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Märchenbasar

Die Gärten der Feodora

Es geschah vor sehr langer Zeit. Inmitten eines Sumpfgebietes stand das verwunschene Schloss der Feodora. Aller Ortens fürchteten die Menschen diese boshafte und gefährliche Dämonin. Niemand wagte sich auch nur in die Nähe des Palastes. Ihr gesamter Hofstaat zierte in Form von Marmorstatuetten die prachtvoll ausgestatteten Räume. Allein, um der Herrin zu dienen, hauchte diese ihnen für kurze Zeit Leben ein und ließ sie hernach wieder erstarren.

Eines Tages kam ein Wanderbursche des Weges und als er des Schlosses ansichtig wurde, dachte er:
,,Dieses Gemäuer sieht recht einladend aus. Ich werde dort um ein bescheidenes Nachtlager bitten.”
Kurz darauf pochte er an das mächtige, reich verzierte Tor. Seine Schläge hallten weithin hörbar, aber es rührte sich nichts. Da es bereits dunkelte, wollte der Bursche nicht aufgeben und versuchte es weiter. Im gleichen Moment, als der Mond am Firmament erschien, vernahm er ein Geräusch und eine kleine Seitenpforte öffnete sich knarrend.
,,Wer begehrt zu so später Stunde Einlass?”, fragte ein tief verhülltes Weib.
,,Ich, Silas, ein müder und hungriger Wanderbursche!”
Sie trat zur Seite und winkte ihn hinein. Stumm schritt sie voran, führte ihren Gast in einen hellerleuchteten Saal zur üppig gedeckten Tafel. Dem Jüngling gingen die Augen über, bei all den köstlichen Speisen. Schon wollte er zugreifen, aber da sprach die Schlossherrin warnend zu ihm:
,,Bevor du deinen Hunger nach Herzenslust stillen magst, wisse, dass du dich an Feodoras Speise labst. Jedoch fordere ich von dir dafür einen Tribut.”
,,In meinen löchrigen Taschen befindet sich keine einzige Puseratze, so wollt Ihr mich also darben lassen?”
,,Auf Gold und Silber bin ich nicht aus, jedoch meine drei Gärten benötigen dringend der Pflege.”
,,Das ist mir ein Leichtes”, erwiderte Silas, ,,ein weiches Lager und satter Wanst lassen mich ausharren, bis alle Arbeit verrichtet sein wird.”
Sie reichte ihm zur Besiegelung der Abmachung die Hand, nahm ebenfalls Platz und wartete geduldig, bis er sein Mahl beendete.
,,Diese Gaumenfreuden eines wahren Meisterkoches bringen mich gleich zum Bersten”, lobte der Bursche und setzte hinzu: ,,Jetzt verlangt mein müdes Haupt nach Ruhe.”
Wortlos erhob sich Feodora und führte ihn die Treppe hinauf zu seinem Schlafgemach. Kaum schloss sich die Tür hinter ihm, überfiel ihn bleierne Müdigkeit. Er schaffte es gerade noch, in das prunkvolle Himmelbett zu steigen und augenblicklich schlief Silas wie ein Stein. Aber bald wurde er von einem seltsamen Traum heimgesucht:

Wieder stand er vor dem Schlosstor und bat um Einlass. Als die Pforte sich öffnete, blickte er in das makellos schöne Antlitz einer jungen Frau. Er folgte ihrer Aufforderung einzutreten. Sie führte ihn bis vor eine Eisentür und wandte sich blitzschnell um. Silas prallte entsetzt zurück. Die Schönheit der Maid war einer abgrundtiefen Hässlichkeit gewichen. Aus ihrem Kopf wuchsen viele züngelnde, zischende Schlangen. Das ebenmäßige Gesicht entstellt durch die lederne Haut einer tausendjährigen Schildkröte. Plötzlich griff dieses furchterregende Wesen nach ihm. Er wollte schreien, aus den Kissen springen, fliehen, nur weg. Aber …!

Lautes, anhaltendes Klopfen brachte Silas in die Wirklichkeit zurück. Verhüllt, wie am Abend zuvor, trat Feodora ein und sprach:
,,Die Sonne geht gleich auf, also spute dich Jüngling. Wenn du bis zum Abend, den ersten Garten nicht zu meiner Zufriedenheit hergerichtet hast, dann musst du auf ewig als Molch im Morast leben.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie das Gemach. Flugs folgte er ihr nach und versuchte vergeblich einen Blick unter den Schleier zu werfen. Sie überquerten den Schlosshof, durchschritten einen Heckengang und verharrten vor dem Eisentor aus seinem Traum. Silas wich erschrocken zurück. Jedoch, das kümmerte die Schlossherrin wenig, sie sperrte auf und schob den Burschen kurzerhand hindurch. Was er zu sehen bekam, verblüffte ihn doch sehr, denn von einem Garten war weit und breit nichts zu erblicken. Vor ihm lag ein großes Feld, welches über und über mit kleinen Erdhügeln bedeckt war. Feodora reichte ihm ein Linnensäckchen mit Grassamen und eines mit reichlicher Speise. Sie deutete zu dem alten Ziehbrunnen am Ende des Ackers und befahl:
,,Wage dich nicht deinen Durst zu löschen, bevor das Feld bewässert ist. Doch zuvor muss der Boden geebnet und die Samen eingebracht werden.”

