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Märchenbasar

Ein Traum

Der rote Kaiser hatte drei Söhne. Nachdem er nun drei Söhne hatte, fragte er sie an einem Morgen, was sie geträumt hätten. Die zwei ältesten sagten ihm einige Lügen, aber der Jüngste erzählte seinen Traum wahr: »Seid so gut und verzeiht, wenn Euch mein Traum nicht gefällt, auch mir gefällt er nicht, aber ich kann nicht dafür. Traum ist Traum, der Mensch ist nicht schuld, wenn er Dummheiten träumt. Ich habe geträumt, Ihr hättet mir das Handtuch gebracht, ich solle mich wischen, die Mutter das Wasser, damit ich mich wasche.« Als der Kaiser diese Worte vernommen, wurde er zornig und schrie: »Du Elender, du Betrüger, du willst größer sein als ich? Das wirst du nicht erreichen, lieber bringe ich dich um.« Er rief einen Knecht und befahl ihm, seinen Sohn in den Wald zu führen, um ihn zu töten und als Zeichen, daß er es getan, das Herz und einen Finger mitzubringen. Die beiden gingen in den Wald. Als sie im Walde waren, hatte der Knecht Mitleid mit dem Jüngling; dieser schnitt sich selbst einen Finger ab, gab ihn dem Knecht und versprach, er werde in die Welt gehen und nie mehr nach Hause zurückkehren; das Herz nahm der Knecht von einem Hündlein und ging damit zum Kaiser zurück.
Des Kaisers jüngster ging im Walde immer weiter, bis er an ein Häuschen mit offner Tür kam. Im Häuschen saßen am Tisch ein alter Großvater und eine alte Großmutter, die waren beide blind. Sie hatten ein kleines Krüglein mit Wein. Die Alte trank daraus und gab es dann ihrem Mann. Bis dieser die Hand danach ausstreckte, nahm es der Jüngling geschwind und trank es aus. Als der Alte trinken sollte, war das Krüglein leer. »Du Frau, du hast alles getrunken und gibst mir das leere Krüglein!« – »Wie sollte es denn leer sein?« – »Nimm und fühl.« Der Alte nahm es, ging in den Keller und brachte es wieder gefüllt herauf, trank einen Schluck und gab es seiner Frau. Bis die langsam mit zittriger Hand danach langte, nahm der Bursche es schnell, trank es aus und gab es der Frau. »Du Mann, jetzt hast aber du das ganze Krüglein ausgetrunken!« – »Aber Frau, wie kannst du so reden, ich trank ja nur einen Schluck. Du, das geht nicht mit rechten Dingen zu, es muß jemand hier sein.« Er fing mit den Händen an zu suchen, die Frau sagte: »Mein Kind, sag, wer bist du? Bist du ein Knabe, sei unser Sohn, bist du ein Mädchen, sei unsere Tochter.« – »Sucht nicht mehr, Großvater, ich bin’s, des roten Kaisers jüngster Sohn. Jetzt will ich gerne euer Sohn sein, es ist mir zu Hause schlecht gegangen. Wir sind drei Brüder. Mein Vater verlangte, jeder solle ihm seinen Traum erzählen, meine beiden Brüder erzählten Lügen, ich sagte die Wahrheit. Ich hatte geträumt, meine Mutter hätte mir Wasser gebracht, ich solle mich waschen, der Vater hielt mir das Handtuch hin, ich solle mich trocknen. Wegen diesem Traum wurde er so zornig, daß er einen Knecht mit mir in den Wald schickte, mich zu töten. Der erbarmte sich meiner, nahm meinen Finger, seht, er fehlt mir an der Hand, und das Herz vom Hündlein, als Zeichen, daß ich tot sei. Dann ging ich im Walde immer weiter, bis ich hierher kam; wenn ihr mich halten wollt, bleibe ich gerne.«
