Suche

Märchenbasar

Getrennt, gebunden, vergessen

Hinter dreimal sieben Zarenreichen lebte einst der junge Kaufmann Andrej. Er besaß ein geräumiges Holzhaus und einen Garten, in dem allerlei Blumen blühten. Gleich daneben befand sich ein kleiner See. Um Haus und Garten kümmerte sich Andrejs betagte Kinderfrau Olga, wenn der junge Mann mit dem Kutscher Aljoscha in Handelsgeschäften unterwegs war. Eines Tages brachte Andrej von seiner Reise ein junges Mädchen mit, das ihm in einem Birkenwäldchen vor die Kutsche gelaufen war. Leider sprach die Fremde kein Wort, wanderte jedoch mit aufmerksamem Blick durch die Räume des Hauses und suchte sich zuletzt die Giebelkammer zum Schlafen aus. Den schönen Garten schien sie nicht zu bemerken.
Andrej nannte das Mädchen Berjosa.
Am Tag nach der Ankunft überreichte Berjosa ihm ein Holzlöffelchen. Er bedankte sich und legte das Geschenk in ein Kästchen.
Zu Olgas Freude machte sich das Mädchen im Haus nützlich. Dass es jedoch nur wie ein Vögelchen aß und wie ein Schmetterling am Tee nippte, gefiel der alten Kinderfrau weniger. Ein richtiger Mensch kam nicht ohne Essen und Trinken aus.
Als Andrej nun eines Tages die Absicht äußerte, die schöne Stumme zu heiraten, warnte sie:
„Söhnchen, Söhnchen, weißt nicht, wer sie ist,
was in ihr schlummert und was sie vermisst.
Kennst nicht ihr Herz, siehst nur ihr Gesicht.
Andruscha, ich rate dir, tu es nicht!“
Andrej hatte die Alte gern und wusste, sie wollte nur sein Bestes.
„Wenn du meinst, Mütterchen, will ich mit dem Heiraten noch warten“, erklärte er und traf Vorbereitungen für die nächste Reise. Ehe er in die Kutsche stieg, bat er Olga, gut für das Mädchen zu sorgen.
„Will’s versuchen, Söhnchen, will’s versuchen“, murmelte sie und blickte dem Gefährt nach, bis es um die Wegbiegung verschwand.
In der Nacht nach Andrejs Abreise wurde die Alte durch ein Geräusch geweckt. Es klang, als werde unter dem Dach Holz zerbrochen. Beherzt stieg sie auf den Boden hinauf und öffnete die Tür zur Giebelkammer. Durch das kleine Fenster fiel Mondlicht auf ein leeres Bett. „Hab’s geahnt, hab’s befürchtet“, seufzte Olga und zog sich leise zurück.
Das Krachen wiederholte sich von da an in jeder dritten Nacht.

Nach ein paar Wochen traf der junge Kaufmann wieder daheim ein. Diesmal brachte er ein Mädchen mit, das nachts frierend am Straßenrand gesessen hatte. Auch diese Schöne sprach kein Wort. Andrej nannte sie Duschenka.
Sobald sie aus der Kutsche gestiegen war, eilte Duschenka in den Garten und dort von Beet zu Beet, von Blütenstrauch zu Blütenstrauch. Das schöne Haus beachtete sie nicht.
Andrej bemerkte wohl, dass Olga die Fremde misstrauisch musterte. Er fragte nach dem Grund und erfuhr, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte.
„Ich weiß nicht, wohin das Mädchen verschwindet, aber am Morgen nach dem Krachen umweht sie stets der Duft des Birkenwaldes“, sagte die Alte bekümmert.
Das gab dem jungen Mann zu denken: Wenn Berjosa nicht die rechte Frau für ihn war, dann vielleicht Duschenka?
Leider benahm sich auch dieses Mädchen seltsam. Es war nicht willens, das Haus zu betreten, sondern verkroch sich im Gartenhüttchen. Die gutmütige Olga brachte ihm das Essen dorthin und stellte fest, dass auch Duschenka wie ein Vögelchen aß und wie ein Schmetterling am Tee nippte.
„Es wird aufs Gleiche hinauslaufen“, dachte sie, behielt diese Sorge jedoch für sich und richtete den alten Diwan im Hüttchen zum Schlafen her.
Als Andrej am nächsten Morgen den Garten aufsuchte, reichte Duschenka ihm eine vielfarbige Blume, wie er noch nie eine gesehen hatte. Die trug er ins Haus und stellte sie in ein Glas mit Wasser.
Die Zeit verging. Duschenka widmete sich der Pflege des Gartens, Berjosa wirtschaftete im Haus. Die eine schlief im Hüttchen, die andere in der Giebelkammer. Es war, als ob die beiden einander nicht bemerkten.
Abend für Abend jammerte Olga: „Ach, was wird das für ein Ende nehmen?“
„Nun, ich könnte Duschenka heiraten und bei ihr im Hüttchen schlafen“, schlug Andrej vor.
Entsetzt hob die alte Frau die Hände und beschwor ihn:
„Söhnchen, Söhnchen, weißt nicht, wer sie ist,
was in ihr schlummert und was sie vermisst.
Kennst nicht ihr Herz, siehst nur ihr Gesicht,
Andruscha, ich rate dir, tu es nicht!“
Der junge Mann lachte. „Mütterchen, du siehst Geister, wo keine sind. Seit ich daheim bin, hat sich nichts Außergewöhnliches ereignet.“
Olga schwieg dazu. Was hätte sie sagen sollen? Er hatte ja Recht.

