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Märchenbasar

Die Amsel und die Elster

Die Amsel, die früher ein blendend weißes Gefieder hatte, saß einmal ganz versteckt in einem Busche. Zu ihrem großen Erstaunen bemerkte sie, wie die Elster nacheinander Diamanten, Kleinode und Goldstücke in die Höhlung eines Baumes legte. Die Amsel kam hervor, zeigte sich der Elster und fragte sie, wie man es machen müsse, um sich solche Schätze zu verschaffen. Die Elster, die sich ertappt sah, wagte nicht, die Auskunft zu verweigern und sagte: ‘Gehe zum Prinzen des Reichtums in das Erdinnere, biete ihm deine Dienste an, so wird er dir erlauben, soviel Schätze mitzunehmen, wie du in deinem Schnabel tragen kannst. Du wirst durch viele Höhlen kommen, von denen eine immer herrlicher als die andere ist, aber vor allen Dingen berühre nichts, ehe du den Prinzen des Reichtums gesehen hast.’
Die Amsel begab sich an den Ort, den die Elster ihr bezeichnet hatte, und fand dort die Öffnung zu einem unterirdischen Gang, in den sie eintrat.
Sie gelangte zuerst in eine Höhle, die von lauter Silber erglänzte, aber sie erinnerte sich an den Rat der Elster und ging weiter. Da kam sie in eine zweite Höhle, die war ganz mit Gold angefüllt. Diese Versuchung war zu stark für die Amsel, und sie versenkte ihren Schnabel in den Goldstaub, der den Boden der Grotte bedeckte. In demselben Augenblick aber erschien ein furchtbares Ungeheuer, das rauchte und spie Feuer und wollte sich auf die arme Amsel werfen. Erschreckt entfloh sie und konnte sich gerade noch mit knapper Mühe und Not retten. Aber der dichte schwarze Rauch, mit dem das Ungeheuer sie angeblasen hatte, färbte ihr schönes weißes Gefieder. Es wurde ganz schwarz, nur ihr Schnabel behielt die Farbe des Goldes, das sie hatte rauben wollen.
Wenn man jetzt eine Amsel überrascht, läßt sie einen jämmerlich ängstlichen Schrei ertönen, als ob sie fürchte, daß sie es wieder mit solch einem schwarzen Ungeheuer zu tun bekomme.

[Frankreich: Oskar Dähnhardt: Naturgeschichtliche Märchen]