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Märchenbasar

Die verstoßene Königin und ihre beiden ausgesetzten Kinder

Es war einmal eine Frau, die hatte drei Töchter, die waren alle drei sehr schön. Sie waren aber arm, und mußten sich ihr Brod mit Spinnen verdienen. Wenn nun Abends der Mond recht schön schien, setzten sie sich an ihr Fensterlein und spannen. Gegenüber aber lag das Schloß des Königs, und wenn der König die Treppe hinauf oder hinunter ging, mußte er immer an den Mädchen vorbei. Da sprach einmal die Aelteste: »Wenn ich den Königssohn zum Mann bekäme, so wollte ich mit vier gran Brod ein ganzes Regiment sättigen, und es sollte noch übrig bleiben.« Da sprach die Zweite: »Wenn ich den Königssohn zum Mann bekäme, so wollte ich mit einem Glas Wein einem ganzen Regiment zu trinken geben, und es sollte noch übrig bleiben.« Da sprach die Jüngste: »Und wenn ich den Königssohn zum Mann bekäme, so wollte ich ihm zwei Kinder gebären, einen Knaben mit einem goldenen Apfel in der Hand, und ein Mädchen mit einem goldenen Stern auf der Stirn.« Dasselbe sagten sie jedesmal, wenn der König vorbeikam. Einmal hörte es denn der König und ließ die drei Schwestern auf sein Schloß kommen. »Wer seid ihr?« frug er sie, »und was thut ihr Abends an Eurem Fensterlein?« Sie antworteten: »Wir sind arme Mädchen und müssen uns unser Brod mit Spinnen verdienen. Da sitzen wir denn Abends an unserm Fensterlein und spinnen, und um uns die Zeit zu vertreiben, plaudern wir.« Da frug der König die Aelteste: »Was sagtet ihr denn gestern als ich vorbeiging?« Sie antwortete: »Majestät, ich sagte: Wenn ich den Königssohn zum Mann bekäme, so wollte ich mit vier gran Brod ein ganzes Regiment sättigen und es sollte noch übrig bleiben.«
Da frug der König die zweite Schwester: »Was habt ihr denn gesagt?« Sie antwortete: »Majestät, ich sagte: Wenn ich den Königssohn zum Mann bekäme, so wollte ich mit einem Glas Wein einem ganzen Regiment zu trinken geben, und es sollte noch übrig bleiben.«
Da frug er auch die Jüngste: »Und was habt ihr gesagt?« Sie schämte sich und wollte nicht antworten, endlich aber mußte sie es doch sagen: »Majestät, ich sagte: Wenn ich den Königssohn zum Mann bekäme, so wollte ich ihm zwei Kinder gebären, einen Knaben mit einem goldenen Apfel in der Hand, und ein Mädchen mit einem goldenen Stern auf der Stirn.«
Da das der Sohn des Königs hörte, sprach er: »Du sollst meine Gemahlin sein.« Da ließ er ihr schöne Kleider machen, und sie wurde seine Frau. Die beiden Schwestern aber zogen auch auf das Schloß und lebten dort herrlich und in Freuden.
Nun begab es sich nach einigen Monaten, daß ein Krieg ausbrach und der Königssohn mußte auch in den Krieg ziehen. Da rief er die beiden Schwestern herbei und sprach: »Ich empfehle meine liebe Frau eurer Fürsorge. Wenn nun ihre Stunde kommen wird, so pflegt sie wohl.« Die beiden Schwestern waren aber sehr neidisch auf das Glück, das ihre jüngste Schwester betroffen hatte. Als nun die junge Königin in die Wochen kam, thaten sie als wollten sie sie pflegen, und als wirklich zwei Kinder zur Welt kamen, ein Knabe mit einem golderen Apfel in der Hand, und ein Mädchen mit einem goldenen Stern auf der Stirn, nahmen sie die Kindlein weg, legten sie in eine Kiste und warfen sie in’s Wasser. Der jungen Königin aber legten sie zwei Hündlein in’s Bett.