Schließlich musste Andrej erneut in Geschäften über Land fahren.
Vor seiner Abreise fiel ihm das Kästchen in die Hände, in welchem er das Löffelchen aufbewahrte. Erst da erinnerte er sich wieder an die Blume, die Duschenka ihm geschenkt hatte. Obwohl ohne Wasser, blühte sie frisch wie am ersten Tag. Er legte sie zum Löffelchen und verwahrte das Kästchen wieder in einer Truhe. Der Alten versprach er, kein weiteres Mädchen mitzubringen, bat sie aber, die beiden Schönen gut zu hüten.
„Will’s versuchen, Söhnchen, will’s versuchen“, murmelte Olga und blickte der Kutsche nach, bis diese um die Wegbiegung verschwand.

Kaum war Andrej aus dem Haus, wurde Olga in der Nacht von Geräuschen aus dem Schlaf gerissen, die erst wie brechendes Holz und später wie das Heulen des Sturms klangen.
Diesmal lugte sie aus dem Fensterchen ihrer Schlafkammer und erblickte etwas Seltsames: Inmitten des mondbeschienenen Gartens stand eine kahle Birke. Ihre Zweige bogen sich im starken Wind, der abertausende leuchtender Blüten durcheinanderwirbelte. Sie ließen sich auf dem kahlen Geäst nieder und wurden zu Blättern. Sobald der Sturm sich gelegt hatte, tat sich der Birkenstamm auf und ein schönes, nur mit einem Hemd bekleidetes Mädchen trat heraus.
„Berjosa?“, flüsterte Olga erstaunt und dachte gleich darauf, dass es ebenso gut auch Duschenka sein könnte.
Die Schöne öffnete die Gartenpforte und wandelte zum Ufer des Sees. Es schien, als wolle sie ins Wasser steigen, doch da erhob sich der Sturm erneut. Mit wehenden Zöpfen eilte das Mädchen in den Garten zurück und verschwand im Stamm der Birke.
Der starke Wind riss die Blätter von den Zweigen. Sie tanzten als leuchtende Blüten im Mondlicht, sanken schließlich zu Boden und erloschen. Die kahle Birke aber bewegte sich langsam auf das Haus zu …
Olga kroch unter die Decke und wagte kaum zu atmen. „Was hat das alles zu bedeuten?“, dachte sie und „Andrej muss die Mädchen dorthin zurückbringen, wo sie ihm über den Weg gelaufen sind. Das ist Blendwerk, vielleicht sehr böses.“ Über solcherlei Grübeleien schlief sie ein. Am nächsten Morgen roch es in der Küche wiederum nach frischem Birkenholz und Berjosa wusch bereits eifrig Wäsche im Holzzuber.
Olga ging hinaus in den Garten. Dort goss Duschenka Blumen. Rosenduft hing in der Luft und nirgendwo lag eine einzige Blüte herum.

