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Märchenbasar

Im Tempel der Drachenmutter

Unter allen Tempeln Chinas gibt es keinen erhabeneren als den Lung-muniang-niang-miao, im Heiligtum Tu-chi, hinter den hohen Waldbergen. Jahr für Jahr kommen Tausende Pilger hierher, um im Tempel der Drachenmutter das dort befindliche wundertätige Götterbild zu verehren. Nach altem Glauben ist der 6. Tag des 6. Monats besonders günstig für eine solche Pilgerfahrt. An diesem Tag ziehen lange Reihen von Betenden zum Tempel der Drachenmutter hinauf, sie rutschen demütig auf den Knien die Stufen empor, bis zu ihrem Altar. Dort bringen sie ihre Opferkerzen dar und die Wünsche ihres Herzens. Viele Bitten sind hier erhört worden und deshalb scheuen die Menschen keine Mühe hierher zu kommen. Große Opfer und lange Reisen nehmen sie freudig auf sich.
Besonders die Frauen kommen nach Tu-chi zur Drachenmutter, solche vor allem, denen es bis dahin nicht vergönnt war, einem männlichen Nachkommen das Leben zu schenken. Wie oft hat ihnen die Drachenmutter geholfen. Die folgende Geschichte ereignete sich vor über tausend Jahren, zu einer Zeit, als sie Drachenmutter noch lebte:
Damals regierte das Geschlecht der Tsin. In der Provinz Kuangsi herrschte ein Mandarin. der hieß Wen-Yuan- Shui. Seine Frau die aus der berühmten Familie Liang stammte, schenkte ihm drei Töchter. Besonders die zweite Tochter, sie hieß Tsin- Kong, war ungewöhnlich klug und schön. Sie war genau am 6. Tag des 6. Monats geboren. Schon als Kind zeigte sie besonders liebenswerte Eigenschaften. Als sie zehn Jahre alt geworden war, entdeckte man an ihr eine außerordentliche Begabung. Tsin-Kong war imstande, den Menschen ihre Zukunft vorherzusagen. Sie wusste auf geheimnisvolle Weise, welches Schicksal einem Menschen bestimmt war, Glück oder Unheil, Wohlergehen oder Krankheit. Als sich diese Gabe, in die Zukunft zu schauen, herum sprach, kamen die Leute von weit her, um ihre Weissagungen zu hören. Während die Menge sie umdrängte, stand Tsin- Kong unbeweglich da, sie hatte die Augen zum Himmel gerichtet und schien völlig entrückt. So empfing sie von den unsterblichen Göttern den Spruch. Die Menschen bewunderten sie und verehrten ihre Weisheit, ihre Schönheit und ihre Güte; denn sie war freundlich und voll Liebe zu jedermann und sie diente, auch ihren Eltern in Ehrerbietung. Sie arbeitete fleißig, stickte und webte die schönsten Muster und war immer fröhlich. Viele junge Männer hätten die schöne Tsin- Kong gerne zur Frau genommen. Unter ihren Bewerbern befand sich sogar ein Prinz. Aber sie alle begriffen, dass dieses Mädchen mit so wunderbaren Fähigkeiten nicht für die Ehe bestimmt war und daher nicht ihr eigen sein konnte. So blieb Tsin- Kong unverheiratet. Sie war jetzt fünfzehn geworden.
Eines Morgens als Tsin- Kong am Fluss ihre Kleider wusch, entdeckte sie neben sich fünf große Eier, die Eier strahlten, als wäre sie aus purem Gold. Sie trug den kostbaren Schatz heim und verwahrte sie in einem Schrank. Wenige Tage später wollte sie nachsehen, ob die goldenen Eier noch da wären und sah zu ihrer Überraschung, dass die Eier geplatzt und daraus fünf kleine Drachen gekrochen waren. Darüber freute sich Tsin- Kong, sie setzte die kleinen Tiere in einen Bottich voll Wasser und fütterte sie täglich. Doch sie wuchsen schnell heran und bald hatten sie im Bottich nicht mehr genug Platz. Obwohl sie die Tiere gerne behalten hätte, trug Tsin- Kong ihre Pflegekinder hinunter zum Fluss und setzte sie dort aus. Aber auch jetzt sorgte sie weiter für sie. Täglich ging sie ans Ufer, um zu sehen, ob die Drachen noch da wären, und sie brachte ihnen die schönsten Leckerbissen. Als sie etwa acht Monate alt waren, ging mit den jungen Tieren eine seltsame Veränderung vor.
Plötzlich wuchsen ihnen gewaltige Hörner und ihr Körper bedeckte sich mit einem Schuppenpanzer, der glänzte in fünf verschiedenen Farben und war schrecklich anzusehen. Doch Tsin- Kong fürchtete sich nicht, sondern geriet bei diesem Anblick außer sich vor Freude und Entzücken.
„Meine Kinder sind nun richtige Drachen geworden“, rief sie immer wieder aus, „sie werden große Taten vollbringen, von denen man noch lange reden wird.“ Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da erscholl ein fürchterlicher Donner, Blitze zuckten feurig über den Himmel, und ein gewaltiger Sturm brauste daher. Die ganze Natur geriet in Aufruhr. Tsin -Kong die Drachenmutter, wurde von einer mächtigen Hand gepackt und in den Himmel empor gehoben. Keiner hat sie je wieder gesehen.
Ihre fünf Drachenkinder aber wurden in Menschen verwandelt. Jeder von ihnen wurde ein berühmter Dichter. Von der Drachenmutter aber fehlte jede Spur. Nur ihre Kleider fand man eines Tages am Strand. Sie waren sorgfältig gebündelt und zusammen gefaltet, als hätte sie selbst sie abgelegt. Als das Volk begriff, was hier geschehen war, legte man ihre Kleider in einen Sarg und trug sie anstelle der Drachenmutter feierlich zu Grabe. Da eines Tages auch der Sarg mit den Kleidern verschwunden war, erbaute man über dem Grab einen prächtigen Tempel. Es ist derselbe Tempel, zu dem noch heute die Frauen von weit her kommen, um den Segen der Drachenmutter zu erflehen.

Quelle: Sage aus China