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Märchenbasar

Lucrezias Osterwunsch

„Kann ich dem Osterhasen auch einen Wunschzettel schreiben?“, fragte Lucrezia ihre Mama. Verlegen antwortete diese: „Hm, möglich, aber ich kenne seine Adresse nicht. Was wünschst du dir denn?“
Die Siebenjährige erwiderte altklug: „Das geht nur den Osterhasen und mich etwas an!“
„So, so, na dann schreibe es auf. Vielleicht weiß Papa, wo der Brief hin muss.“
Lucrezia nickte, lief in ihr Zimmer und machte sich daran, ein wunderschönes Bild zu malen und setzte in Krakelschrift ihren Wunsch darunter. Während des Abendessens bat das Mädchen den Vater, die Post an die Hasen-Anschrift weiterzuleiten. In Gedanken noch bei seiner Arbeit, versprach er es und schob den Umschlag in seine Jackentasche. Sichtlich erleichtert ging die Kleine zu Bett.

Wenige Tage vor dem Osterfest tollte Lucrezia im Garten umher. Sie freute sich über den sonnigen Frühlingstag und auf den Osterhasen. Der schwarzen Hauskatze Sternchen erzählte sie gerade von ihrem geheimen Wunsch, als der Vater heimkam und wie in jedem Jahr ein Osterlamm mitbrachte. Er trug es in den Schuppen, in welchem es nun blieb, bis es gegessen würde.
Lucrezias Augen füllten sich mit Tränen. In den Jahren zuvor hatte sie immer mit all den süßen, weichen Lämmchen gespielt und sie jedes Mal richtig liebgewonnen. Aber es wurde stets ein Braten daraus. Allerdings hatte sie niemals einen Bissen davon herunterbekommen und sich deshalb vertrauensvoll an den Osterhasen gewandt. Anscheinend hatte das nichts genützt und es war ihm egal, was mit dem Flausch-Knäuel geschah.
Enttäuscht rannte Lucrezia in ihr Zimmer, warf sich aufs Bett und überlegte, wie sie das Lämmchen vor der Schmorpfanne retten konnte. So sehr sie auch grübelte, es gab nur eine Lösung – das Lamm musste verschwinden. Die Gelegenheit dazu kam schon am übernächsten Tag.

Die Eltern hatten in der Stadt Besorgungen zu machen und Lucrezia durfte daheim bleiben. Kaum war die Luft rein, sauste die Kleine in den Schuppen, wuchtete das anhängliche Tier in ihren Puppenwagen, legte eine Decke darüber und schob ihn eilig die Straße hinunter. Sie wollte zu Willems Schäferei am Dorfende.
Der alte Schäfermeister staunte nicht schlecht, als das kleine Mädchen zu ihm in den Stall kam und erklärte: „Onkel Willem, sieh mal, was ich habe. Das Lämmchen ist dir bestimmt weggelaufen.“
Verwundert fragte der alte Mann: „Bist du nicht Lucrezia?“ Sie nickte zustimmend. Vermutlich ahnte er ihr Anliegen, denn er sagte: „Na, da danke ich dir recht schön, dass du mir den Ausreißer zurückgebracht hast.“
„Pass gut auf, sonst läuft das Lämmchen wieder fort“, bat das Kind den Schäfer und ging erleichtert heim.

Kaum waren Mutter und Vater aus der Stadt zurück, läutete das Telefon. Während des Gespräches griff der Vater plötzlich in seine Jackentasche und fühlte den Wunschbrief seiner Tochter. Als diese später schlief, lasen die Eltern, was sich ihre Kleine so sehr gewünscht hatte. Dann griff der Vater noch einmal zum Telefon und traf mit dem Schäfer Willem eine Vereinbarung.

Der Ostersonntag war sonnig und warm. Lucrezia zappelte ungeduldig am Frühstückstisch, sie wollte in den Garten und bunte Eier suchen. Endlich durfte sie hinaus. Mit einem Körbchen in der Hand stürmte sie über die Veranda, hüpfte den Gartenweg entlang und blieb erschrocken stehen. Auf der Wiese graste das in Sicherheit geglaubte Lämmchen. Aber weshalb trug es eine große, rote Schleife um den Hals? Ängstlich sah Lucrezia ihre Eltern an. Papa schmunzelte, Mama strich ihr über die Wange und sagte: „Das hat der Osterhase für dich gebracht.“
„Ja, aber…?“
„Und es bleibt bei dir, solange du nur willst.“
„Au fein“, jubelte Lucrezia.
Von da an kam nie wieder ein Osterlamm in die Schmorpfanne.

© Ulla Magonz