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Märchenbasar

Die weiße Hindin vom Hochwald

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Es war einmal, hoch über einem engen Gebirgstale, ein altes Grafenschloß, dessen Türme aus den Tannen ragten wie graue Finger. In jenem Schlosse diente ein junger Jäger, Wolfram genannt. Sein Auge war scharf, seine Hand sicher, und er traf den Hasen im Sprunge wie den Falken im Fluge. Die Leute im Tale rühmten ihn, und Wolfram hörte das Rühmen gern. Er sprach wohl: „Was im Walde läuft und fliegt, das gehört meinem Pfeile.“

Der Graf hielt viel auf seine Jagd. Zu seiner Rechten saß der Truchseß Hartlieb, ein Mann in Pelz und Goldkette, reich an Kleidern und arm an Ruhm. Hartlieb schoß schlecht und redete viel. Jedes Stück Wild, das Wolfram auf den Hof brachte, war ihm ein Dorn.

Nun begab es sich im Spätherbst, als die ersten Reife über das Farrenkraut lagen, daß Wolfram allein in den Hochwald stieg. Die Dorfleute mieden jenen Wald und sagten, dort gehe ein weißes Wild, dem das Glück nicht folge. Wolfram aber dachte in seinem Stolze: Weiß oder braun, was mein Pfeil trifft, das fällt. Und er ging tiefer, als er je gegangen war.

An einem stillen Kar, wo ein kleiner See unter schwarzen Felsen lag, trat eine Hindin aus dem Gesträuch, weiß wie frisch gefallener Schnee, mit einem Fleck wie Mondschein an der Stirn. Wolfram vergaß, was man ihm von diesem Walde gesagt hatte, spannte den Bogen und schoß.

Der Pfeil saß in der Flanke. Die Hindin taumelte, sah ihn an, und in diesem Blick war nicht das bloße Entsetzen eines Tieres. Dann floh sie um den See, und das Blut tropfte auf das Steinmoos.

Da erwachte in Wolfram etwas wie Scham, doch der Stolz trieb ihn nach. Hinter einem Felsblock fand er sie am Wasser. Ehe er die Hand nach dem Messer streckte, ging ein Schauer über ihr Fell, und an der Stelle der Hindin saß eine Jungfrau in einem Kleid von weißem Leinen. Das Blut lief ihr über die Seite. Sie hob das Gesicht und sprach:

„Du hast getroffen, was kein Jäger treffen soll. Ich trage die Gestalt der Hindin, bis ein Sterblicher mich verwundet und hernach sein Wort hält. Willst du, daß ich lebe, so schwöre: Rede mit keinem Menschen von diesem Schusse, rühme dich seiner nicht, und spanne in diesem Hochwalde nimmermehr den Bogen. Hältst du den Eid, so heile ich. Brichst du ihn, so fällt dein Glück wie dürres Laub.“

Wolfram erschrak, denn er sah, daß sie weder Spuk noch Traum war. Er kniete und sprach: „Ich schwöre es bei meinem Leben und bei diesem Pfeile.“

Da faßte die Jungfrau den Schaft, zog ihn heraus, und die Wunde schloß sich, als wäre Tau darauf gefallen. Sie stand auf, leicht wie Nebel, und sprach: „Behalte das Wort. Es ist mehr wert als alle Geweihe.“ Damit trat sie zwischen die Fichten. Wolfram zerbrach den blutigen Pfeil und warf die Stücke in den See.

Von Stund an jagte er nur noch in den unteren Hängen. Das Wild blieb ihm hold, und der Graf tadelte ihn nicht, denn die Küche war voll. Doch merkte Hartlieb, daß Wolfram den Hochwald mied. „Der stolze Schütze ist feige geworden,“ raunte er in der Gesindestube. „Oder er hat oben etwas gefunden, das er für sich behalten will.“

Es kam der Abend, da der Graf die Jäger an seiner Tafel hatte. Da stieß Hartlieb Wolfram mit dem Ellenbogen und rief laut: „Sage, Meister, was das Schwerste war, das dein Pfeil je gefällt hat. Im Hochwald geht ein weißes Stück. Hast du es gelegt?“

