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Märchenbasar

Die Wolkenprinzessin

In einem unbekannten Königreich, hoch oben über den Wolken, lebte die liebliche Prinzessin Alyssia. Ihre Schönheit war so überwältigend, dass alle Spiegel vor Neid erblindeten. Tag für Tag saß sie an ihrem Fenster und schaute durch ein Fernrohr hinab auf die Welt. Tiefe Traurigkeit erfasste die schöne Maid bei dem Anblick der Farbenpracht und den fröhlichen Menschen dort unten. Noch niemals hatte sie das Wolkenschloss verlassen. Denn ihr Vater, der König, wollte davon nichts wissen, und damit sie nicht heimlich zur Erde hinab stieg, ließ er seine Tochter streng bewachen.
Wieder einmal betrachtete die Prinzessin sehnsüchtig das emsige Treiben. Ein tiefer Seufzer entschlüpfte ihren honigsüßen Lippen:

,,Ach, ach! Nur ein einziges Mal möchte ich auf die Erde hinunter. All die herrlichen Dinge sehen, fühlen und riechen können. Mit den Bewohnern reden, ihren Gesängen lauschen und mit ihnen lachen dürfen.”

,,Gurr, gurr”, flatterte eine weiße Taube auf das marmorne Fenstersims.

,,Kleines Täubchen, wie hast du es gut! Kannst hinfliegen, wo immer du magst. Niemand hält dich in einem goldenen Käfig gefangen”, klagte Alyssia dem zutraulichen Vogel ihr Leid. Da antwortete dieser:

,,Gurr, gurr, vertraut mir für die Menschen eine Nachricht an, und ich werde sie ihnen überbringen, Schönste aller Schönen.”

Sogleich lief die Königstochter zu ihrer Schatztruhe, fischte einen kleinen, kostbaren Handspiegel heraus, schaute hinein und sprach leise zu ihm:

,,Spiegelchen, oh, Spiegelchen, dem, der in dich blickt erzähle von mir, und bringe ihn zu meiner Rettung her.” Dann übergab sie ihn der Taube, streichelte zärtlich deren Federkleid und bat sie, bald wieder zu kommen.
Doch die traurige Prinzessin wartete viele Wochen vergeblich auf des Vogels Rückkehr. Ihm war Schlimmes widerfahren. Ein Jägersmann hatte die Taube zu seiner Jagdbeute erkoren. Zu Tode getroffen ließ der weiße Vogel den Spiegel fallen.

Nun begab es sich, dass der junge König Bogomil, in Begleitung seines treuen Hundes Wotan, durch die königlichen Ländereien ritt. So kamen sie auch in den dunklen Tannenforst. Hier stöberte Wotan zu gerne nach dem listigen Fuchs und verschwand aufgeregt im Dickicht. Bald darauf rief der Hund durch lautes Bellen seinen Herrn herbei.
,,Was gibt es, Wotan, hast du ihn erwischt?”

Das kluge Tier verharrte stur vor dem Gebüsch, kläffte unablässig weiter, bis seine Majestät nachgab und der hündischen Aufforderung folgte. Er kämpfte sich mit seinem Schwert durch das Dornengeflecht, auf der Suche nach dem verletzten Fuchs. Jedoch konnte er den Hühnerdieb nicht entdecken.

,,Wotan, aus! Hier ist nichts, was hast du bloß. Aus! Hörst du nicht?”

Doch der Hund gab keine Ruhe. Er zerrte sogar heftig am Beinkleid des Herrn. Der kannte seinen kleinen Gefährten zu genau, um zu wissen, dass in dem Dickicht etwas sein musste. Also begab sich Bogomil noch einmal hinein. Nach längerem, erfolglosen Suchen stieß sein Fuß plötzlich gegen einen blinkenden Gegenstand. Er hob das Ding auf und hielt einen edlen Damenhandspiegel in seiner Faust:
,,Wirst wohl zu alt, mein Freund, dass du Beute nicht von solchem Schnickschnack unterscheiden kannst”, lachte der König, und steckte den verschmutzten Spiegel unbesehen ein. Dann bestieg er sein schwarzes Ross, um im schnellen Galopp zum Palast zurück zu eilen.

Im Schloss herrschte helle Aufregung. Seit Stunden suchte die Dienerschaft den kleinwüchsigen Hofnarr Peppino. Er schien wie vom Erdboden verschluckt. Aus allen Ecken und Winkeln hörte man unentwegt Rufen:
,,Peppino! Wo bist du? Hallo, Peppi, so melde dich doch!”