Zur Erleichterung der Kinderfrau kehrte der junge Kaufmann diesmal schnell zurück.
Als sich die Kutschentür öffnete, flatterte zuerst etwas Weißfedriges, Langhalsiges über den Tritt herunter und watschelte zischend und flügelschlagend umher. Andrej versuchte, das aufgeregte Wesen zu beruhigen und rief: „Lebjotka, meine Herrliche, hab’ Geduld, das Wasser ist nicht mehr weit.“
„Meine Güte!“, seufzte die Alte. „Er kann’s nicht lassen, etwas mitzubringen. Diesmal ist es wenigstens nur ein Tier.“
Aljoscha half, den Schwan auf den richtigen Weg zu leiten und bald zog dieser majestätisch seine Kreise auf dem Wasser.
Andrej erzählte Olga, Aljoscha habe Lebjotka vor einem schwarzen Hund gerettet. Dann erkundigte er sich nach den beiden Mädchen.
Die Alte beschwor ihn: „Bring’ sie rasch von hier weg. Eine wird in jeder dritten Nacht zur kahlen Birke, die andere löst sich in leuchtende Blüten auf. Beides zusammen ergibt ein Mädchen, das im See baden will, aber nie dazu kommt, weil es der Sturm zurücktreibt. Ich hab’s schon einige Male beobachtet. Aber es geschieht nur, wenn du nicht daheim bist.“
„Solange ich’s nicht selbst gesehen habe, glaube ich’s nicht“, erwiderte Andrej.

Am nächsten Morgen führte sein erster Weg zum See. Am Ufer fand er ein golden glänzendes Ei. Der Schwan schwamm heran, watschelte aus dem Wasser und schlug mit den Flügeln.
„Du schenkst mir also auch etwas“, sagte Andrej nachdenklich, nahm das Ei und legte es zu Löffelchen und Blume ins Kästchen. In der Nacht hatte er lange über Olgas Bericht gegrübelt und zuletzt einen Plan geschmiedet.
Am Abend befahl er Aljoscha, die Pferde anzuspannen, fuhr jedoch nur drei Werst weit und kehrte heimlich zu Fuß zurück. Er suchte sich einen Platz, von welchem er Haus, Garten und See gut beobachten konnte, und wartete.
Um Mitternacht glitt eine Gestalt vom Dach auf die Veranda hinunter und wurde zu einer Birke mit kahlem Geäst, die sich in den Garten hinein bewegte. Sturm kam auf und aus dem Hüttchen trat nun ebenfalls eine Gestalt, drehte sich schneller und schneller, bis sie sich in leuchtende Blüten auflöste. Dann geschah alles so, wie Olga es erzählt hatte. Diesmal jedoch legte das Mädchen am Ufer sein Hemd ab und watete in den See. Als ihm das Wasser bis zu den Hüften reichte, näherte sich der Schwan, legte seine Flügel um die nackte Gestalt und plötzlich war da nur noch das Mädchen. Andrej vernahm deutlich drei Worte: ’getrennt … vergessen … gebunden’.
Eine Wolke schob sich vor den Mond und nahm ihm die Sicht. Er spürte den erneut aufkommenden Sturm, doch als die Wolke endlich vorübergezogen war, lagen Haus und Garten in vollkommener Ruhe und auch der Schwan war verschwunden.
Andrej betrat das Haus erst im Morgengrauen, klopfte an Olgas Kammertür und berichtete, was er gesehen und gehört hatte.
„Mütterchen, kannst du mit den Worten ’getrennt, vergessen, gebunden’ etwas anfangen?“, fragte er hoffnungsvoll.
Olga schüttelte den Kopf und sagte schließlich zögernd: „Aber ich weiß eine, die sie deuten könnte.“
„Dann such’ sie auf“, drängte Andrej. „Ich werde die gute Frau reichlich belohnen.“
„Das wirst du auch müssen, Söhnchen, das wirst du müssen“, versicherte Olga.
Während Andrej sich für einige Stunden zur Ruhe legte, ging sie in die Küche, band Piroggen und eine Flasche Kwas in ein Tuch ein und machte sich auf den Weg.