Darauf sagte der Alte: »Bleib bei uns. Am Tage sollst du die Schafe hüten, hier hast du eine Flöte, wenn die Hunde diese sehen, hast du keine Sorge.« Am Morgen ging der Jüngling mit den Schafen aufs Gras und fing an zu flöten und flötete so schön, wie man noch nie gehört auf dieser Welt. Mittags kamen die Mägde der neun Hexen mit den Krügen um Wasser. Als sie das schöne Flöten hörten, blieben sie stehen und hörten und hörten und gingen nicht mehr fort, bis er die Flöte in den Gürtel gesteckt. Als die Mägde nach Hause kamen, fragten die Hexen, wo sie so lange geblieben. Die Mägde erzählten von der merkwürdigen Flöte so viel, daß ihre Herrinnen nicht mehr aushalten konnten vor Neugierde und alle neun zum Brunnen flogen, wo der Bursche die Schafe hütete. Als er sie fliegen sah, zog er geschwind den Stöpsel aus der Flöte und steckte ihn in den Busen. Die Hexen ließen sich neben ihm auf die Erde nieder und baten ihn zu flöten. Aber er antwortete, er möchte gerne, habe aber den Stöpsel verloren, sie sollten so gut sein und ihm helfen, einen neuen machen. Er nahm die Axt, hieb eine junge Eiche ab, spaltete sie, rief dann die Hexen herbei, sie sollten das Mark herausnehmen. Als sie die Hände drinnen hatten, zog er die Axt heraus, und alle Hände waren eingeklemmt. Jetzt hieb er achten die Köpfe ab. Die neunte bat, er möchte sie doch am Leben lassen, sie zahle ihm, so viel er wolle. »Wohin habt ihr die Augen meiner Alten versteckt?« – »Such nur beim Herde. Die Augen des Mannes haben wir auf dem Herde, die Augen der Frau unter dem Herde versorgt. Um Mitternacht lege sie ihnen auf ihre Stelle, dann nimm, bevor die Sonne aufgeht, Tau und wasch ihnen damit die Augen, dann werden sie wieder sehen wie die Kinder.« Er dankte und hieb auch ihr, der neunten, geschwind den Kopf ab. Denn die Hexen sind Teufelsfrauen, wem sie in den Weg treten, der muß sie umbringen, sie tun den Menschen immer nur Schlechtes.
Abends brachte er die Schafe nach Hause und setzte sich mit den Alten zum Abendessen. Als sie gegessen, gingen die beiden zu Bett, der Jüngling aber blieb auf bis um Mitternacht, dann suchte er die Augen und fand sie, wie ihm die Hexe gesagt, und setzte sie ihnen ein, schlafen legte er sich nicht, damit ihn der Schlaf nicht betrüge, und ging vor Tagesanbruch hinaus, sammelte Tau und bestrich damit die Augen der beiden Alten, dann legte er sich auch ein wenig nieder. Als die Alten erwachten, sagte der Mann: »Du Frau, ich sehe.« – »Du Mann, auch ich sehe. Wer sollte uns denn dies Gute getan haben? Das kann niemand anders als unser Kind gemacht haben, der jüngste Sohn des roten Kaisers.« Da erhob sich der Jüngling und erzählte alles, was er am vorigen Tage erlebt. »Nun, unser Sohn, nachdem du uns dies Gute verschafft hast, wollen wir dir auch zu deinem Glück verhelfen.« Die Alte ging und brachte ihm goldene Kleider und zog ihn an, der Alte brachte ihm ein goldenes Pferd und einen goldenen Säbel und sandte ihn zum grünen Kaiser, ihm seine jüngste Tochter zur Frau zu verlangen. Als er aufbrach, standen beide in der Türe und freuten sich über den stattlichen Burschen. Nur einmal fiel es der Alten ein, sie hätte dies nicht gut gemacht, er solle die Kleider erst anziehen, wenn er das Mädchen erhalten hätte. Sie rief ihn zurück und sagte es ihm. Er stieg vom Pferd, zog die Sachen aus und ging in den alten Kleidern an den grünen Kaiserhof und verdang sich als Hühnerknecht.