Als nun der junge König aus dem Krieg heimkehrte und seine Kinder sehen wollte, sagten ihm die Schwestern: »Die junge Königin hat zwei Hündlein zur Welt gebracht.« Da wurde er sehr zornig und befahl, man sollte im Hof am Fuß der Treppe einen Verschlag bauen, darin sollte die arme Königin Tag und Nacht stehen bei Wasser und Brod; neben ihr aber stand eine Schildwache, und zwang jeden der die Treppe hinauf oder hinunter ging ihr in’s Gesicht zu speien.
Unterdessen war die Kiste mit den armen Kindlein von einem alten Fischer aufgefangen worden. Als er sie öffnete und die beiden schönen Kinder sah, brachte er sie nach Haus und seine Frau säugte sie. Da blieben denn die Kinder und wurden von Jahr zu Jahr schöner und größer. Als sie aber älter wurden, stritten sie sich eines Tages mit den Söhnen des Fischers, und diese nannten sie dabei Bastarde. Als sie nun erfuhren, daß sie nicht die Kinder der beiden alten Leute seien, sprachen sie: »Gebt uns Euren Segen, wir wollen gehen und unsere Eltern suchen.« Da wanderten sie fort und trafen nach einer Weile einen freundlichen Alten an, der frug sie: »Wohin wandert ihr so allein?« Sie erzählten ihm, wie sie ausgezogen wären, ihre Eltern zu suchen. Da schenkte der Alte ihnen einen Zauberstab und sprach: »Was ihr euch von Schätzen wünschen werdet, werdet ihr durch diesen Stab erlangen.« Da wanderten sie weiter, bis sie in die Stadt kamen, wo ihr Vater herrschte. Dort wünschten sie sich ein wunderschönes Haus, gerade dem königlichen Schloß gegenüber, und alsobald stand da ein prächtiger Palast.
Am nächsten Morgen traten die beiden neidischen Schwestern an das Fenster und konnten sich nicht genug verwundern über den schönen Palast der über Nacht entstanden war, und während sie noch darüber sprachen, sahen die beiden Königskinder auch zum Fenster hinaus. Da erkannten sie die Tanten an dem goldenen Stern und an dem Apfel und erschraken sehr. Da riefen sie eine arme Frau herbei, der sie jeden Freitag etwas zu schenken pflegten, und sprachen: »Geht einmal hinüber in jenes Haus, dort wohnen reiche Leute, die werden euch gewiß etwas geben.« Wenn nun das junge Fräulein euch etwas gibt, so sagt zu ihr: »Edles Fräulein, ihr seid schön, doch euer Bruder ist noch viel schöner. Verschaffet euch aber das tanzende Wasser.« Denn, dachten die schlimmen Tanten, nun wird der Bruder ausziehen es ihr zu holen, und ist er erst einmal todt, so wollen wir sie auch schon los werden. Die arme Frau ging also in den Palast und sprach zur Kammerfrau: »Saget eurer Herrin, es sei hier eine arme Bettlerin, die um ein Almosen bittet.« Da kam das Fräulein selbst heraus, und die Arme sprach zu ihr: »Edles Fräulein, ihr seid schön, aber euer Bruder ist noch viel schöner. Verschaffet euch aber das tanzende Wasser.« Als das Mädchen das hörte, bekam sie eine solche Sehnsucht nach dem tanzenden Wasser, daß sie ganz schwermüthig wurde, und als der Bruder nach Hause kam, erzählte sie ihm, was die Bettlerin ihr gesagt hatte und bat ihn, ihr das tanzende Wasser zu holen. »Aber liebe Schwester,« antwortete der Bruder, »du weißt nicht, was für Gefahren damit verbunden sind. Ich will gern ausziehen, es dir zu holen, du wirst aber sehen, ich komme nicht wieder.« »O du wirst schon wiederkommen,« sagte die Schwester, und weil er sie so lieb hatte, konnte er ihren Bitten nicht widerstehen und bereitete sich vor auf die Reise. Nun gab er ihr einen Ring und sprach: So lange der Ring weiß und klar bleibt, werde ich zurückkommen, wird er aber einmal trübe, so ist es ein Zeichen, daß ich nicht wiederkehren kann. Darauf umarmte er seine Schwester, bestieg sein schönstes Pferd, und machte sich auf den Weg.
