, als sie ihn derart daherreden hörten, die Häute an den Kopf und gingen weg, sodass der Mönch gezwungen war, wieder nach Bégard zu ziehen, ohne auch nur eine Haut verkauft zu haben. Er war sehr unzufrieden. Als ihn der kleine Mönch mit dem vollen Karren zurückkommen sah, frug er ihn: »Hast du deine Häute nicht verkauft?« – »Du hast dich über mich lustig gemacht, du hast mich zugrunde gerichtet, du wirst es mir schon noch bezahlen!« – »Ja, sind denn die Häute gesunken. Wieviel wollte man für eine geben?« – »Du wirst es mir teuer bezahlen,« schrie der grosse Mönch und zeigte dem andern die Faust. – »Wir sind wenigstens auf längere Zeit jetzt mit Fleisch versorgt,« versetzte ruhig der kleine Mönch.

Einige Zeit danach starb die Mutter des kleinen Mönches und da sie aus Pontrieux gebürtig war, wünschte sie, dort begraben zu werden. Der kleine Mönch legte sie auf sein Pferd, um sie dorthin zu schaffen. Der grosse Mönch frug ihn: »Wohin führst du deine Mutter?« – »Nach Pontrieux auf den Markt.« – »Eine alte, tote Frau auf den Markt nach Pontrieux! Und was machst du dort mit ihr?« – »Ich verkaufe sie. Man versicherte mich, dass die alten, toten Frauen seit einiger Zeit gute Preise erzielen.« – Der kleine Mönch zog ab und liess seinen Genossen nachdenklich zurück, der über die alten, toten Frauen, die teure Preise erzielen, spintisierte.

Das geschah an einem Sonntag abends. Da die Wege schlecht waren und sein Pferd nicht sah, so kam der kleine Mönch nur langsam weiter. Die Nacht überraschte ihn zwischen den Marktflecken Trézélan und Brélidy, doch der Mond kam bald. Der Mönch zündete sich in einem Graben seine Pfeife an und über die Böschung hinübersehend, erblickte er in einem Garten einen Birnbaum voll schöner gelber Früchte. Da kam ihm ein sonderbarer Gedanke. Er dachte sich: »Halt! Ich glaube, dass ich hier durch meine tote Mutter Geld verdienen kann.«

Er hob seine Mutter vom Pferde, trug sie in den Garten und lehnte sie gegen den Stamm des Birnbaumes und gab ihr eine angebissene Birne in die rechte Hand. Dann begab er sich auf den Weg zurück und schrie: »Halt, halt! Eine Birnendiebin!« – Der Besitzer der Birnen, der in der Nähe wohnte, kam im Hemd, mit einem Gewehr bewaffnet, herbei. – »Wo ist der Dieb?« schrie er. »Weh ihm, wenn ich ihn erwische; jede Nacht stiehlt man mir Birnen und bald werde ich gar keine mehr haben.«

Da bemerkte er die Alte unter dem Birnbaume, zielte, drückte los – und sie fiel zur Erde. Der Mönch riss den Zaun um, rannte in den Garten und schrie: »Was hast du getan, du Unglücksmensch! Du hast meine Mutter getötet! Ich werde dich anzeigen und du wirst gehängt werden.« – Der Birnenbesitzer wurde furchtsam und sprach: »Schrei nicht so, ich bitte dich darum. Bemühen wir uns lieber, uns zu verständigen und die Sache in Ordnung zu bringen. Wieviel Schweiggeld willst du?« – »Ich schweige nicht! Du hast meine Mutter getötet, ich werde dich daher anzeigen und du wirst gehängt werden.« – »Ich bitte dich, schreie nicht so, sondern mache einen Vorschlag. Ich bin reich und zahle dir das ausbedungene Geld sofort.« – »Es sei, gib mir siebenhundert Taler!« – »Siebenhundert Taler! Das ist für eine alte Frau, die so wie so nicht mehr lange gelebt hätte, sehr viel.« – »Gib mir augenblicklich siebenhundert Taler oder ich zeige dich in der Stadt an!« – »Es sei, aber schweige. Ich gehe ins Haus, sie zu holen.«

