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Märchenbasar

Wirbelwinds Geschenke

Es war einmal ein altes Ehepaar, das lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen; die beiden hatten nichts außer einem Korb Roggen. Da fragte einmal der Alte sein Weib: „Sag, Alte, was sollen wir mit dem Roggen machen?“ — „Geht zur Mühle, laß dir den Roggen mahlen, dann können wir Brot backen“ sagte die Frau. Da ging der Alte zur Mühle, ließ den Roggen mahlen und trug das Mehl nach Haus. Auf einmal sprang völlig unerwartet ein Wirbelwind auf und verwehte das ganze Mehl, das der Alte trug. Mit dem leeren Korb kehrte er nach Hause zurück. „Was sollen wir tun, Alte, der Wirbelwind hat unser ganzes Mehl verweht!“ — „Geh zum Wirbelwind, Alter, laß dir den Schaden ersetzen!“ Da brach der Alte auf, um den Wirbelwind zu suchen.
Nachdem er lange gewandert war, kam er in einen finsteren Wald. Dort sah er eine Hütte stehen und trat ein. In der Hütte aber sah eine alte Frau, die fragte ihn: „Was willst du hier, braver Mann?“ — „Ich suche den Wirbelwind.“ — „Was willst du von ihm?“ — „Er hat mein Mehl verweht, und ich möchte, daß er mir den Schaden ersetzt.“ — „Nun“, sagte die alte Frau, „wohin du wolltest, dahin bist du gekommen; das ist des Wirbelwinds Hütte, und ich bin seine leibliche Mutter!“ Sie bewirtete den Gast mit Speis und Trank und sagte, er solle auf den Wirbelwind warfen.
Ober kurz oder lang kam der Wirbelwind angeflogen. Kaum war er da, fragte ihn seine Mutter: „Warum hast du das Mehl dieses Mannes verweht? Jetzt hat er kein Brot!“ Der Wirbelwind antwortete: „Nimm dir’s nicht zu Herzen, Großvater, ich will dir für das Mehl etwas Schönes schenken!“ und reichte ihm ein Tischtuch. Da fragte der Alte: „Was ist denn das für ein Tischtuch? Was soll ich damit?“ — „Das ist kein einfaches Tischtuch“, sprach der Wirbelwind. „Sobald du sagst: Tüchlein, reck dich. Tüchlein, streck dich, Tüchlein, deck dich!, gibt es dir alles, was du begehrst.“
Mit dem Tischtuch trat der Alte den Rückweg an. Nachdem er ein Weilchen gewandert war, dachte er bei sich: Will mich mal überzeugen, ob der Wirbelwind mich nicht betrogen hat. Und sprach: „Tüchlein, reck dich. Tüchlein, streck dich, Tüchlein, deck dich!“ Da faltete sich das Tischtuch auseinander, und es erschienen alle möglichen Leckerbissen darauf. Da staunte der Großvater, aß sich satt, faltete das Tischtuch zusammen und setzte seinen Weg fort.
Als es Nacht wurde, klopfte er an einem Haus an und bat um ein Nachtlager. In diesem Haus wohnte aber eine reiche Frau, die war durch Betrug und List reich geworden. Sie ließ den alten Mann ein und begann ihn auszufragen: „Wo kommst du her, Großvater?“ — „War beim Wirbelwind, um mir mein Mehl ersetzen zu lassen!“ — „Was hat er dir gegeben?“ — „Ein Tischtuch hat er mir gegeben.“ — „Was ist das für ein Tischtuch?“ — „Kein einfaches Tuch. Du brauchst ihm bloß zu sagen: Tüchlein, reck dich, Tüchlein, streck dich. Tüchlein, deck dich, und es gibt dir alles, was du begehrst.“ — „Leg dein Tischtuch in den Flur, Großvater. Hier nimmt es keiner weg.“ Der Alte tat, wie ihm geheißen.
Die Hausfrau sprach mit ihm über dies und das, rief dann ihre Tochter beiseite und flüsterte ihr zu: „Nimm das Tischtuch des Alten und leg unseres dafür hin.“ Die Tochter tat, was die Mutter befohlen, und wechselte die Tischtücher aus. Morgens stand der Alte auf, schob das Tischtuch unter den Arm und brach nach Hause auf. Daheim angekommen, sagte er: „Na, Alte, jetzt brauchen wir nicht mehr zu hungern! Setz dich an den Tisch!“ Sie setzten sich an den Tisch, der Großvater holte sein Tischtuch hervor und befahl: „Tüchlein, reck dich, Tüchlein, streck dich, Tüchlein, deck dich!“ Das Tischtuch aber bewegte sich nicht. Da erzürnte die Frau, jagte den Alten aus dem Haus und schrie: „Geh noch mal zum Wirbelwind!“
