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Märchenbasar

Die Tochter des Schlangenkönigs

Es waren einmal zwei Freunde, von denen hatte der eine einen Sohn, der andere keinen; dieser liebte jedoch den Sohn des Freundes, als ob es sein eigener wäre. Beide waren große Kaufherren und befuhren mit ihren Schiffen die fremden Meere. Als nun der, welcher keinen Sohn hatte, eines Tages das Schiff zu neuer Reise rüstete, kam der Sohn des andern und bat Vater und Freund, ihn mit zur See zu nehmen, damit auch er fremde Länder und Menschen kennen lerne. Keiner von beiden wollte seine Bitte erhören, er flehte aber so lange, bis sie ihm nachgaben und auch ihm ein Schiff rüsteten.
Wie sie aufs hohe Meer gekommen waren, erhob sich ein heftiger Sturm, der blies die Schiffe weit auseinander: eins dahin, das andere dorthin. Das Schiff, worauf sich der Freund befand, konnte sich retten, das andere, welches den Jüngling trug, scheiterte an einer Klippe. Die Matrosen ertranken, allein der Jüngling rettete sich auf einem Balken an das Land. Ganz trostlos irrte er herum und kam in einen Wald, wo viele wilde Thiere waren. Um sich vor denen zu schützen, kletterte er des Abends auf einen Baum, um da die Nacht zu verbringen, und lief dann weiter und weiter, bis er vor einer hohen Mauer stand. Diese Mauer erklomm er und sah zu seiner Freude, daß sie eine große Stadt einfaßte. Eilig stieg er auf der andern Seite hinunter und wandelte durch die Straßen, sich etwas Speise zu kaufen. Er tritt in einen Laden, fragt, ob sie ihm etwas zu essen geben könnten; weil ihm aber niemand antwortet, geht er weiter und kommt vor den königlichen Palast. Der Wächter an der Pforte war auch stumm und konnte ihm nicht Rede stehen. Der Hunger treibt ihn, die Zimmer zu durchsuchen, eins nach dem andern, und so kommt er in die königliche Bettkammer, dort legt er sich, da er sehr müde war, ein wenig nieder.
Kaum lag er, so erschien ein wunderschönes verhülltes Mädchen, bereitete ihm ein köstliches Mahl und lud ihn zum Essen ein. Er aß und legte sich wieder schlafen. Dies dauerte so fort während zweier Wochen. Eines Nachts, als er im tiefen Schlafe lag, erschien ihm eine königliche Jungfrau von hoher Schönheit, die sprach: »Hast du Muth und Ausdauer?« Er antwortete: »Ja.« – »Wenn du Muth und Ausdauer hast«, fuhr sie fort, »will ich dir ein Geheimniß anvertrauen. Wisse: ich bin die Tochter des Schlangenkönigs. Ehe mein Vater starb, hat er die ganze Stadt mit Männern und Frauen, Soldaten und Dienstleuten verwünscht und mich selbst dazu. Der Zauber, uns zu erlösen, ist in eines Magiers Händen; wenn du es aber über dich bringst, ein Jahr lang mit mir vereint zu sein, ohne mich zu sehen und ohne jemand etwas von diesem Geheimniß zu sagen, so ist der Bann, der mich und die Stadt hält, gebrochen, ich werde Kaiserin und du Kaiser.« Er antwortete, daß er getreulich thun wolle, was sie ihm geböte, und alles ging gut.
Nach einiger Zeit jedoch bat der Jüngling, sie möge ihm gestatten, seinen Vater und seine Mutter wie den Freund einmal wiederzusehen, bald werde er ihr wiederkehren. Sie bangte zwar, ihn fortziehen zu lassen, doch gab sie endlich seinem Drängen nach und schärfte ihm noch einmal ein, das Geheimniß in Treuen zu bewahren. Ein Schiff erwartet ihn am Strande, das ihn in die Heimat tragen soll, und beim Scheiden gibt ihm die Jungfrau noch einen Stab, der ihm alle Wünsche erfüllen, ihn auch sicher zur Stadt seines Vaters bringen werde. Auf dem Schiffe waren Schätze und Kostbarkeiten die Fülle. Glücklich gelangte er vor die Thore seiner Vaterstadt, ließ die Schätze in die allerbeste Herberge tragen und fragte, ob hier nicht zwei reiche Schiffsherren wohnten. Man erzählte ihm, daß es wol einmal in der Stadt zwei solcher Herren gegeben, welche die allerbesten Freunde von der Welt gewesen, daß sie aber jetzt beide bettelarm wären durch ein Unglück, welches den Sohn des einen mitten im Meere getroffen, und das der Vater dem Freunde schuld gegeben habe. Sie haben darauf einen schlimmen Handel vor den Richtern angefangen und sich beide an den Bettelstab gebracht.