In einer Felsenschlucht, verborgen hinter dichtem Gebüsch, stand auf zwei Hühnerbeinen das Häuschen der Baba Jaga. Die einen sagten von ihr, sie sei eine Menschenfresserin, andere hielten sie für eine Zauberin. Jeder umging die Schlucht in weitem Bogen.
Olga war weniger furchtsam. Sie kämpfte sich durchs Gehölz bis zur Hütte, erklomm die wackligen Stufen und klopfte an die schief hängende Tür.
„Herein, wenn’s nicht Koschej ist“, krächzte es von drinnen und die Tür sprang auf.
Beinahe wäre Olga die Stufen hinuntergefallen, denn der Anblick der Baba Jaga war schauerlich. Die gelben, tiefliegenden Augen der Uralten funkelten gefährlich. Auf ihren Haarzotteln thronte eine durchlöcherte Fellmütze, Jacke und Rock bestanden aus Mausefellen, deren Schwänze hin und her zuckten, als seien sie lebendig.
Grinsend musterte die Baba Jaga die Besucherin. „Weiß schon, warum du da bist“, knurrte sie, streckte eine dürre, schmutzige Hand aus und forderte: „Erst die Bezahlung!“
Olga reichte ihr das Bündel und durfte eintreten. Drinnen stand sie mit verschränkten Armen und sah zu, wie die Baba Jaga Piroggen verschlang und Kwas in sich hineinlaufen ließ.
Um sie herum knisterte, kroch und schwirrte es. Außerdem stank es fürchterlich.
Endlich war die Uralte satt und rülpste zufrieden.
„Ui, ui! Koschej hat also nicht bekommen, was er wollte“, sagte sie dann mehr zu sich selbst, als dass sie sich an ihre Besucherin wandte. „Ist gefährlich, ihn zu reizen, sehr gefährlich.“
Jetzt erst blickte sie die Kinderfrau an und krächzte: „Getrennt hat er, was einig war, vergessen lässt er, was zusammengehörte, gebunden hat er, was frei war.“
„Und … was ist das?“, frage Olga vorsichtig.
Die Baba Jaga kicherte schadenfroh. „Schick mir das hübsche Söhnchen zum Rückenkratzen. Ihm sag’ ich’s vielleicht, wenn’s mir einfällt.“
Nicht viel klüger als zuvor machte sich Olga auf den Rückweg.
Daheim wurde sie ungeduldig von Andrej erwartet. Sie berichtete das Wenige, das sie in Erfahrung gebracht hatte und sagte, es läge nun bei ihm, der Baba Jaga das Geheimnis zu entlocken.

Zwei Tage wanderte der junge Mann morgens mit Kwas und Piroggen in die Felsenschlucht, kratzte der Baba Jaga den Rücken und tat auch sonst, was sie verlangte. Am dritten Tag fragte er geradezu nach dem, was er wissen wollte.
„Kratz mir nur weiter kräftig den Buckel, Söhnchen. Dort drin ist die Geschichte. Könnte sein, sie kommt dann heraus“, krächzte die Baba Jaga und dachte: „Kann lange dauern, sehr lange.“
Doch Andrej hatte nicht vor, seine Zeit mit Kratzen zu verbringen. Am vierten Tag schleppte er statt einer Flasche ein ganzes Fässchen Kwas in die Schlucht. Die Baba Jaga tanzte vergnügt ums Hüttchen, setzte sich schließlich auf die unterste Stufe des Treppchens und beaufsichtigte, während sie trank, den jungen Mann beim Säubern der Hühnerbeine.
„Du hast wirklich Grund, deinen Kummer im Kwas zu ertränken“, stichelte Andrej und schrubbte die Krallen der rechten Klaue. „Keiner ist schlauer als der Zauberer Koschej.“
„Ein Dummkopf ist er“, knurrte die Baba Jaga. „Glaubt, dass niemand weiß, wie etwas vereint, erkannt und entbunden wird.“
„Du verstehst dich ja auch nicht drauf“, behauptete Andrej und putzte die Krallen der linken Klaue.
„Weiß es wohl!“, kreischte die Baba Jaga wütend. „Musst nur ein Holzlöffelchen, eine Vielfarbige und ein Gold-Ei haben!“
„Und – hast du?“, forschte Andrej scheinbar gleichgültig. Tatsächlich dachte er mit Herzklopfen an die Geschenke in seinem Kästchen.
Die Uralte antwortete nicht, grunzte nur verächtlich und leerte einen weiteren Becher Kwas.
Sie hatte keine Ahnung, wo sich diese Dinge befanden.
„Was soll’s“, bemerkte Andrej geringschätzig. „Mit Löffeln kann man nur essen, Blumen welken und Eier verderben. Ich glaube nicht, dass sie etwas bewirken können.“
„Dummkopf, Dummkopf, Dummkopf!“, keifte die Baba Jaga.
„Löffelglut lässt Hölzernes brennen.
Blütenpracht verhindert Trennen.
Goldner Klang durchbricht die Wand.
Entbinden vereint. Was war, wird erkannt.“
„Nie und nimmer ist solch ein Unsinn möglich“, lachte Andrej auf.
„Und doch! Und doch! Und doch!“, schrie die berauschte Baba Jaga, drehte sich wie ein Kreisel und wiederholte dazu den Lösungsspruch. Schließlich sank sie zu Boden und begann zu schnarchen. Andrej aber eilte stehenden Fußes nach Hause, erzählte Olga, wie er die Uralte überlistet hatte, und dachte dann in Ruhe über den schwierigen Lösungsspruch nach.

