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Märchenbasar

Das arme Kind im tiefen Wald

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Es war einmal ein kleines Dorf am Rande eines großen, dunklen Waldes. In diesem Dorfe lebte ein armes Kind, das weder Vater noch Mutter mehr hatte. Die Eltern waren vor sieben Jahren in einem harten Winter gestorben, und seit jener Zeit mußte das Kind sich selbst durchschlagen, so gut es konnte. Es wohnte in einer engen Kammer hinter der Mühle, wo der Müller, ein reicher und hartherziger Mann, ihm gegen schwere Arbeit ein Stück Brot und ein Strohlager gönnte. Der Müller hatte volle Säcke, volle Truhen und ein Herz aus Stein. Er aß von weißen Semmeln und trank süßen Wein, während das Kind oft hungrig zu Bette ging.

Die Dorfleute sahen das Elend wohl, doch niemand wagte, dem reichen Manne ins Wort zu fallen. Der Müller lachte und sprach: „Wer nichts hat, der ist nichts.“

Eines Abends, als der Wind um die Mühle heulte und der Schnee gegen die Fenster schlug, trat das Kind vor den Müller und sprach: „Lieber Herr, gebt mir ein wenig Brot, denn ich habe den ganzen Tag die Säcke geschleppt und bin müde und hungrig.“ Da sprach der Müller: „Du faules Ding, du ißt mir das Brot vom Munde. Fort mit dir! Nimm das letzte Stück vom Tische und geh, wohin du willst.“ Und er stieß das Kind zur Tür hinaus in die kalte Nacht.

Das Kind nahm das letzte Stück Brot, wickelte es in ein Tuch und ging weinend dem Walde zu. Sieben Meilen weit, so sagte man im Dorfe, reichte der Wald, und wer ihn bei Nacht betrat, der kam nicht leicht wieder. Doch das Kind hatte keine Wahl.

Als es tief hineingekommen war, standen am Wege sieben alte Eichen, so dick, daß drei Männer sie nicht hätten umfassen können. Ihre Äste rauschten wie Stimmen, und unter der siebenten Eiche lag eine graue Taube, die einen Flügel gebrochen hatte und nicht mehr fliegen konnte. Das Kind blieb stehen, kniete in den Schnee und sprach: „Arme Taube, du leidest wie ich. Nimm von meinem Brote, so wenig es auch ist.“ Es brach das letzte Stück entzwei, gab der Taube die größere Hälfte und aß selbst nur einen kleinen Bissen.

Da hob die Taube den Kopf, und ihre Augen glänzten wie Tau, und sie sprach mit menschlicher Stimme: „Du hast geteilt, da du selbst Hunger hattest. Darum will ich dir raten. Folge dem silbernen Bach, der hinter den sieben Eichen entspringt. Er führt dich durch den Wald. Nimm nichts, das nicht dein ist. Sieh nicht zurück, und öffne keine Tür, die verschlossen ist. Rufe auch keinen Namen, den du nicht kennst, und folge keinem, der dir einen kürzeren Weg verspricht. Drei Nächte mußt du wandern, und drei Proben mußt du bestehen. Bestehst du sie, so findest du ein Dach und Brot. Bestehst du sie nicht, so bleibt der Wald dein Grab.“

Das Kind neigte sich und sprach: „Ich will tun, was du sagst.“ Da hüpfte die Taube auf einen niedrigen Ast und rief: „Geh nun, und vergiß mein Wort nicht!“

Das Kind folgte dem silbernen Bach, der im Mondlicht glänzte wie flüssiges Silber. Die erste Nacht war kalt, und der Hunger kehrte bald zurück.

Da kam es an eine Lichtung, und mitten darauf stand ein Tisch aus Marmor. Auf dem Tische lagen goldene Äpfel, gebratenes Fleisch und ein Krug mit Wein. Daneben lag ein goldener Ring, der im Mondlicht blitzte. Eine Stimme, süß wie Honig, sprach aus den Zweigen: „Iß, trink, nimm den Ring! Niemand sieht dich. Der Müller hat dich fortgejagt, du hast ein Recht auf alles, was glänzt.“

Das Kind dachte an das Wort der Taube und sprach: „Es ist nicht mein. Ich nehme nichts, das nicht mein ist.“ Es trank nur eine Handvoll Wasser aus dem silbernen Bach und ging weiter, ohne zurückzusehen, obwohl die Stimme hinter ihm zürnte und rief: „Narr, du wirst verhungern!“

So endete die erste Probe.

Die zweite Nacht wurde der Wald noch dichter. Da trat aus dem Dickicht eine Frau in einem roten Mantel, schön von Angesicht, mit Perlen im Haar. Sie lächelte und sprach: „Komm mit mir, Kind. Ich kenne einen kürzeren Weg. Hinter jenem Hügel steht ein Haus voller Speisen. Rufe nur meinen Namen dreimal: Frau Holdeglanz, Frau Holdeglanz, Frau Holdeglanz, so öffnet sich dir jedes Tor.“

Das Kind erinnerte sich der Verbote und sprach: „Ich folge dem Bache, wie mir geheißen ist, und rufe keinen Namen, den ich nicht kenne.“ Da verzog die schöne Frau das Gesicht, und unter dem roten Mantel kam ein schwarzer Schwanz zum Vorschein. Sie schrie: „Du stolzes Bettelkind!“ und verschwand in Rauch. Doch das Kind sah nicht zurück und ging am silbernen Bach entlang, bis der Morgen graute.

So endete die zweite Probe.