Wie er dies gehört, ließ er sofort seinen Vater rufen und sprach: »Ich hätte wol Lust, mit Euch und Euerm Freunde ein Geschäft zu machen, da mir bewußt ist, daß ihr zur See gar wohl erfahren.« Der Vater antwortete, darauf könne er sich jetzt nicht mehr einlassen, da er und sein Freund, aus Anlaß des Todes seines geliebten Sohnes, sich entzweit, und all seine Güter durch den daraus entsprungenen schlimmen Handel verschlungen worden wären. »Geld braucht ihr keins«, antwortete rasch der Sohn, »davon habe ich so viel ihr nur braucht und wollt.« Und nun gab er Befehl, eine Tafel zu rüsten, und ließ den Freund seines Vaters wie die Frauen beider dazu einladen. Wie sie nun bei Tische saßen, sahen sich die Männer sowol als die Frauen mit feindseligen Blicken an, und keins vermochte einen Bissen anzurühren. Da nahm der Sohn ein Stück von seinem Teller und sprach: »Lieber Vater, der Euch diesen Bissen reicht, ist Euer verloren geglaubter Sohn, schaut her: gesund und wohl steht er vor Euch.« Und alle erkannten ihn, sprangen auf, umarmten und küßten sich vor Freude und weinten laut. Darauf theilte der Jüngling seine Schätze zwischen Vater und Freund, damit sie ihr Geschäft aufs neue betreiben könnten; gleichzeitig aber sagte er, daß er wieder fort müsse, wohin jedoch, sagte er nicht. Dies drückte jedoch seiner Mutter das Herz ab, und sie wollte um jeden Preis hinter das Geheimniß des Sohnes kommen. Sie bat und bat, und weil sie gar nicht abließ, erzählte ihr der Sohn zuletzt alles. Erzählte ihr, wie er so lange schon mit dem königlichen Mädchen vereint sei, ohne ihre Schönheit je mit Augen gesehen zu haben. Da gab ihm die Mutter ein Stücklein geweihter Kerze und sprach: »Wenn sie im Schlummer liegt, zünde diese an, so kannst du ihre Schönheit schauen.«
Der Jüngling reist ab, erreicht Stadt und Schloß des Schlangenkönigs und findet die Jungfrau in Erwartung seiner. Wie sie schlafen gegangen war – ihm schien es hundert Jahre, bis daß er ihre Schönheit schaue – nahm er die geweihte Kerze, entzündete sie, entschleierte die Glieder des Mädchens und schaute ihre hohe Schönheit. Da fielen heiße Wachstropfen herab, und sie erwachte. »Unseliger«, rief sie, »wem hast du mein Geheimniß verrathen? Jetzt bist auch du im Bann und kannst mich nur erlösen, wenn du zum Walde gehst, wo der Magier wohnt, mit ihm kämpfst und ihn tödtest.« – »Wehe mir«, sagte der Jüngling, »was hab’ ich gethan! Doch sage mir, was ist zu vollbringen, so es mir gelingt, den Magier zu tödten?« Sie antwortete: »Nimm diesen Stab, mit ihm erschlägst du den Magier, darauf öffnest du ihm den Leib, worin du ein Kaninchen finden wirst. Oeffnest du dieses, findest du eine Taube, öffne auch sie, und du wirst drei Eier finden. Diese Eier bewahre wohl auf, hüte sie wie deine Augäpfel, denn durch sie wird dereinst Stadt und Land wie ich selbst erlöst werden. Wo nicht, bleibst du verwünscht wie alle andern.«
Betrübt ging er davon, und nur mit dem Stabe bewaffnet kam er in den Wald, von dem ihm die Jungfrau gesagt hatte. Hier stieß er auf eine Heerde Kühe, welche von dem Besitzer und seinen Knechten gehütet wurden. Er näherte sich ihnen, sagte, daß er sich im Walde verirrt habe, und bat sie um ein Stück Brot. Der Herr gab ihm zu essen und behielt ihn bei sich, befahl ihm auch nach einigen Tagen, die Kühe auf die Weide zu treiben, warnte ihn aber vor dem Walde, indem in diesem ein Zauberer wohne, der Vieh und Menschen fräße. Er versprach das, führte aber gleichwol die Heerde in den Wald, das Begegniß mit dem Zauberer herbeizuführen. Der Herr, der ihm nur einen Knaben mitgegeben, fürchtete um seine Heerde, da er ihn von weitem in den Wald treiben sah, und jammerte laut.
Der Zauberer, kaum daß er die Heerde erschaute, kam mit einer furchtbaren Eisenstange herbei. Dem Knechtlein sank bei diesem Anblick das Herz in die Hosen, und er sprang in das Gebüsch. Der Jüngling aber blieb standhaft und schritt weiter. Da rief der Zauberer: »Du Wicht, was kommst du hierher, meinen Wald zu verwüsten?« Der Jüngling antwortete: »Nicht nur an den Wald will ich dir, sondern auch ans Leben!« Und der Kampf begann. Er währte den ganzen langen Tag, und sie waren hart aneinander. Beide ermüdeten, doch keiner war noch verwundet. Der Zauberer rief am Ende:

