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Märchenbasar

Die Kuhhaut

Es lebte einmal ein Mann, der war schon sehr hinfällig, und er hatte drei Töchter. Hinter dem Dorf, in dem sie wohnten, befand sich ein Brunnen, an dem es gewaltig spukte. Der Mann wollte gern Wasser aus dem Brunnen haben: „Wenn ich aus diesem Brunnen Wasser zu trinken bekäme, würde ich mich gleich wohler fühlen.“ Das sagte seine älteste Tochter: „Vater, ich werde gehen und dir dieses Wasser holen!“ Sie ging also zu dem Brunnen und wollte Wasser schöpfen, aber aus dem Brunnen ertönte eine Stimme: „Von diesem Wasser werde ich dir erst geben, wenn du mir gelobst, die Meine zu werden!“ Darauf entgegnete sie: „Das kann nicht sein, da ich nichts von dir sehe!“ So ging sie wieder nach Hause. „Vater“, sagte sie „dort kann man kein Tröpfchen Wasser bekommen.“

Da kam die zweite Tochter: „Da du nichts bekommen hast, werde ich gehen!“ Doch es erging ihr wie der ersten, auch sie bekam kein Wasser. Schließlich ging die dritte Tochter, die jüngste. Als sie aber an den Brunnen kam und schöpfen wollte, ließ sich wieder die Stimme hören: „Wenn du mir feierlich gelobst, die Meine zu werden, kannst du Wasser schöpfen!“ Und sie entgegnete: „Ich gelobe dir, daß ich die Deine werde!“ Am Abend dann, als es dunkel war, schlich sich jemand in einer Kuhhaut heran, machte am Hausflur halt und klopfte an die Tür. Sie mußte gehen, um zu öffnen; öffnet – und erschrak furchtbar und bekreuzigte sich mit Weihwasser. Da fing dieser Jemand zu singen an:
„Halte ein, was du mir gelobt,
als du Wasser bei mir geholt,
mein Liebchen zu sein,
komm, lasse mich ein.“
Und alle mußten aus dem Zimmer gehen, und sie allein blieb mit ihm zurück. Er aber sprach:
„Halte ein, was du mir gelobt,
als du Wasser bei mir geholt,
mein Liebchen zu sein,
so liege bei mir fein.“

Dann streifte er die Kuhhaut ab und stand vor ihr als bildschöner Jüngling, wie es kaum einen zweiten auf Erden gab. Als aber die Uhr zwölfmal schlug, warf er sich sogleich die Kuhhaut über und kehrte spornstreichs wieder in das Wasser zurück. Am nächsten Morgen kam er abermals und klopfte an die Tür..Wieder ging sie um zu öffnen, nun schon freudig gestimmt, denn sie war ihm sehr zugetan. Wieder mußten alle das Zimmer verlassen. Er aber sprach zu ihr: „Halte ein, was du mir gelobt,
als du Wasser bei mir geholt,
mein Liebchen zu sein,
so liege mir fein.“

Erst in der zwölften Nacht sollte er die Kuhhaut für immer abwerfen dürfen und ein hübscher Jüngling werden. Er bat sie, niemanden etwas davon zu sagen, bis sie ihn vollkommen erlöst habe. Aber sie hatte sich eilends ihrer Mutter anvertraut und ihr erzählt, welch ein schöner Jüngling er sei, sobald er die Kuhhaut von sich streifte und sie unter das Bett legte. So hatte die Mutter in der dritten Nacht rasch den großen Backofen angeheizt sich leise ins Zimmer geschlichen, die Kuhhaut ergriffen und in den Brotbackofen geworfen.

Da wachte der Jüngling auf und wollte hurtig in die Kuhhaut schlüpfen, doch diese war nicht mehr da. Beide, Tochter und Jüngling schrien nun: „Wo ist die Kuhhaut?“ Die Mutter hörte das Geschrei, kam zu ihnen gelaufen und sagte, daß sie die Kuhhaut in den Backofen geworfen habe, wo sie sicher ganz geschrumpft sei. Beide versuchten, die Haut zu dehnen, damit er sich wieder darin einhüllen konnte, doch sie war schon so geschrumpft, daß ihre Enden nicht mehr zusammenstießen.