Die dritte Nacht war die schwerste. Der Bach wurde schmal und führte zu einem Felsen, in dem eine eiserne Tür stand, mit sieben Schlössern und sieben Riegeln. Aus der Tür klang eine Stimme, die der Stimme der grauen Taube zum Verwechseln ähnlich war, und sie rief: „Kind, ich bin’s, deine Taube! Öffne schnell, ich bin gefangen! Sprich meinen Namen und brich die Schlösser, sonst sterbe ich!“

Das Kind zitterte, denn es liebte die Taube, und die Hand lag schon auf dem ersten Riegel. Doch es dachte an das Verbot und hörte ein leises Kratzen in der Stimme, das keine Taube hat. Da zog es die Hand zurück und sprach: „Bist du die Taube, so komm zu mir auf den Weg. Eine verschlossene Tür öffne ich nicht.“

Da heulte es hinter der Tür: „So bleibe arm und verloren!“ Das Kind aber trank vom Bache und wartete, bis die Nacht verging, ohne Schloß oder Riegel zu berühren.

Als der dritte Morgen anbrach, mündete der silberne Bach in eine stille Lichtung. Dort stand ein Hüttlein aus Birkenrinde mit einem Dach aus Moos. Die Tür stand offen. Drinnen lag auf einem Holztisch ein Laib Brot, ein Krug Milch und ein goldener Ring, der wie die Sonne glänzte. Das Kind brach ein kleines Stück vom Brote, trank einen Schluck Milch und ließ den Ring unberührt. Dann sprach es: „Wer hier wohnt, dem danke ich. Ich nehme nur, was den Hunger stillt, und nichts, das Gold ist.“

Da trat eine alte Frau in den Türrahmen. Sie trug einen Mantel aus grünem Moos, und in ihrem Haar hingen Tautropfen wie Perlen. Sie sprach: „Drei Nächte bist du gewandert, drei Proben hast du bestanden. Du hast geteilt, da du nichts hattest, und nichts genommen, das nicht dein war. Darum soll diese Hütte dein sein, von Stund an, und Brot und Milch sollen dir nicht ausgehen, solange du redlich bleibst. Den Ring rühre nicht an, bis ich ihn dir gebe. Er gehört dem, der nichts begehrt.“

Das Kind küßte der Alten die Hand und sprach: „Ich will redlich bleiben.“ Da setzte die Frau den goldenen Ring an des Kindes Finger und sprach: „Nun ist er dein, weil du ihn nicht genommen hast.“ Und sie verschwand.

Unter dem Dache nistete von jenem Tage an die graue Taube. Ihr Flügel heilte, und das Kind war nicht mehr allein. Die Hütte gab Brot und Milch, und im Winter lag Holz am Herd, ohne daß jemand es herbeigetragen hätte.

Im Dorfe aber erzählte man bald, im tiefen Walde wohne ein Kind in einer Hütte voller Glück. Der Müller hörte es und biß sich auf die Lippen vor Neid. „Was das Bettelkind hat, das gehört von Rechts wegen mir,“ sprach er. Und er nahm einen Sack und ein Beil und ging in den Wald.

Er fand die sieben Eichen und den silbernen Bach und folgte ihm, ohne zu teilen. Am Marmortisch aß er die goldenen Äpfel und steckte, was glänzte, in den Sack. Die Frau im roten Mantel trat ihm entgegen, und er rief ihren Namen dreimal und ging mit ihr den kürzeren Weg. Die eiserne Tür mit den sieben Schlössern tat er auf, weil eine Stimme ihm Gold versprach. Als er hindurchwollte, war hinter ihm der Weg vergangen. Drei Tage irrte er, und der Sack wurde schwer wie Stein.

Endlich kam er keuchend zur Birkenhütte. Das Kind stand in der Tür, die Taube auf der Schulter. Der Müller schrie: „Gib her den Ring und das Haus! Du bist nichts und bleibst nichts!“ Er stieß das Kind beiseite und griff nach dem Ring. In demselben Augenblick schlug die Taube mit den Flügeln, und die alte Frau im Moosmantel stand wieder da. Sie hob ihren Birkenstab und sprach: „Du hast genommen, was nicht dein war. Du hast Türen geöffnet, die verschlossen waren, und Namen gerufen, die du nicht kennen solltest. Dein Herz ist Stein gewesen, solange du lebtest. Nun soll der Leib dem Herzen gleichen.“

Da erstarrte der Müller von den Füßen aufwärts. Seine Hände wurden kalt und grau, sein Mund verstummte, und er stand als steinerner Mann am Rande der Lichtung, den Sack noch in der Faust, das Gesicht voll Gier. Der Regen wusch ihn, das Moos wuchs über ihn, und die Vögel setzten sich auf seine Schultern, ohne ihn zu fürchten.

Das Kind aber blieb in der Hütte. Die Leute aus dem Dorfe kamen, als der Müller nicht wiederkehrte. Sie sahen den steinernen Mann und das Kind, das Brot mit den Hungernden teilte, wie es einst mit der Taube geteilt hatte. Da schämten sich manche und brachten Wolle und Äpfel, und die Hartherzigen fanden den Weg zur Hütte nimmermehr.

Die graue Taube nistete unter dem Dache, Sommer um Sommer, und das Kind wuchs heran, redlich und still. Wer den silbernen Bach fand und nichts nahm, das nicht sein war, der fand die Hütte und wurde gespeist. Wer aber mit Gier kam, der sah nur die sieben Eichen und den steinernen Müller.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute: das Kind in der Birkenhütte, die Taube unter dem Moosdach, und der Müller aus Stein am Rande des Waldes, ein Warnzeichen für alle, die nehmen, was ihnen nicht gehört.

© 2026 Mario Eberlein

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