Aber der Spaßmacher blieb verschollen. König Bogomil mochte den Kleinen recht gut leiden, deshalb beteiligte er sich augenblicklich an der Suche nach ihm. Immer wieder riefen sie den Zwerg beim Namen, schauten noch einmal, wo schon nachgesehen wurde. So suchte der ganze Hofstaat, bis die Dunkelheit hereinbrach und die Suchaktion abgebrochen werden musste.
Überaus durstig geworden, wies Bogomil seinen Leibdiener an, eine Karaffe Wein aus dem Keller zu holen. Der Diener kam ohne Wein und völlig aufgelöst angerannt:

,,Majestät, Majestät, eines Eurer Weinfässer ächzt und stöhnt, als wäre es lebendig. Bestraft mich, aber ich werde das verhexte Gewölbe kein zweites Mal betreten!”
,,So, so, das Fass lebt”, grinste der König schelmisch, “sehen wir doch mal, was da vor sich geht.”

Er packte den zitternden Mann am Arm und zog ihn mit sich. Im Kerzenschein wirkte der unterirdische Raum tatsächlich sehr gespenstisch. Seltsame, dumpfe Geräusche erklangen aus der hintersten Ecke. Beherzt folgte Bogomil den Lauten, bis er vor einem Fass stehen blieb. Aus dessen Innerem ertönte es geheimnisvoll:
,,Grr, tsch, grr, tsch, grr, tsch.”
Mehr neugierig als ängstlich hob seine Majestät den Deckel an, leuchtete mit der Kerze hinein und brach in schallendes Gelächter aus.
,,Komm, mein Lieber”, rief er dem Diener zu, “sieh es dir an!”

Widerwillig trat der näher, warf nur einen kurzen Blick in die Tonne und schaute ziemlich verdutzt drein. In dem leeren Weinfass lag der verzweifelt gesuchte Peppino. Der kleine Wicht hatte sich am Nachmittag heimlich am süßen Wein gütlich getan. Dabei dann zu viel davon genossen und nun schlief er seinen Rausch aus.
Verlegen entschuldigte sich der Leibdiener seines Verhaltens. Der gutherzige König nahm es ihm nicht krumm und wollte nun endlich ein heißes Bad nehmen. Als er sich in der Badestube entkleidete, kam der Handspiegel wieder zum Vorschein. Im duftenden Wasser reinigte Bogomil das Fundstück. Das Spiegelglas war in einem Goldrahmen gefasst und der wiederum mit blitzenden Edelsteinen besetzt.

,,Hm, wem du wohl gehören magst?”
,,So blicke in mich hinein, dann wirst du es wissen”, antwortete unvermittelt der Spiegel.

Irritiert schaute sich der König um. Aber da war niemand außer ihm. Also hatte doch das Ding in seiner Hand gesprochen und so starrte er erwartungsvoll hinein. Für einen Moment sah er sein eigenes Antlitz. Doch dieses schwand, und ein unvergleichlich schönes Mädchengesicht, mit tieftraurigen Augen, erschien. Es flüsterte bittend:
,,Fremdling, oh, Fremdling, schenke mir dein Herz und dein Leben.”
Regungslos verharrte König Bogomil im kalten Badewasser. Die schöne Unbekannte hatte ihn augenblicklich verzaubert. Sein Herz raste wie von Sinnen und eine starke Liebe bemächtigte sich seiner. Jetzt konnte ihm nur noch einer helfen, Zamtoc, der königliche Magier.

Im Königreich über den Wolken traf man alle Vorbereitungen für eine große Brautschau. Der Herrscher hatte unverheiratete Könige, Prinzen, Fürsten, Grafen und Edelmänner aller benachbarten Wolkenreiche zu einem festlichen Ball geladen. Er fand es an der Zeit, seine Tochter standesgemäß zu vermählen. Alyssia hingegen wollte eher sterben, als weiter in Wolkenpalästen leben zu müssen. Sie vertraute sich ihrer treuen Zofe an, und bat sie, ihr bei geheimen Fluchtvorbereitungen behilflich zu sein. Ein äußerst schwieriges Unterfangen, da die Prinzessin auf Schritt und Tritt bewacht wurde. Deshalb kam der Plan nur schleppend voran und zog sich in die Länge. Zum Glück waren es bis zum großen Tanzfest noch ganze drei Monate.

Unterdessen suchte König Bogomil den Magier in seiner Hexenküche auf.
,,Majestät, Ihr erweist mir die Gunst Eures Besuches? Ich fühle mich geehrt.”
,,Mein guter Zamtoc, ich bedarf deiner Hilfe. Während eines Ausrittes fand ich dieses Kleinod im Wald. Wenn du es genau betrachtest, dann wirst du verstehen, dass ich vor Sehnsucht brenne.”