Als die richtige Zeit gekommen war, hieß er Aljoscha die Pferde anspannen, nahm das Kästchen und entfernte sich wiederum einige Werst weit. Wie beim ersten Mal kehrte er zu Fuß zurück und wartete im Verborgenen, neben sich ein Eisentöpfchen mit Glut, das Olga dort bereitgestellt hatte. Sobald Berjosa sich in eine Birke verwandelt und der Sturm Duschenka in leuchtende Blüten aufgelöst hatte, schlich Andrej mit der Glut in den Garten.
Nicht lange, so trat die Schöne aus dem Birkenstamm hervor und schritt zum See hinunter.
Andrej hockte sich vor die Birke, nahm mit dem Löffelchen Glut auf und schob es in den offenen Stamm hinein. Er legte auch die vielfarbige Blume daneben. Zu seiner Enttäuschung geschah nicht das Geringste. Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit. Er hastete zum See hinunter. Dort stand die Schöne bereits im Wasser. Der Schwan legte seine Flügel um sie und war plötzlich nicht mehr zu sehen. Wieder vernahm Andrej die Worte ’getrennt, gebunden, vergessen’. Da zertrat er das golden glänzende Ei und rief: „Entbinden vereint. Was war, wird erkannt.“
Hinter ihm krachte es ohrenbetäubend. Er fuhr herum, sah die Birke lichterloh brennen und in sich zusammenfallen. Neben ihm fragte eine sanfte Stimme: „Wer bist du?“
Es war das Mädchen aus dem See, doch statt des Hemdes trug es ein reich besticktes Gewand, seine Zöpfe waren zu einem Diadem aufgesteckt und kostbarer Schmuck lag um seinen Hals.
Andrej blickte der Schönen forschend ins Gesicht, das ihm fremd und vertraut zugleich erschien. „Bist du nun Berjosa oder Duschenka?“, fragte er und setzte hinzu, er sei Andrej und das müsse sie eigentlich wissen.
„Ich bin Nadeschda, die Tochter des Zaren. Dich habe ich noch niemals gesehen“, versicherte die Schöne. „Der Zauberer Koschej verlangte mich zur Frau, aber mein Vater widersetzte sich. Da lauerte der Schreckliche mir im Park auf und schlug mich mit einem Birkenzweig. Mehr weiß ich nicht. Sag’ mir, wie bin ich an diesen See gelangt?“
Nun erst ging Andrej der tiefere Sinn der Worte ’getrennt, gebunden, vergessen’ auf. Der bösartige Koschej hatte den Körper der Zarentochter zu einer Birke werden lassen, ihre Seele in wirbelnde Blüten aufgelöst und ihre Stimme eingeschlossen. Die auf diese Weise Auseinandergerissene hatte er an feste Plätze gebunden – als Berjosa an Holz, als Duschenka an Blühendes und die Stimme der Zarentochter an die flügelschlagende Lebjotka. Jeder Teil hatte den anderen vergessen. Selbst wenn sie in gewissen Nächten aufeinandertrafen, erkannten sie sich nicht. Das und noch mehr erklärte Andrej Nadeschda auf dem Weg ins Haus. Auch Olga war glücklich, dass die Sache für alle zu einem guten Ende gekommen war.

Aljoscha musste die Kutsche putzen und die Pferde striegeln. Tags darauf traten Andrej und Nadeschda die Reise zum fernen Zarenpalast an. Eine volle Woche waren sie unterwegs, doch den beiden wurde die Zeit nicht lang. Als sie das Schloss endlich erreicht hatten, verspürte die Zarentochter wenig Lust, sich von ihrem Retter zu trennen und Andrej hatte ja ohnehin schon seit langem vor zu heiraten. Warum also nicht eine Zarentochter?
So kam es schließlich, dass der Nachfolger des alten Zaren von Geburt ein Kaufmann und von Gemüt ein hilfsbereiter Mensch war. Solches aber ist nur hinter dreimal sieben Zarenreichen möglich.+

Quelle: Barbara Siwik