Die Knechte lachten. Wolfram fühlte das Wort auf der Zunge brennen, denn der Stolz war noch nicht tot in ihm. Aber er sah im Geiste die Jungfrau am See. Er setzte den Becher nieder und sprach: „Ich habe im Tale geschossen, was der Herr braucht. Mehr ist nicht zu sagen.“

Als Martini nahte, trat Hartlieb vor den Grafen und sprach: „Herr, im Hochwalde geht eine weiße Hindin. Wer sie bringt, der ist der erste Weidmann im Land. Lasset uns um sie werben. Dem Sieger gebt eine goldene Kette und das Amt über alle Forste.“

Der Graf willigte ein. Wolfram aber neigte den Kopf und sprach: „Herr, ich jage euch Hirsch und Gemse, soviel ihr begehret, doch in den Hochwald gehe ich nicht.“ Da lachten etliche Knechte, und Hartlieb rief: „Er fürchtet den Schnee!“ Wolfram schwieg. Der Graf gab Hartlieb die Erlaubnis, mit Hunden zu ziehen.

Hartlieb stieg hinauf. Der Hochwald aber führte ihn im Kreise, und als die Dämmerung kam, hatte er nichts als Frost in den Stiefeln. Vor der letzten Hütte, wo der Rauch eines Meilers stand, saß ein alter Köhler, Veit genannt. Hartlieb schrie ihn an: „Alter, wo geht das weiße Wild? Rede, oder ich lasse dir den Meiler treten.“

Veit klopfte die Pfeife aus und sprach: „Was weiß ist und nicht sterben soll, das zeigt sich dem nicht, der es suchen kommt, um sich damit zu schmücken.“ Hartlieb hob die Gerte. Veit wich nicht. Da ritt der Truchseß fluchend talwärts.

Am anderen Morgen suchte Wolfram den Alten auf. Veit setzte ihm Brot vor und sprach: „Wer die weiße Hindin verwundet, der trägt ein Wort wie eine Last. Halte es, Bursche, und wenn sie dir Rock und Amt nehmen. Ein gebrochener Eid nährt keinen. Ein gehaltener sättigt, auch wenn die Schüssel leer bleibt.“ Wolfram dankte und half Holz schichten.

In der folgenden Woche rief der Graf seinen Jäger vor die Tafel. Hartlieb stand zur Rechten und sprach: „Dieser Bursche geht zu den Köhlern und verhehlt euch das beste Wild. Lasset ihn sagen, was er im Hochwalde gesehen hat. Schweigt er, so jaget ihn vom Hofe.“

Der Graf sah Wolfram streng an. „Sprich. Ich will den Grund wissen.“

Wolfram dachte an die Jungfrau und an Veits Brot. Er verbeugte sich und sprach: „Herr, ich habe geschworen, davon zu schweigen. Nehmt mir das Amt, wenn ihr müßt. Das Wort gebe ich nicht.“

Da wurde der Graf zornig. Er nahm ihm Horn, Bogen und Köcher und sprach: „So gehe. Ein Jäger, der nicht redet und nicht schießt, wo ich es heiße, ist mir nichts nütze.“ Hartlieb empfing noch an demselben Abend die goldene Kette und das Amt über die Forste.

Wolfram ging zu Veit. Der Alte sagte nichts als: „Da bist du,“ und wies ihm das Reisiglager hinter dem Meiler. Von Stund an lernte Wolfram Kohlen setzen. Der Stolz fiel von ihm wie nasses Laub. Er trug den rußigen Kittel und schwieg, wenn die Schloßknechte höhnten: „Seht den Meister Weidmann, der die Kohlen kennt!“

Die Jungfrau sah er nicht. Doch manchmal, wenn der Wind von den Karen kam, war ihm, als gehe etwas Leichtes zwischen den Stämmen, und das Herz wurde ihm weit.