Der Hofzauberer wusste aber längst, was geschehen war. Er strich bedächtig seinen auf dem Boden schleifenden, weißen Bart glatt und wiegte den Kopf hin und her.
,,Nun, mein gütiger Herrscher, Ihr habt euch in die Wolkenprinzessin Alyssia verliebt. Sie gehört dem Himmelsvolk an, und noch niemals hat es einen Ehebund zwischen Erdlingen und Wolkenmenschen gegeben. Ihr müsst sie vergessen.”

,,Nein, nein, Zamtoc, nein! Koste es was es wolle, aber sie muss meine Gemahlin werden. Ich kann ohne sie nicht mehr essen, nicht mehr schlafen und nicht mehr atmen. Also sage mir, wie ich zu ihr hinauf kommen kann!”

,,Hm, hm, hm – oh je, oh je, oh je”, brabbelte der uralte Magier, während er auf und ab lief, um nachzudenken. Bogomil wartete geduldig, bis der Hexer endlich meinte:

,,Also, gut! Meine Ur-Urahnin schenkte mir einst etwas Sternenstaub und riet mir, ihn nur im äußersten Notfall anzuwenden. Da ich ihn bisher nicht benötigte, soll er euch, mein König, zum Glück verhelfen.”
Der alte Mann verschwand hinter einem schweren Samtvorhang. Dumpfes Poltern ertönte, dann trat Zamtoc wieder hervor. Er hielt eine blaue Glasphiole in der Hand.

,,Majestät, von heute an gerechnet, geht Ihr am dritten Vollmond, kurz vor Mitternacht, in den Schlosspark. Aber vergesst euer Pferd nicht, Ihr benötigt es später noch. Dort wartet Ihr unter der Tausendjährigen Eiche, bis die Turmuhr schlägt. Dann schüttelt die Phiole kräftig und öffnet sie. Alles weitere seht Ihr dort selbst. Verfahrt aber genau nach meiner Anweisung.”
König Bogomil bedankte sich artig bei seinem Hofmagier und verwahrte das Glasgefäß sicher in seinem Wams.

Zwei volle Monate waren bereits verstrichen. Die Himmelsprinzessin Alyssia plagten im Schlaf böse Albträume. Sie sah sich schon mit einem der alternden Fürsten verehelicht. Jede Nacht erwachte sie schweißgebadet. Noch hatte sie die Hoffnung, fliehen zu können, nicht aufgegeben. Doch dieser Kummer nagte so heftig an der Schönen, dass ihr Gesicht so bleich wie das Mondlicht geworden war. Obwohl die Zofe alles tat, was in ihren Kräften stand, sah sie mit Besorgnis, wie sich die Herrin quälte. Die Ärmste mochte weder essen noch trinken, hatte an nichts mehr Freude und wollte nicht einmal mehr auf die Erde hinabschauen. Und wenn sich die Prinzessin alleine glaubte, dann weinte sie bittere Tränen der Verzweiflung. Bei all ihrem Schmerz ahnte Alyssia jedoch nicht, dass die Rettung bereits nahte.

Der dritte Vollmond stand unmittelbar bevor. König Bogomil fieberte der Mitternacht entgegen. Er vertraute dem alten Zauberer und glaubte fest an das Gelingen seines Vorhabens. Die Zeit kroch langsamer als eine Schnecke voran. Voller Ungeduld wanderte der junge König ruhelos durch den Palast, bis er es nicht mehr aushalten konnte, sein Ross bestieg und zur alten Eiche preschte. Wotan begleitete ihn unaufgefordert. Immer wieder umrundeten Herr und Hund den dicken, knorrigen Baum. Das weiße Licht des Mondes schien ganz besonders hell zu sein.

,,Sieh doch, Wotan, es ist beinahe taghell. Wenn doch bloß bald die Turmuhr schlägt, dass ich meine Liebste endlich in die Arme schließen kann!”