Da trennten sie sich in großem Leid, und er sagte zu ihr, daß er jetzt zur Buße ins Rote Meer gehen müsse. Nicht lange danach ließ sie sich einen eisernen Wanderstab, eiserne Schuhe sowie ein eisernes Kesselchen machen und ging, um ihn herauszufischen, aber Tag und Nacht weinte sie um ihn, und ihre Tränen flossen in das Kesselchen. Dabei gelangte sie in einen weit entfernten Wald, dort stand eine Hütte; sie klopfte an die Tür. Ein altes Weiblein trat aus der Hütte: „Mädchen, was willst du hier?“ Sie bat um ein Nachtlager.
Da sagte die Alte: „Mein Kind, ich kann dich zur Nacht nicht dabehalten, denn mein Gemahl ist der Mond, und der leuchtet alles aus, sogar die allerkleinste Ecke hinter dem Ofen.“

Doch schließlich nahm die Alte das Mädchen auf. Dann kam der Gemahl. „Pfui Teufel! Hier riecht es nach Menschenseele. Sage, wen du bei dir hast!“ „Nun. Ich habe weiter niemanden als nur ein Mädchen, das ihren Liebsten sucht. Hast du vielleicht gesehen, wo er ist?“
„Ich habe nichts gesehen, geh aber zu meiner Schwester der Sonne, die leuchtet überall hinein; doch das ist noch hundert Meilen weiter!“ Er führte das Mädchen aus dem Wald und gab ihr zum Abschied eine Nuß.

Sie wanderte weiter, weinte immerfort und ließ ihre Tränen in den Kessel fließen. Schließlich gelangte sie erneut in einen großen Wald, und dort leuchtete in einer Hütte ein Licht auf.
Sie ging zu der Hütte und klopfte an die Tür. „Wer pocht denn hier?“ „Ich, Alterchen, ich bin unterwegs, meinen Liebsten zu suchen.“
„Aber von woher kommst du? Hierher kommt sonst kein Vogel geflogen, auch der Mond scheint hier nicht, der Wind bläst hier nicht, du aber bist von ganz weit hergekommen!“
„Ich habe mich unterwegs auf den eisernen Wanderstab gestützt, habe einen vollen Kessel Tränen geweint, aber meinen Liebsten kann ich nicht finden.“

Als die zwölfte Nachtstunde gekommen war, erschien die Frau – das war die Sonne -, leuchtete hinter dem Ofen und sagte: „Pfui Teufel, hier riecht es nach einer Seele aus dieser Welt; sage mir, wen du bei dir hast!“ Da sagte die Alte: „Nein, ich habe niemanden gesehen, aber gehe zu meinem Bruder dem Wind, der bläst alles aus dem allerkleinsten Loch heraus, doch bis zu ihm sind es noch hundert Meilen von mir. Und auch sie hab ihr eine Nuß. Danach ging das Mädchen weiter auf die Suche und weinte ohne Aufhören. Schließlich gelangte sie wieder in einen großen Wald, und sah Licht in einer Hütte. Sie schritt auf die Hütte zu und klopfte an die Tür.

Eine alte Frau kam und öffnete ihr: „Wer klopft denn hier? Weshalb bist du hergekommen? Hier scheinen weder Mond noch Sonne, hier läuft auch kein Hase vorbei, du aber hast den Weg hierher gefunden!“ „Ich bin unterwegs und suche meinen Liebsten; ich war schon beim Mond und bei der Sonne, aber die Sonne schickte mich zum Wind, damit er mir hilft, ihn zu finden.“ Dann bat sie um ein Nachtlager, und wenn es auch nur ein kleines Eckchen hinter dem Ofen wäre. In der Nacht gegen zwölf kam der Wind und sprach: „Pfui Teufel! Hier riecht es nach einer Seele aus dieser Welt. Sage, wen du bei dir beherbergst!“
„Eine Jungfer ist hier, die ihren Liebsten sucht. Hast du ihn nicht irgendwo gesehen?“

„Bislang habe ich nichts gesehen, aber morgen in der Frühe werde ich einen großen Sturm entfesseln, vielleicht wird der ihn irgendwo erwischen.“ Hernach rief er die Jungfer zum Abendmahl. Sie aßen ein Huhn. „Sammle diese Hühnerknochen auf und bewahre sie gut!“ Dann gab er ihr eine Nuß und entfernte sich mit dem großen Sturm. Der Sturm aber hatte den Liebsten der Jungfer erblickt. Da kam der Wind zurück und sagte zu der Jungfer: „Dort hinter dem Meer steht ein Hund“, sagte er, „aber gehe dennoch, denn dein Liebster ist schon verheiratet. Wenn du über das Meer willst, lege immer diese Knochen aus, und du wirst auf ihnen hinübergehen können.“ Da sah sie den Hund und warf ihm rasch einen Knochen zu, aber dieser Knochen fehlte ihr dann. So schnitt sie sich den kleinen Finger von einer Hand ab und legte ihn aus, damit sie das Ufer erreichen konnte.