Da wanderte der Alte wieder zum finsteren Wald. Nachdem er lange unterwegs gewesen war, kam er bei der Hütte an. Er trat ein und begann zu schimpfen: „Bist ein schamloser Geselle, Wirbelwind! Hast mich betrogen. Dein Tischtuch gibt nichts her!“ Da führte der Wirbelwind ein Schäfchen herbei und sprach: „Nimm dieses Schäfchen, Grohvater! Sobald du sagst: Schäfchen, Schäfchen, schüttel dich, gib mir Gold und Silber! So gibt es dir das Verlangte.“ Der Alte nahm das Schäfchen und ging nach Haus.
Nachdem er lange gewandert war, bat er in demselben Haus um Obdach. Die Hausfrau ließ ihn ein und fragte: „Was hast du denn da für ein Schäflein?“ — „Das Schäflein hat mir der Wirbelwind geschenkt. Sobald ich ihm sage: Schäfchen, Schäfchen, schüttel dich, gib mir Gold und Silber, so gibt es das Verlangte.“ — „Führ’s mal vor!“ — „Hol eine Matte, liebe Frau.“ Die Hausfrau brachte eine Bastmatte, der Alte breitete sie aus, stellte das Schäfchen darauf und sprach: „Schäfchen, Schäfchen, schüttel dich, gib mir Gold und Silber!“ Da schüttelte sich das Schäfchen, und Gold und Silber fielen aus seinem Fell auf die Matte nieder.
Als die Hausfrau das sah, tauschte sie nachts das Schäfchen aus.
Am nächsten Morgen nahm der Alte das falsche Schäfchen mit und ging nach Haus. Daheim angelangt, sagte er zu seiner Frau: „Nun, Weib, jetzt werden wir immer Geld haben! Hol geschwind eine Matte!“ Die Alte brachte eine Matte. Der Mann stellte das Schäfchen auf die Matte und befahl: „Schäfchen, Schäfchen, schüttel dich, gib mir Gold und Silber!“ Das Schäfchen aber stand da und rührte sich nicht. Da jagte die Alte den Mann aus dem Haus und schimpfte: „Geh zum Wirbelwind und laß dir unser Mehl ersetzen!“
Der Alte wanderte also wieder zu des Wirbelwinds Hütte. Der Wirbelwind hörte ihn an und schenkte ihm ein Horn. „Nimm dieses Horn, Großvater. Jetzt kehrt dein ganzes Hab und Gut zu dir zurück. Du brauchst bloß zu sagen: In Saus und Braus aus dem Horn hinaus!“
Der Alte machte sich auf den Heimweg und überlegte: Will mal probieren, was es mit diesem Horn auf sich hat, und sprach: „In Saus und Braus aus dem Horn hinaus!“ Da sprangen ein paar kräftige Kerle mit Knüppeln aus dem Horn und prügelten auf den Alten ein. Noch gut, daß ihm der rettende Einfall kam, zu schreien: „Ins Horn zurück!“ Die Kerle mit den Knüppeln verschwanden sogleich im Horn, und der Großvater setzte seinen Weg fort. Na, dachte er, da bin ich dem Wirbelwind dankbar! Er hat mir Vernunft beigebracht, jetzt weiß ich, was ich zu tun habe!
Als er bei dem Haus anlangte, wo er ums Nachtlager gebeten hatte, klopfte er wieder an und bat um Obdach. Die Frau machte rasch auf, ließ ihn ein und fragte: „Was hast du denn da für ein Horn, Grohvater?“ — „Das Horn hat mir der Wibelwind geschenkt. Es gibt einem alles. Man braucht bloß zu befehlen: In Saus und Braus aus dem Horn hinaus!“ Das gesagt, ging der Alte aus der Stube hinaus, ließ aber das Horn auf dem Tisch liegen.
Kaum war er über die Schwelle, als die Frau nach dem Horn griff und rief: „In Saus und Braus aus dem Horn hinaus!“ Sobald sie das gesagt halte, sprangen die Kerle aus dem Horn und prügelten mit ihren Knüppeln auf sie ein. Sie prügelten und prügelten, schlugen und schlugen! Da schrie sie wie am Spieß: „Grohväterchen, so hilf mir doch!“ Der Alte kam herein und sprach: „Willst du mir mein Tischtuch und mein Schäfchen zurückgeben?“ — „Ich habe sie nicht genommen.“ — „Ach so? Na, dann prügelt weiter!“ — „Ach, Großvater, ich will dir alles zurückgeben, bloß rette mich!“ Da befahl der Alte: „Ins Horn zurück!“ Die Kerle mit den Knüppeln verschwanden sogleich im Horn. Die Frau gab dem Alten Tischtuch und Schäfchen zurück, und er ging nach Haus.
Er langte daheim an, brachte seiner Alten alle Geschenke des Wirbelwinds, und von nun an brauchten sie nie wieder Not zu leiden .

Quelle:
(belorussisches Märchen)