Plötzlich verschwand der Mond, es wurde stockfinster und die Uhr begann zu schlagen. Hastig schüttelte Bogomil die blaue Phiole und öffnete sie genau mit dem letzten Glockenschlag. In hohem Bogen entströmten dem Gefäß Millionen winzige, gleißende Sternchen. Sie bildeten vom Erdboden bis hinauf in die Wolken eine feste, goldene Brücke. Fassungslos bestaunte der König dieses Wunder. Doch sein kleiner, vierbeiniger Freund drängte ihn mit einem kräftigen – Wuff – zum Aufbruch. Geschwind schwang sich Bogomil auf seinen Rappen und ritt mutig über die Sternenbrücke dem Himmel entgegen. Drei Tage und drei Nächte dauerte es, bis er erschöpft, aber glücklich am Wolkenschloss ankam. Jedoch die grimmig dreinschauenden Torwachen, zwei einäugige, dreibeinige Riesen, verwehrten ihm den Zutritt. Im ersten Moment wollte der enttäusche König sein Schwert ziehen und sich den Weg freikämpfen. Aber er sah ein, dass er gegen diese mächtigen Kolosse keine Chance hatte. Aufgeben konnte und wollte er aber nicht. Eine List musste her, um zur Prinzessin zu gelangen. Wieder war es der gute Wotan, der seinem Herrn einen Hinweis verschaffte. Der Hund sprang mehrmals an im hoch und zupfte energisch am Beinkleid.

,,Was machst du denn? Hör auf, wir haben keine Zeit zum Spielen!”
Unbeirrt sprang Wotan weiter herum. Nun glaubte seine Majestät, der Kläffer wolle etwas zu fressen haben und griff deshalb in sein Wams. Dort bekam er die Glasphiole zu fassen.

,,Wie? Du meinst, der Sternenstaub könnte noch einmal helfen? Vielleicht hast du recht, mein Kleiner. Ein Versuch kann nicht schaden.”

Das Wunder geschah ein zweites Mal. Wieder schossen Sternchen heraus. Aber aus dem Staub entstand ein großer Greifvogel. Er forderte Bogomil freundlich auf, sich auf ihn zu setzen.

,,Danke dir, Greif, wenn du mich nur zur schönen Alyssia bringst.”
,,So sei es,” sprach der Vogel und flog mit König Bogomil davon.

,,Herrin, ihr müsst doch etwas zu euch nehmen,” flehte die Zofe bittend. Aber die Prinzessin schüttelte nur traurig den Kopf. Bleich und schwach lag sie schon seit Tagen im Bett. Inzwischen ängstigte sich auch Alyssias Vater sehr um seine Tochter. Aus Furcht, sie könnte an ihrer Traurigkeit sterben, sagte der Herrscher den bevorstehenden Ball ab. Er hatte eingesehen, dass er die Tochter nicht gegen ihren Willen vermählen konnte. Er war sogar bereit, sie auf die Erde hinunter zu lassen, auch wenn ihn das unsagbar schmerzen würde.
Gerade wollte die Zofe das Gemach der Herrin verlassen, als es kräftig am Fensterglas pochte. Die brave Dienerin schrie entsetzt auf bei dem Anblick des riesigen Greif `s und dem Fremden auf seinem Rücken.

,,Oh, schnell, öffne das Fenster! Schnell doch, so öffne es”, bat Alyssia, “mein Retter ist gekommen!”

Mit einem kühnen Sprung landete der junge Mann im Schlafgemach der Prinzessin. Er stürzte zu ihr, ergriff sie bei der Hand und sprach ehrlichen Herzens:

,,Fürchtet euch nicht, holde Alyssia, ich bin König Bogomil und komme zu eurer Rettung. Im Spiegel sah ich euer liebreizendes Antlitz und entbrannte auf der Stelle in Liebe zu euch. Mein Königreich befindet sich unten auf der irdischen Welt. Nun bitt ich in aller Form um eure Hand. Sagt, wollt ihr mit mir gehen und meine königliche Gemahlin werden?”

Zarte Röte überzog die aschfahlen Wangen der Himmelsprinzessin. Sie senkte leicht ihr Haupt, schmiegte sich in die starken Arme ihres Helden und flüsterte überglücklich:
,,Ja, oh ja! Von Herzen gern will ich die Eure werden.”

Der Herrscher des himmlischen Königreiches willigte in die Hochzeit der Verliebten ein. Doch zuvor verweilte der junge Bräutigam dreißig Tage im Wolkenpalast, bis seine zukünftige Königin vollkommen genesen war. Dann nahm er sie zu sich aufs Pferd und ritt in Begleitung des Himmelvölkchens, über die Sternenbrücke zurück in sein Reich.

Am Hofe Bogomil `s empfing man das junge Brautpaar überaus freundlich. Der König ließ eine prunkvolle Hochzeit ausrichten und feierte mit seinem ganzen Land viele Tage lang ein rauschendes Fest.
Die goldene Sternenverbindung zwischen Himmel und Erde blieb bestehen. So konnte Königin Alyssia, wann immer sie wollte, ihr Himmelsvolk besuchen.
Niemals waren die beiden Völker einander böse, und so lebten sie alle Zeit in Glück und Frieden.

Quelle: Ulla Magonz