Er hatte keine andere Arbeit, als den Hühnerstall rein zu halten, damit sich die Kaisertochter nicht beschmutze, wenn sie Eier suchen käme. Der grüne Kaiser hatte drei Töchter und wollte nun die zwei ältesten verheiraten, darum ließ er es im ganzen Lande bekannt geben, alle schönen Jünglinge sollten herbeikommen, damit seine Töchter wählen könnten. An dem Morgen kam die jüngste wieder zu den Hühnern Eier suchen, da redete sie der Knecht an und sprach: »Du könntest auch heiraten, sage deinem Vater, wenn deine Schwestern gewählt hätten, wollest du unter einem dir auch einen Mann nehmen; wenn es dein Vater erlaubt, so wähle mich, sieh, ich bin kein Hühnerknecht, du wirst nur sehen, wer ich bin, und es wird dein Glück sein. Dein Vater wird zornig werden, bald versöhne ich ihn, und dann werden wir alle glücklich.« Der Kaisertochter gefiel der Bursche, und sie versprach es so zu machen. Nun kamen viele schöne Jünglinge an den Kaiserhof geritten. Die Musik spielte, Klarinette wurde geblasen; es war überall große Freude. Als die beiden ältesten Kaisertöchter die schönsten Jünglinge gewählt, da trat die jüngste zu ihrem Vater und bat, er möchte ihr erlauben, sich auch einen Bräutigam wählen zu dürfen, es wären jetzt so viele schöne Burschen da. Der Kaiser freute sich, so schnell alle seine Töchter zu verheiraten, und erlaubte es ihr. Da brachte sie den Hühnerknecht an der Hand zu ihrem Vater. Der erschrak, als er sah, welchen Spott ihm seine Tochter angetan. Er schämte sich vor der großen Versammlung und jagte beide in den Hühnerstall. Es betrübte die junge Braut nicht, denn sie merkte, wie fein der Bursche war, und hatte ihn lieb. Als es Abend war, sagte er, sie solle jetzt nur ruhig da bleiben, er werde gehen und morgen in seiner wahren Kleidung kommen, dann würde ihr Vater sicher nichts dawider haben. Er ging, sie blieb.
Am nächsten Morgen kam nur einmal ein Kaisersohn in goldener Kleidung auf goldnem Pferd auf den Hof zum grünen Kaiser. Die Leute glaubten, er käme von so weit her, daß er sich um einen Tag verspätet, und bedauerten nun die arme jüngste im Hühnerstall, daß sie diesen jetzt nicht wählen könnte. Der grüne Kaiser setzte ihn an den Tisch und brachte ihm Speise und Trank. Der schöne Ritter begann zu essen, schüttete sich aber auf den schönen, goldnen Rock Suppe, dann Fleisch. Der Kaiser und die Kaiserin sahen ein, daß er dies absichtlich tat, und fragten ihn, warum. Der Jüngling sprach: »Für meine Braut im Hühnerstall.« Da wurden die beiden Alten rot, denn sie erkannten in dem schönen Jüngling den Hühnerknecht, man brachte das Mädchen herein, und nun war aller Zorn verflogen, statt dessen herrschte große Freude, und es wurde Hochzeit gehalten. Die Klarinette wurde acht Tage ununterbrochen geblasen.
Als die Hochzeit beendigt war, fuhr der junge Mann mit seiner Frau zu seinen Eltern an den roten Kaiserhof, denn jetzt war sein Traum erfüllt, er war von größerem Ansehen geworden. Als er im goldenen Wagen in die Stadt kam, wurde es so hell, als ob zwei Sonnen schienen, und alle Leute kamen aus ihren Häusern heraus, aber niemand kannte den goldenen Kaiser. Als er vor das Haus seiner Eltern fuhr, öffnete sich das Tor von selbst, sie kamen bis auf die Treppe entgegen, führten das junge Paar in die Stube und brachten das Essen. Da rief die Mutter: »Der goldene Herr Kaiser wird sich zuerst waschen wollen«, sie lief und brachte die Waschschüssel mit frischem Wasser, der Vater hielt in der Hand das Handtuch. Da rief der goldene Kaiser: »Vater, Mutter, kennt ihr mich denn nicht mehr?« Er streckte die Hand mit dem fehlenden Finger aus. Da löste sich der abgeschnittene Finger, den man an die Wand gehängt, ab und sprang ihm wieder an den Finger. Der Traum, nur ein Traum, hatte sich aber doch erfüllt.

Nicolai Gaspar, Großschenk
[Rumänien: Pauline Schullerus: Rumänische Volksmärchen aus dem mittleren Harbachtal]