Die eiserne Tür fiel krachend ins Schloss und der Wanderbursche fand sich allein. Er hielt sogleich Ausschau nach einer Fluchtmöglichkeit, aber weit gefehlt. Hohe, unüberwindliche Mauern umschlossen das Stück Land.
,,So sei es drum”, murmelte er und begann die Hügel platt zu treten. Rascher als gedacht lag eine ebene Fläche vor ihm.
,,Noch das Saatgut ausstreuen, dann ist es an der Zeit für eine kleine Stärkung”, dachte Silas und warf eine Handvoll über den Acker. Wie durch Zauberei wuchsen alle Erdhügel in Windeseile wieder hoch.
,,Sapperlot! Was für ein Teufelswerk geht hier vor?”, rief der Jüngling verblüfft und geriet vollends aus der Fassung, als Hunderte von Nagern den Hügeln entwichen. Sie stürzten sich auf die Samenkörner und verputzten diese blitzschnell. Da der gute Silas nun fürchtete, als glitschiger Molch zu enden, ging er erneut ans Werk. Doch abermals fraßen die Biester alles auf. Verzweifelt bemühte sich der Bursche weiter, bis kein einziger Grassamen mehr übrig war. Bitter enttäuscht hockte er sich auf den Brunnenrand und verspeiste lustlos sein Vesperbrot. Den letzten Bissen noch im Munde verspürte er quälenden Durst. Geschwind ließ er das Schöpfgefäß in den Brunnen hinab und zog es randvoll wieder hinauf. Doch noch ehe er einen einzigen Schluck trinken konnte, entglitt ihm der Kübel und das kostbare Nass ergoss sich über einige Erdhügel. Diese verschwanden plötzlich und an ihrer Stelle wuchs saftiges Gras.
,,Ei der Daus!”, rief Silas, ,,das ist also des Rätsels Lösung. Ich muss das Feld allein nur mit dem Brunnenwasser benetzen.”
Flink wässerte er den ganzen Boden und unter seinen Füßen breitete sich eine wunderschöne Wiese aus. Gerade noch rechtzeitig zum Mondaufgang war es vollbracht und Feodora erschien, um sich an seinem Unglück zu weiden. Als sie aber das gelungene Werk erblickte, begleitete sie ihn wortlos zu seinem Schlafgemach. In dieser Nacht schlummerte der Wanderbursche traumlos.

Kurz vor Sonnenaufgang führte die Dämonin ihren Gast zur zweiten Gartentür.
,,Siehst du das vertrocknete Rosengesträuch?”, fragte sie und fuhr sogleich fort: ,,Reiße es aus dem Boden, verbrenne es und wässere das Feld. Ich komme mit dem Mond, und wehe dir, du hast versagt, dann mache ich dich zu meinem steinernen Vasallen.”
Silas bemerkte sofort die messerscharfen Dornen und überlegte, wie er dem trockenen Zeug zu Leibe rücken könnte, ohne sich zu verletzen. Er suchte in den Taschen seines Beinkleides, fand Feuerstein und Zunder sowie ein großes, derbes Sacktuch.
,,Du kommst mir gerade recht”, nuschelte er und umwickelte damit die rechte Hand. Dann ging er munter ans Werk. Nachdem alles ausgerissen, aufgeschichtet und zu Asche verbrannt war, machte er sich ans Wässern. Aber kaum hatte er einen Kübel Brunnenwasser über das Erdreich geschüttet, wuchsen die vertrockneten Rosenstöcke wieder empor.
,,Hm, das Wasser scheint dieses Mal nicht zu helfen”, überlegte der Bursche. Er machte sich erneut an die Arbeit und bemerkte bald, dass sein Schnupftuch in Fetzen hing. Kurzerhand entledigte er sich seines Untergewandes, schützte damit seine Hand und fuhr fort. Doch noch schneller als zuvor das Sacktuch, ging sein Hemd perdü. Silas geriet in Panik, denn die Sonne neigte sich bereits dem Untergang zu. Alle Vorsicht vergessend packte er mit bloßen Fäusten zu, und unweigerlich stachen die Dornen tief in sein Fleisch. Vor Schmerz hielt er inne, betrachtete die blutenden Wunden und suchte sie zu schließen. In seiner Not kniete der Jüngling nieder und drückte seine blutenden Hände in das Erdreich. Augenblicklich erblühten die Rosenstöcke in voller Pracht und verströmten einen betörenden Duft. Keine Minute zu früh, denn im gleichen Moment erschien die Schlossherrin. Der prächtige Rosengarten schien ihren Zorn hervorzurufen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief davon.