Hätt’ ich eine Suppe von Wein und Brot,
Dich zu tödten hätt’s keine Noth!

Und der Jüngling:

Hätt’ ich eine Suppe von Milch und Brot,
Schlüge ich dich nieder ohne Noth!

Sie trennten sich und wollten den Kampf andern Tages fortsetzen. Der Jüngling trieb sein Vieh zusammen. Der Knabe kam hervor, und ungefährdet kamen sie nach Hause. Alle staunten, sie unversehrt wiederzusehen, und hörten mit Verwunderung die Mär des Jünglings an. Sagte auch der Knabe, wie der andere sich während des Kampfes eine Suppe von Milch und Brot gewünscht, und der Herr befahl, eine solche Suppe auf den andern Tag bereit zu halten, damit sie im rechten Augenblicke dem Jünglinge gereicht werden könne.
Wieder trieb er seine Heerde in den Wald, begleitet von dem Knaben, der die Suppe trug. Der Kampf begann, und wie er am heißesten entbrannt war, rief der Zauberer:

Hätt’ ich eine Suppe von Brot und Wein,
Schlüge dem Jüngling den Schädel ein!

Und der Jüngling:

Hätt’ ich eine Suppe von Milch und Brot,
Schlüge den Zauberer sicher todt!

Sogleich reichte ihm der Knabe das Verlangte, er nimmt einen Mund davon, sodaß ihm die alte Kraft zurückkehrt. Darauf holt er mit seinem Stabe zu einem mächtigen Schlage aus, trifft den Kopf des Unholdes, und dieser stürzt todt zu Boden. Gleich ist er nun über ihn her, schneidet ihm den Bauch auf, findet darin das Kaninchen, in diesem die Taube, und endlich in der Taube die drei Eier. Die nimmt er, verwahrt sie wohl, treibt die Kühe zusammen und kehrt heim. Alles kam ihm voll Jubel entgegen, und der Herr bat ihn, bei ihm zu bleiben. Aber seines Bleibens war nicht länger, er schenkte dem Herrn den erbeuteten Wald und ging davon.
In der Stadt des Schlangenkönigs angekommen, eilte er auf das Schloß zur Jungfrau. Die nahm ihn gar freundlich bei der Hand und führte ihn in den Thronsaal ihres Vaters, wo sie ihm die goldene Krone aufsetzte. »Jetzt«, sagte sie, »sind wir König und Königin.« Dann führte sie ihn auf den Altan des Schlosses, nahm die drei Eier und sagte zum Jüngling: »Jetzt wirf eins nach rechts, eins nach links, und das dritte gerade vor dich hin!« Kaum hatte jener dies gethan, so fing ein großer Lärm an: alle Leute der Stadt begannen zu sprechen, zu rufen, die Fahnen flatterten, Wagen fuhren vor, und die Truppen marschirten heran. Alle aber, Truppen und Volk, erhoben ihre Stimmen, dankten ihrem Befreier und riefen jubelnd: »Es lebe unser König und unsere Königin!«

Sie lebten im Glücke noch manches Jahr;
Ich aber bleibe so arm, wie ich war.

[Italien: Waldemar Kaden: Unter den Olivenbäumen. Süditalienische Volksmärchen]

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