Hartlieb aber hatte keine Ruhe, weil niemand ihn rühmte. Zum Winterfest gelobte er bei lautem Wein, die weiße Hindin auf den Tisch zu bringen. Er nahm Knechte mit Spießen, ließ die Hunde hetzen und stieg bei Neumond in den Hochwald.

Diesmal fand er den Karsee, denn der Neid macht die Augen scharf. Am Ufer stand die Jungfrau und kämmte ihr Haar. Hartlieb rief: „Nun habe ich dich! Du sollst mein Ruhm sein, und dein Fell soll über meines Herren Tafel hängen.“

Sie wandte sich, und in ihrem Blick lag der Wald selbst. „Rühre mich nicht an,“ sprach sie. „Du hast keinen Eid und keine Scham, und was du jagst, das jagst du, um gesehen zu werden.“

Hartlieb lachte, spannte den Bogen und zielte. In demselben Augenblick trat Wolfram aus dem Fichtenrand, ohne Bogen, nur mit dem Köhlerstecken, denn er hatte geschworen, in diesem Walde keinen Pfeil mehr zu senden. Er stellte sich zwischen den Truchseß und die Jungfrau und rief: „Schieß nicht! Sie ist nicht dein.“

Hartlieb, voll Zorn, daß der verstoßene Jäger ihm noch einmal in den Weg trat, schrie: „So triff ich euch beide!“ und ließ den Pfeil fliegen.

Wolfram rührte keinen Bogen an. Er blieb stehen und bot die Brust, weil er lieber fallen als das Wort brechen wollte. Da geschah es, daß der Pfeil sich in der Luft wandte und Hartlieb in die Zunge fuhr. Der Truchseß stürzte und konnte fortan kein Wort mehr rühmen und keines mehr verleumden. Die Knechte flohen. Die Hunde krochen zu Wolframs Füßen.

Die Jungfrau trat zu dem Verwundeten und sprach: „Du wolltest mit fremdem Leide glänzen. Nun sei dein Mund das, was dein Herz gewesen ist: stumm vor Wahrheit und voll eigenen Schmerzes.“ Sie wusch ihm das Blut nicht ab. Hartlieb kroch talwärts, und niemand verstand hernach, was er stammeln wollte. Der Graf, als er die Knechte gehört und die goldene Kette im Moos gefunden hatte, jagte ihn vom Hofe. Man sagt, Hartlieb sei in einem fernen Kloster Gärtner geworden.

Die Jungfrau aber wandte sich zu Wolfram. „Du hast geschwiegen, als das Reden dir Amt und Ehre wiedergab. Du hast nicht geschossen, als der Schuß dich selbst gerettet hätte. Darum bin ich frei.“ Die Gestalt der Hindin fiel von ihr ab wie ein abgelegter Mantel. Sie reichte ihm die Hand. „Komm mit mir nicht in Schlösser. Wer hier redlich wohnt, dem gebricht es nicht.“

Wolfram führte sie zu Veit. Der Alte nickte, als hätte er solches lange erwartet, und räumte ihnen die Kammer hinter dem Meiler. Dort lebten sie schlicht. Wolfram jagte wieder, doch nur im Tale und nie zur Prahlerei, und brachte den Armen ihr Teil. Die Jungfrau kannte Kräuter und Wunden und half, wo man sie rief, ohne Lohn. Der Graf schickte einst Boten mit der goldenen Kette. Wolfram nahm sie nicht und ließ sagen: „Behaltet den Schmuck. Das Wort hat mehr getragen als Gold.“

Veit starb in einem milden Frühling. Sie begruben ihn am Rande des Hochwaldes. An seinem Grabe wuchs eine weiße Blume, die sonst nirgends im Tale stand. Wer sie pflücken wollte aus Neugier oder Hochmut, fand sie welk in der Hand. Wer aber mit einem Kranken kam und nichts für sich begehrte, dem blieb sie frisch, bis er heimgekehrt war.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute: Wolfram und die Weiße in der Köhlerhütte am Saum des Hochwaldes, und der Karsee hält sein Schweigen, und die Schwätzer finden den Weg nicht.

© 2026 Mario Eberlein

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