Der Eigentümer der Birnen ging ins Haus und kam bald mit siebenhundert Talern wieder, die er dem Mönche übergab: »Nun ziehe rasch fort und nimm deine Mutter mit, sage aber ja von dem Vorgefallenen niemandem etwas.« – Der kleine Mönch nahm die siebenhundert Taler und versprach, zu schweigen. Er legte die Mutter auf sein blindes Pferd und zog weiter nach Pontrieux.

In der Stadt angekommen, liess er das Pferd allein gehen und folgte einige Schritte hinten nach. Als das Pferd auf den Töpfermarkt kam, ging es, da es blind war, geradewegs in die Töpfe und irdenen Vasen, die zum Verkauf ausgelegt waren und zerbrach alles, was ihm unter kam. Alles fluchte und verwünschte die Alte, von der man nicht wusste, dass sie tot sei, von der man aber glaubte, dass sie total betrunken sei. Da sie dem Schreien und Fluchen keinerlei Beachtung schenkte und das Pferd seine Verwüstungen fortsetzte, so schlug einer mit einem schweren Stock nach ihr. Sie fiel zur Erde. Da zeigte sich der kleine Mönch und schrie: »Unglückseliger, du hast meine Mutter getötet!« – Den Mann, der den Schlag führte, ergriff er beim Kragen und schrie ihn an: »Du hast zugeschlagen. Ich werde dich zu Gericht führen und du wirst hängen!« – »Schweig still, mach’ kein solches Aufsehen,« erwiderte der erschreckte Mann, »ich werde dir Geld dafür geben.« – »Geld für meine Mutter!« schrie der Mönch, »für meine teuere Mutter, die beste aller Mütter; alles Geld der Welt kann mich über den Verlust nicht trösten.« – »Schrei nicht so, verlange, was du willst.« – »Da das Unglück nun schon einmal geschehen ist und du meine Mutter nicht mehr ins Leben zurückrufen kannst, so muss ich mich fügen. Gib mir tausend Taler und ich schlage keinen Lärm mehr weiter und du hast Ruhe vor mir. Alle Leute hier sind Zeugen des Unglücks gewesen und da sie dich kennen und gewiss keinem Menschen schaden wollen, so werden sie über das Vorgefallene schweigen, nicht wahr?« rief er den Umstehenden zu. – »Gewiss,« ertönte es von allen Seiten, »er hat ja doch gar nicht die Absicht gehabt, deine Mutter zu töten.« – »Ach Gott, tausend Taler,« schrie der Mann, »um die hergeben zu können, muss ich alles, was ich besitze, verkaufen und mich, meine Frau und meine Kinder ins Unglück stürzen.« – »Es muss aber sein und zwar sogleich,« erwiderte der unbarmherzige Mönch, »sonst blüht dir der Strick.«

Der arme Töpfer lieh sich das Geld aus und zahlte dem Mönch. Dieser kaufte nun einen Sarg, legte seine Mutter hinein, bezahlte den Pfarrer, der ihr das Requiem sang und sie wurde am Friedhof zu Pontrieux so beerdigt, als ob sie eines natürlichen Todes verschieden wäre, was übrigens der Wahrheit entsprach.