Ihr Liebster war im Schloß, er war schon verheiratet, und sei es als Gänsemagd.
Man nahm sie. Als sie die Gänse zur Weide trieb, öffnete sie eine Nuß,und siehe da: in der Nuß befanden sich silberne Kleider. Der Schlossherrin gefielen diese Kleider so sehr, daß sie die Gänsemagd bat, ihr doch die Kleider zu verkaufen, aber diese entgegnete:
„Ich schenke Euch diese Kleider, wenn Ihr mir erlaubt, eine Nacht mit Eurem Gemahl zu schlafen.“ Die Schlossherrin erlaubte es, gab aber ihrem Ehegemahl zuvor einen Schlaftrunk und ließ ihn, erst als er fest eingeschlafen war, zur Gänsemagd ins Bett bringen. In der Nacht bat das Mädchen, rief und weinte: „Mein Goldchen, mein Liebling, Kuhhaut, in die wir beide dich hüllten; meine eisernen Schuhe habe ich zerschlissen, meinen ersten Wanderstab abgewetzt und einen Kessel voll Tränen geweint.“

Doch unter dem Fenster stand ein Wächter, der alles hörte, worüber sie klagte, und der sich wunderte, was das bedeuten sollte. Bis zum anbrechenden Morgen konnte sie bei ihrem Liebsten nichts ausrichten, kein einziges Wort ihm entlocken. Hernach meldete der Wächter seinem Herrn, daß dieser mit der Gänsemagd geschlafen und sie zu ihm solches gesagt habe: „Mein Liebling, mein Gold, Kuhhaut, die wir beide dir angezogen bis zu dem Tage, da du dich darin einhüllen wolltest und nicht mehr konntest!“ Damit erfuhr der Schlossherr sogleich, daß es seine erste war, die ihn erlöst hatte. Anderntags trieb die Gänsemagd ihre Gänse wieder auf die Weide und brach dort die zweite Nuß auf, in der sich goldene Kleider befanden. Und die zweite Nacht mit ihm verlief ebenso wie die erste.

Sie beklagte sich sehr, als man ihn zu ihr ins Bett gelegt hatte, und wiederholte immerfort:
„Mein Allerliebster, mein goldener Geliebter, der du mein Gemahl sein solltest, weißt du noch, wie wir die Kuhhaut zu dehnen versuchten, damit du dich in sie hüllen konntest?“ Und wieder hatte der Wachmann alle diese Klagen gehört und anderntags früh seinem Herrn erzählt. Als man dem Herrn für die dritte Nacht wieder einen Schlaftrunk zu trinken gab, spie er ihn heimlich aus. Man hielt ihm glühende Kohlen an die Fußsohlen, um zu sehen, um zu sehen, ob er noch wach sei, aber er hielt aus und stellte sich schlafend. Hernach brachte man ihn zur Gänsemagd ins Bett, die ihn sogleich umarmte, küßte und bat, nicht einzuschlafen, indem sie sagte: „Mein Allerliebster, da du mein Gemahl werden solltest, weißt du noch, wie wir die Kuhhaut zu dehnen suchten, um dich darin einzuhüllen? Ich habe mir einen eisernen Wanderstab, eiserne Schuhe und einen eisernen Kessel machen lassen; die Schuhe sind zerschlissen, der eiserne Wanderstab ist abgewetzt und der Kessel voller Tränen, aber dich konnte ich nicht finden, und jetzt, da ich dich endlich gefunden habe, kann ich kein einziges Wort von dir hören, meine allerliebste Kuhhaut.“

Da umschlang er ihren Hals, küßte sie immer wieder und sprach: „Von heute an, meine Herrin, wird dir der ganze Hof dienen!“ Morgens rief die Schloßherrin: „Stehe auf, Gänsemagd, und treibe die Gänse zur Weide!“ Da entgegnete der Herr: „Nein, die Herrin bleibt bei mir liegen, diejenige aber, die bisher Herrin war, wird von nun an die Gänsemagd sein!“ Und so lebten sie glücklich miteinander bis zu ihrem Tod – und leben vielleicht noch heute, wenn sie nicht gestorben sind. Wenn aber doch, dann beißen sie bereits die Erde.
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Quelle: Malinowski. L. a.a.O., MAE 1901
Uciszkowa (Kozliesk)