Er mußte viele Tage weit wandern, endlich kam er in einen tiefen Wald. Es wurde Abend und er sah noch keinen Ausweg. Da irrte er umher und dachte: »Bis morgen früh haben dich die wilden Thiere gefressen.« Plötzlich sah er in der Ferne ein Licht, und als er näher hinzu kam, sah er ein kleines Häuschen. Er klopfte an und ein alter Einsiedler öffnete ihm. »O mein Sohn,« sprach der Alte, »was thust du an diesem wilden Orte so allein?« »Vater,« antwortete der Jüngling, »ich bin ausgezogen das tanzende Wasser zu suchen.« – »O mein Sohn,« sprach der Alte, »entsage deinem thörichten Vorhaben. So viele Prinzen, Königssöhne und Fürsten sind hier vorbeigezogen um das tanzende Wasser zu suchen, und Keiner ist noch je zurückgekehrt.« Der Jüngling aber ließ sich nicht abschrecken, denn er hatte seine Schwester sehr lieb. »Wenn du denn durchaus willst,« sagte der Einsiedler, »so gehe mit Gott. Ich kann dir zwar nicht helfen, aber eine Tagereise tiefer im Wald wohnt mein älterer Bruder, den suche morgen auf, vielleicht kann er dir rathen.«
Den nächsten Morgen wanderte der Jüngling weiter, bis tief in die Nacht hinein, bis er in der Ferne ein Licht sah. Das war das Häuschen, wo der zweite Einsiedler wohnte. Er klopfte an und der Einsiedler öffnete ihm die Thür, und frug nach seinem Begehr. Als er nun hörte, daß er ausgezogen sei das tanzende Wasser zu suchen, versuchte er noch viel ernstlicher ihn zu warnen. Er ließ sich aber nicht davon abbringen. Da sprach der Einsiedler: »Ich kann dir nicht rathen und helfen; aber eine Tagereise tiefer im Wald wohnt mein ältester Bruder, der wird dir villeicht helfen.« Den nächsten Morgen ritt der Jüngling wieder fort, und kam am Abend zum dritten Einsiedler, der war steinalt. »Mein Sohn,« frug der Einsiedler, »was thust du hier an diesem verrufenen Ort?« Als er nun hörte, warum der Jüngling ausgezogen sei, erschrak er sehr und sprach: »Mein Sohn laß dich warnen, und thue es nicht. So viele sind dabei zu Grunde gegangen, wie sollte es dir nun gelingen?« Er wollte aber nichts hören, also sprach der Einsiedler: »Nun wohl denn, wenn du durchaus gehen willst, so geh mit Gott. Sieh, dort jenen Berg mußt du ersteigen; weil er aber von wilden Thieren bewohnt ist, so mußt du deinen Quersack mit Fleisch füllen und ihnen dasselbe hinwerfen, so werden sie dich durchlassen. Auf dem Gipfel des Berges steht ein wunderschönes Schloß; tritt hinein und gehe durch alle Zimmer durch. Hüte dich aber wohl, irgend etwas anzurühren von den herrlichen Schätzen, die du da sehen wirst. In dem letzten Zimmer ist eine große Anzahl Pokale, die sind mit Wasser angefüllt. Rühre sie aber nicht eher an, als bis du das Wasser sich bewegen siehst. Dann ergreife einen und entfliege so schnell du kannst.« Nun gab er ihm noch seinen Segen und ließ ihn ziehen.
