Suche

Märchenbasar

Die bösen Geister

In einem Dorf lebte einst ein Bauer, und der war so arm, daß er, seine Frau und seine kleinen Kinder oft nichts zum Beißen hatten. Er war nicht faul, arbeitete fleißig von früh bis spät, aber ihm wollte nichts gelingen. Er plagte und mühte sich ab und konnte doch nicht der Armut entrinnen. Was mag der Grund sein? Warum leide ich immer Not? grübelte der Arme. Die Ursache aber war folgende: In sein Haus waren böse Geister eingezogen, hausten unterm Ofen und wollten ihm nichts gelingen lassen. Was der Bauer auch angreifen mochte — alles verdarben die bösen Geister; sie spielten ihm die schlimmsten Streiche, fügten ihm den größten Schaden zu: Mal verhagelten sie ihm den Weizen, mal ließen sie die Ochsen krepieren, mal trieben sie fremde Schweine in seinen Gemüsegarten.
Zu einem Festtag hatte der Arme ein Stück Speck und einen Kanten Brot erworben und gab seinen Kindern davon zu essen. Er war obendrein ein Musikant, spielte gern die Geige und spielte sie so gut, daß es ein Ohrenschmaus war! Nach dem Abendbrot griff er nun nach seiner Fiedel und begann zu spielen. Als die Kinder die Musik horten, sprangen sie auf, stemmten die Hände in die Seiten und tanzten los! Die Kinder tanzten, der Vater sah zu und freute sich.
Da wurde er auf einmal gewahr, daß mit ihnen irgendwelche Männlein tanzten: krötenhäßlich, klein, mit langen Spinnenarmen, dünnen Hälsen, garstigen bösen Fratzen. Und es waren so viele, daß er sie gar nicht zählen konnte. Da erriet der Arme, daß es böse Geister waren. Er legte die Geige aus der Hand, und die bösen Geister stürzten allesamt unter den Ofen. Sie stießen und drängten sich, aber schließlich waren sie alle in ihrem Versteck verschwunden.
Da hatte der Arme einen Einfall, wie er sie sich vom Halse schaffen könne. Sobald die bösen Geister unter den Ofen gekrabbelt waren, fragte er sie: „Vielleicht ist es für euch zu eng unterm Ofen?“ Die bösen Geister antworteten: „Nein, hier ist’s gar nicht übel! Wir fühlen uns wohl! Eng ist es gar nicht! Wir finden überall Platz!“ Da holte der Arme sein Horn hervor, schnupfte etwas Tabak und sprach: „Würdet ihr in diesem Horn auch Platz finden?“ — „Jawohl!“ riefen die bösen Geister. „Das würde ich doch zu gern sehen!“ sagte der Bauer und hielt das offene Horn dicht über den Boden. „Nun, wo seid ihr alle?“ Die Stimmen erklangen jetzt schon aus dem Horn. „Wir sind jetzt alle in deinem Horn!“ — „Ist noch einer unterm Ofen geblieben?“ — „Kein einziger! Alle sind im Horn. Alle!“
Darauf hatte der Bauer bloß gewartet. Er verschloß rasch sein Horn möglichst fest, ging dann zu einer verlassenen Mühle, steckte das Horn unter einen schweren Mühlstein und sagte: „Bleibt für alle Ewigkeit da, ich brauche euch nicht!“ Sprach’s und kehrte nach Hause zurück.
Von diesem Tag an ging es dem Armen gut: Was er immer angriff, alles gelang und glückte ihm. Er wurde wohlhabend, seine Kinder brauchten nicht mehr zu hungern. Er legte sich viele Ochsen und Schweine zu, und das ganze Dorf staunte.
Im gleichen Dorf wohnte aber ein anderer Bauer, der war sehr reich, der reichste Mann weit und breit. Er war aber so neidisch wie kein zweiter! Er ärgerte sich, wenn ein anderer nicht am Hungertuch nagte und ihn nicht kniefällig um etwas zu bitten brauchte. Nun erfuhr er, daß der Arme keine Not mehr litt und ihm ebenbürtig war, und das wurmte ihn über die Maßen. Lange zerbrach sich der Reiche den Kopf, wie es dem Armen gelungen sein mochte, wohlhabend zu werden, er konnte es jedoch nicht herausfinden.
Eines Tages ging er also zum Armen und versuchte mit allerlei Scherzreden aus ihm herauszulocken, wie er denn so wohlhabend geworden sei. „Ich arbeite fleißig von früh bis spät, darum geht es mir auch gut!“ — „Hast du früher vielleicht weniger gearbeitet?“ — „Das nicht, aber böse Geister haben ihr Unwesen bei mir getrieben. Sie haben unter meinem Ofen gehaust, mir schlimme Streiche gespielt und mich in allen Dingen gestört. Nur gut, daß ich sie losgeworden bin!“ — „Wie hast du das angefangen?“ — „Ich habe sie in ein Horn gelockt, das Horn fest verschlossen und es mitsamt den bösen Geistern unter einen Mühlstein in der verlassenen Mühle gesteckt.“ — „Ach so ist das!“ sprach der Reiche. „Nun, leb wohl, ich hab’s eilig, muß rasch nach Hause!“ Damit ging er, bloß nicht nach Hause, sondern geradeswegs zu der verlassenen Mühle. Dort angekommen, fand er den Mühlstein, unter den der Arme sein Horn gesteckt hatte, hob ihn an und zog das Horn hervor. Er öffnete den Deckel und sprach: „Hoppla, ihr bösen Geister, kommt ins Freie! Sputet euch zu eurem Herrn! Er sehnt sich sehr nach euch!“ Der Reiche glaubte nämlich, die bösen Geister würden flugs zum Armen zurückkehren. Die bösen Geister aber quiekten: „I wo! Zu ihm gehen wir nicht! Wir haben Angst vor ihm! Er läßt sich wieder irgendwelche Kniffe einfallen und bringt uns vielleicht noch um! Du hast uns erlöst, hast uns befreit, in deinem Haus wollen wir auch wohnen, du hast ein gutes Herz!“ — „Bloß nicht!“ schrie der Reiche. „Ich will nichts wissen von euch! Nie und nimmer! Euch nehme ich nicht auf! Macht, daß ihr wegkommt!“
Aber er hatte sich verrechnet! Alle bösen Geister stürzten zu dem reichen Neidhammel, umschlangen ihn von allen Seiten und klammerten sich so fest an, daß keine Kraft imstande gewesen wäre, sie zurückzustoßen! Der Reiche versuchte wohl, sie loszuwerden, aber vergebens. Er konnte sich nicht mehr befreien und mußte schließlich mit den bösen Geistern in sein Haus zurückkehren.
Sobald er über die Schwelle trat, sprangen die bösen Geister ab, rannten nach allen Seiten und versteckten sich in den Winkeln. Sie verbargen sich so gut, daß sie nicht zu finden waren! Von Stund an wohnten die bösen Geister bei dem Reichen. Und sein ganzer Reichtum zerrann: Die Ochsen und Kühe krepierten, die Pferde wurden gestohlen, die Schafe und Schweine gingen ein, daß Korn gedieh nicht. Schließlich verbrannte sein Haus, und auch der Hof ging in Flammen auf. Und so wurde der Reiche ein Bettler.

Quelle:
(ukrainisches Märchen)

 
Skip to content