Lange vor Sonnenaufgang erwachte Silas und wartete geduldig auf Feodoras Klopfen. Sie geleitete ihn zum dritten und letzten Garten.
,,Diese Aufgabe kannst du unmöglich bewältigen”, bemerkte sie bissig, ,,die jungen Obstbäume benötigen dringend Wasser, damit sie bis zum Abend Früchte tragen. Tun sie es nicht, dann bist du des Todes.”
Sprach`s und verschwand.
,,Nun”, sprach Silas halblaut, ,,ich habe die beiden anderen Gärten überlebt, so werde ich auch diesem nicht zum Opfer fallen.”
Er lief zum Brunnen, schöpfte Wasser und begoss das erste Bäumchen. Kaum sogen seine jungen Wurzeln das Nass auf, begann es zu verdorren.
,,Oh nein!”, rief der Bursche erschrocken, ,,was habe ich nur falsch gemacht?”
Verzweifelt wässerte er weiter. Doch auch die nächsten zehn Setzlinge verdorrten vor seinen Augen. Trotzdem lief er erneut zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen und fand plötzlich eine hässliche dicke Kröte im Kübel. Gerade wollte er sie zurück in den Brunnen werfen, als diese zu sprechen anhub:
,,Kein Wasser mehr für dich, Silas!”
,,Wer gibt dir das Recht dazu?”, fragte er erbost.
,,Das ist mein Reich und hier herrsche ich. Aber schenkst du mir drei Küsse und einen kleinen Finger, dann verrate ich dir das Geheimnis des Gartens.”
,,Pfui! Ich soll dich küssen und mir einen Finger abschneiden?”
,,Nein! Das musst du nicht. Doch dann bist du mit Gewissheit bald nicht mehr am Leben.”
Er überlegte und erwiderte seufzend:
,,Nun gut, ich komme um diesen Handel wohl nicht herum.”
Nachdem der Jüngling mit drei Küssen bezahlt hatte, hieß ihn die Kröte nun alle Bäumchen zu begießen, bis auf ein Einziges. Ein Bild des Jammers bot sich ihm, verdorrte Setzlinge, wohin er auch sah.
,,Lass mich wieder in meinen Brunnen hinab”, verlangte sie auf einmal von Silas. Erleichtert packte er sie und wähnte seinen Finger schon in Sicherheit, als die Kröte ihm diesen ratzfatz abbiss und in die Tiefe sprang.
Der Schmerz raubte ihm fast die Sinne. Er taumelte blind links umher, kam ins Straucheln und stürzte zu Boden. Seine Schmerzenstränen speisten des letzten Bäumchens Wurzeln und netzten seine Bisswunde. Noch einmal verspürte Silas heftigen Schmerz und bemerkte dann staunend, dass seine Hand völlig unversehrt war. Zeitgleich verwandelten sich die Setzlinge in blühende Obstbäume und trugen im nächsten Moment reife Früchte. Silas griff gerade nach einem roten Apfel, als der Mond aufging und die Dämonin durch die Pforte trat.
,,Nein”, schrie sie wutentbrannt, ,,du musst mit dem Teufel im Bunde sein. Noch niemand hat die Gärten der Feodora überlebt.”
Mit einem Mal bemerkte der Jüngling unter dem Schleier des Weibes eine seltsame Bewegung. Das weckte seine Neugier und er riss ihr das Tuch herunter. Silas erbleichte bis in die Haarwurzeln. Vor ihm stand die grässliche Erscheinung aus seinem Traum. Er wich Schritt für Schritt zurück, bis ihm der Brunnen den Weg versperrte und er die Kröte aus der Tiefe rufen hörte:

,,Stößt du die Dämonin ins Wasser hinein,
kannst du freilich ihr Erlöser sein!”

Der Bursche überlegte nicht lange, packte geschwind zu und warf das hässliche Ding in den Brunnen. Grässlicher Schwefelgestank stieg empor, der Boden öffnete sich und verschluckte den alten Ziehbrunnen. Silas fand sich plötzlich in einem wunderschönen Schlossgarten wieder. Am kühlen Weiher erwartete ihn die schöne Feodora und sie sprach dankbar zu ihm:
,,Dein Mut und deine Unerschrockenheit haben mich von einem bösen Fluch erlöst. Mehr als zweihundert Jahre musste ich in dämonischer Gestalt und Bosheit verbringen. Nimm zum Dank meine Hand und teile mit mir alles, was ich besitze.”
Der Wanderbursche verneigte sich vor der Schönen und erwiderte:
,,Nein, Feodora, ein Leben lang nur an einem einzigen Ort zu verbringen, danach steht mir wahrlich nicht der Sinn. Ich muss nun weiterziehen, also gehabt Euch wohl.”
So zog Silas in die weite Welt hinaus und ward nie wieder gesehen.

 Quelle: Ulla Magonz