Der Jüngling ging hin und kaufte mehrere Ochsen, die er schlachten und in Stücke hauen ließ. Damit füllte er seinen Sack an und zog nun aus, dem Berg zu. Als er nun anfing den Berg zu ersteigen, sprangen von allen Seiten die wilden Thiere herbei, er aber warf ihnen große Stücke Fleisch hin, da ließen sie ihn durch. Glücklich kam er auf den Gipfel des Berges an, stieg vom Pferd und trat in das Schloß. Da sah er nun so viele Schätze und Reichthümer, daß er wie geblendet davon war. Aber der Warnungen des Einsiedlers eingedenk, rührte er Nichts an, sah sich auch nicht einmal um, sondern schritt durch alle Zimmer, bis er in den Saal kam, wo die Pokale mit dem tanzenden Wasser standen. Er wartete bis er das Wasser aufwallen sah, dann ergriff er einen Pokal und entfloh so schnell er konnte. Nun kam er zu den drei Einsiedlern, die sich sehr freuten ihn gesund wiederzusehen, und endlich kehrte er auch zu seiner Schwester zurück, die sich sehr freute, als er wiederkam, und den Pokal stellte sie an das Fenster, und freute sich an dem Aufwallen des Wassers.
Als nun die beiden Tanten sahen, daß ihr Neffe gesund heimgekommen war, erschraken sie sehr, riefen wieder die Bettlerin und sprachen: »Wenn ihr nächsten Freitag in das Haus gegenüber geht, so sprecht zu dem Fräulein: Euer Bruder ist schön, ihr aber seid noch viel schöner. Verschaffet euch aber den sprechenden Vogel.« Die Frau ging hin und that was die Schwestern sie geheißen. Als nun der Jüngling nach Hause kam, fand er seine Schwester wieder so traurig, und frug sie ob sie gern was hätte. »Ach, lieber Bruder,« antwortete sie, »du hast mir das tanzende Wasser geholt, jetzt mußt du mir auch noch den sprechenden Vogel holen!« – »Liebe Schwester,« sprach er, »ich will dir zu Liebe gehen, aber diesmal siehst du mich nicht wieder, das ist gewiß.« Die Schwester aber meinte, er würde schon wiederkommen. Da bestieg der Jüngling wieder sein Pferd und ritt bis er zu dem ersten Einsiedler kam. »Vater,« sprach er, »ihr habt mir zu dem tanzenden Wasser verholfen, verhelft mir auch noch zu dem sprechenden Vogel.« »Mein Sohn,« antwortete der Einsiedler, »einmal ist es dir gelungen, aber nimm dich in Acht, das zweite Mal wird es dir nicht gelingen.« Er aber wollte sich nicht warnen lassen, ging zum zweiten und endlich auch zum dritten Einsiedler. Der sprach zu ihm: »Mein Sohn, wenn du durchaus dein Glück versuchen willst, so gehe mit Gott. Versieh dich mit Fleisch, es den wilden Thieren vorzuwerfen. Wenn du im Schloß bist, so gehe durch die Zimmer, hüte dich aber wohl irgend etwas anzurühren. Wenn du nun in einen Saal kommst, wo eine große Anzahl Vögel ist, so warte bis die Vögel anfangen zu sprechen, dann ergreife einen und entflieh so schnell du kannst. Hüte dich aber wohl ihn anzurühren, so lange er nicht spricht.«
Der Jüngling ging hin, versah sich mit Fleisch, und kam glücklich durch die wilden Thiere. Vor dem Schloß stieg er vom Pferd, und ging durch die Zimmer. Da waren noch schönere Sachen aufgespeichert, er ging aber vorbei, ohne etwas anzurühren. Als er aber in den Saal mit den Vögeln kam, vergaß er die Warnung des Einsiedlers, und ergriff einen Vogel, der nicht sprach. Alsbald erstarrte er zu Stein, und sein Pferd ebenfalls.