Der kleine Mönch, kehrte dann mit seinem blinden Pferd nach Bégard zurück. Die tausend Taler hatte er im Sack. Der grosse Mönch frug ihn sogleich, als er ihn sah: »Wie war der Handel mit den alten Frauen?« – »Ausgezeichnet.« – »Was trug dir deine Mutter ein?« – »Tausend Taler.« – »Tausend Taler! Das ist doch nicht möglich!« – »Sieh doch her!« Der kleine Mönch zeigte ihm eine Hand voll Goldstücke. »Meine Mutter war übrigens klein und mager, doch die deine, die dick und fett ist, würde mindestens das Doppelte erzielen.«

Diese Worte, sowie der Anblick des Goldes versetzten den grossen Mönch in Träumerei. Er dachte die ganze Nacht nach und beschloss endlich, seine Mutter umzubringen, um sie am Markte zu Pontrieux um zweitausend Taler zu verkaufen. Am folgenden Sonntag gab er seiner Mutter, da er wusste, dass sie guten Weinen zugeneigt sei, mehr als gewöhnlich beim Mittagessen davon und liess, als er zur Abendmette ging, noch eine volle Flasche auf dem Tisch stehen. Als er abends zurückkehrte, fand er seine Mutter im Schlafsessel schlafend. Er öffnete ihr eine Ader und sie erwachte nimmer. Gegen Mitternacht band er sie auf sein Pferd und zog damit nach Pontrieux. Als er zu einem Kreuzweg kam, wo ein Steinkreuz in die Höhe ragte, tauchten drei schwarze Hunde auf, die ihn und sein Pferd umkreisten und knurrten: »Was machen wir mit diesem Mann? Was machen wir mit diesem Mann?« – »Ihn in Stücke reissen«, knurrte einer der Hunde, – »Sein Blut trinken und sein Herz fressen,« knurrte der zweite. – »Nein, er soll seinen Weg fortsetzen,« knurrte der dritte. »Die Richter werden ihm seine Handlung schon nach Verdienst lohnen.« – Die drei Hunde verschwanden und der grosse Mönch zog weiter nach Pontrieux. Er war etwas erschreckt und frug sich, was das zu bedeuten habe.

Bei Tagesanbruch kam er in die Stadt. Am Marktplatz war es noch beinahe leer. Er nahm seine Mutter vom Pferd, lehnte sie gegen einen der Steinpfeiler der Kaufhalle und wartete. Die Bauern der Umgebung erschienen nach und nach, blieben stehen und scharten sich um die Leiche. »Ach Gott, eine Tote. Warum hat man sie doch hieher, an diesen Ort gebracht? Unzweifelhaft erwartet man den Sarg und bringt sie dann in die Kirche und auf den Friedhof …« – Der Mönch hörte alles, sagte aber kein Wort. Endlich hatte er es satt, auf Käufer zu warten und rief den Neugierigen zu: »Bietet mir keiner etwas für meine Mutter, sie ist doch eine schöne, alte …« – »Ach, Gott,« schrien die einen, als sie diese Worte vernahmen, »das ist ein Narr, der seine Mutter tötete.« – »Ach, woher denn,« riefen die andern, »das ist ein Verbrecher, der diese Frau tötete, um sie zu berauben und nun den Narren spielt. Seht doch den Hals der toten Frau, der ist durchstochen wie bei einem Schwein. Die Sache muss dem Gericht angezeigt werden.«

Man verständigte die Landjäger und den Staatsanwalt. Bei dergestalter Sachlage sah der Mönch ein, dass es für ihn am besten wäre, zu fliehen und so stieg er denn aufs Pferd, nahm die Mutter vor sich und sprengte eilends davon. Zwei berittene Landjäger verfolgten ihn. Auf einer Höhe angelangt, sahen sie ihn. Der Mönch blickte sich immer um und als er die Landjäger nahen sah, warf er seine Mutter auf den Weg, um rascher weiter zu kommen. Die Landjäger erreichten ihn jedoch und führten ihn nach Pontrieux zurück, wo er ins Gefängnis geworfen und abgeurteilt wurde. Er sollte gehängt, dann verbrannt und seine Asche in die Winde verstreut werden.
Der kleine Mönch aber wurde der grosse Mönch der Abtei Bégard.

[Frankreich: Emil Karl Blümml: Schwänke und Schnurren des französischen Bauernvolkes (Basse-Bretagne)

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