Unterdessen beschaute die Schwester täglich den Ring und freute sich, daß er so hell und klar blieb. Eines Morgens aber war der Ring ganz trübe. Da fing sie an zu weinen, und sprach: »Ich will ausziehen meinen Bruder zu erlösen.« Also wanderte sie fort, viele Tage lang, bis sie in den Wald und zu dem ersten Einsiedler kam. Dort klopfte sie an und der Alte öffnete ihr die Thür, und als er eine Frau da stehen sah, sprach er: »O meine Tochter, wie kommst du in diese Wildniß, du ganz allein?« – »Vater« antwortete sie, »ich bin ausgezogen meinen Bruder zu suchen.« – »Ja, Tochter,« sprach der Greis, »wir haben deinen Bruder genug gewarnt, er wollte aber nicht hören.« Da wies sie der Alte zu dem zweiten Einsiedler und der schickte sie zu dem dritten. »O Tochter,« sprach der zu ihr, »wie kannst du deinen Bruder erlösen, du ein schwaches Mädchen! Kennst du auch die Gefahren, denen du entgegen gehst?« Sie ließ sich aber nicht von ihrem Gedanken abbringen. Da sagte ihr der Greis, wie sie sich der wilden Thiere erwehren solle, und fuhr dann fort: »Wenn du nun in das Schloß kommst, so gehe durch die Zimmer, hüte dich aber wohl irgend etwas anzurühren. Im innersten Zimmer ist ein wunderschönes Bett, darauf liegt die Zauberin und schläft. Unter dem Bett liegen ihre diamantenen Pantoffeln, hüte dich aber sie anzurühren, sondern nähere dich leise dem Bett ohne dich umzusehen, strecke die Hand unter das Kopfkissen, ohne die Zauberin zu wecken, und ziehe die goldene Dose hervor, die dort versteckt ist. Wenn du dann mit der Salbe, die in der Dose ist, deinen Bruder bestreichst, so wird er wieder lebendig werden.« Da ging sie hin, versah sich mit Fleisch, und ging muthig durch die wilden Thiere, denen sie Fleisch hinwarf. Dann schritt sie durch die Säle, ohne irgend etwas anzurühren, und auch ohne sich umzusehen. Als sie in das Zimmer kam, wo die Zauberin schlief, näherte sie sich leise dem Bett, streckte vorsichtig die Hand unter das Kopfkissen, und zog das goldene Büchschen hervor. Leise eilte sie dann durch die Zimmer, bestrich ihren Bruder mit der Salbe, dann auch alle die andern Prinzen und Helden, die versteinert worden waren, daß sie Alle lebendig wurden. Dann lief sie hinunter, bestrich die Pferde, und nun setzten sich Alle zu Pferd, und entflohen so schnell sie konnten. Den sprechenden Vogel aber nahm der Bruder mit. Als sie nun den Berg hinunterritten, erwachte die Zauberin, und schrie: »Verrath! Verrath!« Aber ihre Macht war zu Ende und sie konnte den Flüchtlingen nicht schaden. Da ritten die Geschwister zu den drei Einsiedlern, und dankten ihnen für ihre Hülfe. Dann kehrten sie wieder in ihr schönes Haus zurück, und stellten den Vogel zu dem Pokal in’s Fenster.
Da bemerkte der König eines Tages die wunderbaren Gegenstände und ließ die Geschwister zu einem Gastmahl auf das Schloß kommen. Als sie nun die Treppe hinaufstiegen, kamen sie auch an ihrer Mutter vorbei. Da schlugen sie die Augen nieder, und obgleich die Schildwache ihnen sagte, des Königs Befehl laute, ein Jeder der hinauf oder hinunter gehe, müsse der armen Frau in’s Gesicht speien, so thaten sie es doch nicht. Nach dem Essen sprach der König: »Ihr habt in eurem Fenster einen Pokal mit tanzendem Wasser und einen sprechenden Vogel, dürfte ich sie wohl einmal sehen?« Da schickten sie hin und ließen die beiden Sachen holen, und stellten sie auf den Tisch. Auf einmal fing der Vogel an zu sprechen: »Liebes Wasser, ich kenne eine schöne Geschichte, soll ich sie dir erzählen?« »Thue das,« antwortete das Wasser. Da erzählte der Vogel die ganze Lebensgeschichte der Geschwister, wie sie in’s Wasser geworfen worden waren, und ihre nachmaligen Abenteuer. Als das die beiden Tanten hörten, wurden sie ganz blaß. Da erkannte der König seine Kinder, und es war große Freude im Schloß. Die arme Königin wurde gebadet und mit schönen Kleidern angethan. Die beiden bösen Schwestern aber wurden auf Befehl des Königs in eine Tonne mit siedendem Oel gesteckt, und diese einem Pferd an den Schwanz gebunden, und durch die ganze Stadt geschleift.

[Italien: Laura Gonzenbach: